the heart won't lie.

„Woran hast du dich in den letzten Tagen erinnert?" Früher ist Keisuke nie etwas entgangen, jetzt hat Peke J die Rolle meines Seelenlesers übernommen. Wir sitzen auf dem Dach der Wohnanlage, ein sternenklarer Nachthimmel über unsere Köpfchen, sein und mein Fell ist dichter geworden. Der Sommer neigt sich dem Ende zu. Viel zu schnell.

Er sieht mich an, aber ich sehe zum Mond und wünsche mir sehnsüchtig, abheben zu können. „Ich habe schon davon gehört, dass Menschen in den drei Monaten nicht unbedingt glücklich damit sind, was sie in der Vergangenheit getan haben. Einige haben deshalb aufgegeben."

Ich fühle mich schrecklich, weil ich tatsächlich darüber nachgedacht habe. Aber dann habe ich mir selbst eingehämmert, dass ich das nicht mehr sein möchte. Eine feige Marionette.

„Du wirst mich auslachen", erwidere ich in einem hohen Selbstmitleid versunken, und dann halte ich die Trauer nicht weiter zurück. Es muss endlich heraus. Er hat ja Recht. Ich fresse wirklich zu vieles in mich hinein. Mein Herz ist so angeschwollen vor Schmerz und angestauten Tränen, dass es mittlerweile der Größe eines Menschenherzens entsprechen muss. „Aber ich habe mich wieder daran erinnert, dass ich in Keisuke verliebt bin. Und wieso ich diese Gefühle verbannt habe."

Er sollte überrascht wirken. Er sollte mich großen Augen und Fassungslosigkeit anstarren, doch stattdessen hat er dieses warme Katzenlächeln in seinen nächsten Worten. „Du bist es immer noch, nicht wahr? Das habe ich die ganze Zeit über schon gewusst."

„Wie kannst du das wissen?", frage ich schockiert. Ich habe das schwindelerregende Gefühl, mich die ganze Zeit schon übergeben zu müssen. Diese scheiß Schuldgefühle auszukotzen. Jetzt dreht sich dieser Kotzreiz gemeinsam mit meinem Drecksgefühl von Schuld im Kreis. Wie zwei nervige Schulmädchen.

„Schon seit ich dich das erste Mal mit Keisuke gesehen habe", antwortet er mir und sein Körper wippt so hinüber, dass seine Schulter gegen meine stößt. „Da habe ich es bereits geahnt. Chifuyu hätte es nie so weit in dein Herz geschafft, weil er dasselbe erblickt hat wie ich. Keisuke... Er ist deine Welt. Schon immer. Wenn ich es richtig gedeutet habe, warst du schon immer in ihn verschossen und nie was anderes. Das hat auch Chifuyu gewusst."

Wenn ich Lippen hätte, menschliche Lippen, hätte ich mir diese in den letzten Sekunden schon blutig gekaut, um nicht schreien zu müssen. Als Katze muss ich selbst damit kämpfen und bereite mich schon darauf vor, die ganze Nachbarschaft mit meinem Miauen aufzuwecken.


Doch Peke J lässt es nicht so weit gekommen. Er spricht wieder leiser, als befürchtet er, jemand könnte dieses Gespräch noch mitbekommen und sollte es lieber nicht hören. Wer soll uns schon verstehen, außer andere Katzen?

„Warum hast du aufgehört an ihm festzuhalten?", fragt er das Verbotene, aber nicht Unerwartete.

Wenn er schon mein neuer Seelenleser ist, soll er auch die tiefsten Punkte kennen. Die, die ich Keisuke immer aus reinem Schutzmechanismus verwehrt habe. „Ich wollte nicht einer von vielen sein, für die er sich selbst opfert. Ich wollte es für ihn tun und ihm beweisen, dass ich anders bin. Aber ich wusste, dass ich dafür das größte opfern musste, was es gab, und zwar uns." Ich senke den Kopf und erzähle ihm von dem Abend.


Es ist furchtbar, wie plötzlich hässlich dieser Abend wurde und wie ich es nicht aufhalten konnte. Er ist der gnadenlose Beweis dafür, dass ich tatsächlich meine Eltern über mein Herz bestimmen lasse, weshalb es mich nicht wundert, dass ich ihn wirklich verdrängt habe. So gut verdrängt habe, dass er für eine sehr lange Zeit gar nicht existiert hat – sowie meine Gefühle für Keisuke.

Doch die letzten Wochen haben mich wachgerüttelt. Als wäre wieder dasselbe Schnipsen passiert, nur mit dem Unterschied, mich in eine Welt zurückzuholen, die ganz und gar nicht vollkommen ist. Es ist nicht ein Schnipp gewesen und da habe ich mich wieder in Keisuke verliebt. Es war achtsam, liebevoll. Wie beim Einschlafen war ich immer mehr davon gedriftet, immer mehr hatte mein Herz nachgeben, bis es sich dem allem hingegeben hatte. Der Sehnsucht, dem Feuer, den Gefühlen.

Ich habe gedacht, davor fliehen zu können. So naiv und dumm wie ich gewesen bin, habe ich das angenommen. Niemand kann dem Entkommen, was das eigene Herz empfindet. Egal, wie sehr man versucht; egal, wie gut man sie verdrängt. Gefühle können nicht von einem Tag auf den anderen vernichtet werden. Vor allem diese Art von Gefühle nicht.

Der Schmerz hat über diese Liebe gesiegt. Meine Eltern haben über diese Liebe gesiegt. Aber jetzt ist diese Liebe, diese tobenden Funken in meinem Herzen, wieder da, und diesmal will ich selbst darüber entscheiden. Aber ich frage mich, ob ich das wirklich riskieren soll. Meine einzige Möglichkeit noch zu leben, um dafür Keisuke meine Gefühle zu gestehen? Als Katze können mich meine Eltern schließlich nicht aufhalten, ich könnte diesem Abend wieder an Bedeutung geben. Hier und Jetzt könnte ich mich dazu entscheiden, dieser Liebe endlich diese Chance zu geben, die sie verdient hat.

„Das ist also passiert." Peke J hat meine Erzählung offensichtlich genug überdacht. Er hört sich eigenartig amüsiert an, wobei dieser Abend bestimmt vieles gewesen ist, aber keineswegs unterhaltsam. „Soll ich dir was verraten, Saejin?"

Ich starre ihn irritiert an und hoffe, dass er meine Gedanken nicht lesen kann. Für ein einziges Mal soll er sie einfach ausblenden. „Katzen können Geheimnisse nicht gut für sich bewahren, oder?", bohre ich nach.

Er kichert und hebt freudig die Schwanzspitze in die Höhe. „Ich liebe es Geheimnisse auszuplaudern", grinst er unsichtbar.

„Also?" Ich beiße mir auf die Zunge.

„Keisuke hat dich niemals aufgegeben, Saejin."

Mein Herzschlag stolpert. „Aber er hat auch seine Gründe, wieso er diesen Abend vergessen hat. Wenn er sich daran erinnern würde, würde er sich nicht fragen, warum er nie meine Hand gehalten hat. Das hat er nämlich. Sehr oft und immer wieder gerne."

"Vielleicht hat er dasselbe versucht wie du", erwidert Peke J und rutscht auf dem Dachziegel zu mir heran. „Vielleicht wollte er wie du diesen Tag wegschließen, aber nicht seine Gefühle. Vielleicht hat er das richtiggemacht, was du falsch gemacht hast, und vielleicht hat er das falsch gemacht, was du wiederum richtig gemacht hast."

Ein klägliches Geräusch entgleitet mir. „Ich habe nichts richtiggemacht. Noch nie. Ich scheitere immer -  weil ich mit dem Leben nicht klarkomme."

"Ich verstehe dich nicht. Du kannst ein Leben nicht richtig führen, keiner kann das ist. Nur, weil deine Eltern dir den Anschein bieten, es wäre so, wirst auch die Einzelheiten darin erkennen, die es nicht perfekt macht." Peke Js Halbmondaugen strahlen nicht, getrübt von Verlorenheit und Traurigkeit. „Ich habe mitbekommen, wie die Jungs über deine Eltern geredet haben."

Ich atme die kalte Abendluft ein, aber nicht wieder aus. „Was haben sie gesagt?"

„Sie sind auf dich eifersüchtig gewesen", antwortet er mir.

Diese Welt wird immer verrückter. „Eifersüchtig? Warum?"

„Weil du noch beide Elternteile hast. Sie nicht. Sie haben gedacht, ein Vater wäre das fehlende Puzzleteil in ihrem Leben – aber dann haben sie deine Eltern kennengelernt und festgestellt, dass selbst bei deiner Familie nicht alles perfekt ist sowie es scheint."

Es stimmt. Meine Eltern streiten sehr häufig, meinetwegen. Mein Vater steigt der Kontrolldang meiner Mutter in den letzten Monaten sehr zu Kopf. Wie es aktuell zwischen ihnen steht, kann ich nicht wissen, aber mein Verlust zwingt sie dazu, wieder als eine Einheit aufzutreten. Der letzte Besuch ist das perfekte Musterbeispiel dafür. Sie sind nie fehlerfrei gewesen, doch dieser krankhafte Versuch, es zu sein, macht sie kaputt. Das weiß ich, und schon seit Wochen hoffe ich darauf, dass diese Bombe explodieren wird. Schon da hätte ich es erkennen müssen – dieser Wunsch basiert auf meinen Gefühlen für Keisuke, weil, wenn sie vielleicht endlich Einsicht büßen, sich mir auch eine Chance bietet, mit ihm zusammen sein zu können.

Eigentlich sollte es mich nicht so überraschen, dass meine Eltern letztlich doch über mein Herz entschieden haben. Aber nur für einen bestimmten Zeitraum. Jetzt bin ich eine Katze und habe alle Freiheiten der Welt. Ich kann lieben, wen ich auch wirklich liebe. Und es ist der aufbrausende Junge mit dem wilden Feuerherzen. Schon seit Anbeginn. Diese rätselhafte Aufregung sind immer sie gewesen: die tobenden Funken in meinem Herzen. Bei ihm fühlt sich alles echt an. Verdammt echt. Und genau danach habe ich immer gesucht: nach etwas Echtem.

Einer echten Liebe.

Ob es die wahre Liebe ist, weiß man nie – doch ich wünsche es mir sehr, mein Alles wieder mit ihm teilen zu können.

Eine seltsame Feuchtigkeit sammelt sich an den Rändern meiner Augen an und der Nachthimmel verschwimmt darin. Jetzt kann ich also doch weinen. Irgendwie. „Es kommt wohl darauf an, wie der Vater ist und wie er gegangen ist. Chifuyus Vater ist vor vielen Jahren gestorben, das weiß ich, aber Keisukes Vater... Er muss seine Mutter im Stich gelassen haben, und das muss ihr Herz für immer gebrochen haben."

„Wieso weinst du?", fragt Peke J besorgt und drückt seine feuchte Nase gegen meine Wange.

„Ich weiß nicht", murmle ich, nehme seine Einladung an und vergrabe mein Gesicht an seiner Schulter. Er hat schon immer nach warmer Milch mit Honig gerochen. Nie Keisuke oder Chifuyu, es ist Peke J. Katzen riechen so. So beruhigend nach Frieden und Hoffnung. „Als ich mich an diesen Abend erinnert habe, habe ich die Angst verspürt, wirklich aufzugeben. Ich bin so fest davon überzeugt gewesen, ich wäre in Chifuyu verliebt – und jetzt stellt sich heraus, dass ich nur alles in diesen falschen Gefühlen verdrängt habe. Ich bin froh darüber, dass es nicht so weit gekommen ist. Er hat diese falsche Liebe nicht verdient, niemand hat das. Sie ist unvorstellbar grausam. Das hätte ich ihm nie antun wollen. Ich bin mutig genug gewesen, um mir das endlich einzugestehen. Doch jetzt..."


Ich gebe eine Art Schniefen von mir und versinke tiefer in die Hoffnung, die mir seine Nähe verleiht. „Doch jetzt fühle ich mich mehrere Monate zurückversetzt. Ich stehe wieder an demselben Punkt, wo ich mit diesem Gewissen zu kämpfen habe, dass ich Keisuke wahrscheinlich verletzt habe."

Er fängt zu schnurren an, warm und mitfühlend. Ein Brummen direkt aus seinem Herzen, und es fühlt sich so an, als könnte er mich gerade halten. „Ist das nicht normal? Sich zu verletzen und zu vergeben?", flüstert er mit reinem Herzen, „auch sich selbst?"

„Ja, ist es." Ich höre mich selbst und merke, dass ich mich so anhöre, als würde ich ununterbrochen weinen. „Jeder hat etwas, wofür er täglich gegen seine Dämonen kämpft und aufsteht. Zuerst wollte ich meine Eltern stolz machen und eine gute Tochter sein, aber seitdem ich die beiden Jungs kannte, habe ich nur deswegen angefangen, gegen die richtigen Dämonen zu kämpfen, weil ich gemeinsam mit ihnen glücklich sein möchte. Eines Tages möchte ich mich von dem Einfluss meiner Eltern für immer gelöst haben und Dinge erleben, die mir auch Spaß machen. Weißt du was, Peke J?"

„Was denn, Saejin?"

Behutsam löse ich mich von ihm und sehe zum Mond zurück. Sterne funkeln um ihn herum, so viele von ihnen können tot sein und so viele von ihnen können der Teil einer anderen Welt sein. Wenn ich in diesem Augenblick dort oben sitze würde, auf meinem alten Mondkrater, würde ich trotz den tiefen Einkerbungen in meiner Welt hinabspringen. In meinem Herzen lodert sie schließlich – die nie ausgehende Flamme meiner Liebe. „Mich sollte diese Erinnerung zurückschlagen, aber im Gegenteil: Keisuke ist mein neuer Grund, weiterzumachen. Diese Erinnerung ist es. Der Wunsch, mit ihm endlich zusammen sein zu können, das macht mich wirklich mutig." Der Mond verändert sich, die Welt verändert sich, aber meine Gefühle werden sich nicht mehr ändern. „Ich weiß, ich bin schlecht darin, Entscheidungen in meinem Leben zu treffen, aber ich habe dieses Leben nur einmal. Und dieses Leben möchte ich mit allen teilen, die mir etwas bedeuten. Ich möchte für alle, die ich liebe, ein Zuhause sein."

„Und vergiss nicht, dass du auch dein Sushi mit uns teilen möchtest", fügt er mit einem Grinsen hinzu.

Wir beide müssen lachen. Es tut gut, so zu lachen. So unbekümmert, aber mit polterndem Mut in der Brust. Ich glaube, ich habe mich in meinem eigenen Labyrinth verloren und mich die letzten Wochen und Monate tatsächlich wie eine Marionette benommen, aber ich glaube auch, ich habe wieder den Weg daraus gefunden. Die tobenden Funken führen mich dorthin, wo ich auch wirklich hingehöre. Sie vervollständigen mich. Er vervollständigt mich, er ist mein Zuhause.

„Das werde ich nicht vergessen, versprochen, Peke", versichere ich dem gutmütigen Kater und meine es auch so. „Du wirst immer ein ganz besonderer Kater für mich sein." Nun lächle ich warm – ein Lächeln, das nicht gesehen, aber gefühlt werden kann. Wie der sanfte Kuss einer Windbrise.

Er kichert. „Darf ich dich um einen Gefallen bitten?"

Er bittet mich um einen Gefallen? Das ist irgendwie falsch, jedenfalls für meinen menschlichen Teil. Aber da ich momentan noch eine Katze bin, ist es eigenartig gewöhnlich, als hätte ich endlich diese bizarre zweite Chance akzeptiert. Ich werde sie vermissen, diese tiefgründigen und warmen Gespräche mit Peke J.

„Ja, immer doch", antworte ich und strenge mich an, mein Bedauern vor seinen wachsamen Katzenaugen zu verbergen. Ich habe ihn schon als Kater liebgewonnen, aber nun ist er mehr als das. Er ist ein Freund.

„Kannst du auf Chifuyu aufpassen?" Zum ersten Mal bekomme ich diesen Ausdruck in seinen Halbmondaugen zu sehen. Ein Ausdruck von Liebe, die ihn die schmerzliche Mauer zwischen Mensch und Tier verspüren lässt. Eine Mauer, die er niemals überwinden wird, weil er immer das eine bleiben wird: ein Kater. Er senkt den Kopf und seine Ohren knicken leicht ein. Diese verzwickte Liebe lässt ihm ihr ganzes Gewicht spüren. Mehr als er tragen kann. „Ich möchte die nächsten Tage bei ihr sein. Es wird kälter, und ich muss ihr und den Kindern einen wärmeren Platz bieten. Ich kann nicht bei ihm sein, auch wenn ich weiß, dass er mich braucht. Aber sie brauchen mich noch mehr."

Die Liebe verlangt ihre Opfer. Immer.

Ich nicke und lehne mit einem kräftigen Schnurren meine Schnauze gegen seine Schulter. „Du kannst dich auf mich verlassen, Peke J. Ich werde mich um ihn kümmern."

Er schnurrt zufrieden. „Danke. Ich werde zu dem Todestag seines Vaters rechtzeitig zurück sein."

„Ist echt schon ein Monat vergangen?" Das kann ich nicht zurückhalten, es hat mich gepackt wie ein kalter Schauder über den Rücken. Ein Monat ist schon vergangen. Ein Monat, der so ziemlich alles auf den Kopf gestellt hat, was möglich ist.

„Ja, und deine Erinnerungen werden bald aufhören." Er mustert mich besorgt, als würde er auf ein bestimmtes Zeichen warten. Etwas wie Schwäche oder ein mentaler Zusammenbruch. Aber das wird von der Flamme in meinem Herzen erstickt, ich werde nichts mehr an mich heranlassen. Wie damals die Hänseleien meiner Mitschüler. Diesmal wird mich nichts aufhalten, ich werde Keisuke meine Gefühle offenbaren.

„Das ist okay", bleibe ich ruhig, „ich habe mich an das wichtigste erinnert."

Ein Grund, der mich sehr glücklich macht, darüber, dass unsere Geschichte weitergeht und noch nicht geendet hat. Sie scheint ein anderes Ende zu bekommen als beim ersten Mal. Werke werden öfters überarbeitet, geändert oder ganz von Neuem geschrieben. Ich weiß nicht, was mit unserer Geschichte passiert, aber ich kann erleichtert behaupten, dass sie eine Gute sein wird.

Er spitzt die Ohren. „Wirklich? Gibt dir das so viel Kraft?"

Ich weiß, warum er das wissen will. Es ist ihm wichtig, dass ich das nicht einfach sage, weil es ihn beruhigt, sondern weil ich es wirklich so empfinde. Aber die Erinnerung hat mich berührt, aufgewühlt und getroffen. Sie ist wie süßer Honig, der sich um mein gebrochenes Herz gelegt und dann befestigt hat wie Harz. Es hält mich nun zusammen, aber ich kann nicht voraussehen, für wie lange. Ich hoffe nur lange genug, bis ich es geschafft habe, wieder ein Mensch zu sein.

Aber ich weiß, dass ich das hier mehr wie alles andere möchte. Ich bin zwar wie jeder Mensch auf meine Art verwundbar und gebrochen, aber ich habe auch Träume und Ziele, die ich unbedingt erreichen will. Ich habe immer noch eine Herzensangelegenheit zu regeln, und das bedeutet nicht bloß, meine Freiheit zu verfestigen. Ich will allen zeigen, dass ich mutiger, reifer, geworden bin, und dass ich bereit dafür bin, mein Alles zu geben, um Keisuke glücklich zu sehen. Und das kann ich nur, indem ich weitermache. Wenn ich nun alles aufgebe und die Dinge liegenlassen, die ich beschlossen habe, durchzuführen, dann verrate ich mich selbst. In dem Moment, wo ich mich selbst aufgebe, gebe ich mein Leben auf und das will ich nicht. Ich will kämpfen.

Ich blicke ihn entschlossen an und selbst meine Stimme spricht Bände. Das Mädchen kehrt zurück, das gemeinsam mit Baji einen Herbie abgefackelt hat und vor keinem Feuer zurückschreckt. „Wirklich, Peke J. Das ist einer der vielen Gründe, wieso ich mich in ihn verliebt habe – weil er mir das Gefühl gibt, endlos und stark zu sein. Und ich möchte dieses Gefühl nutzen, um für uns zu kämpfen."

„Das erinnert mich an Yukidaruma", lächelt er so wie er es zuletzt getan hat, als wir zusammen bei ihr gewesen sind. Er lächelt nicht auf eine verletzliche Weise, sondern auf eine romantische Weise, die viel tiefer geht und ihn am verletzlichsten macht. „Mir fällt es nicht leicht, Chifuyu ständig zurückzulassen. Aber wenn ich dann bei ihr bin, fühlt es sich so an, als würde ich das richtige tun. Ich hoffe, er wird mir all die Male verzeihen, die ich nicht bei ihm sein kann."

„Das wird er", erwidere ich mit einem warmen Kribbeln im Bauch, „schließlich liebt er dich über alles. Er kann dir gar nicht böse sein, Peke J, es ist unmöglich, jemand dafür zu hassen, weil er auf sein Herz gehört hat."

Er schließt die Augen, senkt die Brust und fühlt den kalten Abendwind über sein Fell streicheln. Er ist kühl und behutsam, eine Aufmunterung, die einem magischen Naturwunder gleicht. Ich sehe es ihm an, wie er in sich hineinlächelt und wie meine Worte sich wie ein Schutzfilter um sein Herz legen. Das ist ein schöner Gedanke. Möglicherweise habe ich endlich einen Weg gefunden, um ihn etwas in dieser schweren Zeit zurückzugeben. Worte, die er mit gutem Gewissen nicht vergessen wird. „Dem möchte ich gerne glauben", sagt er schnurrend und hebt die Nase in die Höhe, „ich mag es, meine Gedanken mit dir teilen zu können. Es gibt zu viele Katzen, die nur an das Fressen und das Schlafen denken als sich mit uns und den Menschen auseinanderzusetzen."

Dämlich fange ich zu grinsen an. „Bei uns ist es nicht anders. Wir neigen dazu, uns viel zu sehr in Dinge zu verlieren, die am Ende so einfach sind. Bloß Gefühle, davor fürchten wir uns doch noch alle am meisten zu sehr."

Er schielt zu mir hinüber. „Du auch?", will er beunruhigt wissen.

„Nein", antworte ich zu schnell, zu sehr mit geöffneten Herzen, und beiße mir kurz auf die Zunge, weil die Wahrheit mühelos hinaussprudelt. „Ich möchte echte Gefühle erleben. Ob sie mich brechen werden oder nicht, darüber denke ich nicht nach – denn vermeiden werde ich es sowieso nicht können. Ich habe lange genug meine Gefühle zurückgehalten, und das hat mich mehr gebrochen als es der Herzschmerz tun wird."

„Ich glaube auch, dass Gefühle einen stärker machen als man glaubt", geht er auf mein Gesagtes achtsam ein, erhebt sich aber unerwartet auf seine Pfoten zurück. „Soll ich dich zurückbringen? Oder schaffst du es allein zu ihnen zurück?"

Sie ist noch da. Die Nadel in meinem Herzen. Sie kennt den Weg zu meinem Zuhause in- und auswendig.

„Ich schaffe es alleine", antworte ich deswegen und stehe ebenfalls auf, um ihn mit einer Mischung aus Schwermut und Erwartung in die Halbmondaugen zu blicken. „Dann bis bald, Peke J?"

Er kommt auf mich zu und reibt überraschend seinen Kopf an meinen. Sein Schnurren ist so aufrichtig, dass mein Herz dabei aufgeht und versucht, seine Nähe und Worte so gut wie es geht in mir aufzunehmen, damit ich sie noch eine Weile bei mir habe. „Bis bald, Saejin. Und vergiss nicht auch auf dein Herz zuhören."

Ich will etwas erwidern, doch ich brauche zu lange, um die richtigen Worte zu finden, da hat er sich schon seinen Weg hinuntergebannt. Seine schwarze Silhouette verschwindet mehr und mehr im Licht des Mondes, bis er eins mit den Schatten der Dunkelheit wird. Mein Blick wandert zum Mond zurück, der großen, runden Kugel, die über unsere Gezeiten stimmt. Er hält das Meer in Bewegung. Andauernd. Seine Anziehungskraft ist wie eine Macht, die nur er beherrscht. So ergeht es mir auch mit den tobenden Funken in meiner Herzenshülle: Keisuke hat die Macht darüber, er und sein Feuerherz.

Während ich die Regenrinne hinabklettere und von Geländer zu Geländer springe, höre ich Peke Js letzte Worte in mir dämmen.

„Und vergiss nicht auch auf dein Herz zuhören."

Als ich durch das offenstehende Fenster spähe und ihn erhasche, habe ich das Gefühl, jedes einzelne Wort davon verstanden zu haben. Ich spüre es noch in den Venen meines Herzens pumpen. Diese Benommenheit, als wären Keisuke und ich der Teil von einem Ganzem und tiefinnig miteinander verbunden. Seine Kupfertupfen leuchten auf, als sich unsere Blicke treffen, und ich kann mich nicht stoppen. Die Nadel in meiner Brust dreht sich wild um die eigene Achse, mein Atem spannt sich an, und die Feuerfunken brechen in mir auf, um in eine knisternde Flamme aufzusteigen.

„Da ist ja mein Lieblingsmädchen", kommt es sanft über seine Lippen, dann legt er seine Hände um mich und hebt mich vorsichtig hoch. Er lächelt dieses wilde und gerissene Grinsen, das mich an Abenteuer erinnert und daran, dass das Feuer in seinem eigenen Herzen niemals erloschen ist. Ich habe noch nicht verloren. Noch kann ich alles retten. Ihn, Chifuyu, mich – uns alle drei. Und ganz wichtig: meine Welt.

„Ich habe dich vermisst." Er schiebt mich so weit an sich heran, dass seine Stirn auf meine trifft.

Keisuke, ich...

Erst jetzt bemerke ich, dass er gar kein T-Shirt trägt. Nicht mal ein Tank-Top. Nur eine schwarze Jogginghose. Offensichtlich hat er geduscht. Seine Haare sind nass, einzelne Tropfen perlen auf seiner Stirn hinab und verirren sich in meinem Fell. Mein Kopf muss unter der pelzigen Schicht teuflisch rot sein. Was für ein Glück, dass mein Scham nicht mehr so offensichtlich ist.

Der Blick auf seine freie Brust ermöglicht es mir, ihn endlich zu sehen – der silberne Anhänger seiner Kette. Er stellt einen schlichten Schlüssel dar. Sein Brustkorb senkt und hebt sich, und doch hat er eine gewisse Anspannung in seinen gedehnten Atemzügen, als wäre ihm etwas unangenehm.

Was hat dieser Schlüssel zu bedeuten?

„Gefällt er dir?" Er nimmt mich auf Chifuyus Bett und setzt mich auf seinen Schoß, um den Schlüssel mit seiner Hand zu verschließen. „Eigentlich sollte ihn Saejin tragen. Die richtige Saejin. Aber solange sie noch nicht aufgewacht ist, werde ich das für sie weiterhin machen. Dieser Schlüssel, kleine Saejin, ist mein Herz, das ich ihr schenken möchte." Den letzten Satz flüstert er, samtig und rauchig, als wäre er von seiner rätselhaften Aufregung gefesselt.


Mein Herz startet einen Marathon, und ich muss mich zusammenreißen, um nicht aufzufliegen. Weder vor ihm noch vor Chifuyu. Der Blonde steht in seinem Zimmer, ein weißes Handtuch um seine Hüfte gewickelt und sein Sonnenlicht leuchtet heller als ich gewohnt bin. Merkwürdig. Beinahe sieht es so aus, als würde er gleich losweinen.

„Wieso hast du mich angelogen?" Er wimmert tatsächlich und verkrampft seine Hände. Eine kleine Pfütze bildet sich unter seinen nackten Füßen, weil er sich nicht ordentlich genug abgetrocknet hat. „Du hast zu mir gesagt, du wärst nicht in sie verliebt!" Seine Stimme erhebt sich. Irgendwie ist er wütend, aber auch traurig.

„Du bist es doch auch, Chifuyu", entgegnet Baji unberührt scharf, „oder nicht?" Er führt seinen Finger unter mein Kinn und fängt an, mich liebevoll zu kraulen, als wolle er meine Aufmerksamkeit nur für sich beanspruchen. Aber mein Blick hat sich bereits verloren, in dem Glühen seiner Kupferfunken und der darin flackernden Flamme. Sein Feuerherz hält mich in seinem Magnetfeld gefangen. Ich weiche nicht mehr davor zurück, weil ich weiß, dass das richtig ist.

Er hört nämlich auf sein Herz.

Und ich...

Ich tue es auch.

Dann stößt Chifuyu ein Seufzer aus. „Ich würde lügen, würde ich jetzt „Nein" sagen."

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