das kann so nicht weitergehen, louis

Ich weiß nicht mal wie es dazu gekommen ist, aber irgendwie geht es in der Umkleide mal wieder um Homosexualität. Ich habe keine Kraft mehr mich damit zu befassen, ich ziehe mich einfach stumm um und versuche nicht zuzuhören.

Das hier zeigt nur wieder, dass Harrys Entscheidung das einzig Richtige war.

Von meiner Mannschaft so behandelt zu werden...ich weiß nicht, ob ich das überstehen könnte.

Liam seufzt. „Nochmal, ich bin nicht schwul. Aber ihr seid wirklich das Allerletzte wenn um dieses Thema geht."

Die Anderen schweigen und ich atme fast auf, weil das klang, als wäre das das Schlusswort gewesen, da scheint Liam es sich anders zu überlegen und spricht weiter.

„Wenn ich es wäre...hättet ihr dann alle Angst? Dass ich auf euch stehe? Auf euch alle gleichzeitig? Dass ich mich nicht beherrschen kann und euch in der Dusche vergewaltige? Was ist das für ein Bullshit? Was für ein arroganter Wichser muss man eigentlich sein, um zu denken, dass jeder schwule Mann mit einem schlafen will? Du stehst ja auch nicht auf jede Frau, die du siehst!", sagt er und Gabe grinst.

„Auf die Attraktiven schon", lacht er und Jamie und er klatschen sich ab.

Liam lacht trocken. „Ja. Sorry, ich hab vergessen was für ein riesiges Arschloch du bist."

Léon zieht die Augenbrauen hoch. „Na ja, aber das bestätigt es doch. Mir wäre nicht so wohl, wenn jemand von euch darüber fantasieren würde mit mir zu schlafen."

Niemand, absolut niemand, der ihn persönlich kennt, fantasiert darüber mit Léon zu schlafen, da bin ich mir ziemlich sicher. Auch keine Frau.

„Wie jetzt, das bestätigt es doch? Willst du damit sagen, dass Schwule wirklich auf die Mannschaft stehen würden, weil hier in der Mannschaft alle attraktiv sind? Ich dachte immer, du als Mann könntest das eh nicht einschätzen, weil du ja nicht schwul bist. Oder ist das plötzlich anders?"

Liam ist on fire. Darauf hat niemand einen richtigen Konter, er hat sie mit ihren eigenen Vorurteilen geschlagen. Also schnaubt Gabe einfach nur. „Hier ist eh keiner schwul, Schwuchteln können kein Fußball spielen."

Ich wende mich ab und mache meinen linken Schuh auch zu, damit niemand mich so genau sehen kann. Ich habe meine Gesichtsausdrücke nämlich nicht mehr unter Kontrolle. Dieses Wort triggert mich so sehr, er hat ja keine Ahnung. Und er wirft einfach damit herum als wäre es etwas völlig Banales.

Ich ziehe meine Trainingsjacke noch über und sehe Liam nach, der mit einem letzten gemurmelten „Ihr seid doch alle Idioten" die Umkleide verlässt.

„Mann, was für eine Diskussion." Danny schüttelt den Kopf ein leises Gemurmel brandet auf.

Ich schultere meine Tasche, hebe kurz die Hand und mache mich ebenfalls aus dem Staub. Länger kann ich mir das nicht geben und ich will eh Liam noch einholen.

Ich erblicke ihn auf dem Parkplatz. Seine Freundin hat ihn wie es aussieht abgeholt, sie stehen vor ihrem Auto und sie hat ihre Arme um seine Taille gelegt und scheint leise auf ihn einzureden, während er ihr sanft eine Haarsträhne aus der Stirn streicht. Man kann wirklich von hier aus sehen, wie sehr er sie liebt.

Ich seufze, verdränge den schmerzenden Gedanken an Harry und gehe auf die beiden zu.

„Hey, Liam?", frage ich und er wirft mir einen genervten Blick zu, sieht aber schon etwas ruhiger aus. Maya hat diese Wirkung auf ihn.

„Ich bin schonmal im Auto", sagt sie, drückt ihm noch einen Kuss auf die Wange, wirft mir ein kurzes Lächeln zu und steigt dann ein.

„Willst du mir jetzt auch noch sagen, wie unangebracht das gerade war und dass du Angst hast, dass ich schwul bin?", fragt er und ich schüttele sofort den Kopf.

„Nein, ich..." Ich schlucke. „Eher im Gegenteil, ich fand das total cool von dir", sage ich und verknote meine Hände. „Also dich gegen das ganze Team zu stellen für Sachen, an die du glaubst, das...das ist extrem mutig. Ich würde mich das niemals trauen...also..." Ich kratze an meinem linken Daumennagel und spüre wie die Haut aufreißt. „Also ich meine, stell dir mal vor jemand aus unserem Team würde wirklich auf Männer stehen, dann...ich glaube nicht, dass diese Person sich trauen würde so etwas abzuziehen. Also...ähm...danke", sage ich und Liams Gesichtsausdruck verändert sich komplett. Er sieht mich forschend an und eine Falte entsteht zwischen seinen Augenbrauen.

„Louis", beginnt er leise. „Meinst du das so, wie ich-"

„Ich muss jetzt wirklich los", unterbreche ich ihn und schiebe mich an ihm vorbei. Ich renne fast schon zu meinem Auto, öffne die Tür, werfe meine Sporttasche auf den Beifahrersitz und setze aus der Parklücke zurück. Als ich vom Parkplatz fahre und mich mit einer Hand anschnalle, sehe ich durch den Rückspiegel, wie Liam immer noch da steht und mir nachsieht.

Ja, das war nicht überzeugend und ja, vermutlich weiß er jetzt Bescheid, er ist ja nicht dumm (so wie der Rest des Teams).

Aber es ist irgendwie seltsam okay. Ich vertraue Liam.

Vor allem nach seiner Ansprache eben.

Und dieses winzige Gefühl von Freiheit, das mich erfasst, weil zumindest eine Person mehr vielleicht weiß wer ich bin, dieses Gefühl macht mir mehr Angst als irgendetwas anderes jemals zuvor.

_____

Es ist zwei Uhr nachts, als mich die Realisation wirklich trifft. Ich weiß nicht mal warum ich noch wach bin, vielleicht weil ich morgen kein Training habe und es genießen will mal spät ins Bett zu gehen, aber vielleicht hab ich auch nur deshalb so lange vorm Fernseher gehangen, damit ich nicht alleine mit meinen Gedanken bin.

Als ich aber in der Dunkelheit in meinem Bett liege und es viel zu still ist, kann ich meine Gedanken nicht mehr verdrängen.

Es wird immer so sein.

In meiner Lebenszeit wird sich die ganze Fußballbranche nicht von jetzt auf gleich verändern. Ich werde mich mein Leben lang verstecken müssen.

Solange ich Fußball spiele, kann ich niemals ich selbst sein. Ich kann niemals mit einem Mann Händchen haltend durch die Straßen laufen, ich kann niemals öffentlich jemanden küssen.

Wenn ich auf dem Feld ernst genommen werden will, muss ich mich außerhalb des Feldes immer verstellen.

Und auf einmal fühle ich mich schrecklich allein.

So sehr, dass ich es nicht aushalte. Normalerweise würde ich mich einfach zwingen nicht mehr darüber nachzudenken, mir Musik anmachen oder noch einen Film ansehen und dann dabei einschlafen.

Aber heute ist es irgendwie anders.

Realer.

Also stolpere ich aus meinem Bett, greife nach meinem Handy und zögere nicht mal besonders lange. Ich weiß, ich habe es mit Harry verbockt und ich weiß, dass ich es nicht mal geschafft habe, mich angemessen zu entschuldigen, weil ich zu feige war, aber ich weiß nicht, an wen ich mich sonst wenden kann.

Und ich vermisse ihn.

Verdammt, ich vermisse ihn so sehr.

Also rufe ich ihn an und als er vollkommen verschlafen abhebt, schluchze ich nur irgendwelche Sätze ins Telefon, die anscheinend wirklich verzweifelt klingen, sodass Harry mir versichert so schnell wie möglich da zu sein.

Ich warte auf dem Sofa, komplett aufgelöst und nur in Boxershorts, aber ich verschwende nicht mal einen Gedanken daran wie kalt mir ist. Ich kann nur daran denken, dass ich für immer in diesem Gefängnis bin und nicht weiß, wie ich freikommen soll. So viele Menschen in meiner direkten Nähe haben eine Abneigung gegen „Leute wie mich". So viele würden mich hassen, wenn sie wissen würden wer ich wirklich bin, mein ganzes Leben ist eine Lüge und ich weiß nicht was ich tun soll.

Als es klingelt, gehe ich zur Haustür und ich weiß nicht warum, aber ich wische meine Tränen weg. Ich drücke auf den Summer und höre wie Harry die Stufen hochrennt.

„Okay, ich weiß nicht so richtig was los ist, aber ich bin hier", sagt er, als er ankommt und ich stehe einfach nur da, in meinem Flur, starre diesen wunderschönen Mann an und versuche mich irgendwie unter Kontrolle zu halten.

Aber dann tritt Harry ein und schließt die Tür. Er kommt zu mir, nimmt mein Gesicht in seine Hände und sieht mich an. Und ich kann mich vor ihm nicht verschließen.

„Es ist okay!", flüstert er. „Es ist okay, komm her." Und dann zieht er mich an sich und ich breche in seinen Armen zusammen. Er sinkt mit mir auf den Boden, presst mich eng an seine Brust und streicht beruhigend über meinen Rücken. Seine andere Hand liegt an meinem Hinterkopf und ich spüre wie er mir sanft einen Kuss auf die Stirn gibt. Ich weine einfach in sein Hemd und schluchze unkontrolliert.

Aber Harry gibt mir genau den Halt, den ich so dringend brauche.

„Das kann so nicht weitergehen, Louis", flüstert er. „Ich weiß, Fußball war immer das was dich glücklich gemacht hat, aber ich sehe, wie der Sport dich nach und nach zerbricht." Er legt sein Kinn auf meinen Kopf. „Und das ist nicht okay."

Ich sage nichts dazu.

Und diese Stille ist vielleicht das Lauteste, was ich je von mir gegeben habe.

_____

Als ich aufwache liege ich in Harrys Armen. Wir sind auf meiner Couch, er hat mich fest umschlungen und mein Herz fängt augenblicklich an wehzutun, denn alles was ich will ist das hier für den Rest meines Lebens.

Aber es geht nicht. Ich kann nicht mit ihm zusammen sein. Ich würde ihn nur verletzen. Und damit mich selber auch.

„Harry?", flüstere ich also leise und streiche sanft durch sein Gesicht und nach ein paar Sekunden bewegt er sich und seufzt.

„Morgen", flüstert er und öffnet seine Augen. Er sieht besorgt aus und ich schlucke. Aber gleichzeitig ist er so heiß und wunderschön und es erfüllt mich so vielen Gefühlen, dass ich ihm nicht egal bin, dass ich nicht anders kann als ihn zu küssen.

Harry erwidert den Kuss und fährt mit seiner Hand in meine Haare, da löse ich mich wieder von ihm. Das hätte ich nicht tun sollen.

„Es tut mir Leid. Du musst gehen."

Harry sieht mich drei Sekunden lang nur an. „Ist das dein Ernst?", fragt er und ich schlucke.

Nein, ich will, dass du bleibst.

„Ja." Ich rolle mich von ihm runter und sehe ihn nicht an. „Es tut mir Leid, aber wir würden uns nur verletzen."

„Das hier verletzt mich auch", sagt Harry und ich dränge mich in die Kissen des Sofas. Ich will einfach nur verschwinden. Ich will das nicht. Ich will Harry nicht sagen müssen, dass er gehen soll.

„Es tut mir Leid. Bitte geh." Ich presse die Augen zusammen. Harry steht vom Sofa auf uns sieht mich an. Ich hebe den Kopf und er starrt mich unergründlich an.

„Das geht so nicht, Louis!" Ich kann seine Wut und Verzweiflung spüren. Und ich fühle mich ja ähnlich. Zumindest was den Verzweiflungspart angeht.

„Du kannst dich nicht einerseits mitten in der Nacht darauf verlassen, dass ich vorbeikomme und die Scherben, die von dir übrig sind, wieder zusammenflicke, und mich andererseits so behandeln und von dir stoßen, Louis. Das funktioniert nicht!" Er rauft sich frustriert die Haare und schließt kurz die Augen. „Ich weiß, dass du dich in deiner Position nicht einfach so outen kannst, wirklich, ich verstehe das. Aber ich weiß auch, dass du dich immer für Fußball entscheiden wirst. Und ich bin auch nur ein Mensch, ich kann das nicht mehr mitmachen. Du bist mir wirklich wichtig, Louis, aber was immer das mit uns war ist vorbei. Endgültig. Ich muss auch mal an mich selber denken." Während seiner Rede hat er sich beruhigt, der letzte Satz kam fast geflüstert aus seinem Mund. Ich spüre wie er mir einen Kuss auf die Stirn drückt.

Und dann ist er weg.

Ich habe nicht mal mitbekommen, wie er gegangen ist, es ist als ob er sich einfach aufgelöst hat. Ich starre nur ins Nichts und versuche zu verstehen was gerade passiert ist. So viel hat sich in den letzten Wochen verändert und ich komme nicht mehr hinterher.

Ich bin wie betäubt. Auch den ganzen nächsten Tag bleibe ich einfach nur auf meiner Couch und nehme kaum etwas war. Ich kann mich nicht mal daran erinnern, ob ich auf Toilette war oder etwas gegessen habe.

Ich sitze einfach nur da und denke nach und weiß nicht mal so richtig worüber. Vielleicht darüber wann Fußball aufgehört hat, mich glücklich zu machen? Warum ich mich gerade so leer fühle? Warum ich das Gefühl habe gestern etwas verloren zu haben, was mir alles bedeutet?

Ich sitze einfach nur da, starre an die Wand und versuche Antworten auf diese Fragen zu finden.

Und auf einmal trifft es mich.

Es hat sich verändert. Ich habe mich verändert.

Harry ist wichtiger. Harry ist mir viel wichtiger. Harry ist das Wichtigste.

Ich liebe ihn, verdammt noch mal. Und zwar so sehr, dass ich lieber alles aufgebe, als nicht mit ihm zusammen zu sein.

Ich weiß noch ganz genau, wie oft ich ihm gesagt habe, dass ich mich immer für Fußball entscheiden würde, dass er sich damit abfinden muss, aber ich hatte ja keine Ahnung, dass das eine Lüge war.

Denn ich weiß nicht wann es passiert ist, ich habe nicht die leiseste Ahnung, wann sich alles verändert hat, aber ich entscheide mich nicht mehr für Fußball.

Ich entscheide mich für Harry.

Ich will nicht, dass er geht und ich wieder alleine mit diesen Schmerzen bin.

Ich will, dass er bleibt und die Schmerzen weggehen.

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