Lenas Geheimnis
Als ich aufwachte, kam mir nur noch ein Gedanke: Lena. Ich musste unbedingt alles wissen. Es waren Türme, nein Berge von Fragen in meinem Kopf. Und nur meine große Schwester konnte sie beantworten. Also würde sie auch einiges erklären müssen.
April war auch aufgewacht. „Guten Morgen! Oder soll ich eher guten Mittag wünschen?", fragte sie verschlafen. Sie wusste nicht, wie spät es war. Aber mit Mittag traf sie es fast. Es war halb 12! Wir mussten uns fertig machen. Ich hielt es keine Minute länger mit diesen Fragen aus!
Während April sich fertig machte, rief ich Luke und Lena an. Anscheinend hatte ich sie nicht geweckt. Gut, so viel Schlaf brauchte Lena nicht. Und wie es aussah, Luke auch nicht. „Na gut geschlafen?", begann ich, „Also, wann wollen wir uns treffen?" „Wie wäre es mit gegen 2 Uhr?", schlug Luke vor. „Falls ihr was zu essen braucht, ich kann was kochen oder warm machen und bringe es dann mit", sagte Lena.
„Was käme dir da in den Sinn?", fragte ich. Ich hatte schon so eine Vorahnung. „Also ich hatte an Nudeln gedacht", erwiderte Lena. „Klingt gut", antwortete Luke darauf. „Auf keinen Fall!", rief ich, „Ich kann in nächster Zeit nicht mehr an Nudeln heran! Seitdem du an die Nudeln Zucker heran gemacht hast, sehe ich sie aus einem ganz anderem Blick." „Du hast ja recht. Aber hast du andere Vorschläge?", fragte meine Schwester betrübt. „Wie wäre es mit einfach ein paar Sandwiches und wir ziehen das Treffen um eine Stunde vor", meinte Luke. Das war ein toller Vorschlag. Wir einigten uns darauf und als April aus dem Bad kam berichtete ich ihr alles. „Okay. Das passt", sagte sie.
Ich konnte es kaum aushalten. Schließlich kreisten die Fragen um Lena nun noch stärker in meinem Kopf. Doch musste ich noch bis 1 Uhr warten. Und es war erst 12 Uhr.
„Mensch Bella! Du musst nur noch eine Stunde aushalten. Und außerdem laufen wir ja schon in einer halben Stunde los. Also. Das wirst du auch noch aushalten. Du bist schlimmer als ich, als ich 6 war und mich auf meinen Geburtstag gefreut habe. Und damals war ich wirklich aufgeregt", erklärte sie mir. „Du verstehst das nicht. Ich bin geschockt und verwirrt. Die Nacht war einfach extrem anstrengend. Und ich werde aus Lena einfach nicht schlau", erwiderte ich. „Ja okay. Aber wie gesagt, du musst nicht mehr lange rätseln", kam es von April zurück.
Die Uhr tickte. Meiner Meinung nach tickte sie aber viel zu langsam. Mehr als warten konnte ich jedoch nicht. Viertel eins. Nur noch eine Viertelstunde, dann würden wir loslaufen. Und dann würde Lena sich behaupten müssen.
„Bella! Kommst du? Wir müssen los!", rief April von einem anderen Raum im Haus. „Was? Ist es schon halb?", rief ich fragend zurück. „Ja. Ich dachte du hattest die Uhr die ganze Zeit im Blick. Oder was hast du sonst die letzte Viertelstunde gemacht?", entgegnete sie mir.
„Ehm. Ich habe eigentlich nichts wirklich gemacht. Aber das ist jetzt nicht wichtig. Wir müssen los!", beschloss ich. „Ich bin fertig", kam es frech von ihr. Naja, dagegen konnte ich nichts sagen. Schließlich hatte sie recht.
Wir machten uns fertig und verließen das Haus. Es dauerte nicht lange, da erreichten wir den Treffpunkt. Wir waren äußerst pünktlich. Luke war schon eingetroffen. Nur eine fehlte noch. Lena.
Viellicht hatte sie kalte Füße bekommen? Oder hatte sie sich doch noch entschlossen, zu kochen. Bitte nicht. Denn nach dem letzten Ereignis vertraute ich ihren Kochkünsten nicht mehr.
Langsam wurde ich ungeduldig. Es waren schon 7 Minuten später. Die Hoffnung, dass sie noch kommen würde, verließ mich.
Doch wir mussten nicht mehr lange warten. Wir sahen sie Sekunden später in unser Blickfeld joggen. Wahrscheinlich hatte sie sich mal wieder in der Zeit verplant. Es war nicht wichtig, warum sie verspätet eintraf. Das Einzige, was zählte war, dass sie sie eintraf.
„Lena! Da bist du ja endlich! Warum kommst du erst jetzt?", rief Luke ihr entgegen. „Ich überlegte, ob ich nicht doch Nudeln kochen sollte. Schließlich sind Sandwiches kein richtiges Mittagessen", erwiderte sie. „Da magst du recht haben. Aber Schwesterherz, bei Sandwiches kannst du nichts falsch machen. Das ist schon bei Nudeln schwer. In nächster Zeit koch ich!", mischte ich mich in die Konversation ein.
Als Lena nun endlich neben uns stand, starrte ich erwartungsvoll entgegen. „Ganz kurz noch Bella. Ich verteile noch schnell die Sandwiches, lege die Decke aus und dann werde ich alles erklären. Versprochen", meinte meine große Schwester.
Wie versprochen verteilte sie das Essen und breitete die Decke auf dem Gras aus. Sandwiches konnte sie. Wenn sie das vermasselt hätte, hätte sie Respekt verdient. Das muss man erst mal hinkriegen. Natürlich lässt sich drüber streiten, ob das etwas ist, auf das man stolz sein konnte.
„Die Sandwiches schmecken echt gut", lobte April Lena. „Ja Lena, das hast du gut hingekriegt", sagte auch ich. „Danke. Und Bella, die Nudeln waren nur ein Versehen. Das wird nie wieder vorkommen", versuchte sie mir zu erklären. „Ein nicht wirklich gut schmeckendes Versehen", korrigierte ich sie grinsend. Dafür bekam ich ein beleidigtes Grinsen zurück.
„Aber jetzt Spaß bei Seite", sagte ich ernst, „Du wolltest uns doch noch was erzählen, oder?" „Ja richtig. Bevor ich es euch erzähle, müsst ihr mir etwas versprechen. Bitte hört mir zu, unterbrecht mich nicht und am wichtigsten, regt euch bitte nicht auf!", wendete sie sich uns zu. Wir nickten. Es wurde stiller. Wir warteten gespannt auf Lenas Erzählung. Dann fing sie an.
„Ich denke, ich sollte von vorne beginnen. Als ich vier Jahre alt war, verletzte ich mich schwer in einem Wald. Die Wunden waren dramatisch und ich war klein und konnte keinen anrufen. Ich war allein. Der Schmerz war unerträglich. Ich schrie und schrie, doch niemand hörte mich. Für mich gab es keine Chance mehr. Damals war ich noch klein und der Schmerz verblendete meine Gedanken, aber mittlerweile weiß ich, dass ich damals an einer Verblutung gestorben war", erklärte sie.
„Warte, du bist gestorben? Zumindest habe ich das so verstanden. Aber das wäre doch gar nicht möglich, schließlich lebst du noch. Du wirkst zumindest lebendig", meinte ich verwundert. „Bella, du solltest mich doch nicht unterbrechen! Aber ja, ich bin damals gestorben. Das hast du schon richtig verstanden", fuhr sie fort. Ich warf ihr einen Verwirrten Blick zu. Diesen ignorierte sie jedoch gekonnt.
„Ich bin an diesem Tag gestorben. Es war das schlimmste Gefühl, das ich jemals erlitten hatte. Ich hatte geweint. Aber niemand kam. Irgendwann verließ meine Seel meinen Körper. Doch wurde sie aufgehalten. Ich hörte eine eigenartige Stimme. Es war keine Sprache, aber ich verstand jedes Wort. Die Stimme sagte, sie würde mir mein Leben zurückgeben. Jedoch musste ich ihr einen Gefallen tun. Ich war sehr jung und wollte nur leben. Also willigte ich ein. Sie fuhr fort und erklärte, ich müsse ihr die Hälfte meiner Seele geben und die würde mir mein Leben geben. Es klang nach einem guten Deal. Ich sagte ihr zu. Dann spürte ich wie mein Geist wieder in meinen Körper glitt", erzählte Lena.
„Ist das wahr?", fragte April. „Jede noch so kleine Einzelheit aus der Geschichte ist wahr", antwortete ihr Lena, „Aber das ist noch nicht das Ende." Gespannt lauschten wir ihr.
„Ich hielt es zuerst für einen Traum. Meine Wunden waren geschlossen. Doch ich konnte es nicht glauben. Dann erstarrte ich. Ich blickte nach oben. Vor mir stand ein Wesen", sagte sie.
Der Schatten, dachte ich.
„Es war ein Geist. Ihr kennt ihn. Es war der Schatten. Wie gebannt sah ich ihm in die Augen. Nun konnte ich die Stimme wieder hören. Sie ging von dem Geschöpf vor mir aus. Es bedankte sich. Doch bevor es verschwand, flüsterte es mir etwas zu. Es sagte, falls ich jemals jemandem von ihm oder dieser Begegnung erzählen würde, würde es meiner Schwester etwas antun. Ich sollte für es andere Leute zu ihm locken. Warum verstand ich damals nicht. Verstehst du jetzt auch, warum ich es dir nicht erzählen konnte?"
„Ja Lena. Du hattest Angst, richtig? Trotzdem kann ich dir das alles schwer glauben", reagierte ich auf sie. „Du hast den Schatten selbst gesehen. Langsam solltest du alles glauben können", erwiderte meine Schwester.
„Jedenfalls begegnete ich diesem Wesen öfter und öfter. Je älter ich wurde, umso mehr verstand ich. Immer wenn es Meschen in die Finger bekam, sah ich Visionen. Es war ein Teil der Verbundenheit unserer Seelen. Schließlich besaßen wir beide einen Teil meiner Seele. Es schränkte mich nicht wirklich ein. Ich sah nur die letzten Blicke der Opfer und bekam Kopfschmerzen, sobald ich mit meiner Lieferung auf mich warten ließ. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie schrecklich das war."
Lena stiegen Tränen in die Augen.
Falls das, was sie erzählte, wirklich stimmte, dann hatte sie wirklich schreckliches erlebt. Auch wenn es mir schwerfiel, ihr zu glauben, hatte ich das Gefühl, dass das keine Lüge war.
Meine Schwester fuhr fort: „So erging es mir die letzten Jahre und der Hunger des Schattens stieg. Ich konnte es nur keinem erzählen, schließlich warst du das Druckmittel, Bella." Sie schaute mich an. Sie war traumatisiert. Trotz der Schmerzen hatte sie mich beschützt. Sie hatte so viele Leute für mich sterben sehen. Dies war keine schöne Geschichte. Und auch wenn ich ihr dankbar war, war sie am Tod vieler Leute beteiligt.
„Aber ich bin noch nicht fertig", setzte sie erneut ein, „Die Website, die du gelesen hast, hatte ich erstellt. Es gab niemals einen Schatz. Ich musste nur irgendwie Leute anlocken. Natürlich hätte ich wissen müssen, dass ausgerechnet du anbeißt. Ich wollte mit dir dort hin, weil ich mir sicher war, dass ich dich beschützten konnte. Ich konnte aber wirklich nur dich beschützten. Dies galt nicht für deine Freunde. Ich bin immer noch untröstlich April. Es tut mir leid, dass ich dich nicht beschützen konnte." Ihr Blick glitt zu April.
April senkte den Blick. Es musste sehr schmerzhaft für sie gewesen sein. Ich hatte es selbst spüren müssen. Ein Schauer überlief mich bei diesem Gedanken. Doch April war schon vorher völlig fertig gewesen. Ich konnte sie verstehen. Dieses Gefühl wollte sie sicherlich nicht mehr spüren müssen.
„Alles gut Lena. Du konntest nichts dafür. Du hast dein Bestes gegeben. Und es ist ja gerade nochmal gut gegangen", sagte April. Der Schreck war ihr anzuhören. Doch April besaß ein zu großes Herz, als dass sie irgendjemandem nachtragend war. Lena nickte ihr dankend zu und fuhr fort.
„Es waren schlimme Jahre. Doch jetzt weiß ich, dass ich mich nicht mehr alleine durch so etwas kämpfen muss. Der Schrecken hat endlich ein Ende. Ich hoffe nur diese Menschen, denen ich den Tod geschenkt habe, werden mir irgendwann verzeihen können", beendete sie ihr Erzählung.
„Ich habe keine Zweifel. Du hast viel verkraften müssen. Ich kann dich nicht in Schutz nehmen, aber ich weiß, dass du es schwer hattest. Die Leute, diese Erzählung hören, werden dich verstehen", versuchte ich sie zu trösten. Ich war mir nun sicher. Lena hatte diese Geschichte mit so viel Schmerz erzählt. Sie war keine ausgedachte Gruselgeschichte. Dies war leider die bittere Wahrheit.
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