when masks are falling off.



Das Arbeitszimmer meines Dads ist recht klein und gemütlich auf seine eigene Art. Es besteht aus dunklen und sehr warmen Tönen wie Karamell und Ocker. Auf den Wandregalen stehen verschiedene Zimmerpflanze, die alle super gepflegt erscheinen, als hätte er sie erst neulich aus einem Gartencenter besorgt. Aber er hat einen geheimen, grünen Daumen, den er besonders in seinen eigenen vier Wänden auslebt. Obwohl der Raum nicht groß ist, ist die Luft hier drin viel frischer, angenehmer als draußen. Seine Pflanzenpracht ist in den letzten Jahren tatsächlich gestiegen, die violette Calathea in der Ecke kenne ich noch nicht. In einem breiten Regal hat er verschiedene Versionen seiner Manga-Reihe gesammelt: Sonderausgaben, Sammelbänder, Erstausgaben. Seine Auszeichnungen hängen sorgfältig in Rahmen an der Wand mit der beigefarbenen Holzverkleidung. Zwischen ihnen befinden sich ein paar alte Skizzen von ihm, auf die er noch heute ziemlich stolz sein muss.

Neben dem Zeichentablet auf dem wiederum einfachen Schreibtisch steht eine hochwertige Skulpturfigur seines Manga-Heldens: ein grünhaariger, schüchterner Junge mit Elfenohren und einer regenbogenfarbenen Schildkröte in den Armen. In seiner Welt ist er einer der letzten Grünleser – magische Wesen, die in den Wurzeln der Erde die Zukunft sehen können. Er hat eine Vision, dass ihre Welt bald von eigenartigen Schatten heimgesucht wird und ihre Existenz bedroht. Doch weder der hohe Rat noch andere Bewohner seines Dorfes glauben ihm. Also beschließt er, auf reisen zu gehen – um letztlich den mächtigen Hirschgott vor dieser Bedrohung zu warnen. Er lernt neue Freunde kennen, erkennt, dass die Welt, wie sie in seinem Dorf erzählt wird, ganz anders ist, und vor allem: dass das Böse nicht aufgehalten werden kann. Im Verlauf seiner Reise beginnt ein unerwarteter Kampf um sein Überleben. Eine phantastische und düstere Geschichte, die in diesem Jahr noch einen eigenen Kinofilm erhält.

Er hat es geschafft. Sein größter Traum ist wahrgeworden.

Chifuyu betrachtet mit zusammengekniffenen Lippen die Auszeichnungen. Er hat mich aus dem Sweater gefischt und auf seinen Schoß gesetzt, nachdem ihn mein Vater darum gebeten hat, sich auf den grünen Samtsessel niederzulassen. „Daher hat sie also ihr Talent fürs Zeichnen und Geschichtenerzählen, ihr Dad ist wirklich klasse", staunt er leise vor blanker Begeisterung und legt seine Arme um mich, um mich etwas weiter an sich heran zu ziehen. Er braucht mich, er braucht diese Stütze, die ich für ihn in diesem Moment darstelle, also konzentriere ich mich darauf, nicht nachzugeben. Mein Fluchtinstinkit fühlt sich so an, als würde ich gerade auf heißen Kohlen sitzen. Dabei durchzuhalten ist nicht einfach, doch für Chifuyu und ihn würde ich sogar durch die Flammen der Hölle spazieren. „Die Grünleser-Geheimnisse sind von einem Pseudonym verfasst worden, aber das es ihr Dad ist, damit habe ich echt nicht gerechnet! Ich und Baji haben immer gemeinsam den neuen Band dazu gekauft." Er kommt gar nicht aus dem Staunen heraus. „O mann, wenn er das erfährt, wird er.."

„Ihr kennt also die Grünleser-Geheimnisse", überrascht ihn mein Vater so, dass er zusammenzuckt. Er betretet mit einen Holztablet in den Händen den Raum und stellt dieses auf seinen Schreibtisch ab. „So klein ist die Welt also wirklich", sein Lächeln ist winzig und erreicht seine Augen nicht, „ich habe noch nie Autogramme gegeben, also..."

Chifuyu nimmt ihm rasch die weiße Keramiktasse ab. „Ich brauche auch keines", beruhigt er ihn und mein Herz flattert bei der steigenden Anspannung im Raum. Ihre Blicke treffen sich. Etwas wie ein Gummi spannt sich zwischen ihnen an, und ich weiß nicht, was passiert, wenn es reißt.

Mein Dad atmet vor Erleichterung auf und lässt sich in denselben Sessel gegenüber fallen. Das hätte ich fast vergessen: Er ist sehr verlegen und zurückhaltend, wenn es um sein Werk geht. Das perfekte Beispiel für einen zurückgezogenen Künstler. Meine Mom und ich sind die einzigen sozialen Kontakte, die er außerhalb dieses Raums besitzt. Gezwungermaßen. Keine Ahnung, wie er es geschafft hat, meine Mutter einen Antrag zu machen, aber der Antrag soll wohl doch sehr romantisch für seine Verhältnisse ausgefallen sein. Vorstellen kann ich mir allerdings das bei ihm nicht.

„Also, warum bist du hier?" Das fragt er ohne Härte, mehr wie ein kleines Zwicken in der Brust. Seine Kaffeeaugen wandern zu dem rauchenden Tee in seinen Händen. Seine Lippen verziehen sich von Schmerz erfüllt, ohne dass er es anscheinend kontrollieren kann. „Wenn es um Saejins Zustand geht... Die Ärzte haben keine neuen Erkenntnisse. Ihre Mutter ist gerade bei ihr und hilft den Schwestern dabei, ihre Gelenke fit zuhalten. Wusstest du, dass man das machen muss, um ihre Muskeln zu erhalten?"

„Nein, wusste ich nicht." Hat mein Vater eine geheime Nachricht im Tee hinterlassen, oder wieso starrt Chifuyu nun auch so leer in die Tasse? Aber trotzdem neigt er dazu, das Gummi zum Reißen zu zwingen: „Es geht um sie und Keisuke." Er hat seinen Namen gesagt. Der Name der Person, die mein Vater am meisten hasst. Gleich wird er an die Decke gehen, die Tasse gegen die Wand schleudern und ihn rausschmeißen. Der Blonde befürchtet dasselbe und versteinert schlagartig.

„Wir haben nicht so viel Zeit." Er hebt den Blick an, und er ist voller Schuldgefühle. Schuldgefühle, die mit jeden Tag sein Herz schwerer befallen haben. Wie Wurzeln, die immer stetig vorangewachsen sind, bis sie alles eingenommen haben. Und es sind keine Wurzeln von Frucht und Herrlichkeit. Es sind Wurzeln von Leid und Kummer. Und sie wuchern. Sie sind das Unkraut der eigenen Seele. Seine Augen huschen zur kleinen Digialtuhr auf dem Schreibtisch. „Ihre Mutter wird in ungefähr einer Stunde zurück sein. Wie immer. Deshalb sollten wir uns mit dem Gespräch beeilen. Also sie und Keisuke, ja?" Auf einmal spricht er ganz aufgeregt, als würde er wie sein Held in ein großes Abenteuer aufbrechen.

Chifuyu ist so verwirrt, dass er nur nicken kann. Ich hingegen habe das seltsame Gefühl, in einem Traum zu sein. Worüber fühlt sich mein Vater so schlecht? Warum rastet er nicht aus? Und wieso ist es so wichtig, dass meine Mom das Gespräch nicht mitbekommt?

Dann legt er seine Tasse auf das Holztablet zurück. „Was kann ich für die zwei tun?"

Eindeutig. Das ist ein Traum.

„Was sie tun können?" Seine Brauen heben sich vor Verwunderung in die Höhe. Er hält das alles wie ich für einen abnormalen Traum. Weil in Träume keine Grenzen existieren, wird er übermütig. „Sie können Keisuke wieder erlauben, sie im Krankenhaus besuchen zu dürfen. So für den Anfang." Seine Finger umklammern die Tasse fester, die grüne Flüssigkeit – ich tippe auf einen Kräutertee – schwappt fast auf seinem Schoß über.

Mein Herz bleibt stehen. Ohne Vorwarnung.

„Das wird schwer." Seine Denker-Pose (die Beine übereinander verschränkt, seine Finger spielen an den Spitzen seines Schnauzers) verrät mir, dass er wirklich über eine Lösung nachdenkt. „Meine Frau hält da ein besonderes Auge drauf, aber wenn es ihm nichts ausmacht, könnte er mit meinen Besucherzeiten mitkommen."

Mit seinen Besucherzeiten? Gehen sie etwa nicht gemeinsam ins Krankenhaus?

Chifuyu macht das, was ich innerlich tue: die Stirn in fragwürdigen Falten legen. „Sie haben getrennte Besucherzeiten?"

„Ja, seltsam, oder?" Mein Vater erstickt halbwegs an seinem Lachen, als er sich zurück in die Lehne schmeißt. „Ich habe sie ziemlich verärgert, nachdem ich ihr erklärt habe, dass ich in Tokio bleiben möchte. Mit Saejin."

Meine Zähne bohren sich wie von selbst in meine pelzige Zunge. Ich sehe meinen Dad an und in seinen dunklen Kaffeeflecken liegen die Ausmaße der Auseinandersetzung so offen wie ein Gemälde. Sein Blick kann in vielerlei Hinsicht interpretiert werden. Andere mögen glauben, dieser Streit ermüdet ihn heute noch, und andere mögen glauben, dass das, was ihm während des Streits bewusstgeworden ist, noch heute an ihm nagt. Das wuchernde Unkraut dringt allmäglich ins Tageslicht hervor.

„Wir würden uns freuen", sagt Chifuyu mit dem zarten Anflug einens Grinsens und sein Finger streicht mir flüchtig über die verspannte Wirbelsäule, „wenn Sie in Tokio bleiben. Vielleicht bekomme ich dann doch irgendwann mein Autogramm." Versucht er charmant zu sein? Er bringt ihn damit nämlich echt zum Schmunzeln. Was für ein Erfolg.

„Letzlich hat das Saejin zu entscheiden." Seine Worte kommen mir surreal vor. Seit wann habe ich eine Entscheidungsmacht in dieser Familie? Auf einmal steht er auf und öffnet eine kleine Schublade am Schreibtisch. „Ich möchte nicht mehr, dass sie in mir ein Monster sieht. Ein Monster, das ihr ganzes Glück frisst." Als er sich wieder umdreht, hält er ein Bundel von Papier in den Händen. Zusammengebunden durch einen tiefblauen Faden. So tiefblau wie die Nacht eines wunderschönen Sommertraumes. Tiefblau ist außerdem Keisukes Lieblingsfarbe. Das Bundel raschelt wie getrocknetes Laub, da seine Hände so fürchterlich zittern. „Und wenn sie wirklich in ihm ihren Helden sieht sowie sie es beschreibt, dann ist es meine Pflicht als ihr Vater, mich für sie zu freuen. Sie dabei zu unterstützen, sich auf ihr eigenes Leben vorzubereiten."

Er hat ihn gefunden. Den Manga, den ich eigentlich für Chifuyu gezeichnet und geschrieben habe. Unsere Liebesgeschichte. Aber wenn ich es richtig gehört habe, hat mein Unterbewusstsein sich mit meinem Herzen, der Kern meiner Gefühle, zusammengetan und schon damals die Wahrheit gewusst und mich gelenkt. Eine gute Lenkung wie sich herausstellt – denn er reicht dem anderen den Manga.

Es hätte in diesem Moment vorbei sein können. Meine Liebesgeschichte, meine Welt, mein Leben – all diese Schätze hätten mit einem Mal vernichtet werden können, hätte diese Flamme in meinem Herzen nicht schon frühzeitig gehandelt. Chifuyu hätte geglaubt, ich wäre in ihn verliebt und nicht in Keisuke. Er hätte mich nicht retten können – weil er mich auf eine andere Art liebt. Eine andere Art, die leider nicht genug ist, und trotzdem ihre ganz eigene Tiefe und Bedeutung hat. Ob er für mich wie ein Bruder ist, darüber habe ich noch nicht konrekt gegrübelt, aber seine wahre Bedeutung wird mir immer klarer.

Er nimmt ihn dankend das Bundel ab und blickt neugierig auf den Titel. „The lovely whiskers", spricht er ihn fasziniert aus. „Sie hat einen Manga über ihre Geschichte verfasst?"

„Eure Geschichte", verbessert ihn mein Dad und sinkt in den Sessel zurück. „Ich habe ihn auf ihrem Bett gefunden. Anscheinend wollte sie ihn ihm bald schenken, wenn nicht sogar schon an ihrem Geburtstag." Seine dunkle Stimme sackt mehrere Stockwerke tief.

Ein schwerer Stein macht sich auf meinem Herzen bemerkbar, und ich blicke in das traurige Gesicht des Mannes vor mir.

„Das hört sich nach ihr an", stimmt Chifuyu ihm zu und seine Mundwinkel nehmen eine sanfte Beugung an, „Saejin hat sich immer sehr darum bemüht, Keisuke zum Lächeln zu bringen."

Mein Vater greift schnellartig nach seiner Tasse und nimmt einen kräftigen Schluck. „Ich werde mich noch bei ihm entschuldigen und bedanken müssen." Er zerknautscht sein Gesicht so, als hätte er zu viel Wasabi gegessen. „Während ich ein Albtraum-Vater schlechthin gewesen bin, hat er, nein, habt ihr meine Tochter einen wichtigen Halt geboten. Nachdem ich die Geschichte gelesen habe, bin ich die letzten Jahre nochmal durchgegangen. Ich war grausam zu ihr gewesen." Es scheint so, als würde alles, was er momentan in der Hand hält, zittern. Durchgehend. „Deshalb habe ich den Beschluss gefasst, ein besserer Vater zu werden. Für sie und für mich."

Nein. Er hat diesen Beschluss gefasst, um unsere Bindung vor den umherfliegenden Granatsplittern zu schützen.

„Sie beschreibt euch beide außerdem als ihr Licht in der Dunkelheit." Der Kaffee steht kurz davor, über den Rand zu schwappen. „Sie wird mal eine tolle Manga-Autorin. Das wollte sie schon immer von klein auf werden. Aber wir hielten es für besser, sie mehr in Richtung Kunst zu strizen. Das hätten wir nicht tun dürfen."

Der Blonde über mir ist sprachlos und schluckt seine nicht ausgesprochenen Worte herunter. Darauf hat er sich nicht vorbereitet. Der dunkle Turm ist bereits eingestürzt, vor vielen Tagen, und nun sitzen wir in seinen Trümmern, überfordert mit dieser Feststellung.

„Ich hoffe, meine kleine Schildkröte hört das und weiß, dass es mir schrecklich leidtut."

Meine kleine Schildkröte.

Etwas bricht in mir auf. Wie ein Küken, das erst mit dem Schnabel nach und nach seinen Weg durch die Schale finden muss. Sorgsam, aber mit Liebe sucht es sich seinen Weg ins Licht. Ins Leben. In mein Herz.

Meine Ohren sind wie betäubt von dem fernen Geräusch rauschender Wellen. Für einen kurzen Augenblick schließen sich meine Augen wie von einer anderen Magie ergriffen, aber es ist nicht dunkel. Über mir leuchtet der Vollmond in seiner gesamten Breite und taucht den Strand um mich herum in ein sicheres Licht. Ich kenne diesen Strand irgendwoher. Haben wir nicht mal Urlaub in den Philippinen gemacht? Am Meer? Mir wird schwindelig und ein starkes Kribbeln jagt durch meinen Körper. Als ich zum Grund sehe, begegnen wir zwei kleine Menschenfüße. Ich bin noch sehr jung gewesen, fällt mir ein. Vielleicht 5 oder 6. Aber ich bin nicht alleine am Strand.

Mein Vater ist neben mir und hält meine Hand fest in seiner. Er hat riesige Pranken für einen Künstler. Und große Füße. Zwischen meinen und seinen kann ich sie endlich erkennen: die vielen, kleinen Meeresschildkröten, wie sie sich ihren sicheren Weg ins Meer bahnen. Stimmt. Aus diesem Grund sind wir erst hierhergekommen: mein Vater wollte mit mir die Baby-Schildkröten beobachten.

Er drückte meine Hand und sagte dann: „Sie orientieren sich an dem Mondlicht, das im Meer reflektiert wird, um ins Wasser zu finden. Ist das nicht erstaunlich? Als wüssten sie von Beginn an, wohin sie gehören. "

Ich sah zu ihm hinauf. „Wohin gehöre ich, Dad?"

Er lächelte sanft mit der gewissen Beruhigung, die mir sofort die Angst nahm. „Du gehörst zu mir, meine kleine Schildkröte. Ich werde immer dein Mondlicht sein, damit du in der Dunkelheit deinen sicheren Weg finden wirst."

„Es ist alles unsere Schuld."

Ich bin wieder hier. Zurück in seinem Arbeitszimmer. Zurück in seiner eigenen Dunkelheit mit seinem fehlenden Mondlicht. In meiner Abwesenheit haben sie sich in sein Gesicht geschlichen: Tränen.

Der Kaffee perlt ab und verhängt sich in seinem Schnauzer. Er kann sein Schluchzen nicht weiter aufhalten und schließt sich und sein Schmerz selbst in seinen eigenen Händen ein. „Wäre ich ein besserer Vater gewesen, hätte sie wenigstens mir davon erzählt, dass sie sich an ihrem Geburtstag mit euch treffen möchte, dann wäre ich bei ihr gewesen und... und..."

Chifuyu schaut mich verzweifelt an, und ich kann doch auch nichts dagegen machen. Ich bin nur eine Katze. Genau, ich bin eine Katze. Ohne ein weiteres Zögern springe ich von seinem Schoß zu meinem Dad seinen und stütze mich mit den Pfoten an seinem grünkarierten Hemd ab. Meine feuchte Nase drücke ich tröstend gegen die einzige sichtbare Stelle seiner Wange zwischen seinen Finger und fange dort eine salzige Träne auf.

Der dunkle Turm hat nicht nur mich eingesperrt. Er hat auch eine Dunkelheit über schwache Herzen gebracht, die mit der Zeit deshalb verkommen. Da hilft selbst nicht der beste grüne Daumen auf der Welt, um einen von diesem Unkraut zu befreien. Wenn diese Dunkelheit erstmal auf dem eigenem Herzen sitzt, blendet sie alles Licht aus. Sie verdichtet sich und ernährt sich von der Lebensenergie ihres Wirts. Man erblindet, auf eine grausame, psyshische Weise. Mein Vater, er hat noch irgendwie die Willenskraft gefunden, um gegen diese drückende Dunkelheit zu kämpfen. Vielleicht ist es Mondlicht, und vielleicht ist eine Art der Liebe, die ich nicht kenne – aber, was es auch ist, es hat ihn aus dem dunklen Turm geholt.

Sowie Keisuke mich.

Mein Vater entfernt die Hand von der Wange, an der ich seine Tränen sachte wegstreiche, und seine geröteten Kaffeeaugen sind endlos tief und leer, als er mich wahrnimmt. Dennoch: Er hat sich verloren. In dem Meer, in das er nicht gehört – weil ihm sein eigenes Mondlicht fehlt.

Mit meinem warmen, bienen-brummenden Schnurren spreche ich die nächsten Worte aus.

"Dad, es wird alles gut. Ich werde wieder aufwachen. Du hast mir einen weiteren Grund gegeben, um das zu wollen. Damit ich dir irgendwann sagen kann, dass ich dir verziehen habe, und dann..."

Wunden brauchen ihre Zeit zum Heilen. Sie sind nicht über Nacht komplett verheilt, und so werde ich auch meine Zeit brauchen, um über die Wunden und Einschlaglöcher in meiner Seele hinwegzukommen. Verzeihen ist nicht leicht, aber schon daran zu denken ist ein guter Ansatz.

Es wird dauern, bis wir aus diesen Trümmern des Turms etwas Neues erbaut haben. Etwas Schönes, etwas mit Licht und der Wärme eines Zuhauses. Etwas aus ehrlicher Liebe, wo wir einander hüten und schützen werden. Das kann ich kaum erwarten.

"Und dann möchte ich mit dir einen Kirschblütenbaum in unseren Garten pflanzen. Ich weiß, du willst keinen, doch er soll eine besondere Bedeutung haben. Er wird uns jeden Frühling mit seinem Blühen daran erinnen, dass wir immer verzeihen und vergessen können. Das habe ich von einem sehr guten Freund gelernt."

Seine Tränen verfangen sich in seinem dichten Wimperkranz, aber sie stürzen nicht weiter über sein schlappes Gemüt ein. Als hätte er an die Oberfläche gefunden. Seine zittrige Handfläche legt sich mit größter Achtsamkeit über meinen Kopf, und er wirkt verunsichert von der Nähe einer Katze.  „Ist sie immer so... zuneigungsvoll?", fragt er heiser.

„Sie ist nicht gewöhnlich", meint Chifuyu dazu, doch seine Gletscher kleben am Cover meines Mangas fest. Er hinterlässt bei mir den merkwürdigen Eindruck, als wäre er nicht ganz da. Aber warum? „Sie verhält sich auch nicht wirklich wie eine Katze. Ich glaube ja, sie hat ein Trauma erlitten. Irgendwann mal."

„Mhm, ein Trauma?" Mein Dad blickt mir direkt in den besorgten Antlitz und schnieft. "Keisuke muss ein guter Junge sein, wenn sich alle in seiner Gegenwart so umsorgt fühlen."

"Er ist wirklich toll, Dad", schwärme ich mit gespitzten Schwanz und reibe schnurrend meinen Kopf gegen seine Wange mit den rauen Haarstopeln. "Wenn du ihn erstmal richtig kennenlernst, wirst du sehen, dass er immer nur das beste für die anderen möchte. Seine Mutter ist natürlich am wichtigsten. Diese kleine Familie mag gebrochen sein, aber sie ist gütig und herzlich. Sie sind unheimlich stark."

"Du bist ein sehr guter Freund, Chifuyu", fängt er an und streichelt mir über den Rücken. "Keisuke sollte das schätzen, was du heute für ihn auf dich genommen hast."

Der Angesprochene kneift reflexartig die Lippen aufeinander und weicht dem warmen Lächelns meines Dads aus, indem er die Digitaluhr anstarrt. "Ja, das wird er bestimmt." Was für ein gezwungenes Grinsen. Was ist los mit ihm? "Wir sollten jetzt wiedergehen." Er schiebt sich den Manga unter das Shirt und steht auf. "Ich danke Ihnen." Dann verbeugt er sich, so tief wie er eigentlich nicht muss. "Und ich bitte Sie nochmal darum, Baji eine Chance zu geben. Saejin, Ihre Tochter, bedeutet ihm wirklich alles. Er würde ihr niemals wehtun."

Mein Vater erhebt sich so plötzlich, dass mich nur ein Katzeninstinkt dazu bringt, noch rechtzeitig zu reagieren. Mit einem Satz lande ich auf den Boden und schaue wehleidig zu meinem Freund.

"Ich weiß", Dad legt ihm die Hand auf die Schulter, mit der anderen kratzt er sich verlegen am Bart. "Er bekommt von mir diese Chance, keine Sorge. Ich möchte meine Tochter nicht nochmal verlieren. Und wenn er meine kleine Schildkröte besser beschützen kann als ich, dann sollte ich dafür dankbar sein."

Dad...

Chifuyu stützt sich aufrecht auf und die Sterne in seinem Gletscher haben einen gekränkten Schimmer. "Das sollten Sie ihm sagen, das könnte so einiges wieder in Ordnung bringen", meint er mit einer Reife in der Stimme, die ich so offensichtlich noch nicht erlebt habe, bevor er sich zu mir beugt und mich in seinen Arme umfängt. "Und ich danke Ihnen. Für den Tee und den Blick in Ihre Arbeit. Ihr Geheimnis ist gut bei mir aufgehoben."

Die abstehenden Ohren meines Vaters glühen. "Das hoffe ich doch."

Sie sehen sich an, und dabei wird mir es ganz klar. Mein Vater erinnert ihn an seinen eigenen. Meiner lebt noch, aber seiner ist vor langer Zeit verstorben. Mir wird schlecht, und es tut gut wenige Minuten später den frischen Wind wieder im Gesicht peitschen zu spüren. Er hat seinen eigenen Dad schon sehr früh verloren. Warum und wieso er gestorben ist, hat er keinem erzählt, aber es hat eine tiefe Wunde in ihm hinterlassen. Eine von dieser Sorte, die nie anständig verheilen wird. Es wird sich immer eine Kruste bilden, und dann – wie heute – wird diese mit einem plötzlichen Stich aufbrechen.

Es regnet. Zuerst so unbeachtet und zärtlich, dass er wie das verlorene Wispern des Himmels erscheint, ehe er in eine tosende Version überschlägt. Seltsamerweise treffen mich die harten Tropfen alleinig im Gesicht, die in Sonnenlicht geprägte Umgebung ist wie verschont davon. Verwundert neige ich den Kopf höher und begegne dem eigentlichen Auspunkt des Wetterumschwungs: Chifuyus aufgebrochener Gletscher.

Als ich ihn das erste Mal meinetwegen weinen gesehen habe, habe ich den Schmerz noch irgendwie beschreiben können. Aber dieser Schmerz ist leer wie ein weißes Papier, das nie beschrieben werden kann. Es bleibt eine wortlose Seite in seiner Geschichte. Eine kaputte Herzsehne. Ein Zweig ohne Ast. Das sind nur annähernde Versuche, aber sie werden keineswegs das darstellen können, was er momentan fühlen muss.

Viele Möglichkeiten habe ich auf dem Motorrat nicht, um ihn trösten zu können, wenn überhaupt. Sollte ich mich falsch bewegen, könnte es uns ins Schwanken bringen und dann würden wir wie zwei Eier in der Pfanne auf dem Grund aufschlagen. In diesem Fall sind mir buchstäblich die Pfoten gebunden. Dass ich mich einmal in dieser Katzengestalt so nutzlos fühle, ist ein herber Rückschlag. Mir wird nochmal bewusst, wie klein ich in dieser Welt bin und wie groß der Schmerz der Personen ist, die ich unwiderruflich liebe.

Ein erdrückendes Gefühl überfällt meine Brust, so, als würden seine Tränen durch mein Fell in mich hineinsickern. Jede Träne, die ich nicht auffangen kann; jede Träne, der ich stumm entgegenblicke; sie sammeln sich in meinem Herzen an und machen es unendlich schwer. Wenn ich ausatme, schmeckt selbst die kalte Luft salzig, und wenn ich ausatme, wappt ein kleiner Schwall von Tränenmeer aus meinem Mund. Ich bin dafür nicht erschaffen, dieser Körper ist für solch einen Schmerz nicht genug.

In diesen Moment wünscht man sich vor Verzweiflung, dass es schlimmer wird; dass irgendetwas Schlimmeres sich aus der Dämmerung der schlechten Omen erhebt und einen von dem aktuellen Schmerz ablenkt. So ein Schlimmeres erwartet uns, als wir anhalten und bei der Wohnanlage stehen. Nicht wie üblich am Abstellplatz, sondern bei den anderen drei Motorräder direkt an der Einfahrt. Eines davon ist Keisukes seines. Chifuyu schwingt sich hinunter und wischt sich mit einem Schniefen seine Zeichen des Schmerzes weg, bevor er mich aus seinem Sweater fischt und absetzt.

„Mikey ist hier", sagt er mit einer Unruhe, die mich sofort aufhorchen lässt, „und Draken auch. Was hast du jetzt wieder angestellt, Baji?" Er schenkt mir keine weitere Beachtung und stürzt sich los. Womit er nicht rechnet: Ich folge ihm auf Schritt und Tritt.

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