the secret is out.
Wir sind mit der Bahn zurückgefahren. Schweigend, was mich üblich beschäftigt hätte, wenn in meinem Kopf nicht andauernd die Frage aufgekommen wäre: Was habe ich Kazutora versprochen? Was wird mich nach Halloween erwarten? Eigentlich sollte in mir Freude aufkommen, weil ich schließlich die Absicherung habe, Keisuke wird Halloween überleben. Zumindest wenn er an dem Kampf teilnimmt - dennoch ist meine Freude nicht vorhanden. Nur, weil Kazutora ihn an Halloween schützen wird, kann immer noch etwas dazwischen kommen. Ein dämonischer Kater, zum Beispiel.
Ich bin einen Deal mit dem Teufel eingegangen.
In meinem Herzen ist kein Platz mehr außer Verzweiflung.
Ich schiele zu Chifuyu an meiner Seite, betrachte die Verbände in seinem sonst hübschen Gesicht. Weder seine müden Augen noch seine Mimk gewähren mir einen Einblick in seine Gefühslage. Was hat er alles mitbekommen? Wie sieht es in ihm aus?
Vor ihrem Wohnblock hält er plötzlich an.
Er atmet tief aus, aber er starrt lieber Wurmlöcher in den Boden als mich anzusehen. Dabei anzusehen, wie er den Riss unseres Universums ausweitet. Ich hasse es, dass er das tut. „Wieso bist du nur so blind?", wispert er, aber verständlich für mich. „Wieso merkst du nicht, dass er bloß mit dir spielt, Saejin?"
Er hat so viel mitbekommen, dass er mir nicht mal mehr in die Augen sehen kann. Und ich frage mich, wieso er mich so bestrafen muss. Nach allem, was heute passiert ist. „Ich glaube nicht, dass er mit mir spielt", verteidige ich mich, oder Kazutora.
„Du weißt nicht, was in seinem kranken Kopf vorgeht und wozu er fähig ist." Das Thema kommt mir sehr bekannt vor - aber ich hätte nicht erwartet, dass Chifuyu sich auch auf diese Seite schlägt.
Weil ich schweige, scheint er sich dazu verpflichtet zu fühlen, diese schwere Stille zu vertreiben. Mich nochmals zu warnen.
Bitte sag es nicht.
„Er ist ein Mörder."
„Nicht mehr", entgegne ich ihm bitter und fühle, wie sich meine Nägel in meine Handinnenfläche bohren. „Er bereut seine Taten. Er würde es nicht nochmal tun."
Ich sehe aus dem Winkel heraus, wie er die Mundwinkel zusammenzieht. Teils spöttisch, teils leidvoll.
„Was macht dich da so sicher?" Sofort will ich was sagen, aber er schüttelt den Kopf und ballt seine Hände zu Fäusten. „Und sag mir nicht, dass du das denkst, weil du glaubst, ihm helfen zu können, Saejin. Das kannst du nicht, niemand kann das."
Verletzt blicke ich hoch. „Wir vertrauen einander und verstehen, was der andere durchgemacht hat." Das Pochen in meiner Wange durch das Reden ist auszuhalten, dafür ist der Schmerz in meiner Brust doppelt so heftig. Mein Herz bricht auf, Schmerz verteilt sich in meinem Magen, hängt in meinem Hals fest. „Ich will ihm nicht helfen. Ich will für ihn da sein - sowie ihr für mich da gewesen seid, als ich niemand außer der Dunkelheit in meinen Gedanken hatte. Ich dachte, du könntest das nachvollziehen."
„Glaubst du wirklich, ich könnte es verstehen, warum du ihn mehr vertraust als mir? Dein bester Freund?" Er hört sich müde und verwundet an, doch die Wunde, die ihn gerade an Kraft in der Stimme nimmt, ist die zerrende Bindung zu mir.
„Das ist nicht wahr, Fuyu." Ich reiße mich zusammen und berühre ihn sachte an der bebenden Schulter, aber er zittert stärker und zuckt. Weicht einen Schritt zurück - sowie der Mond sich langsam aus der Umlaufbahn löst, sich der Anziehung der Sonne und Sterne entreißt. „Du weißt mehr über mich als ich selbst, und ich weiß, dass jedes meiner Geheimnisse bei dir gut aufgehoben ist. Es gibt nichts und niemand, der meine Meinung darüber ändern könnte."
„Ach, wirklich?" Nun schaut er mich an, und diese Mischung aus Traurigkeit und Wut in seinem Antlitz spannt eine Faust um mein Herz. „Und warum fragst du ausgerechnet ihn, Baji-san zu beschützen? Was ist mit mir? Bin ich nicht derjenige, der ihm Jahre lange Treue geschworen hat? Der darüber Bescheid wissen sollte, wenn er in Gefahr ist?"
Mittlerweile kommt es mir so vor, als würde ich ständig neue Fehler begehen. Aus Blindheit und Angst. Wenn ich könnte, würde ich sofort aus meiner Haut schlüpfen, weil ich mich in diesem Moment so verabscheue.
„Vielleicht, weil ich nicht will, dass man dir nochmal wehtut? Glaubst du, für mich ist einfach gewesen, dabei zu zu sehen, wie dich Keisuke zusammenschlägt? Du wirst ihn nicht erreichen können, nicht gerade, aber Kazutora dafür schon." Ich will ihn an mich klammern, ihn zurückziehen, aber er geht einen weiteren Schritt von mir weg.
Ein hysterisches Grinsen huscht über seine Lippen, sein Gletscher funkelt auf und erleuchtet sein seelisches Leiden. „Das ist das dümmste, das ich bis jetzt gehört habe. Natürlich werde ich ihn erreichen. Ich werde ihn dabei helfen, den Spitzel zu finden - und dann kommt er noch vor Halloween zurück nach Toman." Sein Stolz ist bewundernswert, denn er weiß eigentlich, dass seine Bemühungen aussichtslos sein werden. Aber das ist Chifuyu. Er würde selbst in der letzten Sekunde seines Herzschlags noch an jemand festhalten, der ihm wichtig ist.
„Und wenn nicht?", spreche ich leise aus. „Was ist, wenn du es bis dahin nicht schaffst? Dann seid ihr beide Feinde." Das will ich mir gar nicht erst vorstellen. Zum Glück ist der Schmerz in meiner Brust so stark, dass er mich davon abhält, in diese Vorstellung abzudriften.
„Halt dich aus diesen Gangsachen raus, Saejin", fährt er mich plötzlich an. So hat er noch nie mit mir gesprochen. So voller Wut. „Baji hatte doch Recht, du gehörst nicht dazu. Du bist zu naiv für diese Welt."
Nein, diese Welt will ich auch gar nicht besser kennenlernen. Meines seelischen Zustands halber. „Chifuyu, bitte, das ist eine Lüge. Du denkst nicht so darüber." Kopfschüttelnd hilft mir nicht dabei, dieser Situation zu entkommen. Sie ist real. So real wie die Kälte in seinen Gletscheraugen, die nur nicht die Zeit, sondern auch mein Herz einfriert.
Das Eis splittert auf, weil er den Blick in meinen Augen nicht aushält. Als könnte er es sehen und spüren, wie der Mond von dem Riss verschlungen wird. Immer weiter. „Ich werde das mit Baji-san regeln, du solltest dich lieber darauf konzentrieren, nicht die falschen Menschen an dich heranzulassen. Wenn er dich noch einmal so anfässt, wird es das nächste Mal meine Faust sein, die sein mieses und hinterhältiges Gesicht zertrümmert."
Aber während er nichts dagegen unternimmt, greife ich nach seiner Hand und halte sie fest. Halte den Mond mit meiner ganzen Willenskraft fest. „Um was geht es hier eigentlich wirklich? Willst du mich nur von Kazutora fernhalten, oder von der Sache, die euer ganzes Leben bestimmt? Von der Gang?"
„Es geht hier um dich", antwortet er trostlos, „du hast dich seit deinem Unfall verändert. Du wirkst ständig neben der Spur und scheinst nicht zu realisieren, was du eigentlich machst. Vielleicht solltest du das Angebot der Klinik annehmen und dich nochmal untersuchen lassen."
Hat er das tatsächlich gesagt? Das ist nicht Chifuyu. Keinesweg! Nein! Er würde das niemals zu mir sagen.
Das Eis in meiner Brust wird härter, Atmen fällt mir auf einmal so schwer. Ich bin so entsetzt. „Willst du mir damit sagen, ich bin nicht bei Verstand?"
Seine Hand versteift sich um meine. „Die Saejin vor dem Unfall würde wissen, wann sie eine Grenze erreicht und wann nicht. Sie würde mir vertrauen, mehr als irgendeinen Fremden, den sie erst vor Kurzem kennt. Sie würde mir sagen, was mit ihr los ist - und es nicht hinter falschen Worten vertuschen. Aber diese Saejin hier hat offensichtlich ein Geheimnis." Seine Schultern fangen wieder zu beben an. „Was weißt du über Halloween?"
„Ich weiß nichts darüber." Nachdem er mir so wehtut, kommt mir Lügen gar nicht so schlimm vor. „Ich habe nur Angst um Keisuke."
Jetzt lässt er meine Hand los und schafft eine neue Distanz zwischen uns. „Siehst du? Das meine ich." Er wirft die Hände in die Luft, als müsse er sich wirklich zusammenreißen. „Es geht dir immer nur um andere, aber, was du dir dabei antust, ignoriest du genauso wie damals, als du dich vor das Auto geworfen hast." Ich kann diesen Ton nicht ausstehen, den er als Nächstes anwendet. Dieser Ton, der mir beweisen soll, ich wäre jemand, der etwas wert sei. „Hast du mal darüber nachgedacht, was hätte noch alles passieren können? Was passieren könnte, wenn du dich in all das zu sehr vertiefst? Scheiße, Saejin, beim nächsten Mal ist es vielleicht ein Messer und kein Faustschlag!"
Ich beiße mir auf die Zunge, und er weiß, dass ich verletzt und traurig bin. Aber womöglich will er genau das erreichen - nicht sich, aber mich aus der Umlaufbahn stoßen. Vielleicht will er irgendetwas auf diese Art erreichen, etwas, das mich dazu bringt, mich in mein Zimmer einzuschließen und die Welt zu hassen. Erneut.
„Das ist mir egal", atme ich schwer aus, „ich bin kein Angsthase mehr. Wenn ich euch irgendwie beschützen kann, ist mir der Weg, den ich dafür gehen muss, gleichgültig."
„Das ist unser Lebensweg", sagt er leise, und diesmal schaut er mich an. Die Bitternis ist seinem harten Eis schockiert mich. Er weiß ganz genau, wie ich momentan alles tue, um diesen Schmerz in meinem Herzen zu vermeiden, und er tut alles dafür, um mich zu brechen. Um mich zu Fall zu bringen. „Es wird immer die Möglichkeit bestehen, dass wir in einem Kampf sterben werden, Saejin. Immer. Das ist der Pfad, für den wir uns entschieden haben. Und du solltest das akzeptieren."
„Du sprichst gerade so darüber, als wäre es dir egal, würde Keisuke sterben, und das kaufe ich dir nicht ab."
Schmerz. In seinen Gletscheraugen sinkt und steigt er, als hätte er die Kontrolle darüber verloren. Seine Schultern sacken ein. „Ich weiß nicht, was ich noch sagen soll, Saejin."
„Warum?"
„Du bist weder ehrlich zu mir noch vertraust du mir." Er stellt sich vor mir, sieht mich an. Er sieht mich wirklich an, mit einem Leiden darin toben, das auch mein Herz zerfleddert. „Und das tut mir am meisten weh."
Ich schließe kurz die Augen, aber ich kann gegen den Schmerz nicht ankommen. Meine Brust ächzt. „Ich wünsche mir, ich könnte es dir so einfach verraten, Chifuyu..."
„Dann tue es doch. Erzähl es mir. Erzähl mir alles, was dir auf den Herzen liegt." Er senkt die Stimme zu etwas Liebevollem, etwas Festhaltendes. Wenigstens für uns. Er nimmt meine kaputte Hand in seine zwei, umschließt sie, hält mich und sich zusammen. „Jedes deiner Geheimnisse ist sicher bei mir."
Tatsächlich bin ich in der Versuchung, es ihm wirklich zu erzählen. Von den letzten drei Monaten bis hin zu meinen Albträumen und Mamoru. Wäre mein Herz wirklich leichter? Würde er mir überhaupt glauben? Könnte er meine Geschichte verstehen, ohne mich für verrückt zu erklären? Angst schlägt seine gewaltigen Wurzeln in mich, verankert sich um mein vor Hoffnung schlagendes Herz - doch ich möchte diesen Kampf gegen die Zeit nicht länger allein führen. Mir ist bewusst, dass ich daran zerbreche und dass es nicht das einzige ist, was dabei kaputtgehen könnte. Schließlich hat er mir das in den letzten Minuten bewiesen. Wenn auch auf eine grausame Art und Weise. Aber so ist das manchmal eben, die schlimmsten Dinge werden einem nie mit einer Umarmung offenbart, stattdessen mit einem vergifteten Dolch in den Rücken.
„Ich habe Angst", gestehe ich zaghaft und merke, wie mir die Tränen kommen. „Ich möchte nicht, dass du mich für geistesgestört hältst, wenn ich es dir erzähle."
Unerwartet seufzt er aus. Seltsam erleichtert. „Also gibt es wirklich was." Dann lächelt er mich an, weich und irgendwie beruhigend. Weil die Schwärze fort ist, die sein Gletscher so kalt gemacht hat. Lieber kehrt dort das Licht des Mondes zurück und gibt mir das Gefühl, es würde wieder alles geraderücken. Mit der Zeit. Mit ihm an meiner Seite. „Glaub mir, Saejin, egal, wie verrückt es sein wird, werde ich dich kein bisschen verurteilen. Ich erkenne es an deinen Augen, dass es real ist und wie sehr es dich belastet. Gib mir etwas von diesem schweren Ballast ab, okay?"
Er kann sich gar nicht vorstellen, was diese Worte in mir auslösen. Da ist diese Zuversicht in in ihnen und seinem leichten Lächeln, auf das ich mich bis heute noch blind verlassen kann. Es tut mir so gut. Unheimlich gut. Die Hingabe in seinen Augen ist wie der erste, warme Sonnenstrahl, der es schafft, die Dunkelheit in mir zu durchbrechen. „Okay", antworte ich leise und schniefend, „können wir... vielleicht zu mir?"
Sofort nickt er, aber er lässt meine Hand nicht los. „Es tut mir leid, was ich dir an den Kopf geworfen habe", bricht es über seine gerissenen Lippen und harte Schuld prägt sein Antlitz, „aber ich kann es weiter nicht ertragen, dich so zu sehen."
Mit einem Seufzen findet mein Gesicht wie von selbst seine Schulter. Ich habe keine Kraft mehr so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Meine mentale Grenze ist schon vor Ewigkeiten erreicht worden bis zur Selbstvernachlässigung. Die letzten Monate haben mehr von mir verzerrt, und das begreife ich endlich. Das schlägt mich nieder. „Und mir tut es leid, dass ich dir solche Sorgen bereite, Fuyu...." Augenschließend verfalle ich dem vertrauten Geruch von Süße, Wärme, Halt. „Wenn ich bloß ein Stückchen in die Vergangenheit reisen könnte, nur ein verdammtes Stückchen zurück, würde ich wieder alles gutmachen können."
Liebevoll legt er seine Arme, schiebt mich so weit zu sich heran, dass er seine Stirn gegen mich stützen kann. Sowie er ausatmet, so mit verengter Brust, hat er kaum noch Kraft. Mentale Kraft. Wir beide hätten nicht erwartet, dass der Winter so hart sein wird.
„Wieso einen Vergangenheitsfehler auslöschen, wenn du ihn in der Gegenwart gutmachen kannst?", flüstert er gegen meine Schläfe. Ich kann es spüren, sein schwaches Lächeln, sein zittriger Atem, aber da ist auch ein anderes Gefühl. Ein tonnenschwerer Druck mitten in meinem Brustgerüst. Wie ein Damm, der aus mehreren Schichten Holz besteht. Dahinter hat sich bereits zu viel angesammelt, das nicht gesund für mich ist. Und Chifuyus Worten haben einige Schichten aufgelockert. Der Druck wird härter, das Wasser findet kleine Löcher, aus das es in seichten Bächen fließt.
„Wieso werdet ihr alle so schnell erwachsen?", frage ich erschöpft, aber ebenso voller Stolz. „Irgendwann werde ich euch nicht mehr einholen können."
Er lässt mich los, legt seine Hände um meine Wangen und stützt meinen Blick hoch. Sein Gletscher wirkt entsetzlich traurig, wahrscheinlich sehe ich noch beschissener aus als sonst. Mir wird bewusst, dass ich nicht weiter dazu fähig bin, es allein zu überwältigen. Es ist nicht in Ordnung gewesen, ihn auszuschließen. Damit habe ich uns beiden bloß geschadet. Ich habe ihn abgestoßen, nicht er mir. Und vielleicht hat er genau das letztlich bewirken wollen: Dass ich damit aufhöre. Schon die ganze Zeit über bin ich der Unruhestifter in unserem Universum gewesen. Wie verdammt egoistisch von mir...
„Wir werden dich immer mittragen, Saejin. Du bist doch unser..."
„Das möchte ich aber nicht mehr", unterbreche ich ihn zähnezusammenbeißend. Ich will nicht, dass er es ausspricht. Gerade fühle ich mich mehr wie ein schwarzes Loch als wie ein Stern. Mein Herz ist nur noch Zement. „Ich möchte euch ebenso tragen können."
„Saejin." Er spricht meinen Namen auf eine völlig neue Art aus. Als wäre er zwar vertraut, aber mit einer fühlbar veränderten Bedeutung als zuvor. Ohnehin schon tief hat sie jetzt eine noch verwundbarer Ebene erreicht. „Wir haben es dir noch nie so richtig gesagt, oder?" Seine Brauen ziehen sich zusammen. Ein Durcheinander aus Schmerz und Grübeln hinterlässt einen dämmenden Riss in seinem Seelenlicht. „Du bist der Ausgangspunkt unserer Stärke. Du hast uns einen weiteren Grund gegeben, wieso wir jeden Kampf gewinnen müssen. Koste, was wolle."
Der starke Ausdruck von Liebe und Gebrochenheit in seinem Gletscher enthüllt es mir: Dort, wo sich das Sonnenlicht mit dem Schein des Mondes schmiegt, schimmert ein einzelner Stern auf. Sein Licht ist nicht das hellste, nicht das wärmste oder stärkste, aber es ist dieses Licht, was sie zusammenhält.
Ein Licht, das der Dunkelheit des Universums trotzt.
Dasselbe Licht wie es in unseren Herzen flimmert.
Einzelne Tropfen verlassen den Damm, verlassen meine Augen, aber er fängt sie mit seinen Daumen auf. Meine Unterlippe bebt. „Warum ich?"
„Weil wir immer zu dir zurückkehren wollen, um dein Lächeln zu sehen. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie viel du uns allein dadurch gibt. Als würden wir daraus unsere Kraft ziehen. Darum..." Der Damm ist endgültig gebrochen. Ein Fluss der Hilflosigkeit überwältigt mich und bricht den Halt meiner Knie. „Lächle wieder für uns, ja?"
Seine Worte sind nahezu wie ein sachter Regen, der im richtigen Augenblick in meinem angebrochenen Selbst ankommt, um einen Hausbrand auszulöschen, bevor er sich ausbreiten könnte.
Chifuyu...
Schluchzend falle ich zurück in seine Arme und nehme so viel von der Wärme des Frühlings auf, um ihn in mir zu speichern. Um dieses ermutigende Gefühl in meiner zerbrochenen Seele zu bergen, dass alles wieder in Ordnung sein wird. Es ist wie goldener Bernstein, der sich darumlegt und mich für diesen Augenblick und die nächste Zeit zusammenhält.
Meine Zunge ist zu taub, um die nächsten Worte auszusprechen, doch der stärkende Druck seiner Arme verrät mir, dass er sie nicht hören muss. Er verlangt es auch nicht von mir. Offenbar vertraut er mir so sehr - womöglich nimmt er es auch einfach wahr, wie das schwächelnde Gänseblümchen ungeduldig gegen die Erddecke klopft und dem Frühlingslicht ihre erste Blüte zeigen möchte. Stolz wie eh und je.
Ich werde mein Bestes dafür geben, um stets für euch zu lächeln.
。☁︎。 ☀︎ 。☁︎。
„Also, erzähl mir davon." Chifuyu stupst mit dem Zeigefinger gegen meine Nase, um meine Aufmerksamkeit auf sich zurückzuziehen. Allerdings entgeht es mir nicht, der Dunst einer Traurigkeit in seinen Seelenlichtern. Du musst heute sehr viel durchmachen, Fuyu, nicht wahr?
Nachdem er durch mein Zimmerfenster geschlüpft ist, da wir beide es vermeiden wollten, dass ihn mein Dad so sieht, habe ich uns noch einen Tee aufgekocht. Einen aromatischen und wohlriechenden Chai-Tee. Jetzt sitzen wir bereits schon eine Weile auf meinem Bett, er hat sich staunend in meinem Zimmer umgesehen, freudig gegrinst, als er das Bild von uns drei auf dem Nachttisch entdeckt hat, und ich weiß nicht, womit ich anfangen soll. Ich will es ihm unbedingt erzählen - doch wie soll ich es ihm beibringen, dass Keisuke sterben könnte? Oder ich?
Ich will ihm nicht dieses Leuchten aus dem Gletscher nehmen. Erst in den letzten Momenten hat es sich in mein Gedächtnis gebrannt: Wenn ich ihm dieses Leuchten nun raube, wird auch das letzte Licht in unserem Universum erloschen sein. Keisuke hat sich der Sonnenfinsternis hingegeben, und ich... Ich bin kurz davor, in einer Sternenexplosion aufzugehen.
Mein Universum ist noch nie so einsam, so fremd, gewesen.
Am besten bleibe ich ehrlich. „Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll, ohne dabei alles komplett zu zerstören."
Er runzelt die Stirn - aus Sorge - und rückt zu mir heran. Seine Hand greift nach meiner. „Sag es mir einfach. Bitte", fleht er mit schmilzendem Gletscher. Er wirkt durchsichtiger, seine sonst positive und zuneigungsvolle Mimik wird rissig. Dafür bewundere ich ihn so sehr, weil er immer nach vorne blickt und das Gute sieht. Doch, der Mond kann ohne die Sonne nicht leuchten. Auch er wird von ungeahnter Dunkelheit erfasst, aber er kämpft weiter. Wird niemals aufgeben. Nie den Winter gewinnen lassen.
Vielleicht sollte ich das auch endlich. Nach vorne blicken, durch den Schleier hindurch, der glaubt, mein Schicksal zu besiegeln. Vielleicht wartet dort auch Chifuyu auf mich. Und Keisuke. Und vielleicht... vielleicht sollte ich mir endlich ans Herz fassen und sein Frühlingslicht den Weg zu mir öffnen.
Zwanghaft kaue ich auf meine Unterlippe herum. „Chifuyu, Keisuke und ich-..."
Mein Herz schlägt krampfähnlich; als wäre es bereit dazu, jeden Augenblick aus meinem Brustkorb auszubrechen. Sein Blick wird immer hilfloser. Es fühlt sich an, als würde ich hier und jetzt ersticken. Die Wörter kommen einfach nicht heraus, hängen in meiner Kehle fest wie stachelige Disteln.
Ich möchte sie freilassen, ihnen weniger an Macht über mich nehmen; und ich will, dass der Druck auf meinem Herzen endlich wieder weniger wird; dass ich wieder die Kontrolle über mich selbst habe, und -
„Als ich im Koma gelegen bin, bin ich die ganze Zeit über bei euch gewesen. Als Katze." Da ist es raus. „Durch den Unfall..."
Ich erzähle ihm alles. Zuerst von meinem Geburtstag, dann reise ich mit ihm in die Vergangenheit zurück, um dort Mamuro an der Brücke zu treffen. Um ihn wieder darum zu bitten, mir einen Ort zum Bleiben zu finden. Folgend von dem Umzug, Tokio und meine Begegnung mit ihnen. Die vielen Albträume, wo ich ihn ständig beobachtet habe, aber mehr und weniger nicht. Dann mein Erwachen nach dem Unfall, die tiefen Gespräche mit Peke J und die zu erledigten Aufgabe, damit ich wieder ein Mensch sein kann.
Bei diesem Punkt mache ich eine kurze Pause. Und ich sehe es ihm an, wie groß und zerbrechlich seine Hoffnung ist, dass es wirklich das Ende ist. Die feine Sammlung von Tränen in seinen Augenwinkeln, das geschmolzene Eis eines zerschlagenen Gletschers, und diese furchtbar vielen Ängste. Angst, mich zu verlieren; Angst vor dem Unbekannten; Angst vor einem einzigen Schmerz, der ihn schon das erste Mal überfordert und erschlagen hat. Dorthin will er nicht zurück. Dorthin will keiner mehr vor uns.
Angst versteift seine weichen Gesichtszüge, füllt sie mit Blässe und Schock. Seine Unterlippe zuckt, seine bebenden Finger fiedeln sich in die meine, als wolle er fühlen, dass ich da bin, dass er wirklich ein Teil dieser grausamen Tragödie ist. Er ist kalt, und mein Herz ist es auch.
Ich erzähle es ihm nicht, um es schönzureden oder mit der Hoffnung, er könnte mir dabei helfen. Ich erzähle es ihm, um das schwarze Loch in unserem Universum zu stopfen, wofür ich verantwortlich bin. Niemand anderes. Wenn ich es überhaupt noch aufhalten kann..
Dann setze ich fort. Mit den Supernova-Momenten, den schwindenden Erinnerungen, Mamorus Ziel und ... Keisukes Schicksal.
Damit breche ich ihn endgültig. Wimmernd kippt er vor, nicht so kraftlos wie es zuerst scheint, denn er schlingt seine Arme um mich und kuschelt achtsam sein Gesicht an meine Hüfte.
Es ist nun raus, und jetzt?
Ich komme mir wie ein ausgepresster Schwamm vor. Kein Fetzen Wärme oder Lebendigkeit ist noch vorhanden. Ich bin buchstäblich ausgerungen, besinnungslos. Nicht mal Erleichterung begrüßt mich, keine Bestätigung von Richtigkeit.
Nichts.
Hier hat sich lediglich Schmerz, Trauer und ein unerbittlicher Kampf gegen die Zeit festgesetzt. Als hätten sie sich wie Schimmelsporen verborgen, habe ich nun die schicke Fassade abgerissen. Ich weiß nicht, ob es ein gutes Zeichen ist, dass er es protestlos hinnimmt - aber lieber wünsche ich mir das als ihn nochmals so gebrochen zu erleben.
Wenn ein Herzbruch ein einzelnes Geräusch wäre, wäre es Chifuyus winselndes und ununterbrochenes Schluchzen. Und es ist qualvoll, unerträglich, weil gleichzeitig höre und sehe ich sein strahlendes Lächeln eines mutigen und liebenden Gletscher. Will mir die Ohren zuhalten, bringe es aber nicht über mich. Diese Version von ihm will ich vergessen, will sie nicht über meine Lieblingsversion siegenlassen. Die Strahlende, die Glückliche, die Liebende.
Ich sehe ihn kämpfen, immer nur für Keisuke und mich, doch niemals für sich. Er ist immer nur das Stützrad gewesen. Unser Samweis Gamdschie, der wahre Held hinter unseren Geschichten und Taten.
Jetzt ist er gebrochen. Am Ende.
„Du warst die Katze...", wimmert er heiser, „die ganze Zeit schon bist du bei uns gewesen ohne unser Wissen. Wenn wir schon so gelitten haben, wie muss es dann erst für dich gewesen sein?"
Ich weiß nicht, ob er eine Antwort will. Aber ich will diesen dicken Kloß in meinem Hals loswerden. „Ich hatte ständig das Gefühl, ihr wärt für mich unerreichbar - obwohl ich da war. Doch ich konnte nicht so für euch da sein wie jetzt... Aber das hat mich angespornt, nicht einfach aufzugeben. Zu kämpfen, um schließlich wieder ein sichtbarer und greifbarer Teil euer Welt zu sein."
Die Erinnerungen und der Schmerz meiner ehemaligen Hilflosigkeit erschüttern mich. Wie sehr ich es gehasst habe, sie nicht in den Arm nehmen zu können, und jetzt... Jetzt kann ich es. Und wie gerne ich das mache. Sie halten, sie fühlen, sie zusammenhalten, weil sie meine Welt sind und diese werde ich niemals so tatenlos zerbrechen lassen.
Langsam tätschle ich ihm den Rücken, und er lässt mich die ganze Zeit dabei nicht los. Seine Hände klammern sich so fest in den Stoff von meinem Pullover, dass ich sie in meinen Rücken spüre. Seine Umarmung ist so fest, dass ich nichts mehr fühle, außer seinen aufgewühlten Körper. Sein Gesicht presst sich weiter gegen mich, sein Weinen ist stumm, weil er kaum noch Energie birgt. Ich möchte ihm das Gefühl geben, dass es noch zu früh ist, um zu trauern; dass ich nun an der Reihe bin zu kämpfen. Aber wie?
„Es tut mir leid", flüstere ich und das Salz meiner Tränen zu schmecken erinnert mich daran, dass ich gerade noch lebe, dass ich es ihm wirklich anvertraut habe. Lügen ist nichts im Vergleich dazu, denjenigen zu brechen, der für einen bedingungslos die Lebensflamme aufrecht erhält. „Ich habe keine Ahnung, was ich dagegen unternehmen soll. Mir sind die Hände gebunden. Und Keisuke es zu erzählen ist keine Option. Es würde ihn... niederreißen, glaube ich, wenn ich ihm sage, dass ich gewillt bin, für ihn zu sterben."
Was habe ich mir auch erhofft? Nach einer finsteren Offenbarung wie dieser würde ein jeder brechen. Auch ein Chifuyu.
„Sag das nicht!" Er versucht zu schreien, ich fühle seine Bemühungen gegen mich vibrieren, aber seine Stimme versagt. „Keiner von euch beiden wird sterben. Ich werde das verhindern, und wenn ich dafür durch die Hölle gehen muss... Keiner von euch stirbt. Das lasse ich nicht zu!" Seine Stirn drückt sich gegen mich, schiebt den wolligen Stoff hoch, sodass ich die leichten Winde seines Widerstands auf der nackten Haut fühle. Er atmet apathisch, aus und ein. Sein Gefühlsfaden ist gerissen. „Ich kann nicht fassen, was du die letzten Wochen durchlebt hast, Saejin, aber ich hab's geahnt. Diese Katze... Sie war immer ein wenig zu sehr wie du und ein wenig zu sehr Katze. Als wir bei deinen Vater sind, hatte ich wirklich darüber nachgedacht, aber dann war ich so traurig wegen meinem Dad... Und das kotzt mich tierisch an. Ich hätte dir viel früher beistehen können."
Ich schweige, höre ihn zu und fokussiere mich auf den rauen, aber warmen Klang seiner Stimme. Würde ich in diesem Moment noch eine funktionierende Verbindung zu meinen Emotionen besitzen, hätte ich ihn für seine Stärke bewundert. Aber momentan will ich das nicht, richtig funktionieren. Nur in der Zeit stehenbleiben.
„Jetzt verstehe ich, wieso du zurück in die Zeit willst." Als hätte er meine Gedanken gelesen, spricht er genau dieses schmerzhafte Thema an. „Wenn ich könnte, würde ich sie dir bauen. Eine Zeitmaschine. Aber dafür bin ich einfach nicht schlau genug..." Ein hastiges Schluchzen. „Und Baji an sein Zimmer ketten, werde ich auch nicht können. Er wird versuchen, Kazutora vor Mikey zu retten. Das heißt, entweder er... oder du."
Er begreift allmählich das, was ich ständig abblocke, sobald es sich meinem Verstand nähert. Das ist einfach feige von mir gewesen.
Ein erbitterndes Lächeln liebkost meine Haut. Mich schaudert es. „Bis Halloween ist es noch etwas hin..."
„Ja, glücklicherweise...", stimme ich ihm zu. Meine Finger verlieren sich in seinem blonden Schopf, versuchen, wenigstens dort das Chaos zu richten. „Wenn Keisuke diesen Tag übersteht, dann wird es auch für mich eine Lösung geben. Wir sollten uns zuerst auf ihn konzentrieren, Fuyu."
Er löst sein Gesicht von meiner Hüfte, hebt den Blick an. Tausend Sterne sind in seinem Gletscher zerfallen, doch er leuchtet noch so mutmachend wie zuvor und wird es wohl immer tun. „Ich weiß, du magst das nicht hören, aber ich werde diesen Kerl auch beschützen. Wenn es sein muss mit meinem eigenen Leben. Das ist meine Pflicht als sein Vize-Präsident."
Zärtlich berühren meine Finger seine Wange, streichen die zerplatzten Sterne hinfort. Du solltest nicht in das gleiche, selbstlose Loch fallen wie wir. „Das musst du nicht, Chifuyu." Das ist schon meine Aufgabe. „Du musst nur dieses Geheimnis für dich bewahren, okay? Mehr kann ich nicht von dir verlangen." Außer für uns zu leben.
Sein entschlossener Ausdruck verstärkt sich. „Mach dir keine Sorgen, Saejin. Das ist sicher bei mir. Niemand wird davon erfahren, auch nicht Baji-san. Er würde wahrscheinlich nur auf dumme Gedanken kommen..."
Er würde dasselbe auf sich nehmen wie ich. „Wahrscheinlich, ja."
Einen Augenblick schwillt eine Stille zwischen uns an. Tatsächlich eine friedvolle.
„Darf ich dich was fragen?" Ob seine Wangen so rot vom Weinen sind oder mit seiner Verlegenheit verbunden sind, erkenne ich zuerst nicht.
Er findet wieder zu sich, zurück aus schmerzender Dunkelheit. Ich bin froh, dass es nicht lange angehalten, doch besonders darüber, weil sein Leuchten gleichgeblieben ist. Unverändert, frühlingshaft bestärkend. Meine Lieblingsversion. Meine Brust entkrampft sich. „Ja, klar. Ich habe mich schon gewundert, wieso du keine Fragen gestellt hast."
Er schluckt hart und setzt sich aufrecht hin. „Hast du uns eigentlich mal... nackt gesehen? Also splitterfasernackt?!" Sein Gesicht ist knallrot.
Mit heißkochenden Ohrmuscheln schnappe ich mir ein Kissen und schleudere es sogleich auf ihn. „Ist das dein Ernst?! Ich bin wochenlang eine Katze gewesen - und das willst du als Erstes wissen?", quietsche ich entrüstet, eine Welle von Hitze durchströmt mein kaputtes Lebensgerüst. Dieser Funke von Vitalität überfällt mich, bringt meine Gefühlswelt zum Schwanken. Eine Sekunde lang möchte ich am liebsten weinen, in der anderen bringt mich Chifuyus Stottern zum dämlichen Grinsen.
„A-also ja? Ist... das ein Ja?", hakt er nach.
„Nein", schüttle ich den Kopf, „dieser Anblick ist mir erspart geblieben."
„Puh." Erleichtert fasst er sich an den Nacken. „Das wäre echt peinlich gewesen."
„Aber deine Boxershirts mit den gelben Badeenten habe ich nicht vergessen", kann ich mir dennoch nicht verkneifen.
Und schon bringt mich ein fliegendes Kissen aus dem Gleichgewicht.
„Erzähl bloß Baji-san nichts davon!", jammert er beschämt.
Ich lache. Nochmal und nochmal, weil es jeden noch so von Seelenschutt verpesten Winkel meines Inneren erreicht. Lachen ist das noch nie auf diese Weise gewesen: derartig erlösend.
Freundschaft ist eine seltene, wundersame Medizin.
Hätte ich früher gewusst, dass wir uns nach diesem harten Tobak wirklich eine ausgiebige Kissenschlacht liefern würden, hätte ich es niemals zugelassen, dass meine Sorgen mir meine Lebensfreude nehmen wird. Jetzt ist es unser Lachen, vor allem sein ansteckendes und wohlklingendes Lachen, dass die Spinnenweben meiner Lasten fortfegen. Ein Freund, so stark und liebenswert wie er, wird stetig über das Dunkle in meinem Kopf besiegen.
Kummer schwindet, dunkle Gedanken über die Zukunft und meinen Werdegang erlangen keine Macht in diesem Raum mehr. Nicht gerade.
Gerade zählt nur Chifuyu.
Der Erhalt seines Lachens, seines Leuchtens, seiner unversieglichen Liebe zu Keisuke und mir.
Wenn er aufgibt, dann gibt es wirklich kein Happy End.
Nicht für unser kleines Universum.
。☁︎。 ☀︎ 。☁︎。
Ganz und gar aus der Puste fallen wir beide mitten in die unordentliche Schicht von Decke und Kissen. Mein Herz rumpelt in Glückseligkeit.
Obgleich mir das Geständnis gutgetan hat, fühle ich mich einstweilen weiterhin schlecht. Ich habe es nicht verdient, in meinen jetzigen Zustand einen Freund wie ihn zu haben, oder überhaupt glücklich zu sein.
Aber ich möchte wieder zu dem Mädchen werden, das es verdient hat, egal, was ich dafür auf mich nehmen muss.
Und wie sehr mein Herz daran zerreißen wird, wie tief ich dafür in der Dunkelheit graben muss, es wird es wert sein.
„Jetzt verstehe ich auch, wieso du an Kazutora hängst..."
Neugierig drehe ich den Blick zu ihm um. „Wie meinst du das?"
Seine Haare stehen in allen Richtungen ab. Ein angemessenes und entzückendes Chaos, das ich sorgsam mit der Hand ordne. Er studiert den blauen Fleck in meinem Gesicht nochmals nachdrücklich, als wäre er nicht mehr derselbe. Ernst prägt sich in seine Seelenfunken. „Du glaubst, wenn du seinen Weg änderst, wird sich auch Keisukes Schicksal ändern."
„Genau." Ich presse die Zähne auf die Unterlippe, stoße dazwischen heiße Luft aus. Wie genau er es auf den Punkt bringt, verätzt mir den Magen. Reflexhaft halte ich mir ein Kissen dagegen. „Er möchte sich rächen, an Mikey", seufze ich aus, Finger in den weichen Stoff rammend.
Verständnis blitzt in seinen Augen auf. „Du scheinst einen guten Draht zu ihm zu haben und ich glaube auch, dass er dir sehr vertraut. Aber solltest du nicht lieber auf dich achten?" Sorge vereist seine Gesichtszüge wiederum schnell. „Oder dir eine Pause nehmen? Mit Baji-san?"
Mir wird fiebrig; als würde ein Mechanismus bei diesem Thema alarmierende Bakterien erkennen und wegstoßen. „Das geht nicht. Ich kann nicht stillsitzen und auf Halloween warten."
Schwunghaft stützt er sich auf. „Doch, du kannst das!" Er hört sich verärgert an, dennoch passt es nicht zu seinem sorgsamen Ausdruck. Was regt ihn plötzlich so auf? Meine Sturheit? Oder sind es aufsteigende Schuldgefühle? „Überlass' Kazutora und den Spitzel mir, du bist die einzige, die Baji nach heute noch in seine Nähe lässt."
„Du und Kazutora könnt euch gegenseitig nicht ausstehen", erinnere ich ihn widerwillig daran, was die zwei mir heute zweifellos vor Augen geführt haben. Weshalb ich ihm gleichzeitig diese Idee aus den Kopf schlagen möchte. „Ich bin schon so weit, Chifuyu, ich schaffe das schon", versuche ich ihn zu besänftigen. Sehr erbärmlich.
„Du bist nicht mehr alleine." Nun weiß ich, warum ich es so lange geheimgehalten habe. Er wird mir seine Hilfe aufzwingen, ganz gleich, ob er damit was erreicht oder nicht. Was er überhaupt nicht kann, ist sich zurückhalten. „Wir werden Halloween nicht verhindern können, kein Kampf wird jemals wieder abgesagt oder verschoben. Er steht fest. Deshalb müssen wir uns mehr auf diesen einen Tag konzentrieren."
Vorsichtig richte ich mich auf, die Beine im Schneidersitz verankert und das Kissen fest im Griff. Natürlich hat er Recht. Den Kampf werden wir nicht aufhalten können, das ist eine wichtige Gangangelegenheit. Jedoch, es hängt so viel von diesem Tag ab, dass ich mir einfach wünsche, ihn vom Kalender radieren zu können.
„Ich muss mich auch nicht mit diesem komischen Kerl von Kazutora anfreunden, um mit ihm gemeinsam Baji-san zu beschützen." Mein Schweigen nimmt er richtig wahr und redet unaufgefordert weiter. „Der Spitzel wird ihn nicht mal mit dem Finger berühren können, das schwöre ich dir", grinst er zuversichtlich. Dann rutscht er zu mir heran, streckt seine Hand aus und umschließt damit den offenliegenden Schlüsselanhänger um meinen Hals.
„Das meiste hast du doch schon geschafft." Sein Blick wird gütig und beinhaltet einen zarten Eisschimmer von Stolz und Zuneigung. Beinahe hat er mich damit. „Du hast Kazutoras Vertrauen, er ist auf jeden Fall nicht mehr so wahnsinnig wie ich ihn das erste Mal erlebt habe. Und das ist echt verrückt. Und..." Beide unserer Atem werden schwerer, mein Herz poltert schneller. „Du hast Baji-sans Herz für dich gewonnen. Ich weiß, dass dieser großköpfige Idiot immer zu dir zurückkommt. Also..." Er hebt das Kinn an, sein Gletscher funkelt mit neuer Kraft. „Lass mich den Rest erledigen."
Seine Worte sind wie honigwarmer Balsam. Sie gehen unter die Haut, zu der schädlichen Verknotung in meinem Bauch und lösen sie. Meine Finger lockern sich so durch die einkehrende Entspannung, dass ich meine Hand um seine legen kann.
Zeit ist unbegreiflich, aber endlos. Wir können sie nicht festhalten, nicht vor ihr wegrennen. Selbst wenn wir nicht länger existieren, tut sie es fortlaufend. Wichtig ist es, sie richtig zu verschwenden. Mit den richtigen Menschen an deiner Seite jede einzelne Sekunde davon zu verbringen. Zeit nicht als Feind zusehen sondern als Möglichkeit, in kürzester Zeit etwas Großes zu bewirken.
Denn der größte Feind der Zeit sind nicht wir, es ist das Schicksal.
Dann sichere ich ihm mit Wohlwollen in der Stimme zu: „Wir machen das gemeinsam, Chifuyu. Keine Einzelgänge mehr, nur wir gemeinsam." Hoffentlich werden wir zusammen ein neues Schicksal bewirken können. Ein gutes.
Mit diesen Worten kann ich ihm etwas geben, das er sich schon sehnlichst gewünscht hat.
Er ist ein fester und anerkannter Teil der Front.
Sein Lächeln knickt ein, ehe er mich in seine Arme schließt. Er sagt nichts, als würde er wie ich diesen Moment aufnehmen, tief in sich vergraben, um in besonderen Umständen wieder darauf zugreifen zu können. Er begreift etwas, das Zittern seiner Muskeln verrät ihn, und ich frage mich, ob er realisiert, dass wenigstens ein Albtraum vorüber ist.
Wie sehr muss es ihn belastet haben, immer wieder zu sehen, wie wir mit etwas ringen? Kein Wort darüber gesagt haben, außer ein falsches „Alles gut?" Obwohl wir genau gewusst haben, er würde uns diese Lüge nicht abkaufen, haben wir es trotzdem durchgezogen. Wer wirklich gelitten hat bis zum seelischen Bluten, ist der Junge in meinen Armen. Er wird immerwährend mit einem Grinsen die Schattenseiten des Lebens betrachten. Und das ist gut so.
„Saejin?", fragt er noch gegen meine Schulter, schielt zu mir hoch. Sein Blick hat was Schmerzerfülltes, aber auch was Liebendes. Letztlich siegt das Liebende darüber.
„Ja?"
„Bitte vergiss uns nicht."
Tränen stoßen mir ungestüm in die Augen. „Wie könnte ich meine Helden jemals vergessen?"
。☁︎。 ☀︎ 。☁︎。
Nach einer weiteren Tasse Tee habe ich es ohne zu verkünden beschlossen, dass Chifuyu bei mir übernachtet. Er hat zwar ein wenig dumm herumgedruckst, er würde nicht bei Bajis Mädchen übernachten wollen - da hat ihn mein Gegenargument „Seinem Mädchen den ersten Kuss zu stehlen ist eine viel schlimmere Tat" mundtot gemacht.
Um die angestaute Ansammlung aus Kummer und getrockneten Tränen zu vertreiben, öffne ich das Fenster zum Durchziehen. Kalte Herbstluft begrüßt mich mit einem feuchten und erdigen Duft. Herrlich, denke ich mir und nehme einen intensiven Schnupper davon. Ein kühler Wind wirbelt mir durch die Haare, peitscht mir gegen die Haut.
Alles, worüber ich nachdenke, ist, dass all meine Sekunden ihnen gehören. Die vergangenen, die im Jetzt und die, die noch erst von der Zeitnadel gesponnen werden müssen. Doch jede davon dreht sich um sie, um uns. Es tut so weh, die Furcht vor dem allem entscheidenden Tag tut so weh. Ich weiß nicht, wie lange ich es noch aushalten werde, bis ich wirklich nicht mehr kann.
„Wie ist das eigentlich so als Katze?" Chifuyu sitzt noch immer auf meinem Bett, auf seinem Schoß einer meiner alten Sailor Moon-Manga. Ich sehe zu ihm und reibe mir mit dem Ärmel die Wärme zurück in die Wangen. „Ist das Leben wirklich besser?"
Wenn er mir solche Fragen stellt, kommt es mir noch wie eine Halluzination meines Herzens vor. Er weiß über die letzten Monate Bescheid. Es kommt mir so vor, als würde diese Tatsache gemächlich einsacken. Ganz achtsam. Und die dunkle Wolke über meine Gedanken schwindet nach und nach. Plötzlich kann ich meine Gedanken wieder kontrollieren, und ich stelle mich dabei wie ein verdammter Frischling an.
Aber ehe ich mich in eine Erinnerungsflut stürze, wird die Stimme in meinem Kopf bereits von einer anderen übertönt.
„Nein, auch dieses Leben ist nicht sorgenlos."
Ich bin froh darüber, dass mir jemand das Reden abnimmt. Jetzt, wo es zwischen mir und Chifuyu so fragil und glasdünn wirkt, will ich es nicht durch falsche Worte zunichtemachen. Nicht jetzt, wo er genau darüber Bescheid weiß, dass er die zwei wichtigsten Personen in seinem Leben verlieren könnte.
Bei dem Anblick des schwarzen Katers neben mir ziehen sich meine Mundwinkel wie von selbst nach oben. Seine vertraute Anwesenheit wirkt sich direkt auf mein Gemüt aus. Katzen sind einfach Seelenretter.
„Peke J", flüstere ich seinen Namen und schenke ihm ein weiches Lächeln.
Er stiert mir ohne Vorwarnung in die Augen, seine Brauen leicht verzogen, als wäre er konfus. „Hast du es ihm erzählt?"
Das Beben seiner sonst ruhigen Stimme beunruhigt mich. Mein Herz rast alarmierend. „Werde ich dafür bestraft?"
„Du hast echt lange dafür gebraucht, weißt du das?", erwidert er geradewegs patzig. Mit eiligen Sprüngen meistert er sich auf mein Bett, um sich vor Chifuyu niederzulassen.
„Was soll das heißen?", werfe ich den Kater verwundert hinterher. Hat er etwa schon darauf gehofft, ich würde es einen von den Jungs erzählen?
Chifuyu blickt grinsend seinen Kater an wie ein Kleinkind sein Lieblingsstofftier, beugt sich zu ihm und krault ihm liebevoll das Köpfchen. „Was hat er gesagt?", fragt er mich aufgeregt, hippelig. So süß.
Peke J dreht den Kopf zu mir herum. Seine bernsteinfarbene Mondsichel fordern mich auf. „Sag ihm, dass du gar nicht so klug bist wie du scheinst." Wortlos klappt mir die Kinnlatte herunter, ehe er ein Glucksen von sich gibt. „Er kann mich alles fragen, was er möchte. Du wirst unser Dobermann sein."
Bei seiner Wortwahl muss ich mir rasch die Hand vor dem Mund halten, um nicht loszulachen. „Du meinst ganz sicher „Dolmetscher", Peke J", korrigiere ich ihn. Dann wende ich mich an Chifuyu. „Er hat mich gerade als Katzendolmetscher arrangiert." Sanft lächle ich ihn an. „Das ist dein Moment, Fuyu. Du kannst mit deinem besten Freund reden. Das ist das mindeste, womit ich dir meine Dankbarkeit zeigen kann."
Seine Gletscher leuchten begeistert auf. „Wirklich?", fragt er atemlos.
„Wirklich." Unverzüglich schließe ich das Fenster, nehme mir meine Keramiktasse mit Tee und setze mich an die Bettkante. „Es kann losgehen. Aber bitte, langsam sprechen. Es ist schon spät und ich habe heute das erste Mal eine Faust ins Gesicht bekommen." Und mein Herz so weit ausgeschüttet, dass es völlig leer ist.
Kurz erschaudert es mich, wie ähnlich ihre Blicke sind. Dieselbe Sorge, dasselbe Mondleuchten. Nicht nur das: in meiner Zeit als Katze ist immer Peke J für dich da gewesen, hat mich gepusht und angefeuert, sowie Chifuyu zuvor. Kein Wunder also, warum ich die beiden so tief in mein Herz geschlossen habe. Ohne sie wäre die Nacht nur schwarz und sternenlos.
„Demjenigen werde ich beim nächsten Mal absichtlich kratzen!", sagt Peke J verärgert, und Chifuyu ebenfalls: „Beim nächsten Mal schlage ich für dich zurück!"
Oh, wie schnell die Welt ein Stückchen leichter wird. Einen Hauch unbeschwerter.
Infolgedessen fangen sie an miteinander zu kommunizieren. Der Kater auf dem Schoß seines Herrchen, die Bernsteine schimmernd vor Zuneigung und Aufmerksamkeit. Die ganze Zeit über schauen sie sich an und wenden den Blick nicht voneinander. Chifuyu schaut ihn mit leuchtenden Kinderaugen an, als wäre sein größter Wunsch in Erfüllung gegangen. Als wäre er wieder in einem Traum gefangen. Aber ein sehr, sehr schöner.
Sie unterhalten sich über alte Zeiten. Ihre erste Begegnung und den Zufall, dass er auch irgendwie Baji gehört und es keinen von ihnen stört. Sie lachen über gemeinsame Erinnerungen, Augenblicke, die ihre Bindung gestärkt hat, und über Chifuyus Mutter, der er beweisen hat können, dass er sich sehr wohl um Peke J kümmern kann. Und selbst, wenn sie es ihn nicht erlaubt hätte, hätte er ihn trotzdem heimlich beibehalten. Weil er ihn auf den ersten Blick an so geliebt hat wie niemand zuvor.
Dann gesteht er ihm, dass es er gewesen ist, der die schmerzende Lücke seines verstorbenen Vaters mit seinem Schnurren und Brummen gefüllt hat. Bei diesem Geständnis bekomme ich leichte Tränen in die Augen, mein Herz pumpt wohlig warm in meinem angeknacksten Lebensgerüst. Ich kann nicht aufhören, diesen Augenblick so aufzusaugen wie eine Blume das Sonnenlicht.
Chifuyu unterhält sich so freudestrahlend, so besonnen, mit ihm, als würden keine Sorgen auf dieser Welt existieren. In dieser Zeit reise ich selbst zurück, an unser erstes, gemeinsames Jahr nach unserer Begegnung. Wie unbeschwert wir gewesen sind. Das einzige, was für uns gezählt hat, sind wir gewesen. Jede Stunde, die wir ohne Verpflichtungen hatten, hatten wir miteinander verbracht.
Schroff werde ich mir bewusst, dass einer von uns fehlt. Und nicht nur irgendeiner, es ist unsere Sonne. Derjenige, der uns selbst an Regentagen nach draußen gelockt hat, um uns irgendwo in einen Nudelshop zu setzen und uns über Gott und die Welt zu unterhalten. Er hat es selbst an solchen grauen und ermüdenden Tagen geschafft, mein Herz mit knisternden Feuerfunken zu erwärmen.
Seine Abwesenheit brennt schon jetzt wie heißer Guss in der Brust.
Keisuke.
Ich wünsche mir, er könnte bei uns sein. Könnte an diesem Wunder teilhaben und wieder ein vollständiger Teil von uns sein.
Meine Finger umfassen wie ein Schutzmechanismus den Schlüsselanhänger um meinen Hals und halten ihn ganz, ganz fest. Hoffentlich spürt er das. Hoffentlich weiß er, dass er nicht allein ist. Und hoffentlich... gibt er noch nicht auf.
Keisuke, wo auch immer du gerade bist, ich wünsche mir, du könntest dasselbe sehen wie ich. So glücklich habe ich Chifuyu schon lange nicht mehr erlebt. Und ich weiß, wie viel dir seines und mein Glück bedeutet...
Halte durch.
Ich werde uns retten.
Tage später
„Meine kleine Schildkröte, Keisukes Mutter hat mich eben angerufen." Kalter, trüber Kaffee. „Er ist eine ganze Weile nicht nach Hause gekommen."
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Und damit ist auch die FF hier auf dem aktuellen Stand.
Die letzten Kapitel sind bereits festgelegt.
Das heißt, die Geschichte wird bald enden. </3
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