the spring never stops shining.
Es herrscht eine Totenstille.
Sein Finger beginnt zu zittern.
Sein Kupfer sprengt sich innerhalb von Sekunden in unendlich vielen Teile wie bei einem Atom und wird sogleich von einem unvorhersehbaren Schwarzen Loch aufgesogen. Eine Finsternis steigt auf, die mir das eigene Blut erfriert. Alles erstickt plötzlich – die Gefühle, die Hoffnung, das Licht.
Dann beginnt Chifuyu zu lachen. Ein Lachen von dieser Sorte, wo sein ganzer Körper mitwippt. „Nur ein Scherz, Baji-san", grinst er und streicht sich siegreich die feuchten Strähnen aus den Augen. „Ich wollte nur sehen, wie du reagierst. Ich bin nicht in sie verliebt. Für mich ist sie vielmehr eine Schwester als Freundin."
Wenn er wirklich so über unsere Bindung fühlt, muss mein Unfall ein höllischer Schmerz für ihn sein. Wie ein tiefer Pfahl zwischen Lunge und Herz, der ihn bei jedem Herzschlag und Atemzug daran erinnert, wer fehlt: ich, Saejin das Mädchen.
Baji kneift die Augen zusammen und presst die Zähne fest aufeinander. „Du hast noch nie gut scherzen können", schnalzt er mit der Zunge und hört sich dabei übertrieben hölzern. „Und hör bloß mit diesem Schwestergerede auf, das ist echt peinlich." Ist es ihm unangenehm darüber zu sprechen?
Chifuyus Grinsen gewinnt an Breite. „Wieso? Was ist daran so falsch, sie als Schwester zu sehen?"
Er legt mich zur Seite und steht auf, um auf ihn zu zu gehen. „Weil ich nicht in deine Schwester verliebt sein möchte!" Damit packt er ihn am blonden Schopf, steckt diesen zwischen seinen Arm und reibt ihn kräftig mit den Knöcheln durch die Haare. „Du dummer Idiot hast mich in eine Falle gelockt!", knurrt er, und ich bin sehr verwirrt, ob das hier ernst ist oder nur sinnloses Jungsgeraufe.
„Hey!", fängt der andere zu schimpfen an und wehrt sich mit seinem gesamten Körper gegen diese Folter, „wie sonst hätte ich dich endlich zu einem Geständnis bringen können? Schon seit Monaten versteckst du dich hinter deiner Maske, Baji-san!" Kurz unterbricht Baji ihm die Haare elektrisch aufzuladen. „Oh nein, mein Handtuch rutscht ab!" Wild fuchtelt er nach dem fallenden Stoff, doch es ist schon zu spät.
Sofort schlage ich mir die Pfoten vor die Augen, um mir diesen Anblick zu ersparen. Die Röte pocht förmlich in meinem Gesicht.
„Nächstes Mal ziehst du dich gleich an!", mahnt Keisuke ihn an, aber sein Samt ist rissig und unruhig. „Was soll das außerdem heißen, ich würde mich hinter einer Maske verstecken?" Eine Note von Bitternis schwankt in seiner Stimme mit.
Sicherheitshalber schaue ich noch nicht da und lausche dem quietschendem Geräusch, als Chifuyu vermutlich eine Schublade seiner Kommode aufzieht. „Das, was es nun mal heißt. Du hast dich ihr gegenüber komplett anders verhalten als am Anfang. So... abweisend?", grummelt er.
„Abweisend?", wiederholt der andere noch verwirrter, und ich kann mir vorstellen, wie tief die Falten auf seiner Stirn sein müssen. Richtige Furchen. „Ich habe sie nicht abgewiesen!", widerspricht er aufbrausend. Wir beide kennen Baji mittlerweile so gut, um zu wissen, dass der Blonde genau ins Schwarze getroffen hat, sonst würde er es nicht abstreiten. Zumindest nicht in diesem Ton. „Was wird das hier überhaupt? Was versuchst du zu bezwecken?" Jetzt versucht er das Thema zu umgehen.
Schon anhand seiner Worte weiß ich, dass wir im selben Augenblick die Augen gerollt haben. „Ich bin zwar nur ein Vize, aber blind auch nicht. Was ich hier bezwecke? Dass du nicht weiter davor wegrennst! Mann, Baji-san, jedem kannst du eine aufs Maul hauen, aber du kannst dem Mädchen, dass du offensichtlich liebst, nicht deine Gefühle gestehen. Hättest du ihr die Kette einfach geschenkt ohne ihr die Bedeutung dahinter zu verraten? Das würde ich nicht von dir erwarten."
„Kannst du bitte das nochmal wiederholen, ohne mir dabei deine Boxershorts an die Nase zuhalten?", knurrt er verdrossen zurück, „oder dir wenigstens etwas anziehen? So kann ich dich nicht ernstnehmen."
„Mir doch egal!", trotzt der Blonde und schnaubt aufgeregt aus, „ich werde mir erst etwas anziehen, wenn du mir es direkt ins Gesicht sagst."
„Ich kann dir auch gerne ins Gesicht schlagen." So provokativ wie er das ausspricht, meint er es völlig ernst. Er würde hier und jetzt auf der Stelle seinen besten Freund eine verpasse, wenn es sein muss.
Chifuyu seufzt resignierend aus. „Kannst du es mir wenigstens versprechen?"
„Was?" Mannomann, er hat sich gerade noch so vor Keisukes Faust retten können.
„Wenn sie wieder aufwacht, versprich mir, dass du ihr sagst, was du für sie fühlst. Ich habe es satt, dabei zu zu sehen, wie ihr euch beide Dickköpfe das eigene Glück verwehrt. Nur wegen ihren beschissenen Eltern ist es so weit gekommen."
Keisuke gibt einen Laut von sich, wie ein verletzliches Grinsen. „Du kannst doch froh darüber sein, dass sie dich mögen und es dir nicht verbieten, sie im Krankenhaus zu besuchen."
„Sie verbieten es dir, sie zu besuchen?", wiederholt der Blonde erstaunt, während neben mir etwas in die Matratze versinkt. Oder jemand. „Das ist krank, die sind krank. Sie treiben es wohl echt an die Spitze. Mann, Baji-san, das tut mir leid. Wenn ich etwas daran ändern könnte, dann..."
„Das kannst du nicht", werft Keisuke mit verbitterter Stimme dazwischen, „niemand kann das. Selbst wenn ich ihr sagen würde, was ich für sie empfinde, würde es nichts an der Tatsache ändern, dass es noch ihre Eltern gibt. Sie werden mir immer Saejin wegnehmen, egal, was ich dagegen versuchen werde. Sie sind ihre Eltern, Chifuyu, wir sind nur ihre Freunde. Freunde sind austauschbar."
Der Schmerz in meiner Brust ist so plötzlich, so heftig, dass ich die Augen aufreiße und den schwarzhaarigen Junge in der Mitte des Raumes ansehe. Er streift sich seinen lockeren Hoodie über, doch sobald sein Gesicht wieder erkenntlich ist, trifft mich die traurige Tatsache, dass wir gerade denselben Schmerz verspüren. In jemand verliebt zu sein schmerzt besonders dann, wenn man dieses furchtbare Wissen besitzt, mit diesem nicht zusammen sein zu können.
Es ist ein Teufelskreis, in dem man sich immer und immer wieder verrennt. Ein Teufelskreis, der wie Tag und Nacht aus genau zwei Phasen besteht. In der einen Phase glaubt man daran, dass wieder alles gut, dass sich das Durchhalten und Kämpfen lohnen wird. In der anderen Phase haben einem all die schönen Gedanken verlassen. Man zieht es in Erwägung, aufzugeben, sich von diesen Gefühlen zu befreien. Es geht auf und ab. Immer und immer wieder. Und nur ein einziger Moment reicht aus, um stets daran festzuhalten: ein tiefgehender Blick, eine flüchtige Berührung, ein klitzekleines Zeichen von Zuneigung, und man schwebt wieder auf Wolke 7. Die schlechte, sehr schmerzhafte Nachricht: Man fällt genauso tief zurück.
Aber wir beiden möchten nicht mehr fallen und fliegen, wir möchten nur noch eines: festgehalten werden.
„Hast du mir nicht mal gesagt, sie würde uns immer bevorzugen?", erinnert ihn sein bester Freund und seine Hand wandert zu meinem Rücken, als könnte er die Anspannung in meinen Muskeln wahrnehmen. Nur der geteilte Schmerz, der ist für keinen sichtbar außer für die zwei darunter leidenden Herzen.
Baji scheint keine Kraft mehr aufbauen zu können, um seinen Schutz aufrecht zu erhalten. Dieser Augenblick raubt ihn sein Alles. Seine Schultern sacken ein, eine Verwundbarkeit prägt seine schönen Gesichtszüge, die dem ganzen Zimmer mit einem Mal an Luft entzieht. „Das tut sie – aber ich kann nicht noch mehr von ihr verlangen. Vor allem nicht, dass sie ihr gutes Leben aufgibt für jemand wie mich. Sie gehört nicht zu dieser grausamen Seite der Welt, Chifuyu." Grausame Seite der Welt? Was meint er damit? Was ist schon grausamer als der dunkle Turm in meinem Elternhaus? Meine Brust richtet sich vor Anspannung auf, die Ohren gespitzt verfolge mit kritschen Blick das weitere Szenario.
Der Blonde springt wie von der Tarantel gestochen auf und geht einen festen Schritt auf ihn zu, ehe er sein Kinn aufstützt. Wie er ihn anschaut, kann ich nicht erkennen, aber diesmal bricht der harte Kupfer tatsächlich in Keisukes Gebirge auf.
„Gutes Leben?" Er schüttelt entsetzt den Kopf. „Das gibt es nicht. Auch nicht für Saejin. Wo ist sie denn gerade? Sie ist im Koma, Baji-san." Starkes, ungesundes Zähneknirschen. „Das hat nichts mit einem guten Leben zu tun. Was soll dieses Gerede von einem guten Leben überhaupt? Du hörst dich so an, als hätten es ihre Eltern tatsächlich geschafft, dich zu beeinflussen. Den Baji, den ich kenne – der mit dieser dämlichen Brille und den strengen Haaren – würde sich von niemand unterkriegen lassen. Er würde trotzdem Saejin besuchen, ob ihre Eltern es wollen oder nicht. Er würde auf sein Herz hören sowie er es immer bei uns Jungs macht. Aber dieser Baji hier hat nicht mal ansatzweise etwas von dem Kommandanten der ersten Divison. Dieser Baji ist ein Feigling."
Zuerst zucken seine dichten Brauen, dann schnellt seine Faust zornig nach oben und trifft den anderen direkt ins Gesicht. Dieser schaukelt benommen zurück, stolpert über seine eigenen Füße und fällt neben mir zurück auf das Bett. Seine Nase blutet sofort, sodass er mit schmerzverzerrten Gesicht die Hand darüber hält und ein leises Stöhnen von sich gibt.
Ich bin wie erstarrt und blicke mit fiebrigen Herzwummern zwischen den Jungs hin und her. Er hat Chifuyu geschlagen. Mitten auf die Nase. Mit der knallharten Faust. Wieso hat er das getan?
„Ich bin kein Feigling, Chifuyu!", verliert Keisuke die Fassung, bevor er sich auf der Stelle umdreht und in explosiven Schritten verschwindet. Er schlägt die Tür so stürmisch hinter sich zu, dass eine der vielen Jacken vom Haken fällt und raschelnd auf dem Laminat landet. Sie ähnelt einer Uniform, pechschwarz mit bestimmten Kanji-Wörter verziert, die ich in diesem Zustand nicht genau lesen kann.
„Mann, Baji", seufzt Chifuyu und schlürft zur liegenden Uniformjacke. Er hängt sie so wieder zurück, dass man sie zwischen all den anderen nicht wirklich erkennt. Ein Ärmel ragt aber so heraus, dass ich Folgendes nun lesen kann: „Vize-Kommandant der ersten Division." Was soll das heißen? Vize-Kommandant? „Saejin muss dir wirklich sehr viel bedeuten, wenn du versuchst, sie davor zu beschützen." Seine blutverschmierte Hand reinigt er mit seinem vorherigem Duschhandtuch. Kurz vergräbt er sein Gesicht darin, um auch wohl dort das Blut zu entfernen, bevor er mich mit seinen gletscherblauen Augen fixiert.
„Es ist alles gut." Ich habe mir nicht mal Mühe gegeben, meine Sorgen vor ihm zu verbergen. Wieso nimmt er es so locker hin, von ihm geschlagen worden zu sein? „Sein Schlag hat mir genau das gezeigt, was ich wissen wollte." Das ist eine schlechte Ausrede. Beachtungslos schmeißt er das nun rote Handtuch über die Stuhllehne, schnappt sich ein herumliegendes weißes Shirt, stülpt es sich über, und setzt sich wieder neben mir, um mir zärtlich das Köpfchen zu streicheln. Er lächelt mich an, und seine Augen leuchten dabei so auf, dass ich mir hundertprozentig sicher bin, die Sterne sind in ihre Gletscher zurückkehrt. Dieses Lächeln ist zwanglos.
„Er wird wieder zu sich kommen und sein Versprechen einhalten." Redet er wirklich mit mir? „Der Unfall hat uns alle so ziemlich durcheinandergebracht, was?" Seine Lippen werden weicher, ein Schimmer legt sich über den Sternenglanz seiner Gletscher, der mich an Hoffnung und Glück erinnert. Wie bei Peke J.
In meinem Herzen spüre ich ein schwermütigen Knicken. Ich weiß nun, warum du ihn so ungern alleine lässt, Peke J. Sein Licht ist das stärkste und ebenso zerbrechlichste von allen.
„Was schaust du mich so schockiert an?" Er muss lachen und beugt sich näher zu mir heran. So weit, dass mich seine blonden Strähnen im Gesicht kitzeln. „Der Faustschlag? Der ist nicht so schlimm, glaub mir. Nur ein kleines Pochen. Baji muss gerade einen viel größeren Schmerz verspüren als ich. Saejin... Sie..." Kurzerhand weicht er wieder zurück, sein Daumen verharrt auf meiner Stirn. „Sie ist die einzige, die seinen Dickkopf durchbrechen kann. Ich wünsche mir wirklich, sie wäre jetzt hier und könnte sehen, wie Baji langsam an ihrer Abwesenheit zerbricht, um ihn aufzuhalten."
Ihre Freundschaft muss ihm unheimlich viel bedeutet, mehr als dem anderen klar ist, dass er so schnell über diese Gewalttat hinwegblicken kann. Dass er diesen Schmerz mit einem dummen Lächeln abschwellen lässt, beweist mir, wie stark er in den letzten Jahren geworden ist. Sowohl mental als auch körperlich. Sein stolzes Lächeln ähnelt immer mehr dem seines Vaters, das für immer auf diesem einem Bild im Wohnzimmer verewigt ist.
Schmerzlich schaue ich zu ihm hinauf, das Funkeln der Sterne widerspiegeln seinen Kummer wieder. Auch er wünscht sich nur das Beste für seinen Freund. „Aber ich bin doch hier, Chifuyu. Genau vor dir. Doch – was soll ich schon mit meinen vier Pfoten ausrichten? Ich kann nicht zu ihm gehen. Seine Mutter darf mich nicht sehen."
Vorsichtig tätschelt er über den Juwel auf meiner Stirn und die Sterne halten das Eis seiner Fürsorge fest, um es nicht weiter vordringen zulassen. Der Schimmer von Hoffnung geht auf, so unerwartet wie die Sonne an einem tristen Wintertag und scheint all das Üble fort zu schmelzen. Ein schwaches Grün bricht durch, wie eine junge Knospe am eisgefrorenen Boden. Sie erhebt sich, streckt sich dem warmen Licht der Sonne entgegen – und mein Herz geht mit ihr auf.
Er muss es sein. Der Frühlingsbringer.
Chifuyu ist der Frühling.
Das verborgene Grün seiner Gletscher spricht dafür.
„Ich habe eine Idee", sagt er gedankenversunken, legt sich seitlich neben mich und schiebt mich mit der anderen Hand an seine Brust heran. Sein süßlicher Duft umfängt mich so, als würde ich mitten in einer Zuckerwatte verweilen. Er belebt mich, dieses kleine Gänseblümchen scheint wirklich einen weiteren Frühling zu erleben. „Ich werde morgen zu ihren Eltern gehen und sie umstimmen. Sie müssen begreifen, dass Baji gar kein schlechter Kerl ist. Er hat von uns allen schließlich das größte Herz."
Sein Mut bewundere ich in diesem Augenblick sehr. Genauso wenig wie jemand sich freiwillig Keisukes Faust einkassieren möchte, möchte man gegen den Tsunami meiner Eltern ankämpfen. Entweder ist er sich überhaupt nicht bewusst, in welchen Krieg er da zieht, oder er ist so überzeugt davon, dass er über die möglichen Gefahren nicht nachdenkt. Aber das ist normal, wenn man auf sein Herz hört und wenn man bereit dafür ist, sein Alles zu geben, um jemand vor dem Zerfall zu retten.
Wir beide haben von derselben Person diesen selbstlosen Akt abgeschaut: von Keisuke.
Behutsam stütze ich meinen Kopf auf seinen Oberarm ab und blicke ihm unerschrocken in die schmelzenden Sterne. „Ich werde dir dabei helfen, Chifuyu. Wir werden meinen Eltern den Kopf waschen. Gemeinsam. Als eine Einheit."
„Seltsam." Stirnrunzelnd kreist er mit dem Daumen mehrmals über eine bestimmte Stelle. „Ich habe gedacht, dein Juwel wäre schwarz, ein richtiger Kontrast zu deinem weißen Fell. Aber er ist grau, verschwimmt fast mit dem Rest. Vielleicht ist das auch nur Dreck gewesen."
„Nein, ist es nicht." Hilflos beiße ich mir auf die Zunge.
Meine Zeit läuft ab.
Mir bleiben nur noch 2 Monate, um Keisuke von einem gemeinsamen Happy End zu überzeugen.
*
Am nächsten Morgen hat Chifuyu sein ganzes Zimmer auf den Kopf gestellt, auf der Suche nach etwas, das er mir noch nicht verraten hat. Gefunden hat er es aber auch noch nicht. Gähnend strecke ich die Vorderbeine von mir und beobachte neugierig, wie er aufgedreht wie ein Häschen durch alle Ecken hüpft. Offenbar ist diese eine bestimmte Sache wie eine Waffe, die er für den heutigen Krieg unbedingt benötigt. Aber was kann das sein?
„Wo ist sie hin?", fragt er sich laut und pustet sich danach eine Strähne aus der Sicht. „Ich habe sie doch nicht verloren, oder?" Unsicher geht er zu seinem Kleiderschrank hinüber und wühlt und schmeißt dort alles durcheinander. Seine Mutter wird ausflippen, wenn sie sein angerichtetes Schlachtfeld entdeckt. Dann stoppt er auf einmal, seine Finger veranstalten nun dasselbe Chaos auf seinem Kopf. „Hat er sie etwa heimlich mitgenommen?" Wer hat was mitgenommen? Sein Blick wandert zu mir. So ahnungslos wie ich bin, legt sich mein Kopf automatisch schräg und stellt eine einzige, stumme Frage: Was suchst du?
„Ihre Jacke", antwortet er mir mit voller Frustration in der Stimme „die mit den Schachbrettmustern und den Smileys. Ihre Lieblingsjacke." Oh. Warum möchte er sie zu meinen Eltern mitnehmen? Etwa ein Tauschhandel? Sie bekommen die Jacke, Keisuke wieder Besucherzeit? Nein, das muss es nicht sein. Hinter Chifuyus Plan steckt vielmehr. „Aber", betont er knautschig, „ein bestimmter Herr hat sie vor meinen eigenen Augen verschwinden lassen. Und ich bin ihm deshalb nicht mal sauer. Ich habe ihm oft genug Peke J weggeschnappt, wenn er bei ihm gewesen ist."
Darüber muss ich einfach grinsen. Ein bisschen verliebt, ein bisschen glücklich – weil es ein simples Zeichen dafür ist, dass er an mir hängt. Mein Herz poltert in einem rhythmischen Gleichgewicht mit der Schwerkraft, und bei der Vorstellung, meine Jacke würde nach mir riechen und dass diese Kleinigkeit Keisuke ein klitzekleines Lächeln abverlangt, hebe ich innerlich ab. Eine ermutigende Tagesphase.
„Dann gehe ich das eben anders an." Er stemmt sich die Hände in die Hüfte und mustert das Chaos vor seinen Füßen, ehe sich seine Augen vergrößern. „Die habe ich schon lange nicht mehr angezogen!", staunt er und zieht eine Sweaterjacke aus dem riesigen Bündel Klamotten hervor. „Sie ist das perfekte Accessoire für die heutige Mission." Auch wenn er diesen Übermut hat, bibbert seine Stimme ein wenig. Er ist nervös. Wahnsinnig nervös. Aber das verdrängt er, indem er versucht, positiv zu bleiben. Darin ist er erstaunlich gut.
Während er in die anthrazitfarbene Sweaterjacke schlüpft, erkämpfe ich mir einen Weg vom Bett durch sein Schlachtfeld zu ihm und setze mich auffordernd vor ihn auf die Hinterläufe.
„Mich darfst du auch nicht vergessen!", mauze ich ihn an und bemühe mich darum, einen möglichst strengen Katzenblick aufzulegen. „Ich komme mit dir zum Schicksalsberg. Wir machen das gemeinsam."
Als hätte er mich verstanden, schlingt er beide Hände um mich und lüftet mich vorsichtig hoch. „Einen kleinen Schutzengel kann ich sicher gebrauchen", lächelt er begeistert, sein aufgeregter Atem stichelt mein Näschen. „Ich habe noch nie eine Katze irgendwo anders mitgenommen", meint er grübelnd, dann erlaube ich es ihm, mich in seinem Sweater zu verschließen. Nur mein Kopf und meine Vorderpfoten schauen hinaus. Ich presse meine Wange gegen seine Brustspitze und kralle mich nur so weit in den weichen Stoff fest wie ich für einen guten Halt benötige. „Aber mich verlässt nicht das Gefühl, dass du genau das willst – mir helfen." Schwerer Seufzer, der seine Mundwinkel zucken lässt. „O man, ich verliere auch noch den Verstand. Aber du bist purer Zucker." Er lacht etwas, aber seine Nervosität hat einen zerkratzten Ton, als er meinen besorgten Blick flüchtig erhascht.
„Du verlierst nicht den Verstand", sage ich, oder denke ich besser, und setze meine beste Waffe ein, um ihn zu beruhigen: meine Schnurrmaschine. „Du machst das, was Keisuke und ich in den letzten Monaten ignoriert haben. Du hörst auf dein Herz, Chifuyu. Dafür bin ich dir endlos dankbar."
„Du bist wirklich süß, kleine Saejin." Sorgsam tätschelt er mir die Stirn, worauf mein Schnurren kräftiger, warmherziger wird. Sein Vibrieren spiegelt meine Dankbarkeit wieder, denn es kommt direkt von Herzen. Das spüre ich, möchte ich auch so. Er soll wissen, dass er nicht allein ist, dass er genauso zu meiner Welt gehört wie Baji. Schließlich ist er der Frühling und der Frühling bedeutet nicht nur Sonnenlicht und blühende Gänseblümchen, sondern auch Neubeginn. „Lass uns gehen. Und hoffentlich erfolgreich sein."
Wir verlassen die Wohnung und gehen zum Abstellplatz ihrer Motorräder. Uns beiden fällt sofort das gleiche auf: seines ist nicht hier. Doch er spricht es nicht an, steigt kommentarlos auf seines auf und startet den Motor.
„Für Baji-san", murmelt er kampfbereit mit trommelnder Brust.
„Für Keisuke", steige ich mit ein und schließe die Augen, als mir der harte Wind ins Gesicht bläst, „für unsere gemeinsame Geschichte."
Mein Elternhaus ist ein Neubau. Nicht eine abgepuderte Version wie die anderen in dieser Wohngegend. Es hat Säulen wie ein Palast, eine gepflegte und gerade Hecke umschließt es wie das Schloss in einem Labyrinth. Davon abgesehen hat meine Mutter ihre roten Rosensträucher in den letzten Wochen besonders gut gepflegt, ihre Dornen könnten jedem die Augen ausstechen. Die großen Fenster sind von blickdichten, cremefarbenen Vorhängen verschlossen. Der Trinkbrunnen mit der großen Schale in der Form einer offenen Auster plätschert vor sich hin, aber er hat keine Besucher. Hat er nie in in den letzten Jahren gehabt soweit ich mich erinnern kann, als würden sich Vogel aus Instinkt heraus von Narzissten fernhalten. Hier und dort sind gigantische Bonsaibäume in blau-goldenen Töpfen über den frisch gemähten Rasen verteilt und hegen den vertrauten Anblick eines Bonsai-Gartens.
Mein Vater liebt diese Pflanzen.
Weshalb es kein Wunder ist, dass wir ihn dabei erwischen, wie er mit einer kleinen Schere ihre Blätter zurecht schnippelt. Wenn er nach neuen Ideen sucht, ist er immer im Garten zu finden. Er sagt, die Natur ist das mächtigste und zuverlässigste Geschenk für unsere Inspiration. Sie überrascht einen immer wieder aufs Neue.
Chifuyu hält über mir den Atem an und wird in den nächsten Sekunden schrecklich bleich um die Nase. Er geht einen unsicheren Schritt nach vorne – und vergisst dabei, dass wir direkt am Eingang einen Bewegungsmelder haben. Es ertönt das verräterische Geräusch von schrillem, unnatürlichem Vogelgezwitscher, und mein Vater blickt zugleich auf.
„Oh, Chifuyu", brummt er verwundert, geht von der Hocke rasch ins Stehen über und streift sich die grünen Handschuhe ab. „Wie kann ich dir behilflich sein?" Das ist nicht gespielt, seine Augen – so braun und tief wie Kaffee – sind tatsächlich von Freundlichkeit berührt.
„Ich... ähm." Diese Freundlichkeit verblüfft auch den Blonden an meiner Seite. Er greift mit seiner Hand in mein Fell und lässt mich fühlen, wie sehr er sich anstrengt, um seine Aufregung zu verbergen. „Ich wollte mit Ihnen reden", platzt es ungeduldig aus ihm heraus, „es geht um..."
Mein Vater zieht die Brauen zusammen und scheint von seinem Auftreten irritiert zu sein. „Ist das die Katze, die sie gerettet hat?"
Oh, verdammt. Ich bin so blöd. Ich hätte nicht mitgehen sollen. Daran hätte ich dumme Nuss doch denken müssen! Meine Eltern, sie wollen mich nach allem Baji wegnehmen. Panik spannt meine Muskeln an, mein Krallen bohren sich in den Stoff seines Shirts, aber Chifuyu hält mich fest.
„Das ist Bajis Katze", entgegnet er und schluckt, weil er das wirklich gesagt hat. Ich bin Keisukes Katze. Jawohl, das bin ich. Mein Herz schlägt mir bis zur Lunge hoch. Wir sind verrückt genug, um zu glauben, diesen Krieg gewinnen zu können.
Mein Vater trennt den Meter zwischen ihnen und mustert mich mit forschen Kaffeeaugen. Chifuyu und ich verharren zusammen und vergessen vor Spannung zu atmen und zu flüchten.
„Eine wirklich schöne Katze." Er lächelt. Er lächelt. Auf eine traurige Art und Weise, die jedem befremdlich erscheint. Selbst ihm. „Möchtest du einen Tee, Chifuyu?" Er hört sich verschnupft an, die Winkel seiner Kaffeeaugen sind leicht gerötet. Er hat sich wieder einen Schnauzer wachsen lassen wie zur der Zeit in Seoul, seine Locken stehen überall ab, und ich vermute, die Vögel würden sich dort lieber einnisten als aus dem Brunnen trinken. Ich weiß nicht, ob das mein Dad ist – oder nur eine gebrochene Version von ihm, der ich nun zum ersten Mal begegne.
Chifuyus Griff lockert sich etwas, mein Fell darunter ist leicht nass geworden, weil er so schrecklich geschwitzt hat. „Tee?", möchte er sich versichern, dass er es richtig verstanden hat.
Mein Vater nickt knapp, ohne seinen leeren Blick von mir zu nehmen. Er starrt mich gerade so an, als wäre ich alles, was er so plötzlich verloren hat. „Ja, Tee. Ich bin heute bei einem besonderen Teeladen gewesen. Ich denke, wir beide könnten eine beruhigende Sorte vertragen."
Der Junge über mir ist vollkommen überfordert mit diesem Angebot. „Äh, ja, okay. Tee. Klingt gut."
Zufrieden reibt mein Dad die Hände zusammen. „Super, dann kommt ihr zwei mal mit."
Chifuyu folgt ihm so langsam in unseren Palast, als würde er in eiskaltes Wasser steigen. Indirekt ist es wie ein Eispalast. Oder wie ich es immer nenne: ein dunkler Turm – und ist man dort erstmal drin, wird es schwer, wieder daraus hinzukommen. Das weiß ich. Das weiß er. Und trotzdem überquert er die Türschwelle.
Jetzt sind wir Gefangene des dunklen Turms.
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