the undying pain inside us.
Als ich mir mit 4 Jahren das Knie so sehr aufgeschürft habe, dass es genäht werden hat müssen, habe ich gedacht, dieser höllischer Schmerz wäre der schlimmste von allen. Ich fürchtete mich davor, mich nochmals so zu verletzen und achtete mehr auf mein Gleichgewicht. Als Kind habe ich geglaubt, der größte Schmerz könnte man nur sich selbst zu fügen, wenn man nicht genügend auf sich achtet.
Aber umso älter ich geworden bin, bin ich immer mehr den wahren Höllenschmerz begegnet: der seelische. Wenn wir älter werden, weinen wir nicht länger darüber, wenn wir uns das Knie aufschürfen oder den Kopf anstoßen, schließlich hält dieser nur kurz an und vergeht mit der Zeit. Wir haben das besänftigende Gewissen, dass er von Ärzten behandelt werden kann.
Doch die seelische Variante meistens nicht.
Die traurige Wahrheit ist, dass seelischer Pein nicht genäht werden kann; dass ein gebrochenes Herz durch Gips nicht wieder zusammenwächst und dass wir keinen Organismus dafür besitzen, der unsere seelischen Wunden heilt. Er ist unvergänglich.
Wir selbst sind die einzigen, die uns helfen können. Gute Freunde, Familie... Sie können uns dabei unterstützen, letztendlich aber müssen wir mit diesen Schmerz umgehen und hoffen, dass man eines Tages stark genug dafür ist, sich den damit verbundenen Dämonen zu stellen.
Keisuke hat schon immer mit seinen eigenen Dämonen getanzt. Das Problem ist, er teilt sie mit niemanden. Er zeigt sie keinem. Seine dunkle Seite verbirgt er nicht nur vor mir, er verbirgt sie vor seinem ganzen Umfeld. Sowie er seinen seelischen Schmerz verheimlicht. Vor allen, nur nicht den Fremden, die er zusammenschlägt. Sie bekommen ihn zu spüren, aber das Herz ist ein Muskel und kein Knochen. Es kann nicht durch bloße Faustschläge gebrochen werden, der seelischer Schmerz, den er momentan empfinden muss, ist einzigartig und kann nicht geteilt werden.
Er sitzt vor Mikey und Draken auf kahlen Beton. Die Beine im Schneidersitz angewinkelt, sein Kinn stützt er an seiner geballten Faust ab. Sein schwarz-grau gestreiftes Shirt weist da und dort Risse und dunkle Flecken auf, die im Sonnenlicht rötlich schimmern. Seine Röhrenjeans ist am rechten Knie komplett aufgerissen, die seidenschwarze Haare sind in einem lockeren Zopf zusammengebunden. Einzelne Strähnen fallen über sein Gesicht ein, und dort sind sie überall zu erkennen.
Blutsprenkel – wie Sommersprossen. Auf seinen Wangen, Stirn und dem angeschwollenen Nasenrücken.
Er hat sich geschlägert. Mal wieder. Aber die Frustration darüber, dass der seelischer, unvergängliche Schmerz stetig steigt, steht ihm ins Gesicht geschrieben.
Seine Lippe ist an der Seite aufgeplatzt, seine Hände und Arme sind von Schrammen versehrt. Getrocknete Lebensflüssigkeiten haben feine Linien hinterlassen und sich mit Schweiß vermischt. Er ist angespannt, sein Bizeps pocht und die Venen stechen an seinen Unterarmen hervor, als wäre das Testosteron darin noch frisch und heiß pochend.
Seine Kupferfunken leuchten nicht, ein Schleier von Erschöpfung liegt darüber. Er starrt seine Gegenüber nicht an, sein Blick klebt an seiner anderen geöffneten Hand. In dieser liegt er, der Schlüssel. Seine Welt, seine Erinnerung an uns. Der Ausgangspunkt seines einzigartigen Schmerzens.
Sein Anblick zerreißt mir das Herz.
Ich möchte zu ihm, aber Chifuyu stellt seinen Fuß vor mich und überrumpelt mich für einen Moment damit. Mit einem mürrischen „Was soll das?" schaue ich zu ihm hoch und ahne zu verstehen, wieso er im Hintergrund bleibt. Dieses flackernde Sternenlicht seiner Gletscher ist hin- und hergerissen, aber da ist noch ein anderes stärkeres Gefühl und hält ihn zurück. Ein Gefühl, das einen Selbstkampf in ihm auslöst. Ein Gefühl von Verpflichtungen, die er gerade zutiefst bereut. Sie sind wie eine Felswand zwischen ihrer Freundschaft.
Ein Fuß schlittert über den Beton. Mikey mit den mittellangem blonden Haaren und dem wolkenweissen, lockeren Shirt bewegt sich.
„Du hast mein Vertrauen missbraucht, Baji", stößt er mit dieser Kontrolle in der Stimme an, die sich innerhalb eines Blinzeln in einen tosenden Sturm verwandeln kann. Er hat eine Autorität in seinem Ton, die mich daran erinnert, dass er die Sonne ihres Freundeskreist ist und sich alle um ihn herumdrehen. Nun scheint dieses Fundament bedroht zu sein. „Wie kannst du dich mit welchen von Valhalla prügeln, wenn du weißt, in welcher Krise wir uns befinden? Sie sind unser Feind, du könntest uns alle in Gefahr bringen!"
Das interessiert Keisuke nicht, zumindest zeigt er keine Reaktion darauf. Warum ist er plötzlich so... kalt gegenüber alle, die er immer mit seinen Leben beschützt? Ist das hier ein neuer Akt seines selbstlosen Dickkopfes?
Mikey geht einen Schritt auf ihn zu. Keine Regung.
„In der momentanen Situation können wir bei Toman einen Unruhestifter wie dich nicht gebrauchen. Wir müssen uns auf Halloween vorbereiten und du hast nur Blödsinn im Kopf, deshalb..." Er hält inne und wartet gespannt, ob er auf die angedeutete Verwarnung reagiert. Nichts. Er gibt ein gereiztes Zischen von sich und baut sich vor ihm auf. Seine Muskeln spannen sich auf die ungemütliche Art, und mir fällt dabei zum ersten Mal so richtig auf, dass nicht nur Keisuke in seinen jungen Jahren schon trainiert. Als wären ihre Raufereien mehr als bloß jugendliche Dummheiten. Als hätten sie eine bestimmte Tiefe, die mir nicht bekannt ist.
Er erhebt die Stimme wie ein grollender Donner. „Baji! Ab heute darfst du nicht mehr in die Nähe unseres Treffpunkts kommen. Du wirst an allen weiteren Besprechungen nicht mehr teilnehmen und du wirst nicht an Halloween an unserer Seite kämpfen. Sobald du wieder zur Vernunft gekommen bist, kannst du dich bei mir melden. Aber so lange befreie ich dich von all deinen Pflichten als Captain der ersten Division."
Pflichten? Ist es das, was auch Chifuyu zurückhält? Seine Pflicht als... Vize-Kommandant der ersten Division? Mikey hört sich abnormal ernst an. Ihr Freundeskreis ist nicht gewöhnlich. Mehr eine Familie, mehr ein gemeinsamer Zusammenhalt, der momentan seine eigenen Grenzen erfährt. Diese Feststellung beschwört ein Wirr-Warr in meinen Gedanken. Während mir die gespannte Atmosphäre den eigenen Sauerstoff stehlt, versuche ich nervös eine Spur dazu zu finden, in welches Spiel sich meine zwei besten Freunde verwickelt haben.
Falsche Freunde? Drogenhandel? Nicht eingehaltene Deals? Dieser Wirr-Warr ist so was von unpraktisch.
„Hast du mich verstanden?", versichert sich Mikey, nachdem Keisuke nicht aus seiner Rolle des schweigenden Lämmleins (eher Wolfes) schlüpft. „Hast du dir etwa den Schädel so sehr zertrümmern lassen, dass du schwerhörig geworden bist?" Er geht vor ihm in die Hocke und schaut ihn hitzig in die flackernden Kupferfunken. Sein Kopf neigt sich leicht zur Seite, Ungeduld kratzt an seinen Lippen und Nerven. „Was soll ich nur mit dir machen, Baji? Erst versuchst du mir die Idee auszureden, Kisaki nicht unsere Gang aufzunehmen, und jetzt muss ich von ihm erfahren, dass du dich mit Valhalla angelegt hast? Hinter meinem Rücken? Was geht in dir vor, mein Freund?"
Eine bestimmte Erinnerung kriecht aus ihrem Loch hervor wie eine Tatsache, die ich schon immer unterdrückt habe. Immer und immer wieder, sobald sie einen Schub nach oben bekommen hat, habe ich sie instinktiv in ihre Kammer der Unglaubwürdigkeit zurückgesteckt. Doch jetzt fange ich widerspenstig an, eins und eins zusammen zu zählen, und ich weiß zuerst nicht, was ich davon halten soll.
„Steh gefälligst auf, wenn er mit dir spricht!" Draken brüllt und giftet Keisuke so an, als wäre sein Verhalten unerwünscht. Er stellt sich neben den viel kleineren, seine Brust unter dem Tank-Top schwillt an. Die Arme verschränkend fährt er mit bissiger, dunkler Stimme fort: „Er ist dein Anführer. Du hast ihm Respekt zu zollen, auch wenn du ein Captain und Gründungsmitglied bist, Baji!"
Sind sie alle blind – oder bemerken sie nicht, dass er am Boden zerstört ist? Dass Keisukes Herz gebrochen ist? Bin ich etwa die einzige, die das erkennt? Wenn ich könnte, ich würde die zwei Jungs am liebsten anschnauzen und zurechtweisen, sie können doch nicht so mit ihm reden! Aufgeregt blicke ich zu Chifuyu hoch und lege meine ganze Hoffnung in seine treue Seele, dass wenigstens er das Wort erhebt – und sich für seinen besten Freund einsetzt.
Aber diese Pflichten... Sie nagen an ihm. Sein Gesicht ist sichtlich angespannt, doch wenn es wirklich stimmt, was sie damals in der Schule über die beiden erzählt haben, dann darf er sich nicht einmischen. Oder er wird aus der Gang geschmissen.
Mikey ist ihr Anführer, wenn ich es richtig verstanden und deute. Sein einflussreichendes Auftreten, dieses Selbstbewusstsein in seiner Haltung und dieser bohrende Blick seiner kalten Tintenaugen. Obgleich wir dieselbe Körpergröße haben, sind wir das komplette Gegenteil voneinander. Er strahlt eine Macht aus, die selbst in mir, einer Ausstehenden, eine gewisse Ehrfurcht auslöst. Aber anders als Keisuke und Chifuyu bleibt mir die Entscheidung, ob ich das zeigen möchte oder nicht.
Sie dafür müssen ihn respektieren, oder sie bekommen die Konsequenzen zu spüren.
„Möchtest du etwa aus der Gang fliegen?", hakt Draken aufmüpfig nach und seine Größe schlägt einen Schatten über Keisukes Gesicht. Der Junge mit dem Drachentattoo an der Seite ist geladen, der Konflikt zieht seine Ausmaße an.
Mein Mund fühlt sich trocken an, als ich es endlich in meinen vollkommenen Verstand einziehen lasse.
Sie gehören zu einer Gang. Das Wort schlucke ich in meinem Kopf mit meiner gesamten Galle hinunter, und es liegt unheimlich schwer im Magen. Ich bin so irrstirnig gewesen. Wieso habe ich es nicht viel früher hingenommen? Wieso habe ich es so lange in mir rumoren lassen? Es ist nicht schlimm, dass sie einer Gang angehören; es sind immer noch sie. Keisuke und Chifuyu. Doch es ist nicht von mir in Ordnung gewesen, diese Offensichtlichkeit zwanghaft verdrängt zuhaben. Als hätte ich das nicht gewollt. Aber möglicherweise habe ich befürchtet, dass, wenn sich tatsächlich herausstellt, sie wären Mitglieder einer Gang, meine Eltern würden mir endgültig den Kontakt zu ihnen verbieten. Es wäre der ideale Grund gewesen, aber mittlerweile habe ich verstanden, dass da nichts mehr zwischen uns stehen wird und kann.
Sie werden immer ein Teil meiner Welt sein. Sie werden immer zu mir gehören, und ich werde sie immer mit allem beschützen und trösten, was ich bieten kann. Wenn es sein muss, werde ich für uns kämpfen, egal, gegen was. Sie sind es mir wert. Die gemeinsamen Momente sind es wert. Ein gemeinsames Leben mit ihnen kann mich alles kosten, ich würde es niemals bereuen. Wenn sie am Ende bei mir sind und ein wahrhaftiges Lächeln in ihren hübschen Gesichtern strahlt, dann weiß ich, dass das etwas wie ein Happy End ist.
Ob Gangmitglieder hin oder her, sie sind meine besten Freunde. Sie bleiben dieselben Menschen genauso wie ich sie ins Herz geschlossen habe. Nach allem kann ich jetzt viel besser nachvollziehen, warum sie an manchen Tagen ausgesehen haben, als hätten sie einen Machtkampf hinter sich. Den hatten sie nämlich. Erleichtert darüber bin ich keineswegs, es vereinfacht mir lediglich vergangene Verhaltensweisen zu verstehen.
Allerdings wächst in mir gerade ein Groll gegenüber Mikey und Draken. Ich hätte die beiden anders eingeschätzt, mit mehr Verständnis für den Zustand ihres Freundes. Nur habe ich auch keine Ahnung über die Vorschriften oder Pflichten. Ich sehe das alles aus der Sicht einer Freundin, einer kleinen, weißen Katze; vielleicht hat der Schutz der Gang die höchste Priorität und vielleicht ist es besser, wenn Baji tatsächlich erstmal auf Abstand bleibt.
Sein Anblick gleicht einer tickenden Zeitbombe. Irgendwann wird er explodieren, so richtig, und keiner weiß, was dann mit seinem Umfeld passieren wird. Gute Dinge kann man von vorne herein ausschließen.
„Noch was?" Meine Ohren zucken, als seine samtig-gebrochene Stimme die Atmosphäre durchbricht. Er hat den Kopf in den Nacken gelegt, ein gleichgültiger Blick prägen seine müden Kupferfunken. „Oder verpisst ihr euch endlich?"
„Ich hau' dir gleich aufs Maul!" Drakens Nerven sind schon vorher geplatzt, daher scheint es hier niemand zu überraschen, dass er sich auf ihn stürzen möchte.
Doch der Anführer der Gang hat ihn noch rechtzeitig aufgehalten. Was er noch weniger möchte, ist, dass der Konflikt in ihren eigenen Reihen sich ausprägt. Schon jetzt bröckelt das Gestein ihres Fundaments, das sie vor langer Zeit erschaffen haben.
„Ken-chin." Mikey streckt den Arm aus und legt ihm die Hand wie ein Besänftigungsversuch auf die Schulter. „Lass das. Das wird nichts ändern."
„Nichts ändern?" Er knirscht mit den Zähnen und schüttelt fassungslos den Kopf. „Natürlich wird das etwas ändern. Vielleicht versteht er dann, dass er mit seinen Verhalten nicht weit kommt! Er benimmt sich schon seit Wochen so respektlos, allmählich kotzt es mich richtig an, dass er so einfach damit durchkommt!", lässt er seinen geballten Frust aus, ehe er Keisuke einen dunklen Blick zu wirft. „Was ist nur los mit dir, alter? Ist das alles wirklich wegen diesem Mädchen? Oder hast du einfach keinen Bock mehr auf uns? Komm schon, sei so ehrlich!"
Keisuke verengt seine Augen und umschließt den Schlüssel mit bebender Faust. Seine Knöchel sind angeschwollen, aber sein unbezwingbarer Kampfgeist pumpt ihn mit Adrenalin zu. Sein eigener Schmerz wird gezielt ausgeblendet. „Du willst dich prügeln, ja?" Plötzlich steht er mit einem Grinsen auf, das zwischen Wut und Belustigung zuckt. „Glaub mir, ich habe noch ausreichend Kraft in den Knochen, um dich fertigzumachen! Kein Problem, wenn du darauf stehst, dir deine Nase von mir brechen zulassen. Den Gefallen tue ich dir gerne." Wie eine symbolische Darstellung dafür prallen seine zwei Fäuste aufeinander, ein raues Lachen verlässt kratzig seine Kehle.
„Lasst diesen Scheiß!" Mikey geht einen Schritt von Draken weg, um sich zwischen die beiden Hitzköpfe zu stellen. Seine tiefschwarzen Augen wie endlose Tinte fixieren den Schwarzhaarigen. Eine kalte Warnung liegt wie ein tosender Sturm darin, die seine mächtige Gewalt als Anführer offenbart. Der Zorn der beiden friert augenblicklich ein. Das Kinn leicht nach oben geneigt redet er als Nächstes auf die zwei ein: „Mich interessiert es nicht, was der Grund für sein Verhalten ist. Aber er sollte wissen, was es für Konsequenzen mit sich bringt, sich so zu benehmen. Ich gedulde keine Schlägerei innerhalb Toman."
Damit wendet er sich an den Großen mit dem Drachentattoo. „Das gilt auch für dich, Draken. Ich schätze es sehr, dass du dich so für Toman einsetzt, aber ich kenne Baji am besten von uns allen. Wenn er die Laune dazu hat, verprügelt er jeden, der in sein Blickfeld gerät. Das hat sich bis heute nicht geändert." Kurz leuchtet etwas in seiner tobenden Tinte auf, ein kleines Irrlicht wie eine vergessene Kindheitserinnerung flimmert sie, aber eine Kälte, die ihn von innen heraus überragt, schmettert sie sofort nieder. Sein Blick fährt zu Baji zurück.
In seinen nächsten Worten ist klar, dass er nicht als ein Freund zu ihm spricht. Diese Härte entspricht der eines erbarmungslosen Anführers. „Wir sind immer für dich da. Wir bieten dir immer einen Platz, wo du alles herauslassen kannst. Aber du hast dich gegen meine Entscheidung ausgesprochen, deine Pflichten vernachlässigt und das Leben aller riskiert, als Anführer muss ich dich dafür bestrafen. Nutz deine neue freie Zeit, um dir nochmal klarzumachen, dass du zu mir gehörst und Toman dein Leben verpflichtet hast. Solche Ausrutscher dürfen nicht nochmal passieren."
Sie sind immer noch blind genug, um nicht zu sehen, was in ihrem Freund wirklich vorgeht. Oder welchen Qualen er zu durchleben hat. Seine Ansprache reicht mir. Chifuyu zuckt neben mir erschrocken, als ihn auf den Fuß springe und nach vorne presche. Der Kampf gegen seine Verpflichtungen hat ihn gänzlich aus der Realität gezogen. Meine flüchtige Berührung hat genügt, damit er wenigstens wieder im Hier und Jetzt ist. Unterstützung werde ich keine von ihm erhalten, erwarte auch nicht, denn mir wird bewusst, dass die einzige, die noch etwas tun kann, ich bin. Weil ich frei bin, eine Ausstehende ohne Verpflichtungen, weil ich auf mein Herz hören kann und nichts befürchten muss.
Also stelle ich mich vor Keisuke und widme Mikey den boshaftesten Blick, der mir als Katze mühelos gelingt.
„Was bist du für ein Anführer, wenn du nicht sehen kannst, wie sehr eines deiner Mitglieder leidet? Wie kannst du dich als Anführer bezeichnen, wenn du das Wohl deiner eigenen Mitglieder nicht als Priorität siehst?" Er wird mich nicht verstehen, doch es ändert nichts an dem befreienden Gefühl, es ihm trotzdem zu zeigen. Ich habe mal gehört, dass die Blicke einer Katze töten können. Im übertragenen Sinn natürlich. Umbringen möchte ich ihn nicht, aber er sollte das Gespür dafür bekommen, dass er als Ganganführer noch einiges zu lernen hat; dass es manchmal nicht schadet, sich von Pflichten zu lösen, um das in seinen Mitgliedern zu sehen, was sie wirklich sind: Freunde. Freunde mit Gefühlen.
„Vielleicht solltest du dir mal die Zeit nehmen und nach deinen Freunden schauen. Wo bist du die letzten Wochen gewesen? Du erwartest von ihnen, dass sie immer gleich zur Stelle sind, wenn du sie rufst – aber selber scheinst du unerreichbar zu sein. Für mich bist du kein guter Anführer. Für mich bist du ein Beispiel dafür, wie man kein Anführer ist!" Meine Haare stellen sich wie von selbst auf, als ich ein drohendes Fauchen von mir gebe und die Zähne blecke.
„Eine Katze?" Mikey hebt die Brauen hoch und nichts in seiner harten Mimik wirkt sonderlich beeindruckt von meinen Drohungen. Das treibt meinen Groll an.
Als Katze bin ich viel kleiner, aber mir bieten sich noch viel mehr Möglichkeiten, um meine Wut herauszulassen. Zum Beispiel kann ich mich um sein Schienbein klammern und dort mit meinen spitzen Eckzähnen hineinbeißen, um ihn deutlich zu machen, was ich von ihm als Anführer halte. Und zwar nichts. „Du kannst froh sein, dass du überhaupt jemand wie Keisuke in deiner Gang hast! Er würde nicht zögern, sich für einen von euch vor ein Auto zu werfen, um euch zu schützen!"
Aber als kleine Katze bleibe ich auch immer schwächer als ein Mensch. Jemand schlingt seine beiden Hände um mich und zieht mich gegen meinen Willen von ihm weg. Fauchend strauchle ich wie verrückt mit den Pfoten um mich und lasse wie ein Schutz meine Krallen draußen, doch es bringt nichts. Er ist stärker als ich.
„An deiner Stelle würde ich das lassen", sagt der blonde Anführer fast schon amüsiert.
„Lass mich los! Ich will dir Idiot die Meinung geigen!", fauche ich empört und gebe noch nicht auf. So einfach lasse ich mich nicht von meinem Vorhaben abbringen. Im nächsten Augenblick ramme ich meine spitzen Eckzähne in die Hände, die mich daraufhin mit einem lauten „Aua!" zu Boden plumpsen lassen. Reflexartig richte ich mich auf und möchte mich schon ein zweites Mal auf ihn stürzen, als mich diesmal ein anderes Paar Hände zurückhält. Eines, das mir so sehr vertraut ist, dass ich mich in der Bewegung versteife.
„Ganz ruhig, kleine Saejin", flüstert er beruhigend auf mich ein und zieht mich vorsichtig an seine Brust heran, dann legt er seine Hand über meinen Kopf. Er fängt an, mit seinem Daumen kleine Kreise auf meiner Stirn zu malen. Kleine Kreise von Zärtlichkeit und Sorge, die mich auf so eine unverwechselbare innige Weise berühren, dass mein Groll mit einem Mal abdampft. Als hätte er mir die Tür zu meinem Zuhause geöffnet, und nun bin ich wieder da. Bin wieder bei ihm. Genau da, wo ich hingehöre.
„Keisuke..", fange ich zu schnurren an und schmiege meine Wange gegen ihn, um wohltuend seinen vertrauten Duft einzuatmen, „ich wollte dich nur in Schutz nehmen. Er darf nicht so mit dir reden! Niemand darf das."
„Bist du dir sicher, dass das kein Pitbull ist?" Draken steht neben Mikey und mustert mit runzelnder Stirn, wie er an der Stelle nuckelt, wo ich ihn gebissen habe. Bei meinem Biss habe ich mich nicht zurückgehalten, er sollte seine eigene Blindheit spüren. „Ich habe eine Katze noch nie so erlebt."
„Ich auch nicht", murmelt Mikey und lässt von seiner Hand los, bevor sich ein schwaches Lächeln auf seine Lippen schleicht. „Es scheint mir so, als ich hätte sie ziemlich verärgert. Ich glaube, du hast einen kleinen Schutzengel bekommen, Baji-san." Offenbar habe ich es geschafft. Die Atmosphäre zwischen ihnen ist völlig anders als davor, lockerer; vertrauter. Die Freundschaft zwischen ihnen siegt gerade über die Verpflichtungen und Regeln einer Gang. Als hätten sich die Sonnenstrahlen ihrer Freundschaft ihren Weg durch die dunklen Wolken gebannt.
Ich blicke den Blonden an und neige so arrogant wie Katzen sein können den Kopf in die Höhe, das Fell etwas aufgeplustert vor Stolz. „Ja, ich bin sein Schutzengel." Wäre ich in der Gestalt eines Lamas, hätte ich ihn voraussichtlich zum Abschluss noch ins Gesicht gespuckt. Dieses Arschloch sollte mich fürchten!
Keisuke erwidert nichts, hört aber nicht damit auf, mich an sich gedrückt zuhalten, als hätte er genau das gebraucht. Mich als sein Halt.
„Hast du mal kontrollieren lassen, ob sie keine Tollwut hat?", fragt Draken nach und seine dunklen Augen gleiten argwöhnisch über mein Antlitz. „Ich kenne mich nicht viel mit Katzen aus, aber die sabbert wie ein Hund aus dem Mund."
„Pass auf, was du sagst! Ich habe scharfe Krallen, die können bestimmt die ein oder andere Vene aufschlitzen!", knurre ich aus der Brust heraus und Keisuke befestigt seinen Griff um mich, als möchte er sichergehen, dass ich ihm nicht nochmal entwischen kann.
Unbeeindruckt hebt der andere die Augenbrauen an, und mein Herz flattert wild bei den leichten Ansätzen eines Grinsens von ihm. Wie ein kleines Mädchen zeige ich ihm die Zunge und setze den besten Tötungsblick einer Katze auf, der sich mir bietet.
„Sei froh, dass ich Baji nicht verletzen möchte, sonst würde mich nichts aufhalten können, um dir dieses dumme Grinsen wegzukratzen!"
„Lass uns gehen, Ken-chin." Mikeys Tintenaugen weichen nicht von mir. Etwas regt sich in ihnen, aber ich kann nicht wirklich erkennen, was ich mit meinem Angriff bewirkt habe. Jedenfalls habe ich es geschafft, dass er damit aufhört, Keisuke noch weiter zu brechen. „Ich habe schrecklichen Hunger. Komm schon, lass uns was essengehen." Er wendet sich ab, verstaut die Hände in den Hosentaschen und geht ohne Rückmeldung zu den Motorrädern. Obwohl Chifuyu direkt danebensteht, schaut er ihn nur kurz an, aber sagt nichts. Der Vize-Kommandant der ersten Division hingegen verliert jegliche gesunde Farbe aus dem Gesicht und verbeugt sich.
Als Draken einen Schritt auf Baji zu geht, hat er aber sogleich meine Aufmerksamkeit bei sich.
Noch ein Schritt näher und ich könnte ihn die Nase zerkratzen!
„Ich warne dich", schnaubt er mit kehliger, drohender Stimme und die Verachtung in seinem Blick macht es mir nicht einfach, mich zurückzuhalten, „wenn du nochmal so einen Scheiß verzapft, werde ich mich nicht zurückhalten. Valhalla werden ihre gerechte Strafe erhalten, aber du kannst dich nicht alleine dafür rächen, was sie ihr angetan haben." Plötzlich ist da dieses Verständnis da, dieser winselnde Schmerz, als könnte er sich vorstellen, wie es seinem Gegenüber ergehen muss. Und das ist für ihn selbst ein unvorstellbares Leiden. „Wenn ich mir vorstelle, es wäre Emma gewesen, hätte ich vermutlich genauso reagiert. Aber wir wissen nicht, ob es bloß Zufall gewesen ist oder nicht,– doch, du kannst dich auf uns verlassen. Wir werden es an Halloween herausfinden. Solange musst du dich zusammenreißen, Baji. Mikey hat Angst um dich. Wir alle haben das."
Er schweigt, doch seine Finger bohren sich krampfartig in mein Fell.
„Du kannst nicht immer alles im Alleingang schaffen. Irgendwann bringt dich das noch um." Mit diesem Schlusssatz wendet er sich von ihm ab und steigt mit Mikey auf ihre Motorräder auf. Sein Blick bleibt derselbe. Ein Flehen, ein schrecklich verzweifelndes Flehen, und da ist noch diese Furcht. Die Furcht um einer seiner engsten Freunde.
Dann fahren sie fort.
Chifuyu richtet sich sofort auf und eilt zu uns hinüber.
„Es tut mir leid", entschuldigt er sich und verzieht seine Gletscher vor Reue, das Licht darin hat genauso angehalten wie die Zeit um mich herum, „ich habe sie nicht aufhalten können. Sie ist einfach losgerannt." Vor lauter schnellen Reden muss er Luft holen, um sich zu zügeln. Als wäre es überhaupt kein leichter Kampf gegen sich selbst gewesen, als wäre er kurz davor gewesen, sich von Regeln und Verpflichtungen zu verabschieden, um seinen besten Freund zu schützen, und diese Erkenntnis schockiert ihn noch jetzt. „Du hast dich mit Valhalla-Mitgliedern geschlagen? Warum? Du siehst echt beschissen aus, mann."
Keisuke kehrt ihm den Rücken zu und beißt die Zähne zusammen. „Der Typ, der Saejin ins Koma gefahren hat, gehört zu Valhalla."
Das will ich nicht hören. Sie sollen nicht darüber nicht sprechen. Bitte nicht. Ich will nichts davon wissen. Es soll dabei bleiben, dass ich einer Katze das Leben gerettet habe und nicht nur irgendeine Katze, sondern Peke Js bessere Hälfte. Nicht nur mir ist bewusst, dass wir uns gerade auf einem unheimlich dünnen Eis befinden. Sollte sich tatsächlich herausstellen, ich wäre ins das Visier einer feindlichen Gang geraten, dann bricht nicht einfach Keisukes Welt zusammen. Er würde unerreichbar für mich werden.
„Was?" Der Blonde hört sich so erstickend an, als wüsste er nicht, ob er lieber weinen oder schreien soll. „Woher... woher weißt du das?"
„Ein guter Freund hat es mir erzählt." Er klammert sich fester um mich, und ich befürchte mit schwerem Herzen, es ist so weit. Er hat seine eigene Grenze überschritten. Er wird zusammenbrechen. Demnächst. „Der Penner ist an dem Abend so zu gewesen, dass er eigentlich hätte nicht fahren können. Seine Kumpels haben wohl noch versucht, ihm vom Fahren abzuhalten, aber er hat sich nicht davon abbringen lassen. Hätten sie sich mehr darum bemüht, dann..." Er stockt und hat sich bereits die Unterlippe blutig gebissen. „Ich habe ihm die Fresse poliert. Er hat sich tausend Mal bei mir entschuldigt, aber ich konnte nicht aufhören. Ich habe es mir immer wieder vorgestellt. Diese Schmerzen, die sie seinetwegen hat durchleben müssen. Ihr ungeduldiger Blick, während sie auf uns gewartet hat. Ihr Lachen. Und dann ihr wunderschönes, unschuldiges Gesicht wie es sich durch ihr eigenes Blut rotgefärbt hat. Diese schrecklichen Bilder von ihr im Krankenhaus, wie sie von Schläuchen und anderen Geräten am Leben erhalten wird. Das hat mich wahnsinnig gemacht. Ich konnte mich nicht zurückhalten. Andere Mitglieder haben mich noch gerade so zurückhalten können, ich hätte den Kerl beinahe noch umgebracht."
„Wieso... Wieso hast du mir nichts gesagt?", fragt Chifuyu leise, die Sterne sind kurz davor, seinen Gletscher zu durchbrechen. „Ich hätte..."
„Was hätte ich dir denn sagen sollen?", erwidert er mit einer Stimme so leer wie unsere Herzen, so einsam und verlassen wie sein Universum, in dem die Sonne fehlt, „wir können nicht in die Vergangenheit reisen und sie retten. Das ist Wunschdenken. Überhaupt ist es von mir Wunschdenken gewesen zu glauben, ich könnte sie vor allem in dieser Welt beschützen. Damit habe ich nicht nur sie belogen, sondern auch mich selbst."
„Du hättest mir wenigstens sagen können, was du vorhast, Baji-san! Oder wie es dir geht!", murmelt der andere angeknackst und schnieft. Auch er schreitet über sein Limit heraus.
„Wie es mir geht?" Keisuke lacht verbittert auf, und es reißt mir das Herz nur noch mehr auf, zu beobachten, wie er langsam in sich zusammenfällt. „Es hat niemand zu interessieren, wie es mir geht. Sie ist die einzige Ausnahme gewesen. Hast du es etwa vergessen? Du hast es mir doch wie ein Verrückter aus der Nase gezogen!" Er fährt zu ihm herum, und da sind sie, die Vorzeichen seines Zusammenbruchs. Stumme Tränen schlängeln sich über seine Schrammen und Kratzer. „Ich liebe sie...", flüstert er schöne Worte, die nicht zu seinem gebrochenem Samt passen.
Mein holpriger Herzschlag hält an.
Er hat es gesagt. Er hat es wirklich gesagt.
Er... liebt mich.
„Aber jemand zu lieben, der nicht da ist und die Möglichkeit besteht, dass er das nie wieder tun wird, ist wie Sterben im wachen Zustand. Du fühlst alles. Den Schmerz, der dich mit jeden Tag mehr zerreißt. Diese Müdigkeit, die du in allen Knochen und Gliedern spürst, aber vor allem in deinem kaputten Herzen. Dein eigener Kopf macht dich krank, weil du immer diese Bilder siehst, wie du sie nicht in Erinnerung behalten möchtest. Du glaubst, zu sterben – aber das grausame daran ist, es gibt kein Licht am Ende dieses Tunnels. Bloß eine Dunkelheit, weil das Licht mit ihr zusammen verschwindet. Und dagegen kannst du einfach nichts machen."
Er hält sich mit dem letzten bisschen seiner flackernden Flamme auf den Beinen, seine Hände pressen mich an ihn wie seine zusammenhaltende Schwerkraft.
„So geht es mir, Chifuyu. Beschissen. Weder schlafen noch essen kann ich gescheit, weil ich ständig auf diesen Anruf warte wie ein verdammter Verurteilter auf den Galgen. Ohne sie komme ich mir wie ein Wahnsinniger ohne Kontrolle und Verstand vor, und ich kann es nicht fassen, dass ich das nicht viel früher schon bemerkt habe."
Es regnet ein zweites Mal an diesem sonnenhaften Tag. Herzen sind gebrochen, doch, als würde es die Welt signalisieren wollen, ist noch nicht alle Hoffnung verloren. Manchmal müssen wir fallen, härter als wir ertragen können, aber sobald wir wieder aufstehen, sind wir stärker als zuvor. Seelischer Pein ist der schwerste von allen, er ist aber auch der einzige, der unser Herz zu einem unbesiegbaren Krieger macht.
Chifuyu schwankt auf ihn zu und zieht sorgfältig aus seinem Shirt meinen Manga heraus. „Es macht mich auch fertig, dass es stimmt", lächelt er niedergeschlagen, „dass man erst bemerkt, was man verloren hat, wenn es schon zu spät ist. Aber..." Nun reicht er ihm den Manga, seine Gletscher reflektieren das Sonnenlicht und die darin gefangene Hoffnung. Und noch etwas: die Versicherung, dass es sich zu guten wenden wird. „Aber vielleicht müssen wir Saejin dabei helfen, aufzuwachen. Vielleicht müssen wir für sie zum Licht ihres Tunnels werden, damit sie zu uns zurückkehren kann."
Dieser Gedanke ist schön. Wenn es wirklich nur so einfach wäre...
Keisuke blickt ihn direkt an. Hier und dort ziehen seine Kupferfunken sein Sonnenlicht ein, und mein Atem stockt für einen Augenblick. Es knistert in meiner und seiner Brust, so voller Leidenschaft und einem Feuer, das aus den Tiefen seines Schmerzes aufsteigt. Ein Feuer voller stürmischer Gefühle. Da ist sie in seinen Augen, die lodernde Flamme unserer gemeinsamen Liebe. Sie ist zurückkehrt. Zurück in sein Herz, wo sie uns miteinander verbindet wie das Licht in unserem Zuhause.
„Ich versuche es schon", gesteht er ihm mit rauchigem Samt und öffnet seine Hand vor mir, um uns den Schlüssel darin zu zeigen wie eine Geste dafür, dass er nun sein Herz offenlegt, „doch ich weiß nicht, ob es wirklich das ist, was sie möchte und ob es genug ist. Ich bin schließlich kein blinder Idiot, ich weiß, dass sie in dich verliebt ist." Seine Schultern klappen ein und das Gewicht einer unerwiderten Liebe rückt in den Vordergrund, bringt die Flamme in seinen Kupferfunken zum Flackern.
Chifuyu ist ihn in einer Sache voraus: Er hat schon früh gelernt, dass seelischer Schmerz nicht für immer sein muss. Man muss nur etwas Schönes darin finden.
„Das ist sie nicht." Mit diesen Worten sammelt er seinen ganzen Mut zusammen und drückt ihn den Manga in die Hand. Der andere ist davon überrascht, aber kann seiner Neugierde nicht widerstehen und nimmt ihn das Bündel ab. Als seine Kupferfunken auf das Cover treffen, splittern sie auf und das Feuer darin erhellt die letzten Ecken unseres Zuhauses. „Du bist ihr Held, Baji. Der Held ihres Herzens. Schon von Anfang an", offenbart ihn sein bester Freund und Tränen liebkosen die Winkel seines weichen Lächeln. „Das steht hier alles drin, mein Freund. Sie hat in den letzten Monaten einen Manga über uns verfasst. Am Ende gesteht sie ihm ihre Gefühle, und damit meint sie keinen anderen als dich. Saejin liebt dich auch, Baji-san."
Keisuke fängt meinen tiefen Blick auf, als würde er mich vorsichtig fragen: Stimmt es? Du liebst mich auch?
Und ich antworte mit wilden Herzflattern, während ich mich mit den Vorderpfoten auf seiner Brust abstütze und meine feuchte Nase gegen die Spitze seiner lehne: „Ja, es ist wahr. Ich liebe dich, Keisuke Baji. Schon immer. Mit dir möchte ich die Unendlichkeit des Universums durchleben, denn für mich bist du genug. Du bist mehr als das, Keisuke. Du bist der Held meiner Welt, meines Herzens. Und daran wird sich nichts ändern, ganz gleich, was kommen wird. Ich werde in dir immer meinen Helden sehen, dem ich mein Herz geschenkt habe."
Als würde er meine Berührung in sich aufnehmen, schließt er die Augen, und ich kann es spüren, wie er gerade dasselbe sieht und fühlt wie ich wie ein Zeichen der Verbundenheit unserer Herzen. Wir reisen zu einem anderen Platz; ein Platz, der sich am Rande des Mondes befindet. Dort, wo wir glauben, so nah sein zu können, dass zwischen uns keine Barriere liegt.
An diesem fernen Platz sind es meine Hände, die seinen Kopf sachte aufstützen. Seine Stirn lehnt gegen meine. Vereinzelnde Strähnen seiner schwarzen, zerzausten Haaren kitzeln mich an den Wangen, aber ich möchte und kann mich nicht von ihm lösen. An diesem fernen Platz bin ich es, sein Mädchen mit den sonnengelben Augen, die mit ihm gemeinsam ein nie ausgehendes Feuer erschaffen hat.
An diesem fernen Platz ist es still. Nur der Klang seines Herzens ist zu vernehmen. Laut und polternd, als würde er sehnsüchtig nach jemand rufen. Ich schlage die Lider auf und seine glühenden Kupferfunken wandern tief in mich, als kenne er den direkten Weg in mein Herz. Natürlich kennt er ihn. Er ist schließlich mein Universum und ich bin die Schwerkraft, die uns zusammenhält. Wir haben die Bedeutung von „Du und ich, gegen den Rest der Welt" nicht vergessen, weil hier an diesem fernen Platz sind es lediglich wir zwei. Wir werden es immer bleiben. Das Feuer in unseren Herzen ist immer noch da. In seinem zuneigungsvollen Blick, in seinen leuchtenden Kupferfunken und in seinem schlagenden Herzen erfüllt von Wildheit und Mut. Sie ist noch da. Sie ist nie erloschen. Sie hat sich nur bis zu diesem einem Augenblick vor meinen eigenen Augen versteckt wie ein Geheimnis, das er nur an diesem Platz mit mir teilen möchte.
Unzählige Sterne unseres Universums tanzen um uns herum, und sie sind ein schimmerndes Meer von Momenten und Erinnerungen, die wir bereits erlebt haben oder noch erleben werden, weil wir bereit dazu sind, unser Alles zu opfern, um zusammen zu einem Gesamten zu werden. Wir sind bereit dazu, unsere Geschichten und Schicksale miteinander zu vereinen. Zukünftige und vergangene Schicksale, sie alle gehören zu unserem Sternenmeer.
Ich hebe meine Hand und streiche ihm zärtlich über die Wange, um die letzten Tränen fort zu wischen. „Ich werde zu dir zurückkehren, Keisuke, das verspreche ich dir", flüstere ich mit heiser Stimme, bevor ich meine Hand gegen seine Brust lege, weil ich mich so sehr nach ihr sehne. Die lodernde Flamme unserer Liebe. Als ich nicht enttäuscht werde, bekomme ich selbst Tränen in den Augen, weil ich noch nie so glücklich gewesen bin wie in diesem Moment. „Du musst stark bleiben. Für uns beide. Bitte", flehe ich darum.
„Ich...", versucht er zu erwidern, aber er macht den Eindruck, als wäre verunsichert, ob das Realität ist oder nicht. Und ich kann es ihm nicht beantworten, weil ich es auch nicht weiß, aber selbst wenn es nur ein Traum ist, ist er wunderschön. Keisuke und das Sternenmeer sind wunderschön. Er muss denselben Gedanken haben, denn dann beugt er sich zu mir zurück und vergräbt seine Nasenspitze an meinem Haarscheitel. Seine Arme schieben mich an ihn, als würde er versuchen, mich zurück in seine Welt zu rücken wie ein fehlendes Gegenstück, das ihn ergänzt. Er wispert leise meinen Namen, aber dieses Wispern sickert tief in mich hinein und verknüpft mich mit etwas. Es ist stark, überwältigend. Kaum zu beschreiben. Doch fühlbar an der richtigen Stelle.
„Baji-san!" Chifuyus Schrei holt mich zurück.
Entsetzt stelle ich fest, dass Keisuke auf die Knie gefallen ist, mich gemeinsam mit dem Manga zitternd an sich gedrückt hält. „Ich...", kämpft er mit Worten und bemüht sich darum, nicht einzuknicken, „mir geht es gut. Aber ich befürchte, dass diese Eisenstange wirklich etwas in meinen Schädel zertrümmert hat. Diese feigen Wichser. Ich bekomme scheiß Halluzinationen."
Sein bester Freund kniet sich vor ihm und begutachtet ihn besorgt. „Halluzinationen ?", fragt er ihn aufgelöst. Wie benommen hebe ich den Blick an, aber da sind plötzlich diese pochenden Kopfschmerzen. Sie nehmen anhaltend zu, wie ein Druck, der langsam in meinem Schädel steigt. Die Sterne unseres Univerums hören nicht auf sich um mich zu drehen wie in einem Kreisel.
Keisuke drückt mich von sich und sieht mich so an, als wäre er einem Geist begegnet. „Sie war eben bei mir. Saejin.. Ich habe sie vor meinen Augen gesehen. Und sie hat zu mir gesprochen! Ihre Stimme... klang so echt. Fast so, als wäre sie es wirklich gewesen. Diese Valhalla Bastarde haben mich echt hart getroffen."
Das Licht um mich herum wird eigenartig fleckig. So schwarz. Am liebsten möchte ich schlafen, die Augen schließen, mich diesem Druck hingeben, aber andererseits möchte ich wach sein. Bei ihnen bleiben. Für sie da sein.
„Was hat sie gesagt?", höre ich Chifuyus weiche Stimme in Aufwühlung, und ich bin mir sicher, dass er neben mir ist, obwohl er so klingt, als wäre er unendlich weit entfernt von mir.
Aus Verzweiflung greife ich in die Ferne, aber da ist kein Widerstand. Da ist nichts. Dieses Nichts, das mich schon einmal zu sich geholt hat. Wird es mich diesmal bei sich behalten?
„Sie hat mich darum gebeten, stark zu bleiben", antwortet er ihm und schluckt. „Für uns soll ich stark bleiben." Er scheint zurückzukehren, aber ich...
„Hey, mann, du wirst immer käsiger. Wir sollten ins Krankenhaus. Jetzt gleich."
Wieso gehen sie weg von mir? Warum lassen sie mich in dieser Dunkelheit zurück? Was passiert mit mir? „Hey, kleine Saejin, was ist los?" Endlich fällt es ihm auf, dass mich etwas von ihm zieht, gegen das ich einfach zu schwach bin.
Ich bin müde. So scheußlich müde. Mein Körper braucht Ruhe, mein Herzschlag verlangsamt sich, aber die Flamme darin hört nicht auf zu brennen. So wie meine Liebe nie aufhören wird für Keisuke zu brennen.
Es saugt mich ein wie ein schwarzes Loch.
Es dehnt sich aus, kurz vor einem Urknall.
Und plötzlich: nichts.
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