the hero with a broken heart.

Doch Keisuke scheint es zu spüren, mein Ablösen von dieser Welt.

Er kommt mit zwei Farbeimern und unterschiedlichen Pinseln zurück und positioniert sie vor seinem Südpol. Vor meinem Bild, vor meinem Anker, der ihn an diese Welt und Schule bindet. Er hat mir bis heute noch nicht gesagt, ob es ihm gefällt oder nicht, aber das ist nicht weiter nötig. Ich sehe es nun, und mein Herz flattert so wild wie die Flügel eines kleinen Kolibris. Wenn ich weinen könnte, hätte ich es getan. Aber es wären keine Tränen aus Schmerz oder Dunkelheit, es wären Tränen der Freude, das unsichtbare Blut meiner Seele, die gerade auf eine andere Art und Weise aufsplittert als beim Malen.

Es ist ein angenehmes, kurzes Aufsplittern.

Es ist einen Augenblick da. Einen Augenblick genug, um sein junges und freies Feuer in mich einzuschließen, und dann ist sie wieder zu.

Doch das Feuer bleibt in mir.

Es geht auf – als würde es bereits fühlen, wie mich etwas an diese Welt bindet, gegen welches selbst die aufrichtige Liebe einer Katze wenig erscheint.

Baji bindet sich sein Flannelhemd um die Hüfte und nimmt sich sein Haargummi vom Handgelenk, um seine wellige Mähne zusammenzubinden. Dann öffnet er die erste Farbe und beginnt, etwas an seinem Südpol zu ergänzen. Direkt neben der schwarzen Katze mit den Teufelshörner.

„Ich bin nicht gut in der Schule, kleine Saejin." Ich mag es, wie er mich kleine Saejin nennt und wie weich sich dabei seine Stimme anhört. Er scheint es mir nicht übelzunehmen, dass ich nur eine Katze bin und nicht das Mädchen, das er nicht im Weltall verlieren möchte. „Deshalb kann ich es verstehen, dass sich meine Mutter so um mich sorgt. Sie glaubt, dass gute Noten mich davor bewahren werden, in Armut zu leben. Aber das stimmt so nicht. Ich glaube, Leute enden erst in Armut, wenn entweder das Leben sie verlassen hat oder sie selbst das Leben verlassen möchten. Niemand lebt gerne in Armut. Ich auch nicht – aber ich möchte mir jetzt noch keine Gedanken darübermachen, was wäre wenn. Am Ende mache ich sowieso nicht alles richtig, deshalb finde ich es wichtig, immer das zu tun, was man möchte. Wenn ich mal einen eigenen Tiershop besitzen möchte, dann werde ich auch alles dafür tun. Wenn sich mir das eigene Leben in den Weg stellt, werde ich mir einen eigenen Weg dorthin bauen."

Die ersten Pinselstriche werden gesetzt, die Flammen steigen in meiner Seele empor und etwas faucht darin wie die Katze, die gedacht hat, es wäre leicht, mich vom meinem Gesicht zu lösen.

„Mich interessiert es wirklich, was ihren Eltern widerfahren ist, warum sie so obsessive mit ihrer eigenen Tochter sind und wieso sie sich selbst keine Freiheiten geben. Also ehrlich..." Er schnaubt entrüstet, und ich weiß es leider auch nicht. Sie leben in ständiger Angst, ihr Leben zu verlieren, das sie sich so hart erarbeitet haben. Während mein Vater lange Zeit arbeitslos gewesen ist, hat meine Mutter alle möglichen Jobs angenommen, um ihn durchzuziehen. Eines Tages hat mein Vater endlich einen Verlag für seinen Manga gefunden. Ihr Kämpfen hat sich demnach gelohnt. Sie sind nun ein der Teil der Oberklasse.

„Du glaubst es nicht, aber sie haben ihr letztes Jahr vorgegeben, mit wem sie zu diesem dämlichen Jazz-Konzert gehen darf oder nicht. Sie haben ihr Karten zum Geburtstag geschenkt – mit der Bitte, mit Chifuyu dorthin zu gehen. Er wusste bis dahin aber gar nicht, dass sie Jazz überhaupt mag. Sie hat es nur mir anvertraut. Also hat sie mich gefragt und ich habe zugestimmt. Blöd aber, wenn die eigenen Eltern das herausbekommen und man nicht ihr Liebling ist. Sie haben Chifuyu angerufen und von dem Konzert erzählt. Er hat natürlich nicht „Nein" sagen können. Er ist besser darin gewesen sich zu verspielen als ich. Ich weiß nicht so recht, wieso er sich so darum bemüht, bei ihren Eltern gut da zu stehen – aber ich bereue es nicht, ihnen nicht jemand falsches vorzuspielen. Ich bereue es lediglich, sie nicht zum Konzert begleitet zu haben..."

Stille.

Ich setze mich neben ihn und begutachte sein bisheriges Werk, um nicht an den Einfluss meiner Eltern denken zu müssen. Chifuyu ist wirklich immer jemand anderes gewesen, wenn er bei mir daheim gewesen ist. Höflich, offen, freundlich – wie der nette Junge von nebenan. Er hat ihnen immer zugestimmt, wenn sie etwas über mich sagten oder entschieden, das überhaupt nicht zu mir passte. Als wäre er wie Keisukes Mutter eine weitere Puppe in ihrem Theaterstück, das mein eigenes Leben darstellt. Ist er das? Eine weitere Puppe? Habe ich es nicht sehen können, weil es mir nicht wichtig ist, wie meine Eltern zu ihnen stehen? Oder bin ich selbst eine Puppe, obwohl ich von dem Gegenteil überzeugt bin? Mehr als das: ich bin überzeugt davon, in Chifuyu verliebt zu sein.

In der Nacht des jährlichen Sommer-Jazz-Konzerts habe ich es schließlich festgestellt.

Meine innigen Gefühle für den blonden Chaoten mit den grün-bläulichen Gletscheraugen.

„Das Konzert hat das zwischen uns alle verändert", setzt er nicht nur seine Worte fort und sein Samt ist angebrochen und rauer als gewöhnlich. Seine Pinselstriche sind fester und dicker, als würde er versuchen, etwas zu überstreichen – aber es blickt immer wieder durch. Gefühle können nicht einfach überstrichen werden, das stellen wir beide in dem Moment fest. „Sie hat wieder Abstand zu mir genommen. Sich mehr auf meinen Freund konzentriert. Ich bin irgendwie... nicht mehr ein Teil ihrer Welt gewesen, aber sie... Sie ist es geblieben. Darüber habe ich mich am meisten geärgert. Und jetzt ist es genau das, was mich zu dieser Dummheit hier treibt. Ich bin kein großartiger Künstler wie sie, aber ich werde sie wenigstens nicht aus den Augen verlieren."

Allmählich erkenne ich die Form seiner Striche.

Es ist eine weiße Katze.

Sie hat auf ihrer Stirn eine schwarze Kennzeichnung wie ein Juwel.

Zum ersten Mal bekomme ich Keisukes Magie zu spüren. Er malt keine Gemälde, er schreibt keine Geschichten oder hat eine unglaubliche Entdeckung gemacht. Sie ist sein aufopferungsvolles Herz, und diese Magie ist unheimlich schmerzvoll, weil er damit auf eine der schlimmsten Arten berührt.

Er malt Erinnerungen in die Herzen anderer.

Er schreibt gemeinsame Geschichten in die Herzen anderer.

Er entdeckt mit anderen seine Welt, aus die er niemand mehr entlassen möchte.

Keisukes Magie ist seine Liebe.

Er geht nicht nur einfache Bindungen mit anderen ein, er schließt sie in sich in sein Haus, das nur aus Liebe und Freundschaft besteht. Er bietet jeden ein sicheres und geborgenes Zuhause an; einen Ort, an dem man immer zurückkehren kann, wenn man nicht mehr möchte oder kann. Er würde keinen deshalb verurteilen. Vermutlich (eher zu hundert Prozent) würde er diejenigen dafür verprügeln, die für diesen Schmerz verantwortlich sind, aber er würde einem zuhören und ihm dann mit einer der Kleinigkeiten, die er sich gemerkt hätte, zurückholen. Sei es eine warme Milch mit Honig oder die Musik von Jazz. Er mag nicht der große Gefühlsredner sein, aber er ist ein Freund auf Lebzeiten. Einer, der immer hinter einem stehen wird, und einer, mit den man jedes Wetter übersteht. Auch die Naturkatastrophen meiner Eltern.

Und plötzlich weiß ich, wie ich Chifuyu meine Gefühle gestehen kann.

Durch meine eigene Magie.

Sowie ich Keisuke mit meiner Magie an mich gebunden habe.

Er wird mir nicht davon schweben.

Er würde immer von seinem Südpol angezogen werden – und dieser bin unerwartet ich.

Das lodernde Feuer in mir ist beständig.

Es erfüllt mein Herz mit tobenden Kupferfunken.

*

Neben der schwarzen Katze mit den Teufelshörnern sitzt nun eine weiße Katze mit sonnengelben Augen und einem Juwel auf der Stirn. Sie ist sehr schön. Ein unverwechselbares Kunstwerk aus Bajis Hand. Er hat sich wirklich Mühe gegeben, das erkennt man daran, wie ruhig er den Pinsel geführt hat und wie er auf die Konturen und feinen Details geachtet hat, die einen Bild erst Leben einhauchen. Ich glaube, er hat sich so auch erhofft, ein Hauch von Leben in meinem menschlichen Körper zurückzubringen. Ich mir mit holprigen Herzen ebenso.

Niederschmetternd, wie wir beide jetzt vor der Wand sitzen und sie mit enttäuschten Blicken anstarren, weil nichts von dem eingetroffen ist.

Er hat sich in der Zwischenzeit etwas von einem Lieferdienst zur Schule bringen lassen. Die Miso-Suppe hat er für mich mitbestellt. Aber keiner von uns rührt sein Essen an. Wir scheinen auf etwas zu warten, das uns zurück in dieses Universum einrenkt, doch es passiert nichts desgleichen.

Wir bleiben verlorene Sterne.

„Sie gehört zu mir", flüstert er mit samtig-rauer Stimme und seine bronzefarbenen Augen leuchten auf. Dort und da hat er Farbflecken auf den Armen, auf dem Tank-Top und im Gesicht. Sie sind das einzige, das von seinem entsetzlichen Schmerz unberührt bleibt. „Und das wissen ab heute alle."

Ich sehe zu ihm hoch und begegne seinem unerschöpflichen Feuer. Mein Gesicht füllt sich mit schwerer Wehmut. „Ich hoffe, ich werde es schaffen, Keisuke. Damit ich dir nochmal persönlich danken kann. Aber vielleicht weißt du es schon selbst, dass du gerade einer dieser Kleinigkeiten erschaffen hast, die mich immer an diese Welt binden werden." Meine Brust wird auf einmal ganz leicht, als ich mich von dem Feuer unserer verbundenen Herzen leiten lasse. „Danke, dass du mich niemals aufgeben wirst."

Mein zartes Miauen bringt ihn dazu, sich von seinem Südpol zu lösen. „Willst du nach Hause, kleine Saejin?" Er kniet sich zu mir hin und legt mir seine große Hand auf den Kopf. „Es ist sowieso schon viel zu spät. Ich muss noch einen alten Freund besuchen. Er ist heute nämlich endlich wieder zurück."

„Geht es dir denn besser?", frage ich ihn, weil mir sein Gesicht nichts darüber verrät.

Er rückt so weit heran, dass seine Stirn gegen meine lehnt, und für einen Moment habe ich die Hoffnung, er könnte mir tief genug in die Seele sehen, um dort die Sterne unseres gemeinsamen Universums erblicken zu können. Sie würden ihm dieses kleine Geheimnis zwischen uns verraten, würden ihm sagen, dass ich es bin – Saejin mit den sonnengelben Augen und dem Traum, Astronautin zu werden. Aber was würde er dann machen? Würde er mir immer noch seine Geheimnisse anvertrauen? Oder sind sie nur für Saejin die Katze bestimmt? Hoffentlich nicht. Es ist eine Art von Besänftigung, zu wissen, dass da jemand wie Keisuke ist, der sich so sehr nach meiner Rückkehr sehnt und Dinge wie diese macht, um mich vor dem Ableben zu bewahren.

Wir schließen beide die Augen, und mir wird mit einem traurig-schönem Gefühl wie dünnes Eis in der Brust bewusst, dass, auch wenn ich am Ende mich selbst vergessen würde, mich Keisuke dafür niemals vergessen wird. Aber ich habe Angst davor, was passieren wird, sobald er seinen Südpol endgültig verlieren wird. Wenn da nichts außer Erinnerungen bleiben und eine gemeinsame Zukunft unmöglich wird.

„Du musst mir etwas versprechen, kleine Saejin", flüstert er und sein warmer Atem stichelt mein Näschen, „sei bitte achtsamer mit deinem Leben, ja? Wenn dich irgendein blöder Kater aus der Nachbarschaft ärgert, dann kommst du einfach zu mir und ich werde dich beschützen. Genauso wie sie. Aber dafür möchte ich, dass du nichts Riskantes unternimmst, okay?"

Ich verspreche es dir, Keisuke." Mein Schnurren ist kräftig und kommt direkt aus meiner Brust wie es sonst bei seinem Lachen ist. Ich schmiege meine Stirn an seine und wünsche mir, in diesem Moment die restlichen 3 Monate verweilen zu können. Aber mir ist mit schweren Herzen klar, dass ich das nicht kann und dass er wieder seine Schwerkraft benötigt, um nicht zusammenzufallen.

Sein Feuer hält mich, und meine Schwerkraft hält ihn.

Dann weicht er einen Schritt zurück. „Mach dir keinen Kopf wegen ihren Eltern. Sie werden uns nicht trennen können. Ich bin mir sicher, dass sie noch rechtzeitig aufwachen wird, bevor sie zurück nach Südkorea gehen werden."

Ja, das muss ich.

Ich muss aufwachen. Irgendwie.

„Saejin würde das nicht zulassen. Sie würde es ihren Eltern nicht nochmal erlauben, über ihr Leben zu bestimmen. Sie ist mutiger geworden, weißt du?"

Bin ich das? Verunsichert beobachte ich, wie er die Farben vor der Wand stapelt und daneben seine benutzten Pinsel legt, als würde er sie dort einfach liegen lassen. Würde er das nicht machen, wäre es nicht er. Er möchte den anderen Mitschüler anscheinend ein Zeichen hinterlassen; ein Zeichen von mir. Wie ein Geist, der jetzt im Schulgebäude sein Unwesen treibt.

Er zieht sich das Hemd wieder an und öffnet seinen Zopf, so dass mir seine langen, welligen Strähne die Sicht in sein hübsches Gesicht versperren. Aber ich muss es nicht sehen, um seine Tränen zu bemerken. Sie sind schon in seiner stickigen Stimme, in dem Zittern seines Samtes und der Gebrochenheit darin. „Sie ist unglaublich mutig. Sie hat sich einfach vor diesen beschissenen PKW geworfen, um dich zu retten, kleine Saejin."

„Hast du nicht behauptet, dass es sehr selbstlos von mir gewesen ist?" Ich beiße mir auf die Zunge, um mir ein Miauen zu verkneifen. Das ist nicht angebracht. Nicht in diesem Augenblick, wo das Feuer flackert und der nächste Frühling noch so fernliegt. Ich möchte das nicht. Ich möchte den nächsten Frühling erleben, und ich möchte, dass das Gänseblümchen das Eis brechen wird, um zu verstehen, dass egal, wie müde und traurig man ist, es immer einen Weg hinausgibt. Man muss nur fest genug daran glauben.

„Wie kann diese verkackte Welt so unfair sein?" Er schüttelt den Kopf, aber die Welt um ihn herum bleibt verlassen. Seine Hände verkrampfen sich zu Fäusten, seine Zähne knirschen wie jedes Mal, wenn er gegen sich und seine Gefühle ankämpft. „Gehen wir, kleine Saejin. Ich hoffe, mein alter Freund wird mich auf andere Gedanken bringen. Schließlich ist unser letzter Briefaustausch eine Weile schon her." Er packt mich mit beiden Händen, um mich in seine Arme zu wiegen, ehe er das Schulgebäude verlässt.

Unser Essen immer noch nicht angerührt. Die Farbeimer und Pinsel auf den kalten Boden wie Überbleibsel einer Reise, die er nur einmal angetreten hat, weil sie schon beim ersten Mal so viel von seinem Herzen verlangt hat, dass er nun völlig erschöpft davon ist.

„Es tut mir leid, kleine Saejin", meint er auf dem Motorrad noch zu mir und hält mich fest wie der Kompass zu seinem Gegenpol, „dass ich dir nicht die besten und weichsten Kissen bieten kann. Oder dass mein Geld nicht ausreicht, um dir einen kleinen Helm zu kaufen. Ich weiß, dass dir Saejins Eltern all das bieten könnten. Aber ich hoffe trotzdem, dass du bei mir bleibst."

Es geht ihm überhaupt nicht besser.

Er setzt nur seine Maskerade auf, indem er sich lieber auf andere als auf sich selbst fokussiert. Andere Sorgen scheinen immer lösbar zu sein, aber die eigenen komischerweise nicht. Dabei unterscheiden sie sich gar nicht so arg voneinander. Aber was ich bereits über das Leben gelernt habe, ist, dass das eigene immer am schwersten erscheint. Es ist wie ein Überlebensmechanismus, lieber auf die schöneren und leichteren Dinge zu achten als sich in diesem Labyrinth des eigenen Lebens zu verlieren.

Ich bin noch ganz am Anfang dieses Labyrinths.

Keisuke hat sich darin verloren, und Chifuyu...

Er weiß nicht mal, dass ich an ihn denke und dass er das Licht meines Labyrinths ist. Wie soll er dann über das Lebenslabyrinth Bescheid wissen?

*

„Ich habe schon auf dich gewartet." Er steht neben seinem Motorrad gelehnt und Baji hat seines daneben abgestellt. Wie immer. Der Blonde prüft seinen besten Freund mit scharfsinnigen Blick, als würde er nach den Rückständen einer Naturkatastrophe Ausschau halten. Aber da sind nur sein wildes, freies Feuer und die darin gefangenen Erinnerungen an mich. Sie sind die Quelle seines Drangs, weiterzumachen. „Ich habe ihr Auto gesehen und wie sie weggefahren sind. Was haben sie erzählt?", fragt er neugierig nach.

Keisuke lässt mich zu Boden. „Wenn sie in 3 Monaten nicht aufwacht, gehen sie mit ihr zurück nach Südkorea. Angeblich gibt es dort bessere Ärzte", antwortet er ihm mit einem Ton, als würde er meine Eltern für die verrückteren von ihnen halten.

Er hält geschockt den eigenen Atem an. „Wirklich?", bohrt er ungläubig nach, fährt sich mit der Hand mehrmals durch die blonden Haare und verunstaltet sie zu demselben Chaos wie in ihm.

Aber meine Eltern sind nicht die verrückteren.

Wir sind es.

Wir und unser Hoffnung, wieder eines Tages zusammen sein zu können.

Der andere nickt, während ich auf Chifuyu zu gehe und sein einfallendes Gemüt betrachte. Sein Gletscher ist erschreckend sternenlos, als hätte die Finsternis schon darüber gesiegt, ohne dass er mir eine Chance gegeben hat, für uns beide zu kämpfen. Das kann nicht sein. Wie kann er so schnell aufgeben?

„Heißt das, wir müssen uns von ihr echt verabschieden?"

„Nein, das müssen wir nicht", entgegnet er ihm verbissen, „soweit wird es nicht kommen. Du weißt, Saejin würde sich immer ihren Eltern in den Weg stellen, wenn es um uns geht."

„Stimmt." Er atmet auf und legt die Stirn in Falten. „Was hast du gemacht? Ist das... Farbe?"

„Oh, das." Keisukes wildes, jungenhaftes Grinsen zeigt sich dem Blonden in vollem Feuer. „Ich habe die Schule ein wenig verschönert."

Ich habe eine Idee, wie ich die Sterne zurück in ihren Gletscher bringe. Achtsam streife ich um seine Beine, reibe mich mit dem Rücken daran und gebe ein lautes Mauzen von mir, damit er mich nicht einfach ausblenden kann.

„Wieso gibst du auf? Warum? Was habe ich falsch gemacht?"

Er geht tatsächlich in die Hocke, sieht aber nervös zum anderen Jungen. „Hat es dir deine Mum auch schon erzählt? Die Polizei ist bei uns gewesen und..."

„Habe ich deine Hand zu wenig gehalten?"

„Ja, aber meine Mum hat ihnen nichts verraten", unterbricht er ihn harsch und der Gedanke an seine Mutter bringt Spannung über ihn.

Habe ich zu lange gewartet?"

„Meine hat mich auch beschützt." Seine Hand streichelt über mich, und ich bin so glücklich darüber, dass er mich berührt, dass ich wie automatisch das Schnurren anfange. Es ist derselbe Reflex als würde ich lächeln. „Du hast aber nichts getan, was dich von der Schule schmeißen wird, oder, Baji?", fragt er beunruhigt nach und seine Finger verharren unter meinem Kinn. „Es ist schon schlimm genug, dass sie nicht mehr da ist." Nun blickt er mich an, und da ist so viel in seinem Gesicht gebrochen, dass ich die Befürchtung habe, dass sein Herz nie wieder geflickt werden könnte.

„Nein, das würde ich nicht riskieren. Nicht ihretwegen", gibt Keisuke zu und kommt auf ihn zu. „Du musst auf sie aufpassen. Nur für ein paar Tage", platzt es dann aus ihm heraus, aber diese Worte scheinen ihm sehr schwer zu fallen, weil sein Samt daran fast erstickt.

Mein Schnurren stoppt. Was geht in deinem Kopf vor, Keisuke?

Chifuyu schaut ihn überrascht an. „Warum?"

Er seufzt aus, doch seine Gedanken verlieren nicht an Gewicht. „Meine Mum ist gerade auf dem Kriegsfuß mit mir. Sie muss glauben, dass sie weggelaufen ist – dann kann sie wieder zu mir zurück."

Nicht nur das. Aber wieso erzählt es ihm Baji nicht? Was hindert ihn daran? Ist es doch so, dass Chifuyu lediglich eine Marionette in ihrem Theaterstück ist? Und seine Rolle ist nicht die des Helden? Doch, das ist sie. Nichts wird mich umstimmen können, auch nicht die Zweifel in Keisukes Samt.

„Das Haustierverbot?", hakt der Blonde nach und setzt zu einem leichten Lächeln an.

„Genau das", presst er angestrengt zwischen den Zähnen hervor.

„Alles klar." Vorsichtig legt er seine Hände um meine zierliche Gestalt und führt sie unter die Achseln meiner Vorderbeine, dann lüftet er mich in die Höhe, so dass ich ihm direkt in das hübsche Gesicht schauen kann. Er lächelt mich an, die Wehmut darin sticht in meinem Herzen, aber ich erkenne auch das schwache Funkeln der Gletschersterne. Darauf achte ich bewusst und bereite mich sogleich darauf vor, mich in ihnen zu verlieren. „Du kannst dich auf mich verlassen, Baji-san. Ich werde mich gut um sie kümmern", versichert er ihm voller Tatendrang und Ehrlichkeit, weil er in dem anderen Burschen seinen besten Freund gefunden hat und beste Freunde sind immer füreinander da.

Er hat endlich das verstanden, was ich schon seit einer Weile realisiert habe: Ich, Saejin die Katze, bin der Juwel von Keisukes Universums.

Jetzt hält mich nichts mehr auf.

Jetzt kann ich die Sterne zurück in seinen Gletscher bringen.

Baji nickt und holt Luft schwer, als müsse er sich zügeln. „Ich..." Er hält inne.

Chifuyu kichert und meine raue Zunge berührt ihn sanft an der Wange, als ich ihn etwas wie einen Katzenkuss auf seiner soften Haut hinterlasse. Er schmeckt süßlich, wie Zucker, der langsam im Gaumen schmilzt. Eine noch gewaltigere Zuckerexplosion als warmer Milch mit Honig. Mein Schnurren vibriert wie der heftige Schlag meines Herzens, und ich fühle mich leicht benommen von meinem eigenen Mut, dass ich meinen Kopf an seinem Hals vergrabe wie ein alter, menschlicher Mechanismus, um meine Verlegenheit zu verstecken.

„Ich glaube, sie freut sich bei mir sein zu dürfen", grinst Chifuyu und drückt mich fester an sich, als hätte sich plötzlich diese Barrikade zwischen uns aufgelöst. Endlich gibt er mir die Chance, bei ihm sein zu können und mich um ihn zu kümmern. Er glaubt, er müsste auf mich aufpassen – aber in Wirklichkeit werde ich auf ihn Acht geben. „Sie ist wirklich niedlich. Das hat noch nie eine Katze bei mir gemacht", sagt er mit weicher Begeisterung und das Brechen seiner Finsternis bleibt meinen Ohren nicht verborgen. Es ist, als hätte das Sonnenlicht einen eigenen Klang. Wie das zarte Streichen über eine Harfe.

Aber wo Sonnenlicht ist, ist auch ein Gewitter, und dieses wütet in Bajis nächsten Worten.

„Das macht sie zum ersten Mal", kommt es trist von ihm, und ich frage mich daraufhin, wer von uns beiden das Gänseblümchen ist, für das es keinen weiteren Frühling geben wird. Gerade scheint es so, als würde er sich der Kälte in ihm vollkommen hingeben. Wie ein Feind, der unerwartet zu seinem einzigen Freund wird. „Sie ist nicht wie andere Katzen. Sie mag nur warme Milch und Geschichten. Geschichten über sie."

Er hat wieder Kleinigkeiten gefunden, die sonst keinem anderem auffallen würden, aber wichtig sind, damit ich mich wohl fühle. Irgendein ekliges Gefühl verpflichtet ihn dazu, diese mit ihm zu teilen.

„Das wundert mich nicht." Chifuyu ist schon immer schlecht darin gewesen, Gewitter rechtzeitig noch zu erkennen, ehe es über ihn einstürzen wird. Manchmal blendet ihn sein eigenes Sonnenlicht, dass er dabei vergisst, dass Licht nicht immer gut sein muss. „Sie ist schließlich von ihr gerettet worden. Sie ist quasi ihre Heldin."

Licht kann auch wehtun.

Ich richte den Kopf auf, um den Helden meiner Welt anzusehen.

„Ja, das ist sie wohl." Er steckt die Hände in die Hosentasche und seine Gebirgsaugen fixieren das Licht, das er sich wünscht, zu besitzen, aber nicht haben kann. Die dunklen Wolken des Gewitters über sein Gebirge machen es mir unmöglich, ihn zu lesen. „Ich gebe dir Bescheid, wenn die Sache mit meiner Mum geregelt ist", meint er noch und wendet sich ab.

Licht kann dann wehtun, wenn man weiß, dass es da ist, aber man sich selbst für die Dunkelheit entscheidet.

Es ist schwerer, Licht zu erhalten. Dunkelheit nicht.

Chifuyu hält mich an sich gepresst und geht ihm hastig nach. Er möchte noch etwas wissen. Eine Sache, die für ihn sehr wichtig erscheint. „Kommst du morgen wieder zum Toman-Treffen? Mikey versteht das, dass wir unsere Zeit brauchen, aber du weißt, er zählt auch auf uns."

Toman? Was ist dieses Toman eigentlich? Ein geheimer Treffpunkt? Mikey habe ich schon mal kennengelernt. Für einen kleinen Moment zumindest, weil er die zwei mit seinem anderen Freund – Draken – von der Schule abgeholt hat. Die zwei haben mir einen kurzen Blick zu geworfen, sich knapp vorgestellt, aber mehr Wörter haben wir nicht miteinander ausgetauscht. Sie treffen sich öfters nach der Schule. Er gehört zu ihren engsten Freunden und scheint offenbar ihren Freundeskreis sozusagen zu führen. Er ist die Schwerkraft davon. Er scheint sie alle zusammenzuhalten.

Keisuke bleibt kurz stehen. „Du kannst ihm ausrichten, dass ich wieder zu unseren Treffen kommen werde."

„Mach ich." Chifuyu scheint seine Freude zurückzuhalten, doch ich spüre es an der Festigkeit seiner Arme, wie ihm ein schwerer Stein von der Brust weicht. „Dann... bis morgen?"

Er antwortet zuerst nicht darauf, aber dann sagt er: „Bis morgen."

Und dann stelle ich fest, dass er das hier schon vorher geplant hat. Er hat gewusst, dass, wenn er jetzt mit mir nach Hause kommen würde, seine Mutter mich in seiner Abwesenheit zu meinen Eltern bringen würde. Er weiß, dass er von seinen Freunden gebraucht wird, aber er kann nicht zu ihnen gehen, ohne mich dabei in Sicherheit zu wissen. Also hat er beschlossen, mich Chifuyu zu übergeben.

Wie oft hat er das schon gemacht? Entscheidungen getroffen, die ihm das eigene Herz brechen, aber er kann nicht anders, weil ihm sein eigener Schmerz egal ist? Aber der Schmerz der anderen, er ist doppelt so schlimm für ihn.

Ich blicke ihm mit ziehender Brust nach, und erkenne bereits, wie das Universum in sich zusammenfällt, weil ihm seine Schwerkraft fehlt.

Ein Held zu sein bringt seine eigenen Bürden mit sich.

Es mögen drei Monate sein, aber diese drei Monate sind entscheidend.

Sie bestimmen nicht nur über mein Leben, sondern auch über das ganze Universum.

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