reasons why I'm still there.

2. ӨKƬӨBΣЯ

Mein Zimmer ist gleichgeblieben. Die weißen Spitzenvorhänge und die vielen Lichterketten, die sich quer von meinem eckigen Fenster bis zu meinem Himmelsbett verteilen. Das beigefarbene Nachttischchen, auf dem ein Shounen-Manga und ein Buch über Astronomie liegen. Der passende Schreibtisch steht genau daneben. Er ist ordentlicher als ich mich daran erinnern kann. Jemand hat meine Zeichensachen in die Fächer und Behälter verstaut, die Pinsel sind sauber und makellos, als hätte sich tatsächlich jemand die Mühe gemacht, sie in meiner Abwesenheit zu waschen. Vielleicht meine Mam, bevor sie nach Südkorea geflogen ist.

Zuletzt haben wir uns hier gesehen. Da, wo ich noch eine Katze gewesen bin und verzweifelt nach ihrer Storge gesucht habe. Leider wird sie heute nicht dabei sein können, aber ihre Liebe ist da.

Hier in diesem Raum.

Hier in meinem Herzen.

Früher, als ich noch kleiner gewesen bin und meine Freiheiten in den Rahmen von Lieblingssüßigkeiten messbar gewesen sind, hat sie diese Sicherheit ausgestrahlt. Solange sie bei mir gewesen ist, würde mir nichts Schlechtes zu stoßen. Sie wäre da und würde mich beschützen.

Nun ist sie fort. Und meine Existenz bedroht.

Ich wünsche mir, sie könnte heute Abend bei uns sein. Würde mich in den Arm nehmen, mir sanft durch das Haar streicheln und mir sagen, dass alles wieder in Ordnung wird. Denn, wenn es etwas gibt, was man seiner Mutter glauben sollte, dann das. Weil sie alles daransetzen würde, um dies wahrzumachen.

Mein Dad hat zu meiner Feier meiner gestrigen Entlassung die Jungs zu einem koreanischen BBQ bei uns eingeladen. Nicht, dass ich mich nicht darauf freue, aber er ist so ziemlich chaotisch in der Küche, dass ich froh bin, ihn bei einigen Aufgaben behilflich sein zu können. Während ich das Fleisch (Gemüse schneiden stellt sich noch als eine Herausforderung heraus) gewürzt habe, hat er in der Zwischenzeit den Tisch gedeckt und nochmal gefegt... Jetzt fehlen nur noch die Gäste. Solange sie noch nicht da sind, bin ich zurück in mein Zimmer gegangen, habe mich umgezogen und mir sogar die Haare geglättet wie bei einem besonderen Anlass. Ich würde nicht behaupten, dass es mit Sicherheit so ist, denn mein Leben ist immer noch in Gefahr. Oder dass es sich wie eine Beerdigung anfühlt, nur, dass wir anstelle um einen Toten trauern, einen Sterbenden feiern.

Wieso eigentlich? Wieso feiern wir nicht die letzten Stunden eines Menschen? Er wird gehen, aber das werden wir alle irgendwann mal. Wieso können wir diesen letzten Schritt des Lebens nicht würdig schätzen? Und wieso mache ich mir solche Gedanken um den Tod, wenn er nicht angemessen ist? Nicht für mich, nicht für diesen Tag, nicht für diese Liebesgeschichte. Jetzt gerade mache ich es doch, den Tod verabscheuen. Wie jeder anderer auch.

Ich gehe weiter, zu meinem großen, cremeweißen Regal mit meiner Manga- und Büchersammlung. Als Abgrenzung der zwei Bereiche steht ein leuchtender Globus, den ich spielerisch mit dem Finger leicht hin und her drehe, bis ich das gigantische Universum im Augenschein nehme, das an der Wand hinter meinem Bett gezeichnet worden ist. Von mir höchstpersönlich. Für die Sterne habe ich eine spezielle Farbe verwendet, die in der Nacht leuchtet. Warum man auch nur in der Dunkelheit sehen kann, wie die Straße voller Sterne bis zur Decke entlang gleitet und an meinem Kopfende aufhört.

Es ist wie das versteckte, geheimnisvolle Licht meiner Seelenfinsternis. Nur das Mondlicht kennt es, kennt mich und mein wahres Ich – bevor sich Keisuke in mein Leben geschlichen hat. Nein, geschlichen hat er sich ganz und gar nicht. Als hätte ich für einen Augenblick zu lange in den Nachthimmel gestarrt und nicht gewusst, wonach ich genau gesucht habe, ist er plötzlich aufgetaucht. Wie ein verborgener Stern, der mit jeder weiteren Minute, in denen wir uns ansehen, an Sichtbarkeit gewonnen hat. Wir haben uns gegenseitig angezogen. Schon über tausend Kilometer entfernt, haben wir nacheinander gesucht und schließlich... gefunden.

Vor Tokio habe ich ohne ihn atmen können. Davor hat mich nicht dieses übermächtige Gefühl überfallen, als würde mir etwas fehlen. Jetzt ist er meins, und es ist unmöglich, dass ihn verlasse oder er mich.

Er ist meine erste und große Liebe.

Vor meinem Nachttischchen bleibe ich anschließend stehen und öffne die oberste Schublade. Ein altes Foto begrüßt mich mit einer kleinen Staubwolke. So lange habe ich es nicht herausgeholt und angeschaut. Ich komme mir dämlich vor, weil ich es so vorsichtig in meine Hand nehme, als könnte es auch zu Staub fallen. Dabei ist es stabiler als ich selbst. Dann setze ich mich auf das Bett, schiebe zuvor den Haufen von Flyer von Kunstschulen und Gute-Besserungswunsch-Karten weg und betrachte es genauer.

Es ist ein Bild von Chifuyu, Keisuke und mir.

Wir haben es letzten Frühling auf der Schulbank geschossen, als die Kirschblütensession frisch eingeläutet worden ist. Die Kamera inklusive Ständer habe ich von meinem Vater ausgeliehen, für ein wichtiges „Schulprojekt". Wir alle tragen unsere Schuluniformen, hinter uns blüht der gigantische Kirschbaum der Schule in vollkommener Schönheit. Die Jungs haben jeweils grinsend einen Arm um mich, die in der Mitte sitzt, gelegt. Ich bin so nervös und aufgeregt gewesen, dass ich während dem Timer nur ein Fingerherz zustande brachte. Aber mein Lächeln ist strahlend und ehrlich, über das ganze Gesicht ausgebreitet, meine gelben Augen leuchten glücklich, weil schon da habe ich es gewusst. Diese Jungs werde ich nie mehr aus meinem Leben gehenlassen.

Es ist wie diese langwidrige Art einer Freundschaft, von der ich nie geglaubt habe, sie würde für mich existieren, weil ich nicht daran gedacht habe, für jemand anderes Leben bestimmt zu sein. Es ist nicht so, als würde man durch die Jahre seines Lebens spazieren und sich bewusst seine Freunde auswählen. Die wirklichen Freunde, die die hohe Chance besitzen, ein Immer-Teil deiner Geschichte werden zu können, die kommen einfach. So wie manche aus dem Nichts verschwinden.

Doch diese Freundschaft wird für immer bestehen bleiben, egal, was passieren wird. Sie wird ein Leben lang halten. Wenn ich so darüber nachdenke, bin ich wirklich glücklich darüber, dass es sie sind. Die perfekte Balance zwischen Vertrauen, Abenteuer, Glück und Gebrochenheit.

Nun kann ich es der ganzen Welt zeigen und lehne das Foto stolz gegen meine Leselampe. Sie sind kein Geheimnis mehr, sie sind das laute Trommeln meines Herzens und mein Alles. Gedankenversunken streichle ich mit dem Daumen über Keisukes Gesicht, über das lodernde Glühen seiner Kupferfunken und die leichten Ansätze seiner Fangzähne.

Als befürchte ich, ich könnte ihn vergessen, viel zu schnell, ohne dass ich es aufhalten könnte, präge ich mir sein hübsches Gesicht ein – und ich befürchte, sobald ich ihn vergessen würde, würde etwas in mir zerbrechen, das mich für immer unter sich begraben wird. Was nach Oktober sein wird, kann ich nicht wirklich vorhersehen, aber ich weiß, dass ich ihn niemals, wirklich niemals, mehr aus dem Kopf kriegen werde. Von meinem Herzen fangen wir erst gar nicht an.

Für Traurigkeit habe ich keine Zeit. Es ist noch zu früh, um sich solche grauenhaften Szenarien auszumalen. Der Oktober hat begonnen, der Kampf gegen die Zeit ist zu meinem wahrgewordenen Albtraum geworden.

Ich wünsche mir, ich könnte für einen Augenblick an diesen herrlich warmen Frühlingstag zurückkehren. Ein stinknormales Mädchen sein, das sich von ihren Herz in die Irre hat führen lassen, aber es nie mehr ignorieren wird. Ich möchte es ein letztes Mal fühlen, wie die leichte Brise durch mein Haar weht und die vielen, fallenden Blüten durch die Luft wirbelt. Einige davon haben sich an diesem Nachmittag in Keisukes seidig langen Haaren verloren. Chifuyu hat ihn dafür ausgelacht und wie erwartet von seinem Freund einen fiesen Schlag auf den Kopf kassiert. Aber ich habe mich nicht zurückhalten können, habe mit einem Kichern angefangen, die Blüten nach und nach aus seinen Strähnen zu picken. Er hat mich überrascht angeschaut, ein leichter, pinker Schimmer auf seinem Nasenrücken, und für eine Sekunde habe ich mich davor gefürchtet, von ihm abgestoßen zu werden. Habe mich auf den Schmerz vorbereitet und geflucht, gedanklich. Jedoch ist er nicht zurückgewichen oder hat protestiert.

Er hat mich angesehen. Und ich ihn auch. Zu offen und direkt für das, was im Winter zuvor geschehen ist.

Sie sind um uns herumgeschwirrt und haben sich wie geheime Boten unter die Kirschblüten gemischt. Die Erinnerungen, an jenen Tag im Winter, der nicht nur unsere Seelen zweigeteilt hat, sondern auch unsere Herzen.

Ein Schweigen breitete sich darüber aus, als würde nicht nur ich versuchen, es zu verdrängen. Sein Blick traf mich auf einer Ebene, die verwundet war, aber ebenso nicht loslassen konnte. Nicht von ihm.

In diesem Moment hätte ich es bereits wissen müssen, dass ich mich nicht belügen kann, dass ich nicht dazu imstande bin, mich jemals von ihm lösen zu können. Der tobende Funke seines Feuerherzens in meiner Brust würde mich immer zu ihm zurückführen, diese stumpfe Lücke zwischen der Hälfte seiner und meiner Seele konnte sich bloß mit ihm gemeinsam sich schließen. Er hat mir immer noch den Atem geraubt, seine Kupferfunken haben mich noch immer in das wilde Feuer seines unberechenbaren Geistes gezogen und das Gefühl der Schwerelosigkeit hat sich meines Verstandes bemächtigt. Zu denken, ich wäre nicht das richtige Mädchen für ihn, ist dämlich und kindisch gewesen. Im Nachhinein hat es nicht geholfen. Nichts hat dabei geholfen, meine Gefühle für ihn zunichtezumachen. Als geht das gar nicht, als wäre es einer der wenigen Dinge, in denen ich wirklich richtig gut bin, ohne dafür jahrelang zu trainieren oder zu lernen.

Lieben lernt man nicht.

Lieben tut man.

Es ist wie Atmen. Aber besser, leichter und schöner.

⁺₊ ☀︎ ⁺₊

Nach einer kurzen Pause schwinge ich mich von der Matratze, zurück auf den quadratischen Flauschteppich und vorwärts zu meinem Fenster. Ich öffne es so weit, dass eine Katze durchschlüpfen kann. Kaum vergeht eine Sekunde, klettert Sayuri hinein und setzt sich auf das Fensterbrett aus Buchenholz, direkt neben die Vase mit violetten Chrysanthemen. Wie vor wenigen Tagen besprochen wird sie diesen Monat bei mir wohnen.

„Hallo, Sayuri", begrüße ich fröhlich die Glückskatze und lehne mich neben sie.

Neugierig schweift sie sich mit den Halbmondsicheln durch mein Zimmer. „Ist jedes Mädchenzimmer so ordentlich?" Sie springt hinunter, läuft umher und scheint wohl jede Ecke zu inspizieren. Als sie mein Bett entdeckt, zögert sie nicht und hüpft darauf. Katzen eben, gleich schauen, wo der gemütlichste Platz von allen ist. Den Kopf nach oben geneigt blickt sie das Universum vor sich an. „Du magst das Weltall echt, oder?", fragt sie mich und schielt zu mir.

„Ich habe immer gedacht, das Weltall wäre ein Ort voller Magie, weil es so fern ist und man nicht alles darüber weiß", entgegne ich ihr lächelnd und folge ihrem Blick zurück zu einer meiner größten Kunstwerke. Es ist genau das, woran ich festhalte. Identisch zu dem ewig schönem Kunstwerk, das die Jungs in mir erschaffen haben. Es wird niemals an Bedeutung verlieren. „Mittlerweile glaube ich, dass Magie überall da ist, wo sie gesehen werden kann und möchte."

Kopfschüttelnd wendet sie sich zu mir herum. „Das klingt bescheuert", kommentiert sie.

„Aber, dass ich einmal eine Katze gewesen bin und immer noch mit welchen sprechen kann, ist nicht irgendwie seltsam? Oder dass es Katzengötter gibt, die auf Menschenseelen stehen?" Bei ihrem irritierten Ausdruck kichere ich. „Wie erklärst du dir das sonst – außer mit Magie?"

„Das ist mir zu hoch, Menschenmädchen."

„Nenn' mich nicht so, das hört sich wie aus einem Fantasyroman an."

Freudig hebt sie den Schwanz hoch. „Dann passt das ja zu deiner These, Menschenmädchen."

„Na ja, solange ich nicht nach Mordor muss, sehe ich da kein Problem", sage ich. Wobei ich es lieber bevorzuge, einen mächtigen Ring eine lange Reise lang widerstehen zu müssen als den bedürftigen Kitzeln auf meinen Lippen. Den rauchig-weichen Geschmack von Abenteuern kriege ich einfach nicht aus den Sinnen, als hätte er sich in den feinen Rinnen meiner Lippen niedergelassen. Aber ich darf Keisuke nicht küssen – außer ich möchte zurück ins Krankenhaus. Ich darf mir keinen weiteren Supernova-Moment erlauben, ohne dass man mich wieder an Schläuche anschließt. Was für eine unfaire Scheiße.

„Was ist Mordor?", fragt mich Sayuri und hat sich mittlerweile auf mein Bett gesetzt.

„Ein Ort, an dem über das Schicksal einer ganzen Welt entschieden wird." Ich gehe zurück zu meinem Schreibtisch und nehme eine kleine Schachtel in Mattschwarz in die Hand. Ein Geschenk für Keisuke, ein Teil meines Herzens, ein Zeichen unserer Seelenverbundenheit. Unfassbar, dass das alles in diese Schachtel passt, aber die schönsten Dinge kann man nicht anhand von Nummern oder Gewicht zählen. Die schönsten Dinge sind in uns, Seelenpartikel anderer, die sich in dem Moment, wo wir etwas Schönes empfinden, abspeichern.

Im Grunde sind wir alle ein Gefäß aus Erinnerungen und Sternenstaub.

Die Glückskatze springt vom Bett zum Nachttisch zu mir hinüber. „Klingt interessant. Können wir dort mal hin?"

Die Gäste, die ich an einer Hand abzählen kann, sollten langsam da sein. Meine Finger werden schwitiziger, als ich das Geschenk fast schon erdrücke. „Mordor exisitiert nicht", antworte ich ihr und wirbel zur Zimmertür herum.

„Wer sagt das?", bohrt sie gespannt nach.

„Mordor steht in einem fiktiven Buch", versuche ich es ihr zu klären, aber komme mir auch schwachsinnig dabei vor, einer Katze zu vermitteln, was ein Buch ist, oder konrekter Mordor.

Sie neigt den Kopf leicht zur Seite. „Und wer sagt, was in Büchern steht, ist nicht wahr?"

Nachdenklich trommle ich mit den schwarz lackierten Nägel auf der Schachtel herum und wiederhole nochmals ihre Worte in mir. „Eigentlich..." Niemand. Ein lautes Klopfen an meiner Tür bringt mich zum Innehalten.

Mein Dad fängt meinen aufgeregten Blick mit einem warmen Lächeln auf, das mir ein wenig das Herzrasen nimmt. „Sie sind da", mitteilt er mir mit. Seine Kaffeeaugen wandern für einen kurzen Moment hoch und runter, aber zum Glück nicht zum bunten Katzenfleck hinter mir. „Schön siehst du aus, kleine Schildkröte. Bildhübsch wie deine Mutter."

Wahrscheinlich wird er mich noch so nennen, wenn ich bereits 30 Jahre und älter bin. Sollte es so weit überhaupt kommen, und wenn, werde ich mich bis dahin nicht daran gewöhnt haben. Ab und zu erwische ich mich dabei, wie ich mich selbst zwicke – um zu prüfen, dass ich tatsächlich nicht träume und wirklich meine Familie zurückhabe.

Ich bringe nur ein Nicken zustande, da ich diese Art der Zuneigung nicht von ihm kenne, meine roten Backen sprechen in diesem Fall für sich, und ich gehe zu ihm hinüber. „Wir hatten schon seit Ewigkeiten keinen Besuch mehr im Haus", stelle ich laut fest. Sie haben Besuch selten akzeptiert, vor allem männlichen nicht und diese eine bestimmte Person erst gar nicht.

Mein Dad fasst sich verlegen an den Nacken. „Es wird Zeit, das zu ändern."

Jetzt steht diese eine Person in unserem Wohnzimmer, die sie so konvulisich versucht haben, mir für immer aus dem Leben zu reden wie man versucht, uns im frühen Alter den Fremden mit den Süßigkeiten als etwas Gefährliches einzutrichtern. Aber ich bin kein Kind mehr, das haben wir nun alle begriffen. Keisuke ist keine Gefahr, er ist meine Sonne.

Dieser wühlt sich durch die Schallplattenansammlung meines Dad, so, als würde er schon immer hierhin gehört. Mir gefällt dieser Gedanken. Er vertreibt die letzte Dunkelheit des Turms, die sich wie ein kaum sichtbares Spinnennetz in der letzten Ecke versteckt hat, mit seiner bloßen Anwesenheit. Aber ihm entgeht das nicht, auch Kleinigkeiten wie diese, die einem Zuhause an Wärme nehmen.

Ist er überhaupt schonmal hier gewesen? Mehr als über die Türschwelle gekommen? Ich nehme mal das Gegenteil an, weil es am ehesten zutreffen wird.

„Und? Hast du eine gefunden, die wir hören sollen?" Mein Dad geht mit einem breiten Grinsen zu ihm hinüber – und legt ihm seine Hand auf die Schulter, ganz locker wie eine alltägliche Geste.

Keisuke spannt keinen einzigen Muskel an. Er sieht ihn an, seine Kupferfunken haben einen schönen, offenen Schimmer, dann hält er ihm eine Platte vor die Nase. Auf diese Art hat er ihn noch nie angesehen, wie jemand, den er mit der Zeit mögen könnte. „Die hier finde ich super", antwortet er ihm. Es handelt sich um das Album „Metallica". Ein Klassiker.

„Oh", Dad lacht und bekommt eine rotfleckige Haut im Gesicht, „das ist meine Lieblingsplatte."

„Dann spricht wohl nichts dagegen, sie zuhören?", grinst er. Es ist dieses typische, furchtlose Grinsen von ihm. Dieses, wo nie an Ehrlichkeit und Verschmitztheit verlieren wird. Es geht mir direkt in das Herz, auch nur, wenn ich es von der Seite betrachte. Aber die Tatsache, dass er damit meinen Vater ansieht, eine der Personen, die er am meisten verabscheuen sollte, bildet einen dicken Kloß in meinen Hals.

„Keineswegs."

Keisuke beobachtet ihn beim Einlegen der Platte genau und konzentriert. Es ist das erste Mal, dass ich ihn überhaupt bei etwas Anderem so aufmerksam erlebe wie in diesem Augenblick. Als würde er etwas lernen wollen – auf freiwilliger Basis. Mein Dad scheint sein Interesse zu bemerken und fängt an, ihm die verschiedenen Funktionen seines Schallplattenspielers zu erklären. Ohne dabei wie ein Schlaumauer zu klingen, oder jemand, der das fälschliche Gefühl besitzt, über alle anderen zu stehen. Er nimmt diese ruhige Tonlage an wie damals, als ich noch 7 Jahre alt war und er seinen alten Spieler mit einem Neuem ausgetauscht hat. Da hat er mir ebenso stolz erzählt, wie er integrierte Lautsprecher besitzt und sein Klang ihn an seine Jugendzeit erinnert.

Ich bin geschockt, verwirrt, und überlege kurz nach, wann ich mich das letzte Mal gezwickt habe. Es fällt mir gleich ein. Im Badezimmer, nachdem ich mich für eine ungewöhnlich lange Zeit im Spiegel angestarrt und mich gefragt habe, ob ich wirklich das bin, ob dieser Körper zu mir gehört und wieso das Mädchen mir gegenüber so verändert wirkt, so reif und selbstsicher. Aber auch verängstigt, vor dem, was sich hinter ihren Seelenspiegel verbirgt. Vor dem Unbekannten, was daraus brechen wird, sobald sich mein Schicksal eingependelt hat.

Mein Leben hat sich verändert. Ich habe mich in den wenigen Wochen verändert. Der Oktober ist ein Monat voller Veränderungen und Entscheidungen.

Eine plötzliche Umarmung von hinten holt mich zurück. „Hi, Saejin", begrüßt mich Chifuyu und lässt mich los. „Bist du schon aufgeregt?"

Hastig nehme ich ihn in den Augenschein. „Aufgeregt? Warum?"

Er sieht gut aus, in seinem cremefarbenen Anzug mit dem wolkenblauen Hemd, das seine Gletscheraugen ausgezeichnet untermalt. Sie leuchten auf wie Indigolith. Wie, wenn das warme Sonnenlicht die frühste Stunde des Tages anbricht und den Tau der kalten Nacht hinfort schmilzt. Zärtlich und tiefgründig auf eine behütende Weise. Er hat die außergewöhnliche Gabe, dass man sich in binnen Sekunden bei ihm wohl fühlt und schlechte Gedanken erpresst.

Ich wundere mich wirklich, wieso bis jetzt noch kein Mädchenherz bei diesem Blick sich in seinen Gletscher verirrt hat. Es wäre so schön, ihn mit einer Freundin zu sehen. Aber Armor kann ich nicht auch noch spielen.

Für ein koreanisches Barbecue ist sein Outfit zu schick.

Aber offenbar scheint es das nicht zu sein.

„Oh", macht der Blonde bloß, als ihm bei meiner Ahnungslosigkeit bewusstwird, was ihm gerade entwichen wird. „Es ist schließlich das erste Mal, dass wir bei dir zum Essen sind", versucht er es wirklich noch hinzubiegen und lächelt mich schwankhaft an. „Ich habe schon viel über ein koreanisches BBQ gehört. Die Soßen sollen wohl richtig gut sein."

Ich blinzle. Er hat schon besser gelogen, aber das will ich ihm nicht auf die Nase binden. Schon so wirkt er peinlich berührt genug. „Die Soßen habe ich gemacht. Nach einem uralten Familienrezept."

„Du kannst nicht mal für einen Tag eine Überraschung für dich bewahren, Matsuno", mischt sich noch jemand dazu. Diese raue Stimme. Er ist wirklich gekommen.

„Kazutora", rutscht es aus mir heraus und ich starre den Wolfsjungen erstaunt an. Bis zu dieser Sekunde habe ich daran gezweifelt, dass er meine Einladung (durch Keisuke) annehmen wird. Nun steht er neben Chifuyu, ein nichtssagender Ausdruck in den gelben Augen. Entweder hat Keisuke ihn dazu gezwungen, oder er hat sich tatsächlich darauf eingelassen, dass ich ihm meine Dankbarkeit für die eine Nacht durch diese Einladung zum Essen bei mir ausdrücken will. Das ist gut, überraschend gut.

„Sowie du mich anschaust, hast du nicht gedacht, dass ich kommen würde, was?" Schelmisch zieht er die Lippen auseinander und versinkt seine Hände in der Hosentasche seiner schwarzen Jeans. Locker steckt ein weißes Shirt mit V-Ausschnitt darin.

Vielleicht wäre es besser gewesen, ihn doch nicht einzuladen. Er erweckt schon jetzt den Instinkt in mir, ihn genervt anzufauchen. Unmittelbar kann er mich durchschauen, immer wieder, und das hasse ich. Dieses schreckliche Gefühl von seelischer Nacktheit.

„Du hast Recht. Zu dieser Uhrzeit hätte ich dich nicht wartet – schließlich neigst du dazu, spät in der Nacht irgendwelche Mädchen zu beleidigen und zu verfolgen." Angespannt beiße ich mir in die Zunge, als sein Grinsen dunkler wird.

Er geht einen Schritt auf mich zu, bei seiner zwielichtigen Ausstrahlung bekomme ich Gänsehaut. „Hast du mich nicht als „Perversling" beschumpfen?"

Sein provokativer Blick versuche ich durch Kühnheit zu überlisten und hebe eitel das Kinn an. „Das war keine Beleidigung, sondern eine feststehende Tatsache. Wer bei einem koreanischen BBQ mit Aloha-Hemd auftaucht, ist für mich ein geschmackloser Perversling."

Mit zusammengepressten Brauen blickt er an sich hinab und zupft an seinem dunkelblauen Hemd mit dem Aloha-Print. „Das ist nicht geschmacklos, das ist Mode." Er sieht mich böse an. Wohl oder übel scheint er überempflindlich zu sein, wenn es um seinen eigenen Stil geht. „Lieber trage ich mein Hemd als verkleidet als eine wandelnde Latex-Leiche durch ganz Tokio zu laufen", kontert er grinsend.

„Vielleicht habe ich den Trend von morgen erfunden, und du hast es nur noch nicht mitbekommen."

„Das glaube ich nicht."

Wir sehen uns an, das Glühen seiner Augen fängt zu flackern an wie bei einer kaputten Glühbirne. Kurz davor in tausend Scherben zu zerfallen und mich zu erblinden.

Ich bemühe mich darum, hinter seinen Stahlpanzer zu blicken – aber der Wald des einsamen Wolfsjungen ist hermetischer als erwartet. Die Bäume wenige Zentimeter voneinander getrennt, als würden sie all seine Geheimnisse in ihrer tiefen und gemeinsamen Verwurzelung aufbwahren. Für ein menschlisches Auge nicht sichtbar, außer man fängt zu graben an, und ich glaube, sie liegen tiefer als bei jedem anderem, den ich kenne.

„Offensichtlich hast du sie erfolgreich ablenken können, Kazutora", sagt er. Dicht an meinem Ohr. Sein Arm um meine Taille schiebt mich an sich heran. Für einen kurzen, aber rekordbrechenden Herzschlag lang presst er seine Lippen an meine Schläfe. „Sieh' einer an, die Prinzessin kann wieder laufen und Unheil verbreiten." Er hat mich seit einer Woche nicht mehr gesehen. Seit einer Woche kann ich es wieder, stundenlang gehen ohne Schmerzen in den Muskeln.

Mit verschränkten Armen sehe ich zu ihm und versuche meine Atmung zu regulieren, aber sein frischer, wilder Duft von regennasser Wiese entzieht mir ohnehin schon den Sauerstoff aus den Lungenflügeln. Heute ist er noch stärker. Ob es daran liegt, weil es in letzter Zeit häufig zum Niederschlag kommt? „Ist das nicht dein Job? Unheil verbreiten?"

Er lacht, so ansteckend und verwegen, dass nun wirklich jede Art von Dunkelheit sich zurückzieht. Ebenfalls die in Kazutoras Wolfsaugen. Ich blicke zu den beiden Jungs. Sie sehen Keisuke mit denselbem ehrwürdigen Ausdruck an. Wie jemand, den sie aus ihrem tiefsten Loch gezogen hat und blind überallhin folgen würden. Auf einmal erinnere mich daran wieder, was Kazutora damals gesagt hat.

Nur er wäre für die Rolle von Keisukes Vize-Kommandant bestimmt. Aber das ist er nicht. Nicht mehr. Es ist Chifuyu. Trotz all dem, was in der Vergangenheit vorgekommen ist, hat sich Kazutora von einer einzigen Person niemals lösen können: seinem Kapitän, seinen besten Freund. Er würde alles für ihn tun, genauso wie der Blonde neben ihn. Ist es wirklich eine gute Idee gewesen, Kazutora einzuladen?

„Ist das die Bestrafung, weil ich dich die letzte Woche nicht besuchen konnte?", fragt mich Keisuke und seine Nasenspitze versinkt in meinen Haaren, als er sich zu mir beugt. Er atmet tief ein und aus, wie bei einem besonderen Erinnerungsduft, der bei seiner Vertrautheit etwas in uns bewirkt wie kein anderer. Der Duft, der an mir haftet und nur an mir, löst eine Empfindung in ihm aus, die ihn in wenigen Sekunden von allen Dunklen und Verspannungen bereinigt. Er scheint das zu brauchen. Er scheint mich zu brauchen. Ich frage mich mit holprigen Herzen, ob es bereits begonnen hat, die totale Sonnenfinsternis, da flüstert er: „Du riechst so gut, Saejin. So nach Gänseblümchen. Nach meinem Gänseblümchen."

Ich kann mich nicht zurückhalten, schlinge meine Arme um seine Mitte und presse mein Gesicht gegen sein schwarzes Satinhemd. „Das Leben bestraft einen schon genug, Keisuke."

Was auch immer für eine Dunkelheit es wagt, ihn mitzureißen, er ist hier bei mir und ich werde ihn dieser nicht aussetzen.

„Ich würde den Hot Pot starten, dann können wir gleich essen", meint mein Dad. Wir alle nicken. Chifuyu bietet ihm noch an zu helfen, was er dankend annimmt. Kazutora folgt ihnen stumm, seine Wolfsaugen undurchdringlich für jedermann, aber der Flimmer von Anspannung entgleitet mir diesmal nicht.

„War es dumm von mir ihn einzuladen?", murmle ich, als sie weg sind, und stütze mein Kinn an Keisukes entblößten Haut zwischen seiner Brust ab, um zu ihm hochzuschauen. Er grinst mich an, so schief und verschmitzt an, dass die tobenden Funken in meinem Bauch wild kribbeln.

„Er kennt das nur nicht", meint er.

„Wie..." Erst, als sein Atem über meine Lippen stichelt, bemerke ich, wie nah wir uns bereits geworden sind. Ganz ohne Bewusstsein. Mir wird schwummrig, meine Lippen kitzeln auf diese nervige Weise wie ich es schon geahnt habe: Ich will unbedingt diese Distanz zwischen uns lösen, mit meinem eigenen Mund, aber sie muss unüberwindbar bleiben. Nur für diesen Monat. Nur für diesen Moment, der mir alle Vernunft abverlangt. „Wie meinst du das?", versuche ich mich deshalb auf etwas anderes abzulenken. Etwas, das mir dabei helfen kann, dieses Warten mit Hoffnung erträglicher zu machen.

Sein Kupferblick erstarrt bei dem jähen Kummer, der sich wie dunkle Flecken unter seine Feuerfunken mischt. „Eingeladen zu werden, ohne Verpflichtungen." Da ist dieser alte, üppige Schmerz, dem ich schonmal begegnet bin. In der Bibliothek damals, als ich ihm bei seinem Brief geholfen habe. Aber da hat er noch eine feine Kruste besetzen, jetzt scheint er aufgebrochen zu sein und ihn zu foltern. „Und das noch von einem Mädchen."

„Ist er denn freiwillig hier – oder hast du ihn gezwungen?", will ich vorsichtig wissen.

Der Schmerz drückt sein Feuer nieder, erstickt ihn beinahe. Es ist unerträglich, ihn so zu sehen. Still leidend, weil er nicht aufhören kann, alles und jeden auf dieser Welt zu retten, aber nicht dabei bemerkt, wie er selbst daran zerfällt. Er weiß es vielleicht gar nicht, dass auch er jemand braucht. Aber uns fällt es schon immer am schwersten auf uns so zu achten wie auf jene, die wir lieben. Wir sehen in uns nicht denselben Wert, wir sehen nur unsere Fehler.

Fast hätte ich ihn darauf angesprochen. Fast wäre ich davor gewesen, ihn aufzuklären, dass ich alles weiß, dass er diese Bürde nicht allein tragen muss, dass es noch einen Weg gibt, um Kazutora vor dem falschen Einschlag zu bewahren. Ohne, dass er dafür die letzte Feder seiner Flügel opfern müsste. Ich wäre für ihn da. Immer. Doch als er mit seinen Fingern meine Strähnen zurückschiebt und meine Wange behutsam hält, ein atemberaubend mächtiger Ausdruck von Geborgenheit, Liebe und Halt lodert in seinem Seelenfeuer, da wird mir klar, dass ich ihm das hier nicht nehmen kann. Es ist, als könnte er hier – bei mir – , sich am nächsten sein. Und das ist mein unbeschreiblich schöner, gefallener Engel.

„Du weißt gar nicht, wie du auf andere wirkst, Saejin", wispert er. Seine Stirn drückt er gegen meine. Flüchtig liebkost seine Nasenspitze meine und mit dieser Berührung verliere ich mich in dem glühenden Feuer seines Bernsteinblickes. „Du und dein Sternenleuchten kannst selbst die dunkelste Seele, die ich kenne, erleuchten."

„Also ist er ohne Zwang hier." Ich werde ihn erreichen, ich werde Kazutoras Dunkelheit zerschlagen – mit der vollen Wucht meines Lebenswillens.

Er schließt die Augen und lächelt so sanft, als würde er mit seinen Lippen einen Hoffnungsschimmer nachzeichnen. „Wenn ich dir jetzt sage, wie viel es mir bedeutet, dich wieder vor mir stehen zu sehen, würdest du denken, dass ich Drogen nehme."

Lächelnd rücke ich vor, meine Finger hinter seinem Rücken spannen sich um die Schachtel an, weil meine Brust so eng wird. Vor lauter stürmischen Feuerfunken. „Oh, ich weiß schon, dass du den Verstand verloren hast, Keisuke. Auch ohne Drogen."

Unerwartet umschließt seine Hand mein Kinn und stützt es so, dass ich ihm direkt in die tobende Seelenglut blicke. „Ich meine es ernst, Saejin. Als ich dich neben deinen Vater entdeckt habe, auf beiden Beinen und das nicht wie ein zittriges Bambi, ist mir echt das Herz stehengeblieben."

„Wieso?", frage ich nervös.

Für eine Weile bleibt es still, bis auf das Gitarrensolo in „The Unforgiven" von Metallica.

„Ich habe mich daran zurückerinnert, wie ich mich gefühlt habe, als ich nicht wusste, ob ich dich irgendwann in den nächsten Monaten verlieren werde oder nicht. Ich habe gedacht, dich nie wiedersehen zu müssen. Wenn, dann garantiert nur in einem Rollstuhl", sagt er dann, ganz leise und mit schwacher Seelenflamme, „und dass ich mir es niemals verziehen hätte, wärst du meinetwegen daran gekettet gewesen. Für den Rest deines Lebens."

Er braucht einen Moment zum Durchatmen, den ich unverzüglich ergreife.

„So weit ist es aber nicht gekommen, ich kann gehen", erinnere ich ihn zaghaft und hoffe, er könnte heraushören, wie sehr mein Herz schmerzt, ihn auf diese schuldbewusste Weise vor mir zu haben. Er sollte nicht daran zurückdenken, sobald er mich sieht; er sollte die Zukunft sehen. Seine Zukunft mit mir. Also füge ich noch hinzu: „Unterschätz' sie nicht, mit diesen Beinen werde ich dir immer hinterherrennen können. Garantiert auch bis zum Mond, solltest du dorthin flüchten wollen. Ich werde dich finden."

Sein Lachen kratzt und poltert in seiner Brust, als hätte er nicht gedacht, dass ich ihm in diesen Zustand eines entlocken könnte. Ich wünsche mir, ich könnte ihn seinen Schmerz mit einem Kuss abnehmen, ihn irgendwie auseinanderbrechen, um den größten Teil davon zu tragen. Das möchte ich gerade am meisten, ihn küssen und seiner Traurigkeit entrauben. Ihn trösten und zeigen, wie schön es sich anfühlt, seinen Kampf nicht allein ausfechten zu müssen. Dafür bin ich da, darum bin ich die Hälfte seine Seele – um unseren Schmerz zu halbieren.

„Es gibt keinen Grund für mich, um vor irgendwas oder irgendwen zu flüchten", gesteht er mir und seine Nasenspitze stößt spielerisch gegen meine, während die Wärme seines Atems mich an den weichen, wild riechenden Rauch eines Lagerfeuers erinnert. Seine Kupferfunken strahlen in brennenden Herbstgold, als hätte er durch meine Worte meine Glut gekostet und zurück an Kraft gefunden. „Ich habe dich wieder. Im Ganzen. Und mehr brauche ich nicht, Saejin. Ich werde nirgendwohin gehen, glaub mir'. Denn Nirgendwo könnte nicht das Gefühl ersetzen, was du mir gibst."

„Welches Gefühl?" Mein Herz schlägt so feurig wie von der Flamme besetzen, die er in mir entzündet. Immer wieder aufs Neue scheint er mich zu beleben, bis zu diesen einem Mal, wo ich vollkommen seines bin.

„Als wüsstest du nicht, wovon ich spreche..." Er durchbricht die Mauer meines Vorsatzes, ihn nicht bis Ende Oktober zu küssen, sofort. ich sollte das nicht. Wir sollten das nicht, aber wer kann es mir schon übelnehmen, Keisuke Bajis rauchig-weiche Küsse nicht widerstehen zu können? Es ist ein bittersüßes Vergehen, das ich andauernd brechen könnte. Er küsst mich, seine Hände halten mein Gesicht so, dass ich es nicht nur zwischen Abenteuer und Leidenschaft einatmen kann. Über mich trifft eine beflügelte Benommenheit ein, als würde er mir den Atem rauben wollen, damit nur ich ihn spüren kann. Und dieses strömende Gefühl, das ungezähmt in unseren Herzen wirbelt wie die Partikel unserer angeknacksten Seelen, die zu einem verschmelzen.

Ich halte mich an diesem Augenblick fest, als wäre er so vergänglich wie ein Traum, den ich für eine unbestimmte Zeit nicht vergessen möchte. Es gibt Träume, die werden wir niemals vergessen, und ich wünsche mir mit dem unermüdlichen Teil meines Herzens, der alleinig ihm gewidmet ist, er würde zu diesen dazu gehören. Aber Keisuke ist vergänglich, ich bin es. Wir könnten wie eines der Blätter uns diesen Herbst von unserem Zweig lösen und vom Wind in die endlose Weite fortgetragen werden.

Er hält mich an beiden Schultern reflexartig fest, als mein Körper zu zittern anfängt. „Alles okay?", fragt er besorgt, sanft, und sein Gesicht wird blasser, aber es sollte nicht an Wildheit und Hoffnung verlieren.

Ich nicke und presse die Lippen zusammen, um die letzten Resten seiner Abenteuerküsse für eine lange, lange Zeit aufbewahren zu können. „Ja, ich darf nur nicht..."

Wie soll ich es ihm erklären, ohne ihn damit eventuell auf Abstand zu zwingen? Das will ich nicht, er soll bei mir bleiben. So nah und ausgelassen wie gerade, aufgehend in seinen Gefühlen für mich wie das stärkste und unberechenbarste Funkenfeuer in einer kalten, dunklen Walpurgisnacht. Es würde alles niederbrennen, würde es seinem Herzen entfliehen und unerwidert bleiben. Aber dafür bin ich da, um dieses Feuer abzufangen und für immer zu schüren. Damit jede noch so verlorene Seele wie meine zu ihm finden und weniger verlassen sein kann.

„Was darfst du nicht?", redet er langsam, so langsam, als nimmt er an mich beruhigen zu müssen.

„Wenn ich ohnmächtig werde, werden die mich wieder an die Geräte anschließen und nochmal beobachten. Bis zum Ende des Jahres." Ich sehe ihn verzweifelt an. Die Vorstellung, erneut in das Krankenhaus zu müssen und dabei zuzusehen, wie ich meinen gefallenen Feuerengel verliere, gleicht einem schleppenden, aber umso qualvolleren Seelenselbstmord.

Er nimmt eine Haarsträhne und dreht sie, sein anderer Arm legt sich stützend um meine Hüfte. Ich fühle mich so zerbrechlich in seiner Stärke wie ein kleiner Vogel, aber auch so geschützt und geliebt. Er hält mich so, als wäre es das schlimmste für ihn mir wehzutun. Dann stiehlt sich dieses Grinsen auf seine Lippen, das nicht gewagter sein können. Ein wenig zu lebensmüde, ein wenig zu rücksichtslos. Die perfekte Schräge, die seine spitzen Eckzähne hervorhebt.

„Das wird nicht vorkommen. Ich werde das verhindern. Ein Krankenhaus abzufackeln wäre ein riesiger Spaß", grinst er gnadenlos und das wahnsinnige Feuer seiner Seele durchbricht den Damm meiner Sorgen.

„Du kannst nicht einfach ein Krankenhaus niederbrennen, Keisuke", ermahne ich ihn atemlos.

Seine Kupferfunken sind stürmisch und reuelos. „Doch, kann ich."

Bei seinem sturköpfigen Ton muss ich gegen meinen Willen lachen. Eine Sache, bei dir ich mir wirklich sicher bin – sicher wie bei einer Naturgewalt, die in jedem meiner Knochen wütet und mich von Kopf bis Fuß durchrüttelt, die in meiner Brust eine warme Kugel ausstrahlt – ist, dass sein Seelenfeuer jede Kälte erreicht und zum Schwinden bringt.

„Du machst mich fertig, Keisuke Baji."

Jetzt muss auch er lachen, die Spitzen unserer Nasen treffen sich und streichen etwas ungeschickt, aber zärtlich aneinander vorbei.

„Kommt ihr jetzt?" Chifuyu steht plötzlich hinter uns. So geräuschlos wie eine Katze hat er sich angeschlichen, dass wir erschrocken auseinanderfahren und ein verlegenes Lächeln unsere Gesichter schmückt, passend dazu die Röte auf den Wangen. „Ich habe wirklich Hunger", jammert er.

„Sorry, mann", entschuldigt sich Keisuke und geht zu ihm hinüber, um seine ordentlich gerichteten Haare in ein wuscheliges Chaos zu verwandeln. „Ich will natürlich nicht, dass du mir verhungerst. Wäre ja schade um das Geschenk, wenn du nicht mehr erleben kannst, wie sie darauf reagiert. Du hast es dir schließlich ausgesucht."

Ein Geschenk? Für mich? Warum?

„He!", beschwert sich Chifuyu und weicht hastig mit dem Kopf weiteren Attacken aus. „Lass deine glitschigen, verliebten Hände bei dir, Baji-san!"

Der andere Bursche lacht. „Woher kommt denn diese vorlaute Version von dir? Ist ja fast wie früher, als du diese schreckliche Sahnehäufchen-Frise hattest."

Sein bester Freund erwidert sein Grinsen auf eine verschlagene Art. „Die Frise ist vielleicht weg, aber ich habe nicht vergessen, mich zu wehren."

„Welches Geschenk?", mische ich mich ungern in diese alberne Jungsrauferei ein und umklammere die Schachtel in meiner linken Hand vor Aufregung fester. Widerstrebend kehre ich zurück in die Realität, zu dem koreanischen BBQ, das keines ist, aber ich bin auch neugierig und sehe zwischen ihnen her.

„Hast du es ihr nicht gesagt?", fragt der Blonde irritiert.

Keisuke schüttelt den Kopf, aber sein keckes Grinsen vergeht nicht. „Ich dachte, das überlasse ich dir. Wo du schon angefangen hast..."

Chifuyu stöhnt auf. „Vergiss es, ich werde bestimmt nicht zum Partykiller."

Sie werden es mir nicht verraten. Nicht, ehe ich es selbst herausgefunden habe. „Ihr stellt euch so an, als ginge es um Tod und Leben", werde ich bockig.

Beide müssen zusammenzucken. Sie können es nicht verleugnen, das Wort „Tod" trifft sie auf eine gewisse und grauenhafte Weise, die sie daran erinnert, wie leichtfällig dieser bei seiner Wahl ist.

„Kommt, lasst uns essen", fordere ich sie achtsam auf, um die Stimmung wieder anzuheben, und neige mich in Richtung Küche, „bevor mein Dad sich noch die Finger brennt. Das passiert ihn jedes Mal beim BBQ."

Zwar lachen sie nicht, aber sie kommen mit.

Mehr kann ich von rissigen Herzen nicht verlangen. Ich weiß nicht, wie weit ihre Seelenheilung bereits fortgeschritten ist, ob ihre blutenden Stücke schon zu Rissen geworden sind und bald einen silbernen und blassen Narbenschimmer erhalten, bis sie mit der Zeit durch den Schleier der Vergesslichkeit kaum noch spürbar sind. Ich kann es nicht rückgängig machen, aber ich kann sie dabei unterstützen, dass diese Narben fast taubwerden. Sie werden nicht zwischen uns stehen, darum werde ich mich kümmern. Diese Narben werde ich mit besonders viel Hingebung pflegen, wie eine zarte, verletzliche Blume, die den harten Winter mit letzter Willenskraft überstanden hat.

Ohne mich hätten diese Narben ihnen nicht geschadet.

Hätte ich ihnen nicht geschadet.

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Hello.
Das Update hat etwas länger auf sich warten lassen als gedacht, aber mein nerviger Perfektionismus ist gerade besonders hart mit mir. T.T' Daher entschuldige ich mich vorab, falls es schleppender herangeht als üblich. Eigentlich wollte ich bis August fertig sein, aber eher unwahrscheinlich. Meh. Vielleicht will mich Saejin einfach nicht loslassen. Mein Ziel sind noch 10 Kapitel und dann Schluss - aber ob es nicht weniger oder mehr werden, kann ich nicht einschätzen.

Außerdem habe ich ein neues Cover erstellt. 🥺

Ich wünsche euch allen noch eine gute, restliche Woche und genießt die warmen Sommertage.

Sternige Grüße
Sternendurst

PS: Das Lied dieses Kapitel habe ich ganz besonders ins Herz geschlossen. Es könnte aus Bajis Sicht geschrieben sein. ❤️‍🔥

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