our universe hates me a lot.
„Solltest du nicht im Krankenhaus sein?" Ein gelbes Augenpaar dringt sich innerhalb eines entsetzten Herzschlags durch meine Kraftlosigkeit. Als ich realisiere, wer da mit seinem Motorrad angehalten hat, ist mein Körper wie statisch aufgeladen. Ich weiche einen Schritt zurück, die Zähne in die Innenseite meiner Wange gebohrt. Er legt den Kopf etwas schräg, sein unheilvolles Glöckchen bohrt sich wie ein dicker Wurm durch meine Ohrmuscheln. Der hat mir jetzt noch gefehlt. Was soll das? Umso länger ich ein Mensch bin, desto mehr neigt sich das Universum gegen mich.
„Soll ich dich zurückbringen?", fragt er mich neugierig, das Gleiten seiner Augen über meine eigenartige Schicht von Kleidung entgeht mir nicht. Sein dummes, fettes Grinsen auf diese Albernheit bringt mich dazu, die Arme zu verschränken. Idiot. Arschloch. Perverser!
„Auf deine Hilfe kann ich verzichten!" Mein Blick verfinstert sich, ein Fauchen rutscht mir heraus. So viel zu: Ich bin wieder „normal". Die katzenhaften Instinkte treiben noch ihren Unsinn in meinem Blut.
„Ganz schön frech", schnalzt er mit der Zunge, als ich stur weiterlaufe. Eher flüchte. Vor ihm und das Unheil, das sich hinter seinen düsteren Seelenspiegel versteckt. Wenigstens hat er das Adrenalin in mir nochmal richtig angeheizt. Damit sollte ich es tatsächlich zu ihnen schaffen. Aber so leicht lässt er sich nicht abwimmeln. Der Trottel fährt in einem angemessenen Schritttempo mit seinem Motorrad neben mir her. „Sicher, dass du kein Taxi brauchst? Du siehst wirklich scheiße aus. Wie soll man das beschreiben? Eben wie eine verrückte Patientin, die aus dem Krankenhaus geflüchtet ist."
Ich schnaube genervt durch die Nase und fuchtel mit der Hand herum wie ein Versuch, ein lästiges Insekt weg zu wedeln. „Geh weg, du Perverser! Ich brauche keinen Retter in der Not."
„Perverser?", wiederholt er und sein schäbiges Grinsen geht mir eiskalt bis unter die Haut. „Glaub mir, Kleine, du bist so gar nicht mein Typ. Außerdem ist dir die Jacke echt zu groß, du siehst eher wie eine wandelnde Leiche in einem Latex-Sack aus, die man vergessen hat, ins Meer zu werfen."
Das geht mir zu weit. Zornig drehe ich mich zu ihm herüber. „Wer bist du? Die Modepolizei?", keife ich mit einem Knurren in der Kehle, das ich widerstrebend hinunterschlucke. Aufhören, Saejin! Du bist keine Katze. Nicht mehr. Menschen knurren nicht!
Er will etwas erwidern – als sein Handy klingelt. Gott sei Dank, ich bin so durcheinander und von Adrenalin gefangen, dass ich ihn noch an die Gurgel springen würde, damit er den Mund hält. Ich beobachte ihn mit drohendem Blick, während er mit rollenden Augen abnimmt und eine ungerührte Grimasse zieht.
„Ja, ich hab' die Verrückte gefunden", antwortet er, und sein Ton verändert sich auf einmal. Er hört sich so ausgeglichen an trotz des gereizten Untertons. „Nein, sie will nicht mit mir mit. Sie zieht es lieber vor, mich zu beleidigen. Wie hältst du es nur mit ihr aus?" Er schenkt mir ein verstohlenes Lächeln, worauf ich nur empört die Lippen öffne. So ein Idiot. Mein Herz weiß ohne es hören zu müssen, wer genau an der anderen Leitung ist. Als hätte man ein Rennpferd auf die Zielgerade losgelassen, fängt es unaufhaltsam zu rasen an. Wie davon angezogen sind meine Finger um den Schlüsselanhänger, der so heiß ist, dass ich mich tatsächlich daran verbrenne. Habe ich so stark Fieber oder hat das einen anderen Grund? Darüber kann ich noch später grübeln, der Junge vor mir weitet die flackernden Wolfsaugen und gibt ein nicht zu überhörendes Zischen von sich.
„Ich soll was?", fragt er so, als würde er es nicht glauben, dann verzieht er säuerlich das Gesicht. „Wäre sie netter zu mir, würde ich das vielleicht tun, aber so..." Pause, indem ich glaube, Keisukes donnernde Stimme zuhören. Kazutora wird mit jedem weiteren Donnern blasser um die Nase. „Okay, okay! Ich tue es, Baji-san. Ich begleite sie zu ihren Eltern." Resignierend seufzt er. „Beruhig dich, mann. Ich pass schon auf dein Mädchen auf." Er steckt sein Handy zurück und schüttelt fassungslos seine wilde Mähne.
Wer hat ihm eigentlich die blonden Strähnen gebleicht? Der Gelbstich ist fürchterlich. Oh verdammt, jetzt werde ich noch zur Modepolizei von uns zwei!
„Ich habe schlechte Nachrichten für dich." Er kneift die Augen zusammen wie ein Versuch, um seinen Missmut wegzudrängen – doch, als sich seine Gesichtsmuskeln einigermaßen entspannen, kann ich ihm unbemüht ablesen, wie begeistert er davon ist. Ebenso wenig wie ich. „Du wirst mich leider nicht mehr losbekommen. Wenn ich dich nicht begleite, wird mich du-weißt-schon-wer köpfen." Das würde er, da sind wir uns beide ohne gegenseitige Zustimmung einig.
Vielleicht wäre es sinnvoller, wenn ich jemand bei mir hätte, in dem Fall, ich sollte doch ohnmächtig werden. Ob mich jetzt Kazutora oder irgendein anderer Perverser findet, macht auch keinen allzu großen Unterschied mehr. Bei ihm gibt es dennoch die geringe Chance, dass er vernünftig reagieren und mich ins Krankenhaus bringen würde. Bei einem richtigen Perversling nicht. Tatsächlich gebe ich nur wegen einer Person nach und richte mich zurück an meinen Verstand: Keisuke. Inzwischen hat er mitbekommen, wo ich bin und wo nicht. Früher als ich mir erhofft habe.
Vor meinen inneren Augen taucht ein scheußliches Bild auf. Keisuke in meinem Krankenbett, allein und zurückgelassen. Von mir. Er hätte eine Notiz verdient. Irgendwas, das ihm die Sicherheit gegeben hätte, ich würde zurückkehren. Aber was habe ich getan? Ihm einen eisigen Dolch hineingerammt. Mitten durch sein Herz. Nun wiederholt sich lediglich sein schlimmster Albtraum. Mein Magen verknotet sich bei der Feststellung, dass ich es geschafft habe. Erneut. Ich bin ein undankbarer Strich auf seiner Rettungsliste.
„Er wird auch meinem Kopf zum Rollen bringen." Mit einem niedergeschlagenen Seufzer lasse ich die Schulter hängen. Das Kratzen in meinem Hals kommt zurück, juckender und brennender als anfangs. Als würde jemand ununterbrochen über gereizte Haut streichen. „Hast du was zu trinken?", krächze ich deshalb, aber ich hege keine Hoffnung darin, dass er wirklich etwas bei seinem Motorrad aufbewahrt. Oder mir noch etwas nach unserem Wortgefecht anbietet.
Er schaut mich so entsetzt an, als hätte ich ihn nach einem Messer gefragt – und kein Getränk. „Äh...", stammelt er und wendet sich hastig zu seinem Motorrad. Jetzt überrascht er mich doch: ein Rucksack liegt um seinen Lenker. „Lass mich mal schauen", fängt er darin zu kramen an. „Darfst du Zucker haben?"
Was soll denn die Frage? „Wie bitte?"
„Na ja, verbieten es dir deine Eltern?", hakt er genauer nach, bevor er den löchrigen Rucksack – der seine besten Tage schon hinter sich hat - schließt und sich zurück an mich wendet. In seiner Hand hält er eine Dr. Pepper-Dose. Sein verräterisches Grinsen blende ich aus, um mich auf keine neue Diskussion einzulassen. Dafür habe ich nicht Energie.
„Nein, das haben sie nicht", antworte ich ihm und verziehe die Lippen zu einem Strich, der gut zu meiner Gefühlslage passt. „Gegen Zucker hatten sie nichts auszusetzen."
Nun bietet er mir die Dose an. Von dem Bedürfnis getrieben dieses Kratzen loszuwerden, greife ich sofort danach – aber, er weicht rechtzeitig zurück. Will der wirklich die Katze in mir hervorlocken? „Was dann?", fragt er gespannt und seine Wolfsaugen flackern bei meiner entrüstenden Mimik. Er mag wohl diese Art von Spielchen, wo er etwas besitzt, was sein Gegenüber unbedingt will. Doch dafür verlangt er etwas. Etwas wie persönliche Informationen, woraus er seinen eigenen Nutzen ziehen kann. Was nicht auf meine Antwort zu trifft.
„Böse Jungs", lautet sie. Was soll er schon damit anfangen können?
Er stutzt irritiert und denkt so intensiv darüber nach, dass ich meinen ganzen Mut zusammenkratzen kann, um die Dose zu nehmen. Ich will sie ihm entziehen, da verstärkt er reflexartig seinen Griff um sie. Vor Entsetzen atme ich kurz nicht, aber das ist okay – weil ich bin es nicht. „Böse Jungs sagst du?" Er kommt grinsend einen Schritt näher und beugt sich zu mir heran. Bei der Verachtung in seinen Worten muss ich mich versteifen. Alles an ihm schreit nach Bedrohung. „Dann hast du dich in den falschen verliebt, Kleines."
Sein warmer Atem fühlt sich wie ein Stromschlag auf der Ohrspitze an, anstachelnd und bis durch das Mark vordringend. Jetzt bin ich wach. Auf jeden Fall. Härchen stellen sich an meinem Nacken auf, ein kalter und heftiger Schauer packt mich und möchte mich zum Schlottern bringen, wäre da nicht noch dieses gewaltige Gefühl in meiner Magengrube. Wie eine Sturmflut.
Sie hält ihn davon ab zu mir durchzudringen.
Ich hebe unerschrocken das Kinn an und widme ihm einen Blick meiner reuelosen Ernsthaftigkeit. „Er ist nicht böse. Niemals. Keisuke gehört zu den Guten, Kazutora-kun." Daran glaube ich nicht einfach, ich weiß es.
Er runzelt die Stirn, seine Finger geben so nach, dass ich mit der Dose in der Hand eine bestimmte Distanz zwischen uns erschaffen kann. Eine, die einem Schutz dient, weil ich dieses starke Verlangen bezwängen muss, ihn zu krallen. Das ist nicht meine Art. Auch wenn ich ihm gerade mit allem möglichen Flüche belege, kann ich das nicht. Ich kann meine Gutherzigkeit nicht so leicht ablegen und wie eine Katze handeln. Das geht nicht, das würde mir das Stigma einer verrückten Komapatientin auf die Stirn schreiben.
„Woher kennst du meinen Namen?", kommt es beunruhigt von ihm. Seine glühenden Wolfsaugen bohren sich in mich, erkunden jede bedenkliche Ecke meines Labyrinths, das ich vor Feinden nicht genügend gesichert habe. Aber mit einem Jungen im Wolfspelz rechnet man nicht, wenn man aus dem Krankenhaus abhaut.
Scheiße. Habe ich mich eben verraten? Unruhig kehre ich ihm den Rücken und will die Dose öffnen – als ich feststelle, dass meine kaputte Hand nicht dazu in der Lage ist. Sie zittert unkontrolliert, ist nicht fühlbar. Ich bohre die Zähne in meine Unterlippe, als etwas Dunkles in mir hochbrodelt, das ich nicht kontrollieren kann. „Ich...", stottere ich und versuche, das stagnierende Kratzen mit meinem eigenen Speichel zu besänftigen, „ich habe schon einmal ein Bild von dir gesehen. Bei Keisuke." Trotzdem will ich meine starke Maskerade nicht so schnell auflösen, will noch eine Weile in dieser Vorstellung hausen, wo ich glaube, dass es noch Hoffnung gibt. Für meine Träume.
„Ich bin mir sicher, dass ich mich in den letzten Jahren verändert habe", sagt er und ich will schon eine weitere Lüge über die Zunge rollen lassen, als er leise lachen muss und mit dem Finger auf sein Tattoo am Hals zeigt. „Aber das verrät mich wohl immer."
Puh, danke Universum. Ich schließe die Augen, denn mein Hals hat einen zweiten, brennenden Partner bekommen. Dieser wird aber sichtbar, wenn ich ihn nicht mit aller Kraft zurückdränge. „Ich gehe jetzt weiter", gebe ich kleinlaut bekannt und marschiere ohne Antwort weiter. Brauche auch keine von ihm. Ich versuche mich von dem Dunklen zu distanzieren, aber leider scheitere ich daran. Noch glaube ich daran, sobald ich weiß, wie es meinen Eltern geht, es besiegen zu können. Noch.
Kazutora folgt mir mit einem unverständlichen Grummeln und einem Ausdruck in den Wolfsaugen, in dem er all seinen Trotz steckt. Er spielt sich so auf, als wäre er derjenige von uns beiden mit der Tragödie. Der Leidtragende an diesem Abend. Dabei muss er mich nur zu meinem Elternhaus eskortieren und kann sich zurück an seinen Alltag wenden, ich muss mit der kaputten Hand ein Leben lang auskommen. Momentan kommt mir das fernab als alles andere von der Realität vor.
„Wolltest du nicht etwas trinken?" Er deutet auf die Dr. Pepper und sieht mich so konfus wie jemand an, indem er sich einfach nicht hineinversetzen kann. Gut so.
Womöglich mache ich einen Schritt in die richtige Richtung, wenn ich anfange, sie nicht zu verstecken. Also hebe ich sie und präsentiere sie ihm. „Geht nicht", quetsche ich zwischen Schmerz und Benommenheit durch. Ich kann kaum noch sprechen, so stark ist das Brennen mittlerweile geworden ist.
Das Flackern seiner Wolfsaugen ist unermüdlich. Sein Blick ist so ernst, so dunkel, doch nicht unangenehm. Eher zurückhaltend. Als hätte er realisiert, dass ich kaputt bin. Auf zwei verschieden quälenden Arten. Er schluckt und ringt mit Worten. Was für welche? Ein armseliges und mitleidvolles „Es tut mir leid" oder ein falsches „Das wird schon", weil es nicht stimmt? Das wird nicht besser, das wird so bleiben. „Krasser Scheiß", bricht es aus ihm heraus und er fährt sich mit einer Hand über den Nacken, „äh... soll ich sie für dich aufmachen?"
„Nein", erwidere ich schroff und starre mit stechenden Lidern zu Boden. Damit er mir sie nicht nochmal wegreißen kann, presse ich mir die Dose gegen die pochende Brust. „Ich brauche keine Hilfe", betone ich schwer atmend. Für mich als Denkanstoß, nicht nachzugeben.
„Wann hast du das letzte Mal getrunken?"
Ich denke nach, die Antwort schockiert nicht nur ihn. Mir wird bestialisch schlecht. „Keine Ahnung. Vor dem Unfall?"
Er pfeift schrill. „Klingt nach einem schlechten Selbstmordversuch."
Um seinem dringenden Blick auszuweichen, schaue ich hartnäckig auf den Weg vor uns und beschleunige mein Tempo. Als könnte ich so vor allem fliehen. Für einen kurzen Moment keimt der Wunsch in mir auf, wieder eine Katze zu sein. Da sind die Stolpersteine noch im Rahmen gewesen. Aber dieser verpufft schnell wieder, wenn ich mir zurückrufe, was mir mit den vier Pfoten alles verwehrt blieb. Keisuke hätte mir niemals sein Herz anvertraut. Nicht auf diese romantische und innige Weise.
„Ich will mich nicht umbringen", erwähne ich noch. Nachher berichtet er Keisuke von dem Gespräch und nistet ihm besorgniserregende Dinge in den Kopf ein, die ich nicht so gemeint habe. Er hat ohnehin schon genug Chaos in sein Leben gebracht.
Der Gedanke, dass der Verantwortliche für Keisukes größten Fehler neben mir spaziert wie ein enger Freund, durchzuckt mich wie eine Axt, die mich augenblicklich in einen Zwiespalt treibt. Fest beiße ich die Zähne zusammen und widerstehe dem Drang, ihn die Gewalt meiner Verzweiflung und Dunkelheit aufzudrängen. Gleichzeitig bin ich auch froh, dass er verstanden hat, wann er die Grenze bei mir erreicht hat.
Wäre er so herzlos, hätte er nicht angehalten und würde mir nicht anbieten, die Dose zu öffnen, die im übertragenden Sinne ihm gehört hat. Was verbirgt er hinter seinen züngelnden Wolfsaugen? Was hat der Vorfall aus ihm gemacht? Und: wieso ist er um die späte Uhrzeit noch unterwegs?
Er bemerkt mein nachdenkliches Starren und neigt die Brauen hoch. „Soll ich sie dir doch aufmachen?" Das sagt er ohne ein verstohlenes Grinsen, fast schon zu höflich.
„Ähm..." Was treibt ihn dazu an, einen anderen zu töten? Aus freiem Willen? Nicht nur irgendwer, sondern Mikey. Das muss die Lösung sein. Wenn er Mikey nicht mehr umbringen möchte, dann muss Keisuke ihn vor diesem Fehler nicht länger beschützen. Er muss Toman nicht verraten. „Ja, bitte", antworte ich schließlich und reiche ihm die Dose, aber diese eine Bitte hat alles entschieden. Ich werde Kazutoras Dunkelheit aufhalten, sich weiter auszudehnen. Über sich, über Keisuke, über ihre Freundschaft. Wenn es sein muss, werde ich dafür den Mond drehen – sodass sein verborgenes Licht auch ihn erreichen wird.
Mit einem „Klack" öffnet er den Verschluss der Dr. Pepper und gibt sie mir zurück. „Du kannst ja doch nett sein, hm?"
„Gewöhn' dich lieber nicht daran", warne ich ihn mit dem Ansatz eines Grinsens, „ich bin so bissig wie eine Katze. Ich schnappe dann zu, wenn du es am wenigstens erwartest."
Sein Blick kann ich nicht lesen. Was er von mir denkt oder über meinen schwachen Versuch, die Anspannung zwischen uns zu aufzuwinden, bleibt mir versperrt. Ich weiß nicht, was für einen Kampf er innerlich ausfechtet, aber er ist noch lange nicht so geübt darin wie Keisuke, ihn anständig zu verstecken. Seine Augen verlieren an gefährlichem Glühen, nur für eine Sekunde glaube ich etwas Gebrochenes darin zu erkennen, dann fährt er sich durch die Haare und lacht. Doch anstelle es seine Züge zu erleuchten, verdunkelt es sie – wie ein Schutzmechanismus.
„Du hast keine Ahnung, wozu ich fähig bin", meint er plötzlich, seine Stimme sackt in den Keller von geschundenen Seelen.
Das weiß ich sehr wohl, denke ich, aber was ich wirklich sage, trifft ihn auf eine Ebene, die ihn für einen Moment schockiert. „Den Bösen zu spielen kann einem mehr schaden als alle anderen."
Als er mich jetzt anschaut, ist sein Blick zwar dunkler, aber auch offen. Ein Schwarm von Gedanken wird sichtbar, der hinter seinem Flackern schwirrt. Ich kann nicht erkennen, was sich hinter ihnen versteckt, aber dafür erkenne ich, was sie mit ihm machen. Nicht er selbst reißt sich von der Welt, die Welt drängt ihn von sich wie etwas, das nicht in ihr System hineinpasst. Der wahre Feind, den er auslöschen muss, ist das Monster hinter seinen Wolfsaugen.
Es vergehen einige Minuten, in denen wir uns anschweigen. Die Dr. Pepper habe ich in einen Zug hinuntergekippt. Es tritt keine Besserung ein, es kommt schlimmer. Die Kohlensäure hat die letzten, gesunden Fetzen meines Halses verätzt.
Als ich zu husten anfange, murmelt er „Trink' nicht so hastig!", doch kurz darauf schnürt mir etwas die Kehle zu. Ich ringe panisch nach Luft, das Brennen wandert zu meinen Fußgelenken und zündet sie förmlich an. Plötzlich habe ich kein Gefühl in den Beinen mehr und meine Knie knicken ein wie eine Stilkerze, die in zwei bricht. Meine Finger lassen die Dose sofort los, um mich auffangen zu können – als sich innerhalb eines stockenden Herzbebens eine Hand um meinen Oberarm schlingt.
„Bist du immer so unvorsichtig?", schnauzt mich Kazutora an und presst die Zähne zusammen, weil dieser ungeahnte Kraftakt ihn herausfordert. Schließlich balanciere ich wie eine Latex-Ballerina auf den tauben Zehen und schwanke leicht hin und her, da ich selbst keinen Zugang zu meinem Gleichgewicht finden kann. Wenn unter mir dieses Ozeans meines aufgewühlten Selbst toben würde, würde er mich loslassen?
Was ich sehr gut kann, ist ihn mit großen Augen anzustarren. Nein, da ist etwas in seinen Wolfsaugen, das ihn davon abhalten würde. Etwas Gutes. „Ich... Ich spüre meine Beine nicht mehr."
„Fuck." Als könnte er meinen erschütternden Ausdruck nicht standhalten, schaut er sich hilfesuchend um. „Wie kann man auch so dumm sein und aus dem Krankenhaus fliehen? Einen Tag, nachdem man aufgewacht bin?"
Jetzt attackiert das Brennen meine Brust. Es bringt nichts dagegen anzukämpfen. Die bittere Erkenntnis, dass ich aktuell ohne Hilfe zu nichts zu gebrauchen bin, schlägt ihre Wurzeln in mich. Sie graben sich schmerzhaft in mich und verhaken sich ineinander, was es unmöglich macht, sie ohne einen weiteren, noch viel schrecklicheren Schmerz rauszureißen.
„Ich wollte nur sichergehen, dass es meinen Eltern gutgeht", flüstere ich und gebe endlich nach, um ihm die Entscheidung darüber zu nehmen, mich loszulassen oder bis an seine Grenze zu gehen, um mich zu halten. Das verlange ich nicht von ihm. Von keinem. Nicht mehr. Niemand sollte sich an etwas festklammern, das am Ende nur Schmerz, Trauer und Dunkelheit birgt. Das ist es einfach nicht wert.
„Warum?", hakt er nach. Als ich ihm nach wenigen Sekunden nicht antworte, erhebt er die Stimme und seine Finger verkrampfen sich um meinen Oberarm. Sein Griff wird so fest, dass es wehtun sollte – aber der Schmerz in meiner Brust überragt ihm. „Hey, rede mit mir? Hallo? Saejin? Das ist doch dein Name, oder? Sae-jin?"
Wieder schweige ich, woran ich mit jedem weiteren Versuch besserwerde, und lege den Kopf so in den Nacken, um in den Himmel zu sehen. Er ist leer, von dichten Wolken bedeckt. Wie mein Inneres. Das Universum hasst mich, bestraft mich – dafür, dass ich in dem falschen Körper. Ich blinzle überrascht, als mich etwas Feuchtes auf die Wange trifft. Tränen? Regen?
„Kazutora-kun", beginne ich leise zu sprechen, weil ich habe zu sehr Angst vor dem Brennen in meinem Hals, „kennst du das, wenn du nicht mehr zwischen Tränen und Regen unterscheiden kannst, weil du dich innerlich so leer fühlst?"
„Was?" Als hätte ich ihm eine Ohrfeige verpasst, reißt er langsam die Wolfsaugen auf und leert seine Kehle mit einem kräftigen Schlucken. „Deinen Eltern geht es gut", sagt er völlig aus dem Kontext heraus, und dieses rasche Thema wechselt bereitet mir Kopfschmerzen. Aber er hat diese Worte so überzeugt ausgesprochen, als hätte er sie vor mir schon gesehen. Lebendig, in Fleisch und Blute. Nur mit seelischen Wunden.
Jegliche Farbe weicht aus seinem Gesicht, als sich unsere Blicke treffen.
„Woher weißt du das?", frage ich ihn und die Leere in meiner Stimme trifft ihn wie ein weiterer Schlag in den Bauch. Er geht einen Schritt zurück, aber macht sogleich wieder einen vor, als er sich zurückruft, dass er alleinig darüber entscheidet, ob ich falle – oder am schmalen Faden meiner Hilflosigkeit hängen bleibe.
„Weil..." Er kann nicht zu Ende sprechen. Das Jaulen eines weiteren Motors wird so stark und einnehmend, dass es in den Ohren schrillt. Überrascht nimmt er den anderen Fahrer in den Augenschein und atmet vor Erleichterung auf. Ein schwerer Stein löst sich von seinem Brustkorb, das merkt man an der Klarheit in seiner Stimme. Er hört sich nicht mehr so rau an. „Endlich, mann", setzt er an, „die Situation hat sich innerhalb einer Sekunde verändert. Mir geht der Arsch schon richtig auf Glatteis."
Wieder ist da diese Unbeschwertheit in seinen Worten, als würde er bei der Anwesenheit dieser einen Personen allen möglichen Ballast verabschieden können; als würde bei ihm das Monster seiner dunklen Gedanken vor Ehrfurcht an Stimme und Einfluss verlieren.
„Was ist los?" Er klingt ruhiger als er sein sollte.
„Sie spürt ihre Beine nicht mehr. Ich glaube..."
„Du kannst sie gleich loslassen", unterbricht er ihn.
Ich will nicht zu ihm sehen. Will nicht in seinen Kupferfunken sehen und die schrecklichen Ausmaße meiner Flucht erblicken. Also presse ich die Augen zusammen, als sich ein Schatten um mich herumbewegt und hinter mit anhält.
„Keine Angst, ich bin vorsichtig."
Im nächsten aufgeregten Herztrommeln schiebt sich etwas achtsam unter meine Kniekehlen und meinen Rücken, dann werde ich von einem anderen Gewicht angehoben. So reibungslos, als würde mich die Anziehungskraft der Erde endgültig verabschieden – weil da ist noch die magnetische Bindung zwischen Süd- und Nordpol, die sie in dem Moment übertrifft, als sie aufeinanderstoßen.
„Du solltest mehr essen, Saejin." Wieso gibt mir sein warmer, samtiger Ton den Anschein, dass er gerade grinst? So wie ich es lieben gelernt habe? „Du wiegst kaum noch etwas."
Verwundert schlage ich die Augen und sehe mich nach ihm um. Ich werde nicht enttäuscht. Da hält er mich in seinen Armen wie ein fallender Stern, den er so daran hindert, in Dunkelheit zu tauchen; ein unwiderstehliches Grinsen auf seinen Lippen. Seine Kupferfunken fangen mich so auf, dass ihr Feuer sich bis in mein Innerstes durchbrennt. Ein einziger Blick von ihm reicht, um mich alles vergessen zulassen. Bloß ihn nicht. Niemals ihn.
Leicht neigt er den Kopf zur Seite, meine Sprachlosigkeit bricht seine Glut, dass sie in unzählige Funken aufgeht. Sie erwecken das kitzelnde Bedürfnis in mir, sie alle aufzufangen – wie die fliegenden Blütensamen einer Pusteblume. Aber im selben Moment sind es sie, die durch mich wirbeln und mein Zerfallenes aufrichten. In mir keimt etwas auf. Etwas, das sich wie eine tief verwurzelte Seelenverbundenheit anfühlt, die ich nur mit ihm empfinde.
„Wie wär's mit Yakisoba? Nur wir zwei?"
Kazutora stößt einen lauten Seufzer aus. „Echt jetzt? Du denkst ans Essen, mann?"
Wir beide blenden ihn aus. Er versteht sie nicht, die Sprache unserer Herzen.
Aber ich tue es problemlos. „Liebend gern."
„Gut." Er lüftet mich höher, sein Griff verstärkt sich um mich – doch sein Blick wird schlagartig unleserlich für mich. Seine feste Art, wie er mich hält, gibt mir zu verstehen, was für diesen Umschwung verantwortlich ist. Das schwache Beben, die Verkrampfung seiner Muskeln: es ist die Angst, nochmal aufwachen zu müssen ohne zu wissen, wo ich bin und wie es mir geht. Als würde er davon sein eigenes Wohlbefinden abhängig machen. Er lehnt sich vor, seine Stirn berührt meine. Er spricht auf mich ein, sanft und mit dem richtigen Maß an Ernsthaftigkeit. „Dann weck' mich bitte das nächste Mal. Das stört mich nicht, Saejin, nicht, wenn ich dir so helfen kann. Selbst wenn du mitten in der Nacht einer der schlimmsten Gedanken erlebt, kannst du zu mir kommen und ihn mit mir mitteilen. Ich werde dir zuhören, mit dir eine Lösung finden – gemeinsam. Verstehst du?"
Ich verstehe. Und wie.
Was er jetzt am wenigsten hören möchte, ist eine Entschuldigung. Keisuke mag keine Entschuldigung, für ihn haben sie keine große Bedeutung, außer sie kommen von ihm selbst. Aber das Eingeständnis seines Fehlers und der spätere Beweis dafür, dass man aus seinem Fehler gelernt, das zählt wirklich für ihn. Damit kann man ihm nichts vormachen.
Bevor ich die Worte an ihn richte, die er von mir hören will, nehme ich meine Hand und lege sie ihn an die Wange. „Ich wurde von Angst gelenkt, Keisuke."
Aber die tatsächliche und größere Angst, ihn mit dieser unüberlegten Aktion verloren zu haben, schwindet mit einem Mal. Vielmehr gibt er mir die Sicherheit, dass er da ist und sich um mein Wohl befinden so sorgt, dass sein eigenes in den Schatten gerät. Das sollte mich beunruhigen, aber es trifft das Gegenteil ein. Denn ich nehme dasselbe für ihn auf mich.
„Ich weiß." Seine Mundwinkel zucken, wie die Unterdrückung eines Schauers bei meiner zuneigungsvollen Berührung. Er ist so unglaublich hinreißend, liebenswürdig. Schmerz kann er perfekt für das Augenmerk anderer unsichtbar werden lassen, aber seine Verlegenheit ist selbst für das weite Unbekannte im Weltall sichtlich. Er räuspert sich und scheint offenbar mit was zu ringen, das ich in ihm ausgelöst habe. Doch nicht so der harte Draufgänger, hm? „Du bist über einen Monat im Koma gelegen. So was kannst du nicht wie ein blaues Auge wegdrücken, Saejin. Das wird dauern. Aber ich bin für dich da, um dir zu deiner alten Stärke zu verhelfen."
„Das ist das schönste, das ich bis jetzt gehört habe." Seine Worte rühren mich zu Tränen und berühren etwas in mir, das schmerzhaft aufsplittert. Eine Träne nach der anderen perlt ab, ohne, dass ich es verhindern kann. Meine Finger zittern auf seiner Haut, meine Unterlippe gibt bei dem Druck meiner Zähne nach. Vor wenigen Sekunden habe ich mich noch elendig, verloren und verraten von diesem Universum gefühlt – bis er aufgetaucht ist. Mit ihm glaube ich unberechenbar zu sein. Wie sein Feuerherz. Es ist erstaunlich, wie ein einziger Mensch einem so viel Kraft zurückgeben kann, wenn das eigene Herz einem zerbombten Schlachtfeld gleicht. Aber das muss sie einfach sein. Die wahre Magie, die in uns allen schlummert. Die Magie, einen anderen aus seiner Dunkelheit herauszuholen.
„Hast du Schmerzen?", fragt er mich besorgt und lehnt sich so zurück, um mich mit seinen Kupferfunken zu untersuchen.
Schniefend drücke ich mein verheultes Gesicht gegen seine Brust. Es kommt mir alles wie ein Traum vor, aus dem ich nicht erwachen möchte. „Bei dir gibt es keinen Schmerz, Keisuke", offenbare ich ihm, denn er sollte das endlich erfahren, was er mir bedeutet und dass seine Bedeutung keine Grenzen kennt. Jeden Moment mit ihm macht sie stärker, massiver. Ein „Vorbei" gibt es nicht, ein „Vorbei" soll es auch nicht geben. Es gibt nur ein „Immer".
Ich rede mit leichtem Herzen weiter: „Bei dir bin ich zuhause. Das hast du die letzten Wochen doch etwa nicht vergessen, oder?" Es fühlt sich richtig an, als wäre es der Augenblick gewesen, auf den ich die letzten Wochen so lange hin gefiebert habe.
„Oh, mhm", grummelt er befangen, „nein, natürlich nicht. Daran kann ich mich erinnern."
Ich kann mein Kichern nicht unterdrücken. „Irgendwie glaube ich dir das nicht."
„Seid ihr jetzt fertig?" Mit diesen Worten zerstört Kazutora diesen magischen Schleier um uns herum. Die letzten Funken zwischen uns schwirren fort, während wir beide im gleichen Augenblick zu ihm sehen. Von Keisukes bösem Blick eingeschüchtert, steckt er die Hände in die Hosentasche und gibt ein Zischen von sich. „Gehen wir nun zu ihren Eltern? Oder willst du sie bis in das Krankenhaus zurücktragen, Baji-san?"
Der Angesprochene bewegt sich vorwärts. Obwohl sein Halt um mich so fest ist, fühlt es sich so an, als würde ich in seinen Armen auf Wolken schweben. „Ihr Elternhaus ist gleich um die Ecke."
Wirklich? Habe ich es so weit geschafft?
„Ich bleibe bei unseren Motorrädern", rutscht es aus Kazutora.
Meine Stirn legt sich in Falten. Woher dieser Sinneswandel kommt?
„Sicher?" Er bleibt stehen, um seinen Freund einen unglaubwürdigen Blick zuzuwerfen. Hat er vorher nicht noch von „Wir" besprochen? Wieso ändert er immer so... impulsartig seine Meinung? „Dann bedanke ich mich jetzt dafür, dass du auf sie aufgepasst hast, Kazutora." Kein Grinsen, aber die Dankbarkeit in seinen Worten ist nicht gespielt.
Der Wolfsjunge, so nenne ich ihn ab sofort, lächelt breit. Eine Bewegung in meinem Augenwinkel bringt mich dazu, zu seinen Hosentaschen zu sehen, so bekomme ich letztlich mit, wie sich seine versteckten Hände unter ihnen zu Fäusten ballen. Warum? Was bringt ihn plötzlich in Aufruhr? „Kein Problem, mann. Es war unterhaltsam, nicht wahr, Saejin?" Jetzt starrt er mich direkt an, als hätte er bemerkt, was mir aufgefallen ist. Meine Wachsamkeit gefällt ihm nicht, das gibt er mir mit diesen einen schattigen Blick zu verstehen.
Ich quetsche nur ein „Danke für die Dr. Pepper" raus. Dieser Typ ist mir echt ein Rätsel.
Die zwei Jungs nicken sich zum Abschied zu – ehe mich Keisuke mit sich trägt, eine andere Option steht mir auch gar nicht offen. Kazutora bleibt zurück. Sofort kommt die Flut von Gedanken zurück. Wieso kommt er nicht mit? Was hindert ihn daran? Überhaupt: wieso gebe ich ihm so viel Platz in meinem Kopf, wenn er dabei ist, mir mein größtes Glück zu ruinieren?
„Er kommt schon klar, Saejin", reagiert er auf meine Verwirrung, die er mir anmerken muss. Ihn beschäftigt jedoch ein anderes Thema, welches er langsam anspricht, weil er sich wohl nicht so sicher ist, was er damit verursacht. „Wieso willst du unbedingt zu deinen Eltern?"
„Ich mache mir Sorgen um sie", antworte ich schnell und wende den Blick zu den Häusern vor uns. Das richtige müsste bald dabei sein, einige der Gärten kommen mir bekannt vor. In den vergangenen Minuten bin ich so schrecklich von Panik heimgesucht worden, dass ich glaube, allmählich das Gefühl zur Realität zu verlieren. Oder wieso ist mein Puls ruhiger geworden?
„Warum?" Anscheinend habe ich mich meine Angst nicht zurückhalten. Nicht genug für seine Menschenkenntnisse. Ich spüre seine Kupferfunken auf mir liegen, eine Eindringlichkeit darin flunkern, die sich schon so durch mich bohrt.
Wie ein Schutz davor lege ich mir die Hand auf den Nasenrücken, um meine Augen zu überdecken. „Ich bin über einen Monat im Koma gelegen und sie kommen mich nicht sofort besuchen? So kenne ich sie nicht, schließlich... bin ich doch ihre Tochter?"
Auf einmal bleibt er stehen. „Sie haben mich darum gebeten", seufzt er aus wie das schwerste Gewicht auf seinem Herzen. Mein eigenes funktioniert nicht mehr richtig, es hat so einen lahmenden Schlag, als würde es sich dem Rhythmus meiner Atemzüge anpassen.
„Was?" Nun muss ich zu ihm hochsehen. „Sie haben dich... darum gebeten? Um was genau?"
Er sieht mich an, aber seinen Blick kann ich nicht deuten. Weil ich ihn noch nie auf diese Weise gesehen habe, voller Reue und Bürde. „Auf dich aufzupassen", gesteht er mir mit bitterem Ton. Sein Griff schwächt ab, aber ich lege intuitiv meine Hand zurück an seine Wange und stutze seinen hängenden Kopf hoch.
„Seit wann hörst du auf sie?", flüstere ich. Ich sehe ihn an, so tief wie er es mir gewährt.
„Überhaupt nicht", schnaubt er und seine spitzen Eckzähne finden ihren gewohnten Weg in seine Unterlippe. Lügner. „Es ist schwer das zu erklären. Die Wochen ohne dich... Sie haben uns alle geändert. Praktisch die Augen geöffnet. Deine Eltern sind wohlauf, aber sie schämen sich auch. Für das, was sie dir die vergangenen Jahre angetan haben."
Das hätte ich mir denken können – aber das passt nicht zu dem blutigen Rot auf unserem Familienfoto. Zu der Todesblume an der Fensterscheibe. Habe ich womöglich halluziniert? Sind das bloß weitere Nebenwirkungen meines Komas-Daseins gewesen? Ich komme mir wie der größte Volldepp auf Erden vor, Wärme sammelt sich in meinen Wangen so an, bis sie regelrecht zu glühen beginnen.
„Hey..." Er holt mich ins Hier und Jetzt zurück, als seine Nasenspitze mit einem Hauch von Aufforderung meine liebkost. „Wenn du sie aber sehen willst, dann werde ich dir diesen Wunsch erfüllen. Ich denke, das wird auch sie freuen."
Sein unschlagbares Grinsen und sein flammendes Seelenfeuer so nah zu haben, schaltet meine Gedankenwellen ganz einfach aus. Mein Puls rast wieder, aus einem völlig anderen Grund als vorhin. Eine Hitze fließt durch meine Adern und schießt durch meinen Körper.
„Wer bist du und was hast du mit dem Helden meines Herzens angestellt?" Meine Stimme ist rau, ein zaghaftes Flüstern.
„Tsk." Ein rötlicher Schimmer legt sich über seine Wangen. „Wie kommst du darauf?"
„Du gehst freiwillig zu meinen Eltern."
„Ach, und du nicht?" Er will sich schon von mir lösen, zu schnell für mein bettelndes Herz, dass ich ihn mit der Hand an der Wange zurückhalte. Einige seiner fallenden Strähnen hinter sein Ohr streiche, damit sie mich nicht weiter kitzeln können. Dieser Akt lähmt ihn auf der Stelle.
„Vielleicht hat die lange Dunkelheit auch mir die Augen geöffnet." Dann lächle ich ihn glücklich an, meine Finger spazieren achtsam über sein Gesicht und stoppen bei der Narbe oberhalb seiner rechten Braue. Soll ich es ihm wirklich sagen? Soll ich diese Barrikade zwischen uns endgültig zerschlagen? Ich lausche meinem Herzen, sogleich bestärkt es mich in meiner Entscheidung. Also ziehe ich es durch.
„Und jetzt sehe ich noch klarer als zuvor."
„Was siehst du nun?" Seine Stimme hört sich so rauchig an wie an jenem bedeutsamen Abend im Winter.
Ich verziehe meine Mimik nicht, als ich genügend Mut gefasst habe, um es ihm endlich zu gestehen. Nach allem, was er die letzten Monate meinetwegen durchlitten und für mich auf sich genommen hat, sollte er es erfahren und sich so einer seiner größten Zweifel dadurch auflösen. „Meine Gegenwart, meine Vergangenheit und meine Zukunft. All das sehe ich, wenn ich in deine Augen blicke und von dem ungebändigten Feuer in dir mitgerissen werde, Keisuke. Ich will kein gutes Leben, ich will nur meines mit dir teilen. Egal, wie es sein wird, mit dir wird es zweifellos ein lebenlanges Abenteuer sein."
Meine Brust fühlt sich viel zu eng für mein Geständnis an, doch ich kann es nicht unterdrücken. Meine flammenden Gefühle stürmen hinauf und verschlingen meine Vernunftsenden unter sich.
„Ich bin in dich verliebt, Keisuke Baji."
Mein Herz rast so verrückt, dass mir schwummrig wird. Es ist mir unmöglich gewesen, meine Liebe noch vor ihm verschlossen zulassen. Sie hat diesen feinen Schutz meiner Verletzlichkeit durchbrochen. Sie ist hinaus geflutet, unaufhaltsam und leidenschaftlich, wie das Feuer in seinen Kupferfunken augenblicklich aufsteigt.
Er schluckt hart und beißt sich sichtbar in die Wange, weil ich sehen kann, wie er an einer bestimmten Stelle die Haut einzieht. „Er hatte recht", murmelt er fassungslos und löst sich rasch von mir, sein Blick fixiert keinen bestimmten Punkt vor uns. „Er hatte verdammt recht." Seine Zähne finden ihre alte Einkerbung in seiner Lippe.
„Saejin." Er spricht meinen Namen wie eine letzte Warnung aus, für ihn oder mich kann ich nicht heraushören, bevor er mir wieder in die Augen sieht. Mein Blick bleibt derselbe, hingebungsvoll, ehrlich, und entschlossen. Seiner umfasst eine Festigkeit, die tief und hypnotisierend ist. Es wird immer etwas geben, wovor wir uns fürchten werden – aber es werden keinesfalls mehr meine Gefühle für ihn sein.
Ich mag diese lange Stille zwischen uns nicht und murmle nervös: „Ich glaube, es ist sogar schon mehr als Verliebtsein."
„Saejin", wiederholt er meinen Namen nochmals, als würde er sich versichern, dass ich ihm zuhöre und noch nicht abgehoben bin. Seine Stirn rückt zurück an meine. „Ich muss es dich jetzt fragen." Was fragen? Sein Feuer spannt sich an, als stünde es davor, in ein Inferno überzugehen. Eines, welches nicht nur mein Herz niederbrennen wird, nein, es wird es darin einschließen und unermüdlich an sich binden. Es wird kein Entkommen geben. Ausgenommen ich möchte sein Feuerherz für immer auslöschen. Weil ich könnte es aus einem einzigen Grund:
Ich bin die Glut seines Feuers und ohne eine Glut kann ein Feuer nicht brennen. Doch eine Glut auch ist dafür da, um es wieder zu entfachen, sollte es ihm mal an Kraft und Willen fehlen.
„Ist es wirklich das, was du willst? Was du für mich empfindest? Denn du solltest wissen, dass du mich danach nie wieder loswirst", wispert Keisuke und sein Samt ist rauchig, aufgeregt und bittersüß. Allein seine Stimme sorgt dafür, dass mich ein Kribbeln durchzuckt.
Ich will einfach nur, dass er es weiß. Und deshalb lasse ich meine Gefühle für ihn sprechen und mich von ihnen führen. Mein Herz ist bereit dazu. Ich bin es auch. Wir beide sind bereit, diese Verletzlichkeit einzugehen, die die Liebe mit sich bringt. Schließlich habe ich mein Zuhause gefunden, und das ist alles wert. Er ist es. Er ist alles wert. Und auch, wenn ich weiß, dass es unvermeidbar sein wird, dass wir uns irgendwann mal verletzen werden, sage ich es trotzdem.
„Ich will dich, Keisuke." Doch ich will noch vielmehr in diesem Moment: Ich will ihn endlich verdammt nochmal küssen. Also beuge ich mich weiter vor, um die noch wenige Distanz unserer Lippen zu brechen. Jetzt werden wir es tun. Jetzt sind es nur noch er und ich. Ich weiß nicht, ob ich zittere, doch es fühlt sich so an. Meine Muskeln, seine Arme und mein Herz „Du bist der Held meiner Welt und meines Herzens, vergiss das bitte nicht", weicht das letzte Flüstern aus meinem Mund – bis er sich ungestüm vorlehnt und mich mit seinen Lippen zum Schweigen zwingt.
Unsere Lippen berühren sich. Sein Atem ist überrascht und aufgewühlt und mischt sich mit meinem. Ungeduldig warte ich auf die Weichheit seiner Lippen, auf den Zusammenstoß und das Zerschmelzen zweier Sterne. Ich kann die warme Energie seines Feuers spüren, wie es durch meinen Körper hetzt und mir Gänsehaut bereitet; spüre seine Sehnsucht nach mir und diesen Kuss, auf den wir beide schon so lange gewartet haben, als der Druck seiner Lippen zarter vor Leidenschaft wird. Nun ist dieses Warten vorbei, wir kollidieren zu einem gemeinsamen Stern. Die Flammen nehmen mich immer mehr ein, ihre Hitze steigt innerhalb wenigen Sekunde zu einer gewaltigen Ansammlung an...
Und dann ist da dieser Schmerz.
Er zerreißt mich von innen. Gierig, böig und fortwährend.
Ist das ein... Supernova-Moment?
Ich ignoriere ihn und versuche mich auf Keisuke zu konzentrieren, auf unseren ersten, gemeinsamen Kuss. Der große und entscheidenden Anbeginn unserer Geschichte. Das hier ist unser Moment, unser „Du und ich – gegen den Rest der Welt." Nichts sollte ihn ruinieren können.
Von klein auf bekommen wir als Mädchen erzählt, dass der erste Kuss unvergesslich sei und wichtig ist. Vor allem mit wem man diesen erlebt. Im Nachhinein ist der erste Kuss einmalig, aber viel wichtiger ist es, mit wem man seinen letzten Kuss teilt. Denn wer auch immer es sein wird, diese Person hat sich schon vor langer Zeit in dein Herz geschlichen und ist dortgeblieben. Bis zum bitteren Ende.
Sowie sich dieser hier anfühlt, so wild wie sein Geist, aber gleichzeitig so zärtlich und besinnlich wie sein Herz, könnte es der perfekte, letzte Kuss sein.
Der Schmerz ist zu überwältigend. Ich reiße die Augen auf, Tränen schießen aus ihnen hinaus, weil es so wehtut. Es tut so verdammt weh. Während ich eben noch alle meine Faser und Sinne angestrengt habe, um Keisuke so intensiv wie möglich wahrzunehmen und aufzunehmen, möchte ich gerade lieber nichts empfinden können.
Das ist eindeutig ein Supernova-Moment.
„Keisuke", wimmere ich und will mich entfernen, aber er hat es bereits getan.
Er blickt mich mit einer Mischung aus Angst und Panik an. Sein Mund bewegt sich hektisch, doch ich verstehe kein Wort. Seine Stimme dringt nicht zu mir durch. Ich höre nichts. Null. Es ist furchteinflößend still um mich herum. Was passiert mit mir? Werde ich jetzt doch sterben? Aber ich habe es geschafft, ich habe die Abmachung eingehalten. Die nicht mehr unentdeckte Liebe meiner Mutter hat mich zurückgeholt.
Plötzlich stürzt Keisuke mit mir in den Armen los.
Was geht in mir vor? Ich spüre meine Lippen nicht, um ihn zu fragen. Aber er wirkt genauso von der Welt losgerissen wie ich. Sein schönes Gesicht hat er zu einer gequälten Maske verzogen, als könnte er es nicht ausstehen, mich so zu sehen. Als würde er meinen Schmerz ebenso fühlen, nur noch intensiver.
Er dämpft gemächlich ab, als würde er ihn tatsächlich absondern. Eine Benommenheit zieht meinen Körper in seine Gewalt, dass meine Muskeln ruckartig nachlassen. Mein Kopf fällt kraftlos in den Nacken, ich bin gezwungen in den sternenlosen Nachthimmel zu starren. Ich hasse es. Ich hasse das gesamte Universum und wie es mir verbietet, nicht mit dem jungen Mann zusammen sein zu können, den ich so abgöttisch liebe. Wieso ist das passiert? Was wird mir geschehen? Ich habe ein gesundes Herz, einen Menschenkörper, der dem allen hätte standhalten müssen. Ja, hätte. Warum aber nicht?
Ein dunkles Grauen packt mich.
Ich muss an mein erstes Gespräch mit Peke J denken.
‧₊˚✩彡
„Mich selbst vergessen?"
„Das heißt, du wirst ausgelöscht. Von der Katze in dir. Sie wird in den nächsten 3 Monate stärker werden. Du wirst anfangen, dein Leben als Mensch zu vergessen, immer mehr Angewohnheiten einer Katze annehmen, und irgendwann wirst du vergessen haben, wer du mal gewesen bist. Deinen Namen, deine Familie, deine Freunde, deine Erinnerungen... Nichts davon bleibt übrig, wenn die Zeit vorüber ist. Es ist, als hättest du nie als Mensch gelebt."
‧₊˚✩彡
„Wo ist die Katze?" Die Worte kommen nur schwer über meine Lippen, und ich bin mir nicht sicher, ob ich sie wirklich ausgesprochen habe. Meine Sicht ist betrübt, alles erscheint mir verschwommen und doppelt. Ich huste und versuche instintkiv, die Bindung zu meinem Umfeld nicht zu verlieren. Wach zu bleiben, weil ich befürchte, sobald ich mich dieser ruhigen Leere in mir hingebe, nicht mehr zurückkehren zu können.. „Wo ist die Katze, die ich gerettet habe?"
„Wir müssen sie ins Krankenhaus zurückbringen. Sofort." Eigentlich sollte ich darüber froh sein, ihn wieder verstehen zu können. Nur antwortet er mir nicht.
Meine Sturheit hängt sich an diesem Fall dran. Ich brauche unbedingt eine Antwort. „Wo ist die Katze, die ich gerettet habe? Keisuke, bitte, sag es mir!"
Ein grelles Licht blendet mich so unerwartet, dass ich die Augen zusammenkneifen muss und den Kopf wegdrehe. Das Himmelslicht kann mir gerade echt gestohlen bleiben.
„Bitte", flehe ich und zähle mein rasendes Herzklopfen, um das Zeitgefühl nicht zu verlieren. Ein Herz schlägt im Normalfall bis zu 80-mal pro Minute, aber mir kommt es erschreckend weniger vor. Mein gesamtes Umfeld wird mir klarer, die hohen Rosensträucher um mich herum haben sich aufgelöst und sind durch eine Autofensterscheibe ersetzt werden. Das Licht der Straßenlaternen huscht flackernd vorbei, für einen Augenblick erkenne ich Keisukes aufgelöstes Gesicht in der Spiegelung und wie er mich an sich gepresst hält. Er sieht so gequält aus, so gegen einen Schmerz kämpfend, auf den er nicht vorbereitet ist. Ich strecke meinen Arm aus, will ihn berühren, mir mein Leiden zurückholen und ihm sagen, dass er damit aufhören soll, den starken zu spielen. Bedauerlicherweise hört mein Körper nicht auf mich.
Es ist aussichtslos.
„Was will sie wissen?" Ist das Chifuyu? Was macht er hier?
„Sie fragt nach der Katze." Wie erschütternd er das ausspricht. Als würde der eisige Dolch noch in seiner Brust sitzen. Da ist ein entsetzliches Gefühl oder ein plagendes Gewissen, das es ihn weiter hineinstößt, von dem ich nichts weiß.
Was auch immer Chifuyu sieht, das Mitleid in seinen Worten ist kraftvoll. „Du wirst sie wieder finden, Baji-san. Wir werden die Tage neue Plakate drucken und verteilen, okay? Sie kommt zurück. Und solange wir auf sie warten, kümmern wir uns lieber um sie." Kein langes Nachdenken wird benötigt, wen er am Ende meint. Das kann nur mich betreffen. Sie ist verschwunden? Sowie es sich angehört hat, schon seit einer bestimmten Weile. Hiermit ist meine schlimmste Befürchtung bestätigt worden.
Es ist nicht vorüber.
Ahnungslos wandere ich immer noch an der Klippe des nahestehenden Todes.
Der einzige und mir unerklärliche Unterschied: Nicht als Katze.
„Die Ärzte haben uns versichert, dass sie gesund ist. Es kann natürlich sein, dass ihre Flucht sie überstrapaziert hat", gesellt sich eine andere, sorgenvolle Stimme dazu und lenkt mich davon ab, mich weiter vor zu beugen. Über die Klippe. Mein Dad ist auch bei ihnen. Er lebt tatsächlich noch. Ein kleiner und sicherer Hoffnungsschimmer, der mich dazu bringt, mich erfolgreich abzuwenden. „Oder ist etwas Bestimmtes vorgefallen, Keisuke?"
Eine zerreißende Stille herrscht.
In der Zeit kann ich mich von der Dunkelheit losreißen und mit müden Augen zu ihm schielen.
Keisuke seufzt aus. „Wir haben uns geküsst." Das hört sich falsch an. Die Weise, wie er das gesagt hat. Als wäre es ein schrecklicher Fehler gewesen.
Ich habe schon viele traurige Ausdrücke in seinem Gesicht gesehen, aber niemals so. Nicht mal eine kleine Glut flunkert in seinen Kupferfunken. Sie sind lichtlos und niedergeschmettert, aber in ihnen zu fallen ist keine gute Idee. Dort ist nicht der Ort, der ich ein Zuhause nennen kann. Dort ist auf einmal etwas anderes. Etwas Verzweifeltes; etwas, das unglücklich und von Hilflosigkeit zerfressen wird. Seine Augen sind nur bronzefarbend ohne ihre glühenden Funken von Abenteuern und Lebensfreude.
Ich sitze auf den Schoß eines jungen Mannes, der sich genauso verraten von dem Universum fühlt wie ich.
„Oh", fällt mein Dad bloß dazu ein.
Wieder ein Schweigen, etwas mit mehr Peinlichkeit und Überraschung.
Eine vertraute Wärme bei meiner Hand lockt mich zu ihr zu sehen. Er hat unsere Finger ineinander gefiedelt. Ich kann mich nicht daran erinnern, meine Finger mit seiner verschränkt zu haben, aber es gibt auch nur ein einziges Bild, das derzeit durch meine Gedanken rast.
Der Schmerz.
Diese Hilflosigkeit.
Diese furchtbare Ungewissheit, was mit mir passieren wird.
Aber das sollte so nicht sein, das ist falsch. Eigentlich sollte es der Kuss sein. Mein Kuss mit ihm. Ich sträube mich gegen diesen Verdacht, es unbewusst zu verdrängen. Wie ein bleibendes, seelisches Trauma, das jedes Mal herbeigeführt wird, wenn er mich zukünftig küssen wird. Je stärker ich versuche, mit schönen Empfindungen diesen Verdacht zunichtezumachen, desto schwerer legt er sich auf meinen Brustkorb und desto mehr begreife ich das Dunkle in mir. Das Dunkle ist der Tod. Mein Tod.
„Also seid ihr jetzt zusammen, oder wie?" Mein blonder Freund sitzt auf dem Beifahrersitz vor uns und lehnt sich neugierig nach hinten. Sein Gletscheraugen wirken noch müder als im Krankenhaus, obgleich er einige Stunden geschlafen hat. Bei mir. Und dann ist er weg gewesen. Aus dem Nichts. Verschwunden. Wie ich wohl wenige Minuten danach. Normalerweise ist er der vernünftigste von uns allen. Aber in dieser Nacht... sind wir alle in demselben, bodenlosen Loch gefallen.
„Ich..." Keisuke ringt nicht nur mit seinen Worten, auch mit sich selbst. Er ist am härtesten von uns gefallen – weil wir ihn wortlos und blindlings zurückgelassen haben. Was dies für Folgen hat, erfahren wir jetzt, hart und schmerzhaft. Wir haben nicht nur eine Feder seiner Flügel herausgerissen, wir haben sie gebrochen.
Eine Welle von Schuldgefühlen schlägt sich über mir zusammen. Sie begräbt mich unter sich, sickert in jede Pore meines Körpers und Herzens und zerfrisst mich, bis mich ein einzelner Feuerfunken davor bewahrt, mich der bitteren Dunkelheit hinzugeben. Ein einzelner Feuerfunken von einer Liebe berührt, für die es sich immer lohnen wird zu kämpfen. Egal, gegen was.
Ich weiß nicht, ob sie mich dieses Mal hören werde, trotzdem möchte ich es versuchen. Um ihm Sicherheit zu bieten. Um sein Seelenfeuer zu schüren und zurück an Lebhaftigkeit zu geben.
„Ja, sind wir, Chifuyu."
Stumm sehen Keisuke und ich uns an. Eine Stille legt sich unheimlich schwer über uns. Seine Augen glühen etwas auf, ein Zeichen, dass er momentan am Verarbeiten ist. So kann ich ihn nicht ertragen. Er kann nicht meinen ganzen Schmerz auf sich nehmen, das wird sich ab heute ändern. Als Erstes habe ich dieses strenge Bedürfnis wegzusehen und zu hoffen, dass es in den nächsten Minuten einfacher wird. Dann realisiere ich mit rasendem Herzen, dass ich das nicht kann. Dafür kann ich ihn erreichen, kann sein Leiden besänftigen und mir meinen Teil des Schmerzens zurückholen. Statt wegzuschauen, löse ich meine Finger von ihm und berühre sein Gesicht.
Er zuckt kurz wie in Gedanken gefangen, der bestürzte Schleier legt sich von seinen Kupferfunken ab – ehe er sie schließt, einen tiefen Atemzug nehmend. Meine Finger fahren die Konturen seiner Wange und seines Kinnes nach, streicheln behutsam über seine Wimpern und seinen Nasenrücken. Mit jeder weiteren Berührung entspannen sich seine Gesichtsmuskeln, er genießt sie sichtlich, so sehr, dass ich darüber schmunzeln muss.
Bis er vorsichtig mit der Stirn gegen meine sackt und beide Arme um mich schlingt. Er hält mich so fest, wie immer. Wie die Schwerkraft, die ihn zusammenfügt und zusammenhält.
„Wir sind da", kündigt mein Dad in diesem Moment an und schaltet den Motor aus.
Sie scheinen schon auf unsere Ankunft gewartet zuhaben. Eine Krankenschwester mit einem Rollstuhl und ein Arzt warten vor dem Eingang zur Notaufnahme. Sie helfen mir in den Rollstuhl, aber ich nehme Keisukes Hand und will sie nicht loslassen. Er will sich mir entziehen, während der Arzt mit meinem Vater wohl über den heutigen Vorfall spricht. Nicht sonderlich erfreut über meine Aktion. Er schaut ziemlich miesgelaunt drein.
„Nicht loslassen, bitte", winsle ich. Vehemend drücke Keisukes Hand und ziehe sie zurück auf meinem Schoß. „Bleib bei mir. Bitte."
Er blickt mich voller Schmerz und Unsicherheit an. Wie ein komplett anderer Mensch steht er neben mir, als hätte man ihn inmitten eines Augenblicks ausgetauscht. An diese Version von ihn möchte ich mich nicht gewöhnen müssen. Sie macht mir Angst; Angst ihn auf eine Art zu verlieren, die ihn mir für immer wegnehmen wird. Das würde ich keinesfalls verkraften.
„Sicher? Ich möchte dir keine weiteren Schmerzen zufügen, weil... weil ich dir so nahe sein möchte." Seine Stimme klingt rau und ich sehe es ihm an, wie er versucht, der Hingabe und Angst in meinem Blick nicht auszuweichen.
„Keisuke", atme ich schwer aus und spüre ein messerscharfes Stechen in der Brust. Meine Ehrlichkeit bildet einen warmen Ball in meinem Bauch, je tiefer ich in seinen Augen versinke und ein klitzekleines Flimmern bemerke. „Ich habe es dir heute schonmal gesagt: Bei dir gibt es keinen Schmerz. Darum brauche ich dich. Ich brauche dich, um Sterne in meiner Dunkelheit fangen zu können."
Er lächelt leicht, und dennoch ist es schön, weil ich ihn wieder erkenne. Der wilde, ungezähmte junge Mann mit dem unerschöpflichen Feuerherz. Der junge Mann, den ich so sehr liebe, dass ich bereit dafür bin, in seinen eigenen Flammen zu verbrennen, um ihn nicht zu verlieren.
„Dann bleibe ich bei dir, Prinzessin."
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Damit wünsche ich euch allen ein tolles Wochenende <3
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