what's true love actually?
Gewöhnliche Menschen gehen tagsüber ins Krankenhaus. Keisuke macht sich die Nacht zur Besucherzeit und verschwindet genau drei Tage später in dieser, um mein wahres Gesicht zu besuchen. Er hat zu meinem Glück das Fenster offengelassen, so dass ich dort hinausschlüpfen kann und darüber nachdenke, wie ich am besten Chifuyus Zimmer erreiche. Würde mich Baji nicht immer auf seinen Schoß ziehen oder mich genauestens im Auge behalten, wäre ich schon längst viel früher rausgegangen. Nur blöd, wenn er nachts das Fenster zu macht, als hätte er Angst, ich würde mich draußen verlaufen oder nicht zurückgekommen.
Allerdings würde ich immer zurückkommen – weil ich weiß, dass ich dort gebraucht werde; dass er mich braucht, und ich... ich brauche diese Kleinigkeiten von ihm, die mich gerade, besonders als Katze, zusammenhalten.
Eine Katze ist nicht so gut im Riechen wie ein Hund, aber der vertraute Duft von Chifuyu liegt überall in der Luft, als ich die Nase in die Höhe strecke und tief einatme. Warme Milch mit Honig, so zuckersüß. Dann versuche ich mir einen Weg über die Geländer der Apartmentanlage zu verschaffen. Keisuke und Chifuyu wohnen im selben Gebäude, daher erleichtert es mir, sicher und schnell über die verschiedenen und fremden Balkone anderer Mieter zu steigen. Diese Manöver habe ich die letzten Tage im Zimmer geübt, von Schrank zu Bett, von Tisch zur Fensterbank, um meine Balance besser zu trainieren. Als Katze ist es viel leichter sanft zu landen als ein Mensch.
Keisuke hat mich zwar dafür ausgelacht, dass ich mehrmals abgestürzt bin, hat es sich aber nicht verkneifen können, mich trotzdem nach Verletzungen zu untersuchen. Wahrscheinlich ist er zu überfürsorglich. Obwohl er die ganze Zeit Löcher in die Wand starrt und dabei mit seinen Kopfhörern Musik hört, ist er stets aufmerksam genug, um mich im Blick zu haben. Gerade ist er da, wo er am liebsten sein möchte: bei der menschlichen Saejin.
Hoffentlich wird sie ihn ein bisschen von dieser Schwere in seinem hübschen Gesicht befreien können.
Ich bin froh, dass der Sommerregen aufgehört hat. Die Gitter sind fester unter meinen Pfoten und ich muss nur noch einer Regenrinne folgen, dann müsste ich bei Chifuyus Zimmer angekommen sind. Wie ich es wieder hoch zu Keisukes Zimmer schaffe, darüber denke ich lieber nicht nach.
Mein Plan steht fest: Ich werde einen Weg finden, um Chifuyu meine Gefühle zu gestehen – und dann wird er mir seine gestehen, damit ich wieder aufwachen kann. Dafür brauche ich keine drei Monate, diesmal werde ich nicht warten.
Vor dem bekannten Fenster sitzt bereits ein schwarzer Kater, auf den ich gehofft habe. Er hat den Blick in den klaren Nachthimmel verloren, das helle Licht des Vollmondes bringt seine Bernsteinaugen zum Leuchten wie zwei weitere Monde.
„Peke J", begrüße ich ihn mit einem warmen Schnurren und setze mich neben ihn auf die Regenrinne.
„Oh, hallo, Saejin", erwidert er mit seinem hörbaren Lächeln und blickt mich freundlich an. „Chifuyu ist nicht wach. Du solltest ihn nicht wecken. Er schläft die letzten Tage kaum."
Wie Keisuke, denke ich mir traurig. Er wälzt sich jede Nacht nur hin und her, aber seine Gedanken scheinen unglaublich laut zu sein, dass er keinen Frieden finden kann. Selbst nicht, wenn ich mich an seine Schulter schmiege und wir Kopf an Kopf liegen, kommt er nicht zur Ruhe. Selbst nicht, wenn die Zeit zwischen uns stillsteht und wir beide glauben, einander so nah zu sein, als wäre da nichts, das uns noch hält außer wir uns – er zerbricht in der folgenden Sekunde darauf.
„Deswegen bin ich nicht hier", lasse ich ihn wissen, kann aber nicht vermeiden, in das dunkle Zimmer hinter uns zu blicken. Mein Herz schmerzt bei dem Anblick von Chifuyu, wie er auf seinem Bett liegt, wieder eins mit meiner Jacke. Vermutlich wird es nicht mehr lange dauern und sie verliert meinen Duft. Was wird er dann machen? Mein Herz kribbelt, doch es ist nicht der richtige Zeitpunkt für solche innigen Gefühle.
„Warum dann?", fragt er neugierig und spitzt die Ohren.
„Wegen der wahren Liebe", versuche ich es zu erklären, aber er verzieht nur irritiert das Gesicht.
„Was meinst du genau?"
Diese Frage kostet mich einiges an Überwindung, aber, wenn ich mein Leben zurück haben möchte, muss ich da nun durch.
„Was ist die wahre Liebe?"
„Was die wahre Liebe ist?", wiederholt er verwundert und schaut mich so an, als hätte ihn meine Frage vollständig aus der Bahn geworfen. „Hättest du nicht was Leichteres fragen können? Wie, zum Beispiel, ob ich vielleicht wüsste, ob Chifuyu in dich verliebt ist?" Seine Direktheit erschreckt mich, Katzen scheinen genau das auszusprechen, was sie denken.
Ich schüttle den Kopf und seufze tief aus. „Nein, das möchte ich selbst herausfinden. Das ist eine Erfahrung, die ich gerne eigenständig erleben möchte. Ob als Mensch oder Katze ist egal. Aber ich möchte es nicht von einem anderem hören."
„Du bist ja ein seltsamer Mensch", gibt er erstaunt zu, „wollt ihr nicht immer alles sofort wissen?"
Natürlich brennt es mir auf der Zunge und natürlich wäre es so um einiges einfacher – aber ich möchte es unbedingt von ihm hören. Keinen anderen. So ein Feigling bin ich dann auch wieder nicht.
„Wollt ihr nicht immer wissen, was wir in unseren Taschen haben, wenn wir nach Hause kommen?", kontere ich keck.
Für einen Moment schweigt er ertappt. „Okay, das stimmt. Es könnten immerhin versteckte Snacks sein."
Über seine Verlegenheit muss ich kichern. Es ist bizarr, wie ich bildlich mit einer Katze spreche, doch es kommt mir in Wirklichkeit so vor, als würde ich einfach mit einem anderen Gesellen reden. Es fühlt sich wie Normalität an, so alltäglich, dass ich beinahe vergesse, wie ich erst vor ein paar Tage zur Katze geworden bin. Wie schnell man sich an neue Dinge und einen neuen Körper gewöhnen kann, ist schockierend. Als wäre das, was wir letztlich sind, egal. Unsere Seele, diese einzigartige Materie aus Sternenstaub, passt sich an allen Formen dieser Welt an. Es stimmt. Wir alle sind eins.
„Die wahre Liebe also?" Er gibt nach und verliert sich mit seinen Bernsteinen zurück im Abendhimmel. Hundert Sterne funkeln dort, die nicht in einem Gletscher gefangen sind, und ich wünsche mir für einen sehr schmerzhaften Augenblick, mein Herz wäre genauso frei. Kann er dort die Antwort sehen? Die Antwort auf alle Fragen? Können das Katzen sehen – oder sind es alles nur kleine, glitzernde Punkte für ihre Halbmondaugen? „Ich glaube, richtig erklären kann man das nicht", meint er nachdenklich, „ich weiß nur so viel, dass die meisten Menschen schon daran gescheitert sind, überhaupt einen anderen aufrichtig zu lieben."
„Also ist das immer die Bedingung?"
„Ja, natürlich. Es ist allerdings nicht böse gemeint." Sein Grinsen ist laut, liebevoll. „Wir möchten damit sichergehen, dass auch dieser Mensch, der ein Katzenleben bekommt, ebenso aufrichtig und bedingungslos geliebt wird wie wir unsere Besitzer lieben. Wir möchten nicht, dass dieser Mensch in ein Leben zurückkehrt, wo man seine Makel und Fehler als diese bezeichnet und ihn lediglich darauf herunter reduziert."
Seine Worte sind fassbare Hoffnungsschimmer. „Glaubst du, dass das, was ihr für uns Menschen empfindet, wie die wahre Liebe ist?"
„Gutmöglich – aber warum möchtest du das alles wissen?" Ich spüre seinen tiefen Blick auf mir liegen, die Neugierde in seinen zwei bernsteinfarbenen Halbmonden, weil er wie ich fühlen kann, dass sich ein Gewitter anspannt, das nicht am Horizont entsteht – sondern in meinem Herzen.
Es wird dunkler in meiner Brust. „Wegen den Märchen", versuche ich es ihm genauer zu erläutern und halte mich am größeren Mond am Nachthimmel fest.
„Den Märchen?"
Als ich hierhergekommen bin, habe ich angenommen, Licht in die Dunkelheit bringen zu können, jetzt habe ich das angsterfüllende Gefühl, mich nicht weiter vor diesem Gewitter verstecken zu können. „In Märchen wird immer von der einen wahre Liebe gesprochen."
„Ah. Ich glaube nicht, dass es nur die eine wahre Liebe gibt. Ich liebe schließlich auch Baji, und dich, dich habe ich sehr gerne. Du machst diese Jungs auf eine Weise glücklich, die meine Liebe für sie ergänzt. Das gefällt mir sehr." Peke Js Stimme ist sehr weich und angenehm, als hält er den Frühling darin gefangen, um immer den Winter eines anderen durchbrechen zu können.
Mein Herz schlägt wilde Saltos – oder fängt es schon zu donnern an? „Wirklich?", entgegne ich angespannt.
„Aha – das möchtest du aber trotzdem wissen!" Sein belustigter Blick trifft auf mich.
Ich schmolle innerlich, kann aber den Impuls nicht zurückhalten, ihm wie ein Kleinkind die Zunge herauszustrecken. „Ich finde es sehr wichtig zu hören, dass ich sie glücklich mache. Es motiviert mich dazu weiterzumachen."
Es zieht sich fortwährend in mir zusammen. Mir ist warm und kalt zugleich, was mich aufwühlt, und meine Gedanken sind wie ein Knoten, der sich immer fester zusammenzieht.
Er scheint keine Gewitter zu mögen, weshalb er sich auf einmal erhebt und darauf wartet, dass ich ihm folge. „Wieso?", fragt er währenddessen.
Von Anspannung und dunklen Wolken im Herzen geplagt höre ich auf den Instinkt, dem einzigen greifbaren Licht in diesem Moment nachzugehen – Peke J.
„Weil ich vergänglich geworden bin, Peke J. Sobald jemand nicht mehr ein fester Bestandteil ihres Lebens ist, fangen sie allmählich an, denjenigen zu vergessen."
Wir laufen die Regenrinne weiter, gehen ein Stockwerk tiefer und noch eines.
Er bleibt bei dem letzten Abschnitt zwischen Regenrinne und einer blauen Regentonne stehen. „Ich glaube nicht, dass sie dich vergessen können, Saejin. Niemals. Du gibst zu viel, weißt du das eigentlich?" Sein Blick ist nicht lesbar, ich kann mich nur auf die Sorgsamkeit in seiner Frühlingsstimme verlassen. Er spricht mit mir so zartfühlend wie mit einem kümmerlichen Gänseblümchen, das es nicht schafft, die harte Eisschicht einzubrechen.
Ich sehe ihn nervös an. „Klar weiß ich das. Es ist meine größte Schwäche."
Wenn es die Eisschicht nicht einschlägt, wird es für dieses schwächelnde Gänseblümchen keinen Frühling mehr geben.
Seine Stimme sinkt eine Oktave tiefer, als er die nächsten Wörter wispert. „Vielleicht musst du mehr dafür geben, dich auf dein Leben zu konzentrieren. Die Zeit, die dir noch bleibt."
Das Gewitter ist da. Es donnert und rumpelt in meiner kleinen Brust, dass mich die nackte Angst packt.
„Warum?", säusle ich und kann spüren, wie die fröstelnde Kälte des Winters mich packt. Es erstaunt mich, wie ich mich noch auf der dünnen Regenrinne halten kann. Sie zittert, ich zittere – im Grunde müsste sie bei dem Gewicht in meiner Brust schon längst zusammenbrechen. Oder vielmehr ich.
Peke J starrt mich mit traurigen Halbmondbernsteinen an. „Es gibt Dinge, die können wir spüren und ihr nicht sehen."
„Was denn?", frage ich tapfer nach und konzentriere mich auf das schwache Leuchten in seinen Augen.
„Ich spüre es, wenn ein Mensch einen anderen liebt." Da ist kein hörbares Lächeln, keine Sorgsamkeit. Hundertprozent Kummer.
„Wie?"
„Blicke, Gerüche, aber ich weiß nicht, ob es das ist, Saejin", gesteht er mir leise und weicht meinem verwundeten Blick aus, als würde er meine Reaktion nicht sehen wollen.
Ein dicker Kloß in meinem Hals raubt mir die Luft. „Wie? Was soll das heißen?"
Er landet mit einem Versuch auf der blauen Tonne. „Es genügt nicht, nur ein Planet von vielen zu sein."
Sowie er das ausgesprochen hat, mit dieser tiefen und endgültigen Traurigkeit, hört es sich so an, als gäbe es für dieses Gänseblümchen tatsächlich keinen neuen Frühling mehr. Das möchte ich nicht glauben, ich möchte ihm nicht glauben. Schließlich ist er eine Katze und kann nicht wissen, wie es als Mensch ist, einen anderen zu lieben. Er weiß nur, wie es ist als Katze einen Menschen zu lieben; und das scheint erschreckenderweise die mächtigste Liebe von allen zu sein.
Der Donner und das Eis schlagen direkt in mein Herz ein. Ich könnte fallen, könnte stürzen, doch zum ersten Mal setze ich instinktiv meine Krallen ein und halte zweifelhaft mein Gleichgewicht. In meiner Brust fühlt es sich so an, als hätte der Donner und das Eis alle sicheren Gefühle darin gelockert, als wäre ihren Wurzeln nie stark genug dafür gewesen. Sie sind lose, irren haltlos darin herum, und meine ganze Hilflosigkeit verpasst mir den letzten Schubser in Richtung Elend.
„Musst du in Rätsel sprechen?" Ich bin enttäuscht. Von mir, von ihm, von dieser komischen Bedingung. Sie ist doch nicht einfach. Sie ist verdammt schwer. Das hätte ich mir schon denken können. Die Chance auf mein altes Leben würde mich mehr kosten, und vielleicht hat er Recht. Ich sollte mich mehr auf mein Leben konzentrieren, dann habe ich eventuell eine höhere Erfolgsrate. Aber wie? Was habe ich überhaupt für ein Leben? Die Welt ist vollkommen – doch mein Leben? Diese Frage verunsichert mich.
„Selbstverständlich. Ich bin eine Katze – und eins der größten Rätsel dieser Welt." Dann hüpft er von der blauen Tonne und verschwindet in den unbekannten Abzweigungen der Umgebung. Was ist das gerade gewesen? Das Gespräch zwischen Alice und der Grinsekatze? Weitergeholfen hat es mir nämlich nicht, es hat bloß für mehr Wirr-Warr in meinem Kopf gesorgt.
Was soll das heißen? Nur ein Planet von vielen zu sein? Anstelle mehr Antworten zu haben, habe ich noch mehr ungelöste Fragen im Kopf schwirren. Ich bin frustriert, mein Herz ist eingefroren und sticht, und ich würde so gerne den Deckel der Tonne wegschieben, hineinspringen und darin ertrinken. Aber das wäre absolut feige von mir. Das wäre nicht ich. Das wäre nur das, was meine Mitschüler mit jeden weiteren voranrückenden Tag sich wünschen. Doch es gibt da noch zwei andere Personen, die nicht so denken. Die mich brauchen, die ich so sehr in mein Herz geschlossen habe, dass der Gedanke an ihr strahlendes Lächeln ausreicht, um mich zu fangen.
Mir ist es egal, was Peke J gesagt hat. Ich klettere die Regenrinne zurück, zurück zu Chifuyus Zimmer, und schlängle mich durch die kleine Öffnung seines Fensters.
Mir ist es egal, ob Peke J es nicht spüren kann, weil ich kann es spüren. In meinem stürmischen Herzen, in dem sanften, gleichmäßigen Herzschlag des Blonden. Sie sind wie eine Komposition, die sich wie Rhythmus und Melodie gegenseitig stützen. Seine Liebe wird genügen, seine Liebe wird mich zurück an seine Seite bringen. Offensichtlich schläft er sehr fest, weil er nicht bemerkt, wie ich mich in seine Arme kuschle und meinen Kopf so an seine Brust lehne, dass ich der Komposition unserer Herzen zuhören kann. Ich mag kein Classic, doch dieses Stück ist umwerfend und magisch. Ich schließe die Augen, aber heute sind es meine Gedanken, die zu viel Lärm veranstalten.
Peke Js Worte fahren in mir Achterbahn. Hoch und herunter, ein Tempo, das nicht zu messen ist. Ich kann sie nicht halten, und ich möchte es so oder so nicht, denn ich hoffe dadurch hinter ihre wahre Bedeutung zu kommen.
Mir ist mein Leben egal, ist es schon immer gewesen, bis ich Keisuke und Chifuyu begegnet bin. Damit möchte ich nicht sagen, dass ich über Selbstmord nachdenke oder jemals darüber nachgedacht habe, ich verstehe nur nicht, was das Leben wirklich ist, oder wie man lebt. Niemand hat mir dabei geholfen, dieses Mysterium zu lösen. Was ist Leben? Was bedeutet es, zu leben? Ist das Leben zu träumen? Oder sind Träume zu leben? Meine Eltern haben mir von klein auf vorgegeben, wie ich zu leben habe – das Problem ist, dass ich seit dem Aufeinandertreffen der beiden Idioten angefangen habe, selbstständiger zu denken, mehr in mein Leben einzugreifen, doch ob ich das richtiggemacht habe, davon merke ich nichts. Kann man es überhaupt richtigmachen? Zu leben? Für das Leben gibt es schließlich keine Goldmedaille, nur ein Grab mit der Lebensdauer und dem eigenen Namen.
Statt das es gerade ausgeht, stellen sich mir immer mehr Stolpersterne in den Weg.
Ich habe wenige Entscheidungen in meinem Leben selber getroffen. Meine Eltern entschieden dafür, nach Japan zu ziehen. Sie entschieden sich für meine Schule, für die Uhrzeiten, wann ich etwas essen soll und wann nicht. Sie entschieden sich dafür, dass ich so über die anderen Mitschüler denke, dass sie mich nicht interessieren. Sie entschieden sich dafür, dass Keisuke ein schlechter Freund ist und Chifuyu wiederum ein guter. Schon bei dieser Entscheidung habe ich angefangen, Widerspruch zu leisten.
Meine Eltern verachten es, wie er die Rebellin in mir hervorlockt.
Wenn ich an Abenteuer denke, dann denke ich an Keisuke und dann schlägt mein Herz so stürmisch, so besessen nach Abenteuer, dass ich sofort mit ihm aufbrechen möchte. Er kennt sicher Orte in Tokio, die sonst niemand kennt und deren Geschichte, nach denen ich mich unverhofft sehne. Doch das größte Abenteuer bleibt er selbst. Ein wildes und packendes Abenteuer, welches in mir ein Verlangen nach etwas erweckt hat, das mir noch unklar ist. In einem dichten Nebel gefangen liegt, vor dem ich mich fürchte, weil ich nicht weiß, was mich dahinter erwartet. Ist es zu leben, wenn man Risikos eingeht? Wie dieses? Wie Baji mit den flammenden Kupfertupfen in seinen Augen?
Wenn ich an Sonnenlicht und eine gerade Struktur denke, dann denke ich an Chifuyu und habe weniger Angst. Weniger Angst davor, etwas Riskantes zu tun, das ich später bereuen könnte. Wenn ich bei ihm bin, schwinde ich in eine bekannte Umgebung, welche mir Geborgenheit und Ruhe bietet, denn da ist alles üblich, simple und vertraut. In dieser Struktur zu sein gibt mir Sicherheit, beruhigt mich und meine Eltern ihre Vorgaben, und vielleicht habe ich es meinen Eltern und ihrer Entscheidungssucht zu verdanken, dass ich nicht über Schatten springen kann, aber es so furchtbar gerne möchte.
Abenteuer erleben.
Risikos eingehen.
Wieso kann ich das nicht? Und wieso habe ich es mir eingeredet, mit Keisuke all diese Dinge tun zu können? Als würde er mich furchtlos machen, als wäre er der Schlüssel zum Leben.
Was hat mich dazu gebracht, damit aufzuhören?
Wird er mir sehr böse sein, wenn ich heute Abend lieber in meiner vertrauten Struktur verweile?
*
„Ich habe wirklich lange auf mich warten lassen, oder nicht, Saejin? Aber nun, wo ich hier bin, verstehe ich auch, warum ich mich geweigert habe. Das hier bist nicht du. Diese Schläuche sind nicht dein Atem, dieses Piepsen ist nicht dein richtiger Herzschlag... Alles, was mir von dir bleibt, ist das hier."
„Es ist dein Geburtstagsgeschenk. Ich habe über ein Jahr dafür gespart, weil ich dir etwas geben möchte, dass du immer bei dir tragen kannst. Bei deinen Eltern weiß man ja nicht, ob sie am nächsten Morgen mit dir einfach verschwunden sind.."
„Es sieht nicht nach viel aus, aber für mich ist es alles. Erinnerst du dich noch an die Notiz in deinem Manga? Du hast mich der Held deiner Welt genannt. Das hat mich irgendwie... berührt. Das Geschenk hier... Das gehört zu meiner Welt."
„Ich werde sie für dich tragen, bis du wieder zu mir zurückkommen wirst."
„Was ich dir noch erzählen muss, Saejin, du hast der Katze wirklich das Leben gerettet. Sie lebt – bei mir. Meine Mom ist nicht so begeistert davon, aber das interessiert mich nicht."
„Ich wollte dir noch sagen, dass ich dasselbe getan hätte, wäre ich an deiner Stelle gewesen."
„Ist es.. ist es okay, wenn ich deine Hand halte? Wahrscheinlich wäre dir jemand anderes lieber, doch ich möchte mir diese letzte Gelegenheit nicht entgehen lassen."
„Du bist sehr warm, Saejin. Das gefällt mir. Weißt du, dass du mir schon immer gefallen hast?"
„Wieso kann ich dir das alles nun so offen sagen? Weil ich plötzlich weiß, wie es ist, ohne dich zu sein? Weil ich genauso ein Idiot wie Chifuyu bin und doch ein zu großer Angsthase? Natürlich. Ich und ein Angsthase. Du würdest mich dafür auslachen. Oh man, Saejin, wieso lachst du nicht?"
„Scheiße. Ich habe es mir verbockt... All diese Gelegenheiten mit dir, die ich nicht wahrgenommen habe, weil du mich so angeschaut hast wie ein Teufel. Bin ich das etwa für dich? Ein Teufel? Du magst es nicht vielleicht hören, aber ich will nur eines für dich sein: der Held deiner Welt."
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