the brightest color of all.

„Ich danke Ihnen", grinst Chifuyu über das ganze, sonnenhafte Gesicht und blickt zu meinem Vater. Sie haben mich gemeinsam vom Tierarzt abgeholt – wie eine neue Einheit. Die Einheit der versteckten Helden. „Wir hätten uns das nie leisten können. Aber Sie werden es irgendwann zurückbekommen, das versichere ich Ihnen."

Mein Vater steckt den Autoschlüssel mit der kleinen, pinken Schildkröte daran baumelnd in den Anzünder und lächelt. Seine Storge ist greifbar, aber mein Herz wehrt sie ab wie ein abstoßendes Magnetfeld. Gerade will ich nichts an dieses zerbrechliche Ding heranlassen. „Das möchte ich nicht. Schließlich geht es hier immer noch um die Katze, die meine Tochter gerettet hat. Es ist selbstverständlich für mich, alles dafür zu tun, damit sie ein langes Leben bekommt. Und wenn diese Tabletten dabei helfen, soll es so sein."

Ein langes Leben, wiederhole ich wie ein nervtötender Krampf und bekomme das ernüchternde Gefühl nicht los, dass, wenn ich jedes Mal einen Schritt nach vorne mache, gleich zwei Schritte zurückfalle.

Chifuyu nickt mit einem fetten und glücklichen Grinsen. „Haben Sie schon Bescheid gegeben?", will er wissen und seine Gletscher gleiten zu mir auf den Rücksitz unseres Volvos. Zu mir in der Transportbox. Als sein ehrliches, hoffnungsvolles Sternenleuchten mich trifft, ist es nicht leicht für mich, ihn so anzusehen, als wäre er das Licht am Ende meines Tunnels. Denn es wäre eine Lüge, nicht in Ordnung von mir, ihm das glauben zulassen – wenn es nicht genug ist. Wenn seine und Keisuke Liebe nicht genug ist, um mich zurückzuholen.

„Ja, habe ich", antwortet ihm mein Vater in einer ebenso fröhlichen Stimmung wie sein Gemüt. „Aber sie möchte, dass es eine Überraschung wird, deshalb wird sie es ihm nicht sagen. Ich sollte mir wohl eine Entschuldigung überlegen. Eine wirklich überzeugende Entschuldigung." Seine Mundwinkel neigen sich angespannt nach oben, aber richtig lächeln kann er nicht.

„Baji ist ein schrecklicher Sturkopf, das sollten Sie wissen, aber er hat auch das Herz am richtigen Fleck. Wenn er erfährt, dass er die Katze doch behalten darf, dann wird er bestimmt schnell nachgeben." Mein blonder Freund starrt mich an, und etwas in dem Leuchten seiner Augen kämpft gegen meine keimende Leere an. Was sieht er in meinem Blick, in meinen Augen, in die darin gefangene Seele voller verlorener Sternenstaub? Sieht er wie sich mein Herz spaltet? Wie es in zwei geteilt wird?

„Das würde mich freuen", erwidert mein Dad und die Zuversicht in seinen verträumten Kaffeeaugen, für seine geliebte Tochter endlich das richtige tun zu können, durchbricht endgültig die Schale meines Herzens. Aber ich bleibe hier, in diesem Körper, und werde es wohl noch eine Weile tun. „Aber ich werde es auch verstehen, wenn er noch Zeit braucht. Es ist für keinen von uns einfach. Besonders nicht in dieser schweren Zeit."

Sein Sternleuchten gibt schlagartig auf. Nichts kann die Leere in meinem Inneren berühren. „Ist ihr Zustand wieder besser?", erkundigt sich der Gletscherjunge und folgt meinem Blick zu der pinken Schildkröte am Autoschlüssel. Die Storge meines Dads ist immer direkt vor mir gewesen, doch seine Taten und Worte gegen meinen eigenen Willen und Keisuke haben uns nahezu geblendet. Jetzt öffnet er sich, wenn auch Chifuyu, doch ich kann es an dem leichten Funkeln seiner Kaffeeflecken erkennen, dass er Ballast loslässt. So, so viel hat sich unbewusst in ihm angestaut. Schuldgefühle fühlen sich so an, als würde man in einer Badewanne aus Scherben versinken und ständig abrutschen.

Es tut ihm gut, jemand zum Sprechen zu haben. Es ist traurig, wie da niemand ist, der mir zuhört, der mich halten kann. Immer habe ich mich darum bemüht, alles und jeden um mich herum zusammenzuhalten, aber mich selbst zuhalten, das überfordert mich. Diese neue Aufgabe erschlägt mich.

„Auf jeden Fall. Der Herzaussetzer war wohl ein gutes Zeichen", meint mein Dad und eigentlich würde ihn das bestürzen, aber er hat Hoffnung und den Glauben, seine Tochter bald wieder in den Armen halten zu können. Mit einem guten Gewissen, weil er sich seine Fehler eingestanden hat und nun an sich arbeitet. Das scheint ihn nicht mal so schwer zu fallen, es scheint ihn genau in solchen Momenten zu stützen.

„Ein gutes Zeichen?"

„Die Ärzte sagen, sie hätten eine Regung in ihrem Hirn wahrgenommen, die darauf spekuliert, dass sie noch da ist. Aber meine Frau... Sie ist fast durchgedreht und hätte fast die ein oder andere Krankenschwester überfallen, weil man sie fortgeschickt hat. Sie ist ein wenig... aufbrausend, wenn es um unsere Tochter geht." Das entlockt ihm ein Schmunzeln und mir ein Stechen im Herzen. Ich kneife die Augen leicht zusammen, aber es tut so weh.

Mein echtes Herz tut so fürchterlich weh.

Chifuyu braucht wohl noch Zeit, um sich an die neue Seite meines Dads zu gewöhnen, denn er hat seine letzten Worte stillschweigend in sich aufgenommen. Aber seine eigenen Worte behält er für sich. Ich bin nicht der einzige in diesem Auto, der still vor sich hin leidet.

„Wir sind da", verkündigt mein Dad und parkt bei den vorhergesehenen Gästeparkplätzen der Wohnanlage.

Die Erleichterung des Blondes sticht klar und deutlich in seinen Gletschern hervor. Er steigt so rasch aus dem Jeep aus wie auf der Flucht.

„Möchtest du nicht zu deinem Freund mit?", fragt mein Vater irritiert, aber bleibt dabei stets höflich, und öffnet die Hintertür, um mich samt der Transportbox hinauszuziehen.

„Das geht nicht." Er schüttelt den Kopf, aber über seine Gletscher legt sich ein sternenloser Nachthimmel. Eine Ansammlung von dunklen Gewitterwolken, die mich für einen Moment von meinem eigenen Leiden ablenken.

„Ich muss noch was erledigen", entgegnet er tonlos und fährt sich durch die Haare, „Hausaufgaben und so was." Wie muss es sein, seinen eigenen Vater früh verloren zu haben? Wie muss es sich anfühlen, jedes Jahr aufs Neue daran erinnert zu werden? Ich kann es mir nicht vorstellen, mein Dad ist neben mir, in Fleisch und Blute, nervös und aufgeregt, als müsse er in den nächsten Minuten eine Präsentation halten.

„Okay, dann bringe ich sie allein zu Keisuke. Wir sehen uns, Chifuyu." Ob er dasselbe sieht, kann ich nicht sicher sagen, aber er hat dieses Verständnis in seiner rauen Stimme, das er in den letzten Jahren nicht wirklich oft über sich gebracht hat. Er bemüht sich sehr darum, ein besserer Vater zu sein.

„Bis dann, Herr Yun, und danke nochmal!" Chifuyu lächelt knapp, ein schwacher Versuch von ihm, einem anderen Mut zu machen, und joggt anschließend die Treppen zu seiner Wohnung hoch. Wäre ich nicht in diesem Gitter gefangen, wäre ich ihm nachgegangen und hätte mich darum gekümmert, dass wenigstens er noch an diese Welt gehalten wird. So bleiben es wir zwei, die gerade die höchste Wahrscheinlichkeit besitzen, abzuheben. In die endlose Weite des Universums.

Mein Dad atmet tief ein und aus, der Hebel der Box rutscht bei seiner feuchten Hand leicht hin und her wie bei einer Schiffschaukel. Ich blicke durch die kleinen Schlitze zu ihm hoch und bewundere ihn für seine erstaunliche Courage, seine Fehler wiedergutzumachen. Manche hätten einfach darauf gehofft, dass die Zeit diese Sache für sie erledigen würde, allerdings muss er es verspüren.

Die Bindung zu ihm und mir, sie wächst und kehrt zurück wie einer der Pflanzen, die er mal von einem alten Bekannten übernommen hat. Er hat sein Haus verkauft und seine Zimmerpflanzen zurückgelassen. Die Temperatur in dem verlassenen Haus ist kälter als draußen gewesen, hat er mir damals erzählt. Bei vielen hat er bereits gewusst, dass sie erfroren sind – aber dann hat er noch diese Pflanzen gefunden, bei denen er nur die richtige Sorgsamkeit und Pflege anwenden müsste, um sie vor dem Verwelken zu bewahren.

Seine Mühe und investierte Zeit hat sich am Ende gelohnt. Die meisten Pflanzen hat er tatsächlich noch gesund gepflegt, zurück ins Leben gebracht.

Seine Kaffeeaugen gleiten zu mir hinab.

„Jetzt muss ich da also wirklich allein durch", sagt er fieberhaft und verzieht das Gesicht, als hätte er mal wieder etwas zu Scharfes gegessen.

„Dad, du packst das!", heitere ich ihn auf und es interessiert mich nicht, ob er mich hören kann oder nicht, denn meine Stimme wird sein Herz schon erreichen. Da bin ich mir sicher. „Ich glaube an dich! Keisuke wird, wie du es schon vermutest, seine Zeit brauchen, um dir zu verzeihen, aber er wird es. Du musst uns wie einer deiner Pflanzen sehen. Die Früchte deiner Bemühungen wirst du erst nach einiger Zeit sehen, aber dann werden sie andauern."

Was er letztlich in meinem wehmütigen, dennoch ermutigenden Blick gesehen hat, werde ich wohl nie erfahren, aber er schreitet voran und drückt auf die uns vertraute Klingel. Es dauert nur einen kurzen Moment, bis die Stimme von Bajis Mutter zuhören ist.

„Er ist gerade aufgewacht, gestern hat ihn wirklich fertiggemacht", flüstert sie durch den Hörer, „aber ich werde ihn gleich herrufen. Kommt schon mal hoch."

Das lässt mein Dad sich kein zweites Mal sagen. Was auch immer sein Herz berührt hat, seine Entschlossenheit ist wahre Faszination für mich. Er steigt die Stockwerke bis zu der Wohnung der Bajis ohne weiteres Zögern hoch, und die Stärke seiner Kaffeeaugen erinnern mich an den Ausdruck seines Mangaheldens. Er schaut auch immer so, als würde ihn nichts mehr aufhalten können. Diese starke Seite meines Vaters ist wunderschön anzusehen. Er kommt endlich aus seinem Schneckenhaus heraus.

Als wir vor der Haustür stehen, hält sie Bajis Mutter bereits geöffnet und begrüßt ihn mit einem herzlichen Lächeln.

„Hallo, Xiao." Ihre Stimme ist zart. Eine kleine Blume, die kaum gesehen wird, weil sie unter all den anderen schöneren und viel farbenfroheren Blumen nicht heraussticht.

„Guten Tag, Kyou." Er legt mich kurz auf dem hellen Laminat ab, um sich seine Schuhe auszuziehen. „Es freut mich, dass wir uns einig geworden sind."

Sie verschränkt sich die Arme vor dem Bauch und das darüber liegende fliederfarbene Kleid, als hätte sie Krämpfe. „Wenn es um meinen Sohn geht, möchte ich immer das Beste." Dann legt sie sich eine Strähne hinter das Ohr und blickt ihn mit einem Gemisch aus Schwermut und Beschämung an. Offenbare Gewissensbisse holen beide Elternteile mit einem Mal ein. „Aber ich wollte euch auch nicht im Weg stehen. Ich will mir nicht vorstellen müssen, wie es sich anfühlen muss, sein eigenes Kind nicht bei sich zu haben. Dass er gestern so eine Auseinandersetzung mit anderen hatte, ist schon schrecklich genug. Zum Glück ist es nur eine leichte Gehirnerschütterung, aber es ist schwer, ihn im Bett zu behalten."

„Was hat er angestellt?", fragt er.

Sie fasst sich an die Stirn. „Das Übliche: Sich mit anderen in seinem Alter in einer Rauferei verzwickt. Die Sache mit Saejin belastet ihn, er gibt es nicht zu, aber ich kenne diesen Blick von ihm. Den hat er auch immer drauf, wenn ich die Arbeitsstelle wechsle, als würde demnächst die Welt untergehen. Ach, es macht mich fertig, ihn so zu sehen."

„Dein Sohn hat sehr viel für meine Tochter getan", entgegnet er ihr in einem weicheren Ton und keiner scheint dem anderen übelzunehmen, dass sie aus einem einzigen Grund versucht haben zu handeln: um ihr eigenes Kind zu beschützen. In dieser Hinsicht verstehen sie wortlos einander. „Und er scheint sich auch besser mit Katzen auszukennen. Vielleicht hilft sie ihm dabei, sich auszuruhen und das alles besser zu verarbeiten. Ich glaube, sie hätte das hier gewollt."

„Natürlich." Sie lächelt ihn trostlos an und verschließt leise die Tür hinter ihm, nachdem er den letzten Schritt hinter sich gebracht hat. Mich wieder fest im Griff. „Saejin ist hier immer sehr willkommen gewesen. Ich habe stets daran geglaubt, sie könnte meinen Sohn dabei helfen, auf den richtigen Weg zu finden. Er hat ihr nur das zurückgegeben, was sie für ihn gemacht hat. Sie haben sich wundervoll ergänzt." Oh nein, der Kaffee wird trüb. Mein Herz fühlt sich alles andere als federleicht an. Als wäre es plötzlich aus festem Beton. „Es tut mir leid, dass euch zwei wieder so etwas Schreckliches widerfahren muss." Wieder? Was möchte sie damit ausdrücken? Ich liege auf jeden Fall zum erstem Mal im Koma, ein davor hat es garantiert nicht gegeben. „Wie geht es Rohee?" Sie fragt tatsächlich nach meiner Mutter.

Mein Vater lässt seinen Blick durch den engen Flur schweifen. Dass hier und dort ein paar Schuhe unordentlich liegen, leere Kartons und Wasserflaschen stapeln und sich Staubmäuse in jeder erdenklichen Ecke angesammelt haben, stört ihn so wenig wie mich. Als wüsste er über die Gebrechlichkeit dieser kleinen Familie Bescheid. Aber in diesem Augenblick hat es den ungewöhnlichen Anschein, als wäre meine Familie die gebrochenere von beiden. Ein in sich zusammenfallendes Kartenhaus.

„Sehr schlecht", beantwortet er ihre Frage mit angehaltenem Atem wie ein Unterdrücken seiner Tränen. „Sie ist fast nie daheim. Ob sie überhaupt etwas isst, kann ich nicht mal sagen. Aber auf meine Bitte hin, endlich ihre Therapie zu beginnen, geht sie nicht ein." Therapie? Was für eine Therapie? Gegen ihren krankhaften Kontrolldrang? Na endlich! „Wir können so nicht weitermachen, das wissen wir beide nun, doch... Sie scheint noch nicht bereit dafür zu sein, sich endgültig von ihm zu verabschieden." Ihm? Wen meint er mit „ihm?" Der Kontralldrang? Macht das Sinn?

Unerwartet legt Bajis Mutter ihre Hand auf die Schulter des größeren Mannes und schaut ihn auf eine sehr warme und heilende Art an. „Sie muss sich auch nicht von ihm verabschieden oder ihn vergessen. Ich denke nur, es wäre gut für ihre und Saejins Beziehung, wenn sie endlich loslässt und sich auf ihr noch lebendes Kind konzentriert."

Wie? Was? Worüber reden sie eigentlich, von dem ich nichts weiß? Wieso hat jeder Geheimnisse vor mir? Was soll das heißen? Noch lebendes Kind? Es gibt nur mich. Halbwegs lebendig. Noch.

Das Pochen kehrt in meinen Augenlidern zurück wie ein steigender Druck.

Mein Vater hängt die Schultern und ein schwerer Seufzer verlässt seinen Mund. Ich habe noch nie jemand so gesehen. So einen Schmerz empfindend, der nicht sein eigener ist. Aber das muss er sein, der Schmerz den man miteinanderteilt, wenn man sich entscheidet, zu einem Gesamten zu werden.

„Ich weiß, ich weiß. Das versuche ihr auch die ganze Zeit zu vermitteln, aber..."

„Was will der denn hier?", wird er von Keisukes gereizten Samt unterbrochen. Er steht plötzlich hinter seiner Mutter, die er um einige Köpfe überragt. Er streckt misstrauend das Kinn in die Höhe, seine spitzen Reißzähne stechen durch seine innere Unruhe hervor, während sein welliges Haar sein Gesicht so einrahmt, dass er einem wunderschönen Dämon gleicht. Mein Herz wird durch das bloße Aufglühen seiner Feuerfunken wie wiederbelebt, sein Schlag beschleunigt sich rasend. „Ich habe gedacht, die Snobs hätten andere wichtige Dinge zu tun. Wie vielleicht bei ihrer Tochter zu sein, die sie seelisch misshandeln?" Die letzte Auseinandersetzung zündet sofort in ihm.

Mein Vater zuckt unbemerkt, sein Gesicht verliert an gesunder Farbe. Das war ein erfolgreicher, unsichtbarer Pistolenschuss.

„Keisuke!", zischt seine Mutter aufgebracht und wendet sich zu ihm herum, die Hände in die Hüfte stemmend. „Zufälligerweise ermöglichen es dir diese netten Snobs, deine Katze behalten zu dürfen!"

„Meine Katze?", wiederholt er skeptisch und tretet an ihr vorbei. „Das kann nicht sein. Meine Katze ist fortgelaufen."

Sofort sticht sie an seiner Brust hervor, als hätte er es beabsichtigt, sein weißes, lockeres Hemd so weit aufzuknöpfen, dass man sie sieht: die Kette mit dem Schlüssel-Anhänger. Und mein Herz hämmert wie verrückt, als mir bewusstwird, warum er ihn so deutlich präsentiert. Er verbirgt seine Gefühle nicht weiter, er möchte aller Welt zeigen, dass sein Herz mir gehört.

Seine Mutter stöhnt entrüstet und verhindert so einen bevorstehenden Supernova-Moment. „Du hast doch nicht wirklich geglaubt, dass mir Chifuyus Mutter nicht davon erzählen wird, dass du sie heimlich bei ihm untergebracht hast? Du hast keine Ahnung davon, wie wir Mütter untereinander fungieren. Wir kennen all eure Geheimnisse."

Jetzt schluckt er erschlagen und führt die dichten Brauen zusammen, dass sich eine tiefe Falte dazwischen bildet. „All unsere Geheimnisse?"

Sie rückt zu ihm heran, um ihn mit einem fetten Grinsen spielerisch in die Seite zu stoßen. „Ja, und ich bin froh, dass ich nicht gewisse Dinge in deinem Zimmer finde wie es bei anderen Jungs nun mal ist. Wobei ich es schon besorgniserregend finde, dass das meiste Zeugs unter deinem Bett für die Katzen ist, die du dem Winter über bei uns wohnen lässt."

Er errötet. „Oh, das... Scheiße."

„Du solltest deine eigene Mutter niemals unterschätzen, mein Lieber."

Bajis Mutter schafft es tatsächlich, das freche Mundwerk ihres Sohnes zu brechen. Natürlich schafft sie das, sie ist seine Mutter. Mütter wissen, welchen Knopf sie drücken müssen, um ihre eigene Kinder zu zähmen. Aber meine Mutter... Wieso habe ich diesen entsetzlichen Verdacht, dass hinter ihren Verhalten etwas Verborgenes liegt, das sie mir erleuchten könnte? Damit ich diesen Knopf drücken kann, um ihr zu zeigen, dass ich da bin, dass ich ihre Tochter bin und nur eines von ihr will: ihre unerschütterliche Storge. Viele Gefühle sind vergänglich, eine Wolke von einem ganzen Wolkenhimmel, aber die Liebe einer Mutter wird es niemals sein.

„Also, ich..." Mein Dad räuspert sich und nutzt die seltene Gelegenheit von Bajis Wortlosigkeit, um entschieden auf ihn zu zu gehen. Es ist soweit. Er wird den ersten, großen Schritt wagen. Ich bin so stolz auf ihn.

„Keisuke", fängt er an und presst zwischenzeitlich immer mal wieder die Lippen zusammen wie ein Aufschub von Mut, „ich habe dir in den letzten Monaten viel Unrecht getan und nicht erkannt, welche wichtige Rolle du in dem Leben meiner geliebten Tochter spielst. Deshalb bin ich hier, um dir einen Neuanfang anzubieten."

„Hä?" Keisukes Kupferfunken flackern stürmisch. „Was soll der Scheiß? Sie kommen hierher und wollen sich bei mir entschuldigen?"

Selbst seine Mutter scheint ihren Sohn nicht so eingeschätzt haben, sie starrt ihn geschockt an und weicht zur Wand zurück. Aber mein Vater bleibt stark, lässt diese Worte vorerst nicht an sich heran und hört ihm zu. Er gibt nicht auf, nicht wenn es um seine Tochter geht. Eine Gegenreaktion, die Keisuke für einen Moment ausschaltet. Dann stochert er harsch los, als würde er die Grenzen seiner neu gewonnenen Vaterliebe testen wollen.

„Mich juckt es einen Scheiß, was sie von mir halten. Sie sollten sich ihre Worte lieber für ihre Tochter aufsparen. Ihr haben sie das Leben ruiniert, nicht mir." Er geht in großen Schritten auf ihn zu, eine aufbrausende Flamme entfacht in seinem Kupfer, die alles niederbrennt, wenn es darauf ankommt. Die nächsten Worte spricht er wie eine Drohung aus: „Ich bin nur derjenige, der immer dazu bereit sein wird, mit ihr diese verdammte Stadt zu verlassen, sobald sie mich nochmal darum bittet. Ob das bedeutet, durch die Hölle gehen zu müssen, ist mir egal. Ich würde für sie brennen, nur, damit sie immer bei mir bleibt."

Es ist eindeutig.

Seine Gefühle werden für niemand mehr ein Geheimnis sein.

„So ist das also." Mein Vater stellt die Transportbox mit mir drin auf den Boden ab. Seine Kaffeeaugen spiegeln denselben Schmerz, der sich hinter den feurigen Flammen des Kupfers vor ihm verbergen. Aber da ist noch eine andere Art Ausdruck, ein flimmerndes Irrlicht von Bewunderung.

Keisuke blickt ihn mit tiefliegenden Brauen an.

„Ich kann mich an den Abend noch gut erinnern", weicht es angebrochen über Dads Lippen und seine Stimme beginnt zu zittern an. „Wir haben uns darum bemüht, dich aus ihrem Kopf zu reden, weil wir bei ihr diese Veränderung bemerkt haben. Sie fing an, uns Dinge zu verheimlichen, sich aus dem Haus zu schleichen, um sich mit dir zu treffen. Und wir hatten Angst. Wir hatten Angst, sie könnte uns entweichen und wir würden sie verlieren."

„Das überrascht mich überhaupt nicht, ihr habt sie schließlich eingepfercht wie ein verdammtes Vieh!" Keisuke presst wütend die Zähne zusammen, seine Eckzähne werden wieder ihre Spuren in seiner Unterlippe hinterlassen, wenn er sich so weiter anspannt. „Eure heuchlerischen Worte kotzen mich an! Denken Sie ernsthaft, dass ich Ihnen irgendwas glaube?" Er rupft die Nase. „Angst? Sie hatten keine Angst, sie wollten nur nicht, dass Ihre Tochter die Welt sieht und erkennt, wer ihr tatsächlich seid!"

Sein Blick ist düster, ein unerschöpfliches Feuer lodert gefährlich darin, und würde seine Mutter nicht ihre Hand auf seiner Schulter legen, hätte er vermutlich schon längst die Beherrschung verloren. „Ihr seid nichts mehr als nur arme und blinde Leute, die keine Ahnung davon haben, wie es ist, diese eine Farbe zu verlieren, die die eigene Sicht komplett verändert hat, dass man erst durch sie begreift, wie farblos Einsamkeit ist und wie bunt ein einzelner Mensch das Leben machen kann. Doch für sie war und ist ihre Tochter nichts außer eine Marionette!"

Mein Herz wummert bei seinen Worten. Wenn ich dazu imstande wäre, würde ich die restlichen Stunden nur noch Purzelbäume schlagen wollen vor Freude und Verliebtsein.

Ich bin wie zwiegespalten. Einerseits fiebere ich mit Keisuke mit, andererseits bin ich auch begeistert davon, wie gelassen mein Dad ihm gegenüber ist. Der Dämonenjunge nimmt immerhin kein einziges Blatt vor dem Mund, um ihm genau das zu sagen, was er von ihm hält.

„Wir sehen nun unsere Fehler ein, Keisuke." Er bleibt tatsächlich ruhig. Und dann grinst mein Dad und fährt sich mit der Hand über das Kinn. „Sie hat schon immer versucht es uns zu signalisieren. Sie war dabei, erwachsen zu werden, und das wollte ich für den Anfang nicht richtig glauben. Schließlich ist sie immer meine kleine Schildkröte gewesen, und jetzt... das ist ein bisschen schwer zu erklären, wenn ich ehrlich bin. Niemand ist perfekt, denke ich." Unsicherheit zerrt an seinen Lippen, dann reißt er sich prompt zusammen und bringt genug Entschlossenheit auf, um Keisuke direkt ins vernichtende Feuer zu sehen. „Sie hat eine bestimmte Sache an diesem Abend gesagt, die ich nicht vergessen habe, und ich glaube, es wäre gut, wenn du das weißt. Schließlich habt ihr zwei Recht: Wir haben wirklich versucht alles zu kontrollieren, aber ihr Herz blieb ungebrochen."

Das Feuer, gefangen in Kupfer, zuckt für einen raschen Moment, und Keisukes Muskeln lockern sich ein wenig, als würde es in ihm langsam aufgehen, dass keine Gefahr droht.

„Ich kenne sie nicht anders", entgegnet er und blickt mein Dad stichelnd an, wobei er sich anstrengt, seine angekratzte Mimik zu verbergen. „Sie hat schon immer alles Mögliche darangesetzt, um ihren Dickkopf durchzusetzen."

Hey, du hast ja wohl den größeren Dickschädel von uns beiden!, folgt es gleich darauf trotzig von mir, aber da ich unbedingt wissen möchte, was von meinem Gesagten mein Dad bewahrt hat, halte ich mein empörtes Miauen zurück.

Als würde mein Dad ihm zu stimmen, lacht er leise und zupft dabei aufgeregt am Ende seines Schnauzers. „Ja, das hat sie wohl oder übel von ihrer Mutter", meint er, doch so schnell wie sein Lachen da gewesen ist, verschwindet es wieder. Die Ernsthaftigkeit der nächsten Worte ist wie eine starke Windböe, die Keisukes Feuer zum Flackern bringt. Scheinbar sind ihm seine Worte doch nicht so egal. „Ich möchte mich bei dir bedanken, dafür, dass du die letzten Monate meiner Tochter zu etwas Besonderem gemacht hast. Hätte sie dich nicht an ihrer Seite gehabt, hätten wir sie wahrscheinlich wirklich irgendwann gebrochen."

„An ihrer Seite gehabt? Hört sich fast so an, als würden sie in ihre alten Muster zurückfallen und davon ausgehen, dass es nicht mehr so ist." Keisuke hebt trotzdem seine Brauen hoch, aber nur, weil er aus gutem Grund argwöhnisch ist. Ich würde nach allem, was sie in ihn angetan haben, ebenso skeptisch bleiben.

„Nein, natürlich nicht. Ich weiß nun, was dir meine Tochter wirklich bedeutet. Und ich weiß auch, was du ihr bedeutest." Er muss Luft holen, aber der Schmerz in seinen Kaffeeaugen nimmt fortwährend zu. „Sie hat an diesem Abend zu uns gesagt, dass sie deinetwegen Dinge in dieser Welt entdeckt, sehr viele und schöne Dinge, die es so in Büchern und Filmen nicht gibt, weil sie von einem erlebt werden müssen. Mit dir war ihr das möglich. Dank dir hatte sie, wie du es schon beschrieben hast, doch ein gutes und buntes Leben." Sein Kopf senkt sich. „Es tut mir leid, dass ich das nicht bemerkt habe. Ich habe wohl nur den Fehler gemacht, der zum Elternsein dazu gehört: Ich wollte sie nicht gehenlassen, aus der Angst, sie nicht weiter beschützen können."

Dad, bitte, nicht weinen. Du hast es doch selbst gesagt: Niemand ist perfekt. Fehler sind menschlich. Du bist menschlich.

„Lächerlich", wispert der Dämonenjunge und die Flamme sprüht erneut ihre Funken über sein schönes Gesicht. „Sie braucht euren erbärmlichen Schutz auch nicht. Der ist so nutzlos wie dieser Versuch hier. Sie können mich mit ihrem scheinheiligen Wisch-Wasch von Friede-Freude-Eierkuchen nicht überzeugen, ich bin immun gegen Gehirnwäschen."

„Du bist echt unmöglich, Keisuke!" Bajis Mom löst sich von ihrem Sohn und geht auf meinen Dad zu. Aber er ist noch nicht fertig. Mit seinen Worten noch nicht, aber mit seinen Kräften schon seit Längerem. Sein Garten ist nicht derselbe ohne seine Lieblingsblume. Das begreift er mit jeder weiteren Minute mehr, und selbst wenn ihn Keisukes zischendes Feuer verletzt hat, lässt er sich nichts davon anmerken.

Es geht hier schließlich um seine Tochter, nicht um ihn.

Mit neu gesammeltem Mut sagt er als Nächstes direkt aus dem Herzen und mit zweifelloser Entschlossenheit: „Ich werde nicht nochmal den Fehler begehen und dabei zu sehen, wie ich meiner eigenen Tochter das Herz breche. Wenn du sie besser beschützen kannst als ich, muss ich das mit meinem stolzen Vaterverstand hinnehmen. Selbst wenn mich das einiges an Überwindung kostet. Und wenn sie mit dir eines Tages abhauen wird, dann soll es so sein. Dann weiß ich wenigstens, dass sie dort ist, wo sie immer sein wollte und am besten aufgehoben ist. Das ist bei dir, Keisuke."

Nun erkenne ich ihn endlich. Den Vater, von dem meine Mutter immer gesprochen hat. Der Vater, der ihr einen unvergesslichen Antrag gemacht hat, weil, wenn es eine Sache gibt, die er wirklich in seinem Leben versteht, dann ist es die unbezwingbare und tiefe Liebe zu einer anderen Person.

„Wolltet ihr nicht zurück nach Seoul?", fragt Bajis Mutter verwundert, die Bernsteinaugen mitfühlend verziehend, und ihre Hand findet wie von selbst die hängende Schulter des gebrochenen Vaters vor ihr.

„Nein, wir werden in Tokio bleiben", antwortet er ihr und klingt so, als hätte er alles hinausgeschrien. Aber eigentlich hat er nur sich diese Dinge eingestanden, die er immer noch nicht ganz wahrhaben möchte, aber es ist auch schwerer, sich selbst zu verzeihen als andere. Vor allem, wenn man geglaubt hat, alles richtiggemacht zuhaben. „Auch wenn sie irgendwann die Geräte abschalten werden, wir bleiben hier. Für unsere Tochter."

Mein Herz bekommt Flügel und flattert ganz unbeschwert, weil er es damit geschafft hat. Seine Storge erreicht mich. Sowie eine kleine Meeresschildröte sich ihren Weg in das sichere Gewässer kämpft, hat er zu mir gefunden. Sanft und behutsam, aber mit einem unüberwindlichen Lebensmut.

Kyou lächelt ihn aufmunternd an. „Das ist schön zuhören."

„Es geht nicht mehr darum, was wir wollen, sondern was sie will." Er kneift die Lippen zusammen, doch seine flüssigen Kaffeeaugen von schwerster Reue getroffen sind immer noch auf Keisuke gerichtet. Hoffnung schwärmt aus allen Ecken seiner Verzweiflung aus, doch der Junge vor ihm ist erzürnt.

„So ein Schwachsinn", platzt es cholerisch aus ihm heraus. Er neigt das Kinn hoch, um sich die schwarzen Strähnen aus der Sicht zu werfen. „Sie können Fehler nicht wiedergutmachen. Und sie können auch keine Taten rückgängig machen." Er kommt so weit auf ihn zu, dass seine Fußspitze die Transportbox berührt, und dann umfasst er mit sichtbaren Venen am Unterarm den Griff. „Was sie wirklich tun können, ist darauf zu hoffen, dass ich nicht der Grund sein werde, warum sie wieder aufwacht. Und wenn doch, dann Gott bewahre sie, ich werde es ziemlich schnell bemerken, ob ihnen tatsächlich so viel an ihr liegt. Sie sollten sich deshalb eines in ihr verdammtes Gedächtnis schreiben."

Er hebt mich hoch und nimmt einen guten Abstand ein, um ihn die ganze Macht seines unerschöpflichen Feuers zu repräsentieren. „Wenn sie sie verletzen, verletzen sie auch mich. Aber ich schlage immer zurück." Er kehrt um und scheint zurück in sein Zimmer zu wollen, als er noch mit dunklem Samt in den Raum donnert: „Sie könnten mir die scheiß Füße lecken, ich würde sie trotzdem nicht ausstehen können!" Mit voller Dreistigkeit hält er die freie Hand hoch und zeigt dem verblüfften Gesicht meines Vaters eiskalt den Mittelfinger. „Vielen Dank für meine Katze, Sie Snob."

Mir klappt die Kinnlatte herunter. Aber nicht wegen seinem Verhalten, sondern weil Dad darüber tatsächlich lacht.

„Wow", raut er leise, doch durch das Gehör einer Katze verstehe ich ihn klar und deutlich, als würde er neben mir stehen. „Irgendwie mag ich ihn ja. Er hat dieselbe Schlagfertigkeit wie Rohee."

Rohee. Meine Mum.

Von wen muss sie sich verabschieden? Was steht zwischen ihrer Storge für mich, von dem ich bis heute noch nichts erfahren habe? Und wieso habe ich das hoffnungsvolle Gefühl, dass es genau das ist, was mich tatsächlich daran hindert, zurück in meine Welt zu kehren? Ich möchte einfach bloß zurück und Liebe geben und spüren. Liebe kennt keine Zeit. Liebe kann dauern und vergehen, aber es gibt auch Liebe, die für immer hält.

Wie die Liebe einer Mutter.

„Du bist wohlauf." Keisuke stellt mich samt der Box auf seinem Bett und zögert nicht, das Gitter zu öffnen. „Jetzt kann uns nicht mehr trennen, was, meine kleine Prinzessin?"

Kleine Prinzessin. Wird er auch Saejin das Mädchen so nennen? Seine Prinzessin? Das gefällt mir. Er gefällt mir. Schon immer. Er ist mein unbeschreiblich schönes Kunstwerk, die bunteste und klarste Farbe von allen. Mit hüpfenden Herzen schlüpfe ich aus dem Plastikgehäuse und werde augenblicklich von dem Glühen unserer nie ausgehenden Flamme in seinen Kupferfunken gefesselt.

„Die Snobs haben verloren, aber ich..." Er legt seine Hände achtsam um mich und hebt mich an, um für einen kurzen Moment seine Stirn gegen meine zu lehnen. „Ich habe mein Licht zurückgewonnen."

Als mich seine Arme sehnsüchtig an ihn pressen wie die Zusammenfügung von einem Gesamten, begreife ich aber auch, dass meine Liebe für diesen wilden und sturen Jungen genauso eine Ewigkeit andauern kann. Denn, wenn man eine Person erst einmal liebt, wird sie immer ein Teil von einem bleiben. Ob sich die Wege später trennen oder nicht, sie bleiben es.

Auf Ewig.

Was ist, wenn Keisuke es nicht so sieht? Nein, nein, nein. Das sollte noch keine so große Rolle spielen, wichtiger ist es, den Weg in das Herz meiner Mutter zurückzufinden. Aber noch viel wichtiger ist es, mich an ihn zu schmiegen und mit ihm zu verschmelzen – zu einem einzigen Stern.

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