Das Erste Jahr: Kapitel 1

Als ich fünf Jahre alt war, erzählten mir meine Eltern zum ersten Mal von Hogwarts. Ich konnte gar nicht genug von ihren Geschichten über diesen magischen Ort bekommen, an dem sie ihre Jugend verbracht hatten. Und seitdem hatte ich darauf gewartet, endlich nach Hogwarts gehen zu dürfen. Und nun war es endlich so weit! Nur noch ein paar Minuten, und ich würde erfahren, in welches Haus ich eingeteilt werden würde. Natürlich hatte ich in der Gruppe der Erstklässler, zu der ich auch gehörte, schon meinen Bruder entdeckt. Er schien mich jedoch nicht mal wahrzunehmen. Natürlich nicht, er wusste ja vermutlich nicht mal, wer ich war. Ich hätte ihm gerne geschrieben in all den Jahren, aber meine Eltern hatten es mir auf Wunsch von Dumbledore verboten. Doch jetzt hatte ich endlich die Chance, meinen Zwillingsbruder kennenzulernen!

Ach ja, ich glaube, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Grace Lily Potter, und ja, der berühmte Harry Potter ist mein Bruder. Als ich etwa ein Jahr alt war hat Voldemort, auch bekannt als Du-weißt-schon-wer oder Der-dessen-Name-nicht genannt-werden-darf, meine Eltern James und Lily Potter ermordet. Dann hat er versucht, meinen Bruder zu töten und danach ist er verschwunden. Niemand weiß genau warum. Harry wurde daraufhin zu unserer Tante Petunia und ihrem Mann Vernon Dursley gebracht, ich hingegen wurde von Ted und Andromeda Tonks adoptiert. Ich weiß, ich bin nicht blutsverwandt mit ihnen, aber sie sind meine Eltern. So, erstmal genug zu mir, weiter geht es mit meiner Geschichte.

"Potter, Grace Lily!", rief Professor McGonagall. Ich hörte Getuschel um mich herum und sah, wie Harry sich ruckartig zu mir umdrehte. Ich jedoch atmete noch einmal tief durch, lief dann nach vorne zu dem Hocker und setzte mich darauf. Im nächsten Moment rutschte mir der alte Hut über die Augen und ich hörte eine Stimme in meinem Kopf. "Ms Potter... hm, interessant, interessant. Da ist eine Menge Loyalität und Herzlichkeit in dir, und eine ebenso große Menge an Mut und Selbstbewusstsein... fragt sich nur, welche Seite überwiegen wird... Ich würde sagen, es ist GRYFFINDOR!" Ich hörte, wie der Hut das letzte Wort in die Halle rief und im nächsten Moment wurde mir der Hut vom Kopf gezogen. Ich sah die Schüler am Tisch auf der linken Seite der Halle klatschen. Ich merkte, wie ich anfing zu lächeln und ich setzte mich an den Gryffindor-Tisch neben ein Mädchen mit langen dunklen Haaren, die kurz vor mir eingeteilt worden war. Direkt nach mir war mein Bruder an der Reihe. Bei ihm schien der Hut eine Weile zu überlegen, aber dann wurde er auch nach Gryffindor eingeteilt. Er setzte sich mir direkt gegenüber an den Tisch. Kurz nachdem alle Erstklässler eingeteilt worden waren und das Essen auf den Tischen erschienen war sprach er mich an. "Ähm... du heißt also auch Potter?" Ich sah ihn an. "Ja. Ich bin Grace. Und du bist mein Bruder. Mein Zwillingsbruder, um genau zu sein." "Was?!" "Okay, also ich weiß auch nicht so viel darüber, aber nachdem unsere Eltern umgebracht wurden, wurden wir beide getrennt, vermutlich, um uns zu schützen. Ich wurde zur Familie Tonks gebracht. Ich hätte dir gerne geschrieben, aber Dumbledore wollte das scheinbar nicht", erwiderte ich. Harry sah mich mit großen Augen an. Verständlich, es war vermutlich ein ganz schöner Schock, herauszufinden, dass er eine Zwillingsschwester hatte. "Harry? Alles in Ordnung?", fragte ihn der Junge mit den roten Haaren neben ihm. Harry nickte. "Ich hab nur ganz schön viel zu verarbeiten denke ich. Grace, können wir uns morgen weiter unterhalten?" "Natürlich", antwortete ich.

"Ich bin übrigens Parvati", stellte sich das Mädchen mit den langen dunklen Haaren neben mir vor. "Und das neben mir ist Lavender." "Ich bin Grace", erwiderte ich. "Bist du wirklich die Schwester von Harry Potter?", wollte Lavender wissen. "Ja, aber ich weiß auch nicht mehr über ihn als ihr. Wir haben uns heute zum ersten Mal seit fast zehn Jahren getroffen." "Oh." "Tut mir Leid, wenn ihr mehr über ihn erfahren wollte, dann müsst ihr ihn selbst fragen." Damit wandte ich mich wieder meinem Nachtisch zu. Ich sah noch, wie Lavender Parvati etwas ins Ohr flüsterte, während ihre Blicke zwischen Harry und mir hin und her huschten.

"Erstklässler, folgt mir bitte", hörte ich jemanden sagen. Die Stimme kam von einem älteren Gryffindor, der ein rot-goldenes Abzeichen an seinem Umhang befestigt hatte. Darauf stand "Vertrauensschüler". Ich stand auf und folgte ihm. Parvati, Lavender und Harry schlossen sich mir an, zusammen mit zwei weiteren Mädchen und vier weiteren Jungen. Der Vertrauensschüler führte uns über unzählige Treppen nach oben, bis wir vor dem großen Portrait einer Frau in einem rosa Seidenkleid standen. Nachdem der Vertrauensschüler, Percy Weasley, wie ich mitbekommen hatte, ihr das Passwort "Caput Draconis" nannte, schwang das Bild zur Seite und wir kletterten einer nach dem anderen durch das Portraitloch hinein in den Gemeinschaftsraum. Er sah groß und gemütlich aus, und ich nahm mir vor, ihn morgen ganz genau zu erkunden, doch in diesem Moment war ich einfach zu müde und wollte ins Bett. Percy erklärte uns, wo unsere Schlafsäle waren und Parvati, Lavender, die beiden anderen Mädchen, die Hermine und Cassiopeia hießen, und ich gingen gemeinsam in unseren. Es standen fünf Himmelbetten darin und in der Mitte des Raumes befand sich ein Ofen. Unsere Koffer standen daneben. Ich ließ mich auf das erstbeste Bett neben der Tür fallen und verkündete: "Ich schlafe hier, wenn es keinem was ausmacht." Die anderen vier schüttelten nur die Köpfe, während ich durch eine Tür ging, hinter der ich ein Badezimmer vermutete. Dort zog ich meinen Schlafanzug an und legte mich dann ins Bett. Ich hörte Parvati und Lavender noch miteinander tuscheln, ich jedoch war bald darauf eingeschlafen.

Am nächsten Morgen wachte ich auf, während die anderen Mädchen noch schliefen. Ein Blick auf den Wecker sagte mir, dass es noch nicht einmal halb sieben war. Da ich nicht mehr einschlafen konnte, und auch hungrig war, entschied ich mich dazu, aufzustehen und mich auf den Weg in die Große Halle zu machen. Aufgrund der Größe des Schlosses ging ich davon aus, dass ich eine Weile unterwegs sein würde, und da konnte es ja nicht schaden, etwas mehr Zeit zu haben. Gerade als ich den Schlafsaal verlassen wollte, hörte ich ein Rascheln von dem Bett, das direkt neben meinem stand. "Grace?", hörte ich Cassiopeia im nächsten Moment flüstern. "Ich gehe frühstücken", gab ich eben so leise zurück. "Warte kurz, ich komme mit", und im nächsten Moment stand sie neben mir an der Tür. Sie hatte sich einen Morgenmantel über den Schlafanzug gezogen und ihren dunklen Haaren, die in alle Richtungen abstanden, sah man an, dass sie eben erst aufgestanden war. "Glaubst du, es gibt um diese Uhrzeit schon Frühstück?", fragte sie mich, während wir uns auf den Weg nach unten machen. "Ich hoffe es" erwiderte ich. "Und scheinbar gehst du ja auch davon aus, sonst wärst du nicht mitgekommen, oder?" "Eigentlich hatte ich eher Angst, dass ich mich im Schloss verlaufe, wenn ich mich alleine auf den Weg mache. Oh, ich hätte Hermine fragen sollen, die hat gestern Abend die ganze Zeit von diesem Buch, 'Geschichte Hogwarts' oder so erzählt, vielleicht steht da ja etwas über die Frühstückszeiten drin." Ich musste grinsen. Ich hatte mich gestern Abend vor allem auf das fantastische Essen konzentriert, aber Hermines Stimme war immer wieder zu hören gewesen. "Ich war eher davon fasziniert, dass sie gleichzeitig so viel reden und genug essen konnte", lautete meine Antwort. Wir waren fast am Fuß der Treppen angekommen und direkt davor war auch schon der Eingang zur Großen Halle. "Na bitte, so kompliziert war es doch gar nicht, oder?", sagte ich, während wir die letzten Stufen hinabliefen. Cassiopeia sagte nichts, sondern warf mir einen Blick zu, der sagte "Halt bloß den Mund". Ich unterdrückte ein Lachen und wir betraten die Große Halle. Es saßen ein paar vereinzelte Schüler an den langen Tischen, und, noch viel wichtiger, es gab bereits Frühstück. Cassiopeia und ich setzen uns gegenüber an das eine Ende des Gryffindor-Tischs, an dem bisher erst zwei andere Schüler saßen. Ein Mädchen mit langen dunkelbraunen Locken, die bereits am ersten Tag des Schuljahres ein Buch aufgeschlagen auf dem Tisch liegen hatte, und ein Junge mit kurzen blonden Haaren, der müde in seine Kaffeetasse blickte.

Als Cassiopeia und ich beide saßen und unser Frühstück vor uns stehen hatten, entschied ich mich dazu, ihr eine Frage zu stellen, die mir schon seit dem gestrigen Abend im Kopf herumschwirrte. "Also... dein Nachname ist Black, heißt das, du bist mit Sirius Black verwandt?", wollte ich wissen. Sie sah von ihrem Toast auf und sagte einige Sekunden lang gar nichts. Sie schien abzuschätzen, wie viel sie mir erzählen konnte. "Ja, er ist mein Vater", antwortete sie schließlich. "Aber ich weiß im Grunde nichts über ihn, er wurde verhaftet als ich zwei Jahre alt war. Ich bin bei meinem anderen Dad aufgewachsen und er redet nie über ihn. Alles was ich weiß ist, dass er die Potters verraten hat und Du-weißt-schon-wer sie nur deswegen finden konnte. Oh Gott, das sind ja deine Eltern, entschuldige, ich- " "Hast du versucht, mehr über ihn herauszufinden?", unterbrach ich sie. "Natürlich. Aber Dad meinte, ich bräuchte nicht mehr zu wissen. Und irgendwann war es mir dann egal. Er sitzt in Askaban und wird da nie wieder rauskommen." Ich wusste nicht wirklich, was ich darauf erwidern sollte, deshalb senkte ich den Blick auf mein Müsli.

Einige Zeit später hatten wir unsere Schuluniformen angezogen und befanden uns auf der Suche nach dem Klassenzimmer für unsere erste Unterrichtsstunde in Verwandlung. Da wir den Weg in die große Halle so schnell gefunden hatte, war ich mir sicher, dass wir auch den Weg zum Klassenzimmer schnell finden würden, doch schon auf der zweiten Treppe kam uns Peeves, der Poltergeist entgegen. Er hielt zwei mit Wasser gefüllte Ballons in den Händen und fing bei unserem Anblick an, breit zu grinsen. Ich sah Cassiopeia an und überlegte schon, ob wir uns einen anderen Weg suchen sollten, doch sie schien fest entschlossen zu sein, dem Poltergeist nicht diese Genugtuung zu bieten. In dem Moment, in dem Peeves die Ballons über uns fallen ließ, packte sie meine Hand und zwang mich dazu, die restliche Treppe hinaufzurennen. Die Ballons verfehlten uns ganz knapp und trafen stattdessen Mrs Norris, die Katze von Filch, die in diesem Moment hinter uns aufgetaucht war. Sie fauchte und schien dabei uns anzusehen, als wären wir Schuld an ihrem unfreiwilligen Bad gewesen. Während Cassiopeia und ich weiterliefen fragte ich: "Hast du eigentlich einen Spitznamen? Cassiopeia ist so lang." "Dad nennt mich Cassie, es sei denn, er ist sauer auf mich", antwortete sie grinsend. "Ist er denn oft sauer auf dich?", wollte wissen. "Als ich noch jünger war manchmal, aber inzwischen kaum noch. Oh, da fällt mir ein, er meinte, ich soll Professor McGonagall und Madam Pomfrey liebe Grüße von ihm ausrichten, das habe ich gestern total vergessen." Kurz darauf erreichten wir tatsächlich den richtigen Klassenraum. Außer uns waren noch niemand da, weshalb wir uns direkt zwei Plätze in der ersten Reihe sicherten. Nach und nach trudelten die anderen Schüler ein. Mein Bruder und der rothaarige Junge, Ron, setzten sich direkt hinter uns in die zweite Reihe und Hermine zu uns in die erste. Kurz darauf betrat auch schon Professor McGonagall den Raum und begann mit ihrem Unterricht.

Nach dem Verwandlungs-Unterricht machten Cassie und ich uns gemeinsam mit Harry und Ron auf den Weg in die Kerker. Ich hatte schon gestern beim Abendessen einen kurzen Blick auf Professor Snape werfen können, und er hatte alles andere als freundlich gewirkt. Als wir vor dem Klassenraum für Zaubertränke ankamen, warteten dort schon einige Slytherins. "Ey, Black!", hörte ich eins der Mädchen rufen. Wir vier drehten uns gleichzeitig zu der Stimme um, die zu einem hämisch grinsenden Mädchen mit kurzen dunklen Haaren gehörte. "Bist du nicht irgendwie im falschen Haus?", fuhr sie fort, offenbar bestärkt durch das Kichern der anderen Mädchen. "War nicht deine ganze Familie in Slytherin? Na ja, alle außer deinem verrückten massenmordenden Vater?", rief das Mädchen. "Reagier einfach nicht darauf", murmelte Ron Cassie zu, die in diesem Moment so aussah, als wäre sie bereit, sich zu prügeln. "Genau, die Slytherins sind eh alle Idioten", fügte Harry hinzu. "Vielen Dank für deine Besorgnis, Parkinson, aber ich bin im richtigen Haus", war Cassies Antwort. "Meine Väter waren beide in Gryffindor und wenn du jetzt nicht sofort den Mund hältst, dann wirst du sehen, wie viel von meinem Vater in mir steckt!" Pansy schien darauf etwas erwidern zu wollen, doch in diesem Augenblick erschien Snape und öffnete die Tür seines Klassenzimmers. Cassie und ich setzten uns mit Harry und Ron in eine der hinteren Reihen, um bloß keine Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen. Merkwürdigerweise schien Snapes Blick trotzdem dauerhaft auf mir zu ruhen. Hin und wieder huschte er zu Harry und Cassie, die links und rechts von mir saßen, doch er kehrte immer wieder zu mir zurück und sorgte dafür, dass ich mich wirklich unwohl fühlte...

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