magic which everyone can see.

✾ ∂αмαℓѕ

Wenn ich male, dann ist es so, als würde ein Teil meiner Seele aufsplittern und die darin gefangenen Farben und Empfindungen durch meine Hand entgleiten. Dadurch wird eine Energie freigesetzt, die es mir ermöglicht, in einen Raum zu wandern, in der meine Phantasie so frei ist, dass jeder noch so winzige Tupfer die Faser meiner Seele darstellt. Endlos bunt und voller Sternenstaub. Jeder Pinselstrich, ob fein oder breit, ist wie der Herzschlag meiner eigenen Vorstellungskraft, ganz aufgeregt und ungezähmt, weil sie nichts in dem Augenblick bremsen kann, wenn die Pinselspitze die Leinwand berührt und sich mein Herz öffnet. Öffnet sich dieses erstmal, unterliegt mir eine Welt, die nahezu grenzenlos ist.

Es ist wie Magie.

Jeder hat seine eigene Magie, die unentdeckt in ihm schlummert. Nur ganz wenige wissen von ihr, aber wenn sie es doch tun, dann lassen sie uns alle daran teilhaben. Durch Bücher, Gemälde, Entdeckungen und noch vieles mehr. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten. Die Magie in uns ist unermesslich.

Malen ist meine Magie.

„Möchtest du etwas trinken?", fragte mich Keisuke an jenem Nachmittag im Winter. Es war der Tag, an dem ich meine Magie mit ihm teilte und er etwas sah, das kein anderer sehen konnte. Draußen hatte es heftig geschneit, meine Nase war durch die Kälte fürchterlich gerötet und meine Hände kalt. Das hielt mich trotzdem nicht auf, in meinem Block einige Skizzen für unser „gemeinsames" Weihnachtsprojekt anzufertigen. Der Schuldirektor hatte die Kunst-AG darum gebeten, die Schulgänge zu verschönern, als Ritual für ein neues Jahr, und weil die Wände der Schule einfach schrecklich aussahen. Dieses Industriegrau war grottenhaft – als würde man uns schon auf das spätere Arbeitsleben vorbereiten wollen. Schon von meinem ersten Tag an hatte ich diese Wände hinausreißen wollen, oder noch besser: in meiner Lieblingsfarbe angestrichen – ein sattes Fuchsia.

„Also am liebsten trinke ich eine warme Milch mit Honig", antwortete ich ihm beiläufig. Meine Konzentration lag auf das Stockwerk, das uns zu geordnet worden war. Ausgerechnet der Haupteingang. Es hätte jede andere Stelle sein können, aber der Haupteingang? Das erste, was man sah, wenn man die Schule betrat? Mir war bei der Verkündigung jegliche Farbe aus dem Gesicht gewichen. Keisuke hatte mich mit erhobenen Augenbrauen angesehen, als wäre es nichts Schwerwiegendes. Nicht für Baji Keisuke, der in der Kunst-AG mit seinem wilden Grinsen – dieses, wo seine spitzen Eckzähne in vollkommener Pracht präsentierte – alle so fern von uns trieb, dass sie uns zusammen schon ohne zu denken in eine Zweiergruppe einteilten.

Sie wussten auch, dass er kein Feingespür für die Kunst besaß – doch ich wusste hingegen zu ihnen, dass er das Feingespür für Tiere und ihre Bedürfnisse hatte. Er kannte jede Straßenkatze in der Nähe beim Namen, hatte stets irgendwo Leckerlis bei sich und nahm sich auch die Zeit, um sie zu kraulen und zu füttern. Als er das das erste Mal machte, wo er mich zu sich nachmittags bezüglich eines Kunstprojekts einlud, hatte ich gedacht, einem falschen Keisuke gefolgt zu sein. Aber es stellte sich heraus, dass er Katzen einfach liebte und selber keine besitzen durfte, deshalb hatte er beschlossen, alle Streuner in der Gegend zu versorgen. Wenn er keine daheim haben durfte, dann nahm er eben alle, die kein Zuhause hatte, insgeheim auf.

Schon da hätte es mir auffallen müssen: Keisuke spielte lediglich den Bösen. Aber warum? Wieso wollte er kein Held sein? Weil es schwieriger ist, geliebt zu werden? Hass ist so einfach, Hass ist unsere Natur. Doch Liebe? Sie ist ein Werk, an dem sich viele versucht haben und ebenso so viele sind daran gescheitert. Ob ich auch an diesem Werk scheitern werde? Mein Herz klammert sich an instinktiver Hoffnung, als ich tiefer in dieser Erinnerung schwelge.

Also...

„Wieso warme Milch mit Honig?" Er runzelte die Stirn und legte seinen Manga zur Seite, um sich neben mich auf dem Bett aufzurichten. „Stecken dich etwa die Katzen an, selbst zu einer zu werden?" Zwischen uns lag noch ein weiterer Flauschball, liebevoll von ihm „Sayuri" genannt. Eine bunte Glückskatze mit grünen Augen. Sie kam jeden Nachmittag zu ihm, um auf seinem warmen und kuscheligen Bett ein Mittagschläfchen zu halten. Sie reckte lauschend ihren Kopf und fing an zu schnurren, als er sie kraulte und leicht schmunzelte.

„Sie hilft mir dabei, mich zu inspirieren", meinte ich zu seiner Frage und skizzierte nachdenklich weiter. „Und ich mag den Geschmack von Süßem. Honig und Milch ist wie eine Zuckerexplosion."

Er lachte. „Was für eine lahme Ausrede, Saejin."

Sein Lachen stoppte ruckartig, als ihm mein Bleistift gegen die Stirn flog.

Meine Wangen brannten. „Ich mag wirklich heiße Milch mit Honig", wagte ich es mit aufgeregter Stimme und musste es unterdrücken, ihm nicht die Zunge herauszustrecken. „Das... äh..." Mir fehlten die Worte. Bevor ich noch einen Schwachsinn stammelte, verstummte ich nervös und biss mir vor Unwohlsein in die Wange. Wieder einmal schaffte ich es nicht, mich in seiner Nähe zusammenzureißen.

Er hörte in dem Moment auf, Sayuri zu streicheln, um sich vom Bett zu erheben. Ich spürte die Intensität seines Blickes, wie sich die Hitze in meinen Wangen steigerte und wie mein Herz klopfte wild, während ich zu ihm hoch lugte. „Ist dir kalt?", fragte er mich besorgt, weil ihm nichts entging und mein Körper unkontrolliert zitterte.

„Nein." Ich konnte es nicht fassen, wie schnell er mich aus meinem Kreativflow gerissen hatte. Wovor fürchtete ich mich immer in seiner Nähe? Er würde mir gegenüber niemals die Hand erheben. Nein, das war es auch nicht. Was war es dann? Es lag tief in meinem Unterbewusstsein verborgen, und ich wusste nicht, wie ich es jemals erreichen sollte. Es war hoffnungslos. Ich verstand mich selber nicht.

Meine Antwort überzeugte ihn nicht. Er ging zur Heizung und drehte sie auf. „Also eine warme Milch mit Honig?", versicherte er sich und da war dieser Ton in seiner Stimme, der mich überraschte. Er hörte sich so verloren an wie ich mich fühlte.

Ich wich seinen durchdringenden Blick aus und zupfte einen Fussel von meinen beigen Pullover mit dem Zopfmuster . „Ja, bitte, Baji."

„Baji?", wiederholte er perplex und hob die Braue hoch. „Seit wann nennst du mich Baji?"

„Oh. Das war Reflex."

Sein Blick verriet mir, dass er mir nicht glaubte, dennoch verließ er das Zimmer und bohrte nicht genauer nach.

Ich atmete erleichtert auf und blickte zu Sayuri. Sie widmete mir einen erwartungsvollen Blick, dem ich nicht widerstehen konnte. Also tätschelte ich sie hier und dort ein bisschen, während ich mich in meinen eigenen Gedanken verlor. Wie hätte ich ihm es erklären können, wenn ich nicht mal eine Ahnung davon hatte, was mit mir los war? Ich hätte ihn angeschwiegen. Garantiert. Und er konnte es nicht leiden, wenn dieses fiebrige Schweigen zwischen uns herrschte, als hätte er diese absurde Vorstellung, ich würde ihn nicht mögen. Was überhaupt nicht stimmte. Es war besser es zu vermeiden als dieses Schweigen heraufzubeschwören.

Schnell entspannte ich mich wieder, das beruhigende Gewissen, mir den Mund nicht fusselig reden zu müssen, brachte Ruhe zurück. Ich holte mir meinen Bleistift zurück, legte den Block auf meinen violetten Faltenrock über der blickdichten Strumpfhose und überlegte erneut, was man am besten am Haupteingang der Schule sehen sollte. Aber, als ich anfing zu skizzieren, bemerkte ich nicht, dass ich dabei nur daran dachte, was ich gerne sehen würde und nicht jeder. Die Glückskatze lehnte sich dicht neben mich, bekam ab und zu mal eine Streicheleinlage, die sie sich nicht entgehen ließ. Keisuke hatte Recht. Katzen wirkten wie Balsam für die Seele, leider halfen sie mir nicht dabei, mich zu verstehen.

Als Keisuke zurückkam, hatte ich bereits einen groben Plan und schlug den Block zu.

„Ich bin fertig. Wir können zur Schule gehen und loslegen", teilte ich ihm mit und fokussierte lieber die zwei Tassen in seinen Händen.

Sein Griff verfestigte sich um diesen. „Jetzt schon?", fragte er leise und seine Enttäuschung brachte mich dazu, ihn anzusehen. Er war nicht derjenige, der so mit offenen Karten seine Gefühle präsentierte, doch diese Verletzlichkeit in seinem Gesicht und seiner Samtstimme traf mich unerwartet mitten ins Herz.

„Was..." Ich versuchte mich, endlich zusammenzureißen, damit ich deutlicher sprechen konnte. „Was möchtest du denn noch machen?"

„Gute Frage. Aber zur Schule möchte ich gerade nicht zurück." Er kam zu mir herüber und setzte sich neben mich, bevor er mir eine stinknormale, cremefarbene Tasse reichte. „Was hörst du gerne für Musik, wenn du malst?", fragte er mich, nachdem ich ihm die Tasse mit beiden Händen abnahm und meine Nase halbwegs in dem süßlichen, warmen Geruch versank. Meine Finger worden warm, aber nicht wegen der warmen Flüssigkeit. Diese Wärme hatte einen anderen aufregenden Ursprung.

„Jazz", lächelte ich schwach und schielte schüchtern zu ihm. Das hatte ich noch keinen davor verraten, aber es fühlte sich auch nicht falsch an, dass er es nun wusste. Ich glaubte, wenn es jemand gab, dem ich das erzählt hätte, dann wirklich er. Er schien Geheimnisse besser bewahren zu können als Chifuyu. Er hatte dieses Feingefühl für angeknackste und schnell zerbrechliche Herzen. Wie meines.

Verwundert starrte er mich an. „Jazz?"

Ich nickte eifrig. „Jazz ist der Klang meiner Kunst."

Sein breites Grinsen brachte seine spitzen Eckzähne vollständig zur Geltung und sein Blick erinnerte mich an das Gefühl der Schwerelosigkeit, weshalb ich vergaß zu atmen. „Das muss ich mir jetzt anhören", sagte er und war in einer rätselhaften Aufregung, als er mir seine Tasse in die Hand drückte. Dann beugte er sich unter sein Bett und zog sein Laptop hervor. Es dauerte eine Weile, bis dieser hochfuhr, bis sich der Internet Explorer startete und dann Youtube lud. Er gab einfach „Jazz" ein und klickte auf die erste Playlist, bevor er den Laptop auf sein Kopfkissen abstellte.

Bei den ersten Klängen eines Saxophons und Pianos lehnte ich mich entspannt gegen die Wand und er tat es mir gleich. Dichter als erwartet, denn plötzlich strich sein Arm über meinen und mein Puls raste schnell. Aber nicht panisch, mehr mit derselben, rätselhaften Aufregung wie in seinen bronzefarbenen, tiefen Gebirgsaugen.

„Stör ich dich?" Warum musste ich auch so reagieren? Er hörte sich verletzt an und nahm mir zittrig die Tasse ab. Ich merkte, wie er sich bewegte, auf Abstand gehen möchte, doch dann war ich so aufgewühlt und wollte ihn nicht noch stärker verletzen, dass mein Kopf wie von selbst gegen seine Schulter landete. Unmittelbar zuckte er von uns beiden. „Ist das ein Nein?", fragte er aufgeregt und ich wunderte mich, ob er genauso wie ich von dieser plötzlichen Wärme im Bauch überfallen worden war.

Er spähte mit seinem wilden Grinsen zu mir und meine Wangen glühten so heftig, dass ich mein Gesicht in dem weichen Stoff seines schwarzen Hoodies verbarg. Er lachte, schön, etwas nervös, und ich hörte es, wie es in seiner Brust polterte, als würde es direkt aus dem Herzen kommen.

„Du machst mich wahnsinnig, Saejin", wisperte er samtig und seine Gerissenheit sammelte sich in seiner Stimme an. „Darf ich sehen, was du dir für den Haupteingang überlegt hast?"

Der intensive Geruch von warmer Milch und regennasser Wiese machte mich ganz benommen, aber irgendwie war da noch ein Teil meines Verstandes da. Dieser konnte ihm eine Antwort geben, wenn auch diese in seinen Hoodie genuschelt wurde, weil dieser Teil, der nicht in sein Gesicht sehen wollte, stärker war.

„Nein, das wird eine Überraschung."

„Eine Überraschung?" Er regte sich. Zuerst nahm ich an, er würde sich von mir reißen und drückte mich instinktiv enger gegen ihn, aber dann legte er seinen Arm um mich und war derjenige von uns beiden, der mich nun sachte an sich drückte. Er war vorsichtig, mit einer Unsicherheit, als würde er etwas Wagemutiges wie ein Regelbruch mit dieser Berührung hinaufbeschwören, vor dessen Nachfolgen er Angst hatte. Baji Keisuke und Angst? Das kam mir albernd vor. Meine Gedanken gaben endlich nach. Ich konnte nicht klardenken, war zu benommen von seiner Wirkung auf mich. Er machte mich noch nervöser als Chifuyu. „Wieso? Was hast du vor? Willst du den Haupteingang mit Mittelfingern verschönern?" Er lachte bei der Vorstellung, jung und wild wie er war.

„Quatsch! Das ist unter meiner Würde!", fauchte ich und hatte genügend Kühnheit angesammelt, um ihn endlich anzusehen. Sofort bereute ich es. Sein Gesicht war so nah an meinem, dass es mich drehte, weil ich nichts verstand und nichts verstehen wollte. Mein Herz spielte verrückt, machte mich verrückt.

Sein Blick brannte sich in meinem. „Was dann?"

Atmen, atmen, atmen, erinnerte ich mich in dem Moment daran, um meinen Fluchtinstinkt niederzumachen. „Das wirst du sehen", schnappte ich nach Oxygen und ruhiger  Maske.

„Wann?", fragte er verstohlen nach.

„Wann du auch immer deinen faulen Arsch wieder in die Schule bewegen möchtest." Vielleicht würde es mir helfen, wenn ich in diesem Moment übermutig wurde. Geradeso konnte ich die Tasse noch in der Hand halten, wollte nicht seine Bettwäsche mit warmer Milch überschütten; sowie er mich auf eine stürmische Weise mit komischen Gefühle überschüttete.

„Nicht jetzt", fasste er einen Entschluss für uns beide, dem ich nicht widersprechen wollte. „Ich mache uns später noch eine Kanne mit warmer Milch und Honig."

„Warum?", kam es leise über mich, weil ich meine ganze Kraft dafür brauchte, um mein Herz daran zu hindern, aus meiner Brust zu springen. Sein Kitzeln verlangte jeden Nerv von mir.

„Ich möchte nicht, dass du dich nachher erkältest, wenn wir in der Schule eine Nachtschicht einlegen, um unser Projekt fertigzustellen."

„Was für eine lahme Ausrede, Keisuke", sprach ich seine Worte von vorher im selben, neckischen Ton nach und allmählich gewöhnte ich mich daran. An ihn und seine atemstehlende Nähe. Es war schön. Jazz, eine warme Milch mit Honig, und irgendwie auch er. Ja, bei ihm fühlte ich mich wirklich sehr aufgehoben. Mehr als Zuhause und in der Schule. Das faszinierte mich. Ich mochte es, mich so zugehörig bei ihm zu fühlen. Als hätte er mich wie eine weitere, streunende Katze bei sich aufgenommen. Als wüsste er, dass ich hierhin gehöre, in sein Zimmer, neben ihn auf dem Bett, Kopf an Kopf. Wenn ich jetzt schweigen würde, würde er meinen lauten Herzschlag hören können und wissen, dass ich ihn unheimlich gernhatte. Verboten gern. „Du willst dir nur nicht eingestehen, dass du jetzt auch warme Milch mit Honig magst."

„Vielleicht." Er lächelte mich an, und ich glaubte, die Welt hatte aufgehört sich zu drehen.

Doch sie drehte sich am späten Abend weiter.

Der Schuldirektor hatte uns nur für diese Nacht in das Schulgebäude gelassen, uns darauf hingewiesen, bloß nicht auf dumme Gedanken zukommen und dem Schwarzhaarigen neben mir dabei argwöhnisch angeblickt, bevor er zurück in seinen Volvo verschwand. Ich glaubte, Keisukes provokatives Grinsen hatte sich fest in seinen Kopf gebrannt, dass er sicherheitshalber heute näher am Telefon schlief wie üblich.

Während ich nun auf der Wand vorzeichnete, holte Keisuke aus dem Kunstzimmer die verschiedensten Wandfarben, die ich ihm genannt hatte. Bei einigen Farben hatte ich ihm die Standardnamen nennen müssen wie blasses Blaugrün oder helleres Schwarz, weil er mich bei Jade und Asphalt wie ein Auto angestarrt hatte. Er war schon einige Monate in der Kunst-AG und hatte nichts davon mitgenommen. Wo war er wirklich mit den Gedanken, wenn er neben mir saß? Beim Auto abfackeln? Als ich die ersten Grundrisse fertig hatte, versuchte Keisuke mit aufmerksamem Blick etwas zu erkennen, gab dann mit einem Seufzen nach und setzte sich an die große Eingangstür aus Glas, um sich dort erstmal eine Tasse warme Milch mit Honig einzuschenken.

Irgendwann schlief er ein, hatte davor aufgebracht protestiert, dass er mir nicht helfen durfte, während ich ihn auf unser missglücktes, erstes Projekt hinwies. Eine einfache Tierskulptur aus Lehm. Da hatte ich noch nicht gewusst, dass seine Hände nur eine Sache gut konnten: Andere ohnmächtig schlagen. Er hatte sich für eine Katze entschieden. Was es letztlich wirklich war, das konnte keiner identifizieren. Es hatte mich eher an einen Mochi mit Ohren erinnert als an eine Katze. Wir bekamen trotzdem eine gute 3 dafür, weil Keisuke sie mit seinem finsteren Blick schon blutig schlug.

Ich malte die ganze Nacht und den restlichen frühen Samstagmorgen. Diese rätselhafte Aufregung in meinem Herzen hielt mich stetig wach. Meine Gedanken kreisten ständig um den schlafenden Schwarzhaarigen, an die Schwerelosigkeit seiner Nähe und an sein wildes Grinsen. Als wäre ich in der Nacht mutig genug, um ihn zum Mittelpunkt meines Sonnensystems zu machen. Am Tag traute ich mich solche Gedanken nicht, da hatte mich das Sonnenlicht für sich gewonnen.

Das Reißen der Klebestreifen weckte Keisuke auf. Er stand eilig auf, richtete sich mit einer Hand die zerzausten Haaren und blickte schließlich auf die neue Wand am Eingang. Er erstarrte auf der Stelle.

„Was ist?", fragte ich ihn verwirrt, befürchtete, es würde ihm nicht gefallen, und legte die letzten Deckel auf die Farbdosen. Dann zog ich mir meine weiße Mütze mit dem gepunkteten Bommel vom Kopf, weil mir plötzlich so warm wurde, und umklammerte sie mit der Hand fest.

Er schaute mich fassungslos an, und stellte mir eine Gegenfrage: „Was hast du gemacht?"

„Ich..." Sein Blick wurde mir unangenehm, so dass ich hastig den Kopf wegdrehte und selber mein Kunstwerk betrachtete. Er sollte nicht sehen, wie verletzt ich auf einmal war. So überraschend verletzt, dass meine Brust beim Ausatmen stach, als würde ich diese angestaute, rätselhafte Aufregung hinauslassen. Gegen ihren Willen. Dann beschrieb ich es ihm: „Ich habe darüber nachgedacht, was ich gerne jeden Morgen in der Schule sehen würde. Und dann dachte ich daran, mit welchem mürrischem Gesicht du dich jeden Morgen in die Schule zwängst. Da ist es mir schließlich eingefallen: Ich möchte dich morgens lächeln sehen. Also habe ich das gemalt, was dich am glücklichsten macht. Deine Streunerkatzen. Ich habe ihre Namen nur umgeändert, damit unser Rektor denkt, das wären Schüler. Und..."

Aufgeregt ging ich auf die Wand zu und deutete auf die schwarze Katze, die sich hinter dem Kirschblütenbaum der Schule versteckte.

„Das bist du!", strahlte ich begeistert und kicherte, weil die Katze denselben verschlafenen Ausdruck hatte wie er jeden Morgen. „Und da ist Chifuyu!" Meine Hand wanderte weiter, zu der weißen Katze mit den schwarzen Socken, die auf einem Ast saß und zu Keisuke herunterblickte.

Er stellte mich nur eine Frage, sein Gesicht ausdruckslos. „Wo bist du, Saejin?"

Ich wanderte mit dem Blick über die vielen Katzen, die vor dem gemalten Schulgebäude über eine blühende Wiese tollten. Meine Hand mit den vielen Farbklecksen glitt zu meiner Seite.

„Nirgendwo", gestand ich ihm kleinlaut und senkte den Kopf. Damit hätte ich rechnen müssen, Keisuke fielen solche Details auf. Er wusste wie ich, dass er einer der zwei wenigen Gründe war, wieso ich überhaupt auf dieser Schule blieb. Der zweite Grund war der ahnungslose Chifuyu.

Er durchtrennte mit schnellen Schritten die Distanz zwischen uns und hielt mich an beiden Schulter fest. Er sah mich an, sehr, sehr ernst.

„Du gehörst hierher." Er hörte sich verärgert an, strengte sich aber trotzdem an die Wärme und Weiche in seinem Samt zu bewahren. Wieso gab er sich so die Mühe, mich zusammenzuhalten? „Du gehörst zu dieser Schule, du..." Er unterbrach sich.

Ich schloss die Augen, weil ich ihn nicht so ernst ertrug. Und, weil ich auf keinen Fall vor ihm weinen wollte.

„Du gehörst zu Chifuyu und..."

„Dir?" Ich öffnete die Augen und wusste nicht, wie ich ihn ansah, aber es fühlte sich weich, zerbrechlich an – wie Hoffnung. „Schon gut, du musst es nicht aussprechen, wenn es nicht so ist."

„Doch." Sein harter Blick weichte auf, als wäre er erleichtert darüber, dass ich ihn wieder ansah. „Ich habe es nur gerade erst realisiert", schluckte er schwer, dann lächelte er unerwartet schwach. „Du würdest alles für ein Lächeln von mir tun, oder?"

„Ich... Ja." Meine Aufrichtigkeit verblüffte mich. „Ja, das würde ich tatsächlich."

Er ließ meine Schulter los, die Anzeichen seines wilden Grinsens zeigten sich an den Rändern seiner Lippen. „Bist du nicht ein bisschen zu selbstlos?"

„Bist du das nicht auch?", entgegnete ich heiser und fand meine Füße plötzlich interessant, weil ich mir sicher war, er konnte selbst durch die vielen Farbkleckse das Leuchten meiner Wangen erkennen.

Er lachte über meinen Konter. Ein schönes und freies Lachen, wieder aus der Mitte seiner Brust. „Du hast etwas vergessen", meinte er und wand sich von mir ab, um einen kleinen Pinsel vom Boden abzuheben. Da war wieder diese unerklärliche Anspannung in seinen Bewegungen, seinem Gesicht, und sie spannte sich auch über mein Herz, das wild trommelte. Dann tunkte er die Spitze in die rubinrote Farbe und beugte sich zu dem schwarzen Kater, der ihn darstellte. Er malte ihm zwei Teufelshörner wie eine Warnung, die bei mir nicht funktionierte. Er hatte schon seinen festen Platz in meinem Herzen. „Ich gehöre zu den Bösen, Saejin", flüsterte er stolz, aber auch mit einer Verletzlichkeit, die sein breites Grinsen ruinierte, zerkratzte wie sein Herz, „und es wäre nicht gut für dich, würdest du das alles für jemand wie mich machen."

Dann ließ er den Pinsel fallen, verstaute die Hände in seiner schwarzen Jeans und sah mich erwartungsvoll an. Was erwartete er von mir? Dass ich endlich die Flucht ergriff? Er kannte mich zu dem Punkt noch nicht richtig, wusste noch nicht, was er mir tatsächlich bedeutete – und ich wusste es auch nicht so recht.

Doch zu seinem Erstaunen blieb ich und schloss meine Arme fest um seine Mitte.

„Mir egal, ob du gut oder böse bist, Keisuke", gestand ich ihm mit der Ehrlichkeit meines holprig schlagenden Herzens und sah ihm direkt in die Augen, „ich werde immer alles dafür tun, um dich lächeln zu sehen. Du bist schließlich ein Teil meiner Welt und wirst es immer bleiben."

Er schwieg, und ich verstand, dass Gefühle nicht so sein Ding waren. Er schlang nur seine Arme um mich, presste mich achtsam an sich, und platzierte sein Kopf auf meinem Haaransatz ab. Das genügte mir. Seine Nähe genügte mir, das geborgene Gefühl genügte mir, es genügte mir, zu fühlen, wie ich von ihm zusammengehalten wurde. Das war alles, was ich in diesem schönen Moment fühlen wollte. Die Welt hielt in seinem Armen an und das einzige, was sich drehte, waren meine Gedanken um ihn.

Eine Sache flüsterte er allerdings, die für ihn die wichtigste schien: „Lass mich diesen Moment bloß nicht vergessen, okay?"

Und ich versprach ihm: „Niemals, Keisuke."

Er hat ihn nicht vergessen, aber ich habe es.

Ich bin schon dabei zu zerfallen, und mir fehlt es an allem, um mich an diese Welt zuhalten.

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