behind your art.
Doch kaum betritt Kazutora den Raum, stürzt sich Chifuyu auf und stellt sich vor mir.
„Verpiss dich, Alter!" knurrt er den anderen Jungen an, „halt dich endlich von ihr fern!"
„Nanu?" Kazutora legt den Kopf schräg und sieht zwischen mir und Chifuyu her. Letztlich bleiben seine stierenden Wolfsaugen an mir hängen und sehen mir genaustens zu, wie ich mich aufrichte. „Ich habe dich überall gesucht. Hatte ja schon die Befürchtung, jemand hätte dich verschleppt. Und du..." Er wandert weiter, wieder zu Chifuyu. Seine Mimik verdunkelt sich, als hätte man das Licht darin ausgeknipst. „Du bist derjenige, der sich hätte schon längst verpissen sollen. Niemand von Toman hat hier etwas in unserem Revier zu suchen. Pass auf, dass ich dir nicht auch noch eine verpasse, Junge! Aber ich werde dir richtig das Hirn rausschleudern!"
Chifuyu belächelt nur seine Drohung. „Kein Problem. Mit dir Arschloch kann ich es immer aufnehmen."
„Das könnte interessant werden." Tomoko setzt sich mit den zwei Pizzen zurück auf die Theke. Eine Schachtel legt sie neben sich, die andere bleibt auf ihren Schoß und wird geöffnet. Sie bleibt völlig ruhig - ich leider nicht.
Vorsichtig hake ich meinen Arm um den meines besten Freundes, um ihn bei seiner sichtlich ungleichen Balance zu helfen. Er würde keinen Kampf gegen Kazutora gewinnen. Nicht so. Es wäre mir lieber, wenn es so weit erst gar nicht kommt. „Wir sollten nach Hause gehen, Fuyu", schlage ich deswegen vor und blicke ihn bittend an. „Ich hab' noch genug Geld für ein Taxi bei mir."
Zu meiner Enttäuschung blendet er mich aus. „Ich sage es dir nur einmal: Halt dich von ihr", warnt er Kazutora mit einem grollenden Zorn in der Kehle, der nicht von heute auf morgen entstanden ist. Diese Art von Zorn rumort schon lange in ihm. Aber warum? Was hat Kazutora angestellt, dass Chifuyus schimmerndes Eis so aufbricht, dass eine alles einfrierende Kälte den Raum erfüllt?
Kazutora grient. „Und wenn nicht? Gehst du zu Baji-san und verrätst mich?" Der unheilvolle Klang seines Glöckchens schallt durch Knochen und Mark und beißt härter zu als Chifuyus Kälte.
„Für so feige hältst du mich also?" Chifuyu hebt selbstbewusst und furchtlos das Kinn, als wäre er sich zweifelsohne sicher dabei, gerade das richtige zu tun. Als hätte er nur auf diesen Moment gewartet, um mir zu zeigen, wer er wirklich ist. „Ich muss dich enttäuschen, das bin ich nicht." Seine nächsten Worte spricht er bissig aus; wie ein animalisches Knurren. „Solltest du es wagen, Saejin nochmal so in Gefahr zu bringen, werde ich meine Selbstkontrolle nicht weiter aufrechthalten. Schon jetzt würde ich dir all deine verdammten Zähne ausschlagen, weil du sie wirklich hierhergebracht hast! Aber nun habe ich auch begriffen, dass wir beide nicht das gleiche Ziel verfolgen."
Er hält kurz inne und blickt zu mir. Sein Gletscher ist sternenleer vor Wut. Dennoch tobt seine Stimme nicht, er klingt mehr gefasster als er sein muss. „Du hast nur Rache im Kopf. Aber Baji-sans Wohl ist dir dabei gleichgültig..." Auf einmal befreit er seinen Arm von meinem und nimmt mich am Handgelenk. Sein Puls vibriert gegen meinen. „Wir sehen uns an Halloween. Und ich sag dir's jetzt schon: Stell dich mir bloß nicht in den Weg, wenn ich ihn zurück nach Toman hole." Rasch führt er mich an der Hand an Kazutora vorbei - doch dieser lässt uns nicht so leicht vorbei.
„Nicht so schnell." Er stellt sich uns direkt in den Weg. Seine Brauen zucken, seine Zähne knirschen wie Eis, das er zu gebrechlichen Schneeflocken malmt. „Du vergisst dabei das wichtigste, Matsuno: Er hat sich uns freiwillig angeschlossen. Er und ich... wir werden Toman vernichten, bis auf den letzten Mann. Sowie früher. Und wenn du es sein wirst, wird es mir ein Vergnügen sein, mit meinen Händen dir den letzten Atemzug aus der Kehle zu pressen."
Diese Version von Kazutora macht mir wirklich Angst. Es ist beängstigend zu beobachten, wie das Irrlicht in seinem Wald erlischt. Plötzlich und nicht aufzuhalten. Es wird einfach zerquetscht. Das wahre Grauen offenbart sich; der Schatten, der sich die letzten Male vor mir versteckt, entfaltet sich und zerreißt mit einem Mal meine Sicht auf ihn. Ich kann kaum atmen, weil die Luft nur aus Finsternis und Niedertracht besteht.
Chifuyu grinst ihn verschmitzt an und nähert sich ihm bedrohlich nahe. „Wir werden sehen, wer am Ende am Boden kriechen und um sein Leben betteln wird. Ich habe wirklich gedacht, du wärst ein korrekter Kerl und würdest Baji-san so respektieren wie ich - aber du bist nicht mehr als ein Verräter. Ein Lügner. Du hast nie richtig zu Toman gehört." Er baut sich zähnefletschend vor ihm auf. „Du hättest im Knast bleiben sollen. Bei deinen Gleichgesinnten."
„Chifuyu!", japse ich geschockt. Ich kenne dieses Funkeln in seinem Gletscher nicht. Vielleicht, weil ich diese Version von ihm noch nie erlebt habe. Er ist wie ein brodelnder Vulkan. Kurz davor, auszubrechen. Unwillkürlich klammere ich mich an seinen angespannten Oberarm zurück und kneife fest hinein, um ihm zu verdeutlichen, dass er bitte damit aufhören soll. Aber diese dunkle Version von ihm ist unerreichbar.
„Hätte ich das, ja?" Kazutoras Kiefer malmt. Strahlen seines geladenen Hasses bewegen sich förmlich zwischen uns. Bald hätte Chifuyu ihn geknackt, nein, entfacht. Und ich weiß zur Hölle nicht, wie ich dann agieren soll, ohne mich dabei in zwei zu reißen. Verächtlich hebt er das Kinn an. „Ich habe dort ein paar tolle Kerle kennengelernt. Wie wäre es, wenn ich sie dir vorstelle? Und dann können wir nochmal darüber reden, wer wirklich der bessere Freund von Baji ist. Solltest du bis dahin noch reden können."
„Was für ein Schlappschwanz du bist", spuckt Chifuyu verachtungswürdig aus. „Brauchst du wirklich Hilfe, um es mit mir aufzunehmen? Davor noch große Töne geflötet, aber jetzt ziehst du den Schwanz plötzlich ein? Tsk. Kein Wunder hat Baji dich nie erwähnt."
Hör auf, hör auf! Nochmals zerre ich an seinem Arm, aber er schiebt mich mit Leichtigkeit weg. Und genau da rufe ich mir ins Gedächtnis zurück, dass ich diesen Chifuyu nicht aufhalten kann, dass dieser Chifuyu ein Gangmitglied ist und schon hunderte Kämpfe gewonnen hat. Er kennt die Kraft in seinen angespannten Sehnen und wozu er fähig ist. Hingegen zu mir, die nur Gerüchte und Erzählungen darüber gehört hat.
Mir wird schwindelig, als ich ins Kazutoras Gesicht schaue. Dort ist es so dunkel. So dunkel wie ein Nachthimmel ohne Sterne, wie das Ende der Hoffnung. Sein Hass kocht höher denn je.
„Ich wollte dir einen Gefallen tun. Es ist leichter jemand umzubringen, wenn ihn jemand anderes festhält. Könnte dir einiges an Schmerz ersparen, aber ich würde es auch lieben dich Penner leiden zu sehen." Hasserfüllt starrt er meinen blonden Freund an. „Ich weiß gar nicht, was dich die Sache mit Baji-san und mir überhaupt angeht. Hast du nicht kapiert, dass du ihn einen Scheiß interessiert?"
Chifuyus Atem verlässt ihn zischend und laut. „Falsch. Ich bin sein bester Freund. Schon seit vielen Jahren. Aber du..." Seine Mundwinkel steigen selbstsicher in die Höhe. „Du wirst mich nie von diesem Thron stürzen können."
Das ist nun genug.
„Hört jetzt auf!", spreche ich harsch aus und kann mich an Chifuyu vorbei manovieren. Auch, wenn ich mich damit in eine gefährliche Situation bringen könnte, habe ich keine Lust mehr, ihrem Streit weiter zu verfolgen. Auch, wenn ich nicht viel ausrichten kann. Wieso ist es ihnen so wichtig, wer Keisuke mehr mag? Das ist mehr Kindergarten als eine wirkliche Auseinandersetzung, wie ich sie mir unter feindlichen Gangmitgliedern vorgestellt habe. „Ihr benehmt euch...", will ich ansetzen, doch der zurückhaltende Wall von Kazutora stürzt im selben Moment zusammen.
„Ich zeig dir, wie schnell ich dich von deinem Thron stoßen kann, du mieser Bastard!" Er holt plötzlich zu einem Schlag aus - und mein Herz schreit mit mir auf, als die Härte seiner Faust mein gesamtes Trommelfeld für einige Sekunde aussetzt. Ich taumle zurück, ein Piepsen ringt in meinen Ohren. Dann stolpere ich über die Beine, Halt verlässt mich ruckartig. Unachtsam lande ich auf den Boden, aber das tut nicht so weh. Meine Wange pocht, pulsiert, kocht, und wie sie kocht. Sie kocht und pocht, kocht und pocht, und ich weiß nicht, was auf einmal vor sich geht.
„Fuck, mann, was ist eigentlich los mit dir?" Chifuyu fängt zu fluchen an. „Wie kannst du ein Mädchen schlagen? Bajis Mädchen?" Aber ich kann nichts sehen, außer das grelle Licht zweier Autoscheinwerfer. Sie blenden mich, holen mich. Aber ich fühle mich noch nicht bereit dazu. Mein Kopf dröhnt enorm, ihre Stimmen dringen wie gepresst zu mir durch. Ich bemühe mich darum, diese verfluchten Bilder zu verdrängen, versuche, mein Bewusstsein aufrecht zu erhalten. Und wundersamerweise schaffe ich es wirklich schnell zurück.
„Sie hat sich vor dich gestellt!", verteidigt sich Kazutora feixend, „es ist deine Schuld. Du hast mich provoziert. Der Schlag war für deine unerträgliche Fresse angedacht."
Als ich die Augen wieder öffne, hat ihn Chifuyu bereits am Kragen seines Shirts gepackt und zu sich herangezogen. Immerhin - die Kälte seines Gletschers ist aufgeweicht. Allmählich gibt seine Dunkelheit nach, gibt sie mir zurück; meine Lieblingsversion von ihm.
„Versuchst du es gerade wirklich auf mich zu schieben, Hanemiya?", fragt er ihn, zwischen Zorn und Entsetzen schwankend. „Du bist doch derjenige von uns beiden, der sich nicht unter Kontrolle hat." Eine Lawine baut sich in seinen Emotionen auf, die auch ihn zu begraben droht.
Kazutora sieht zu mir, und sein Wald ist ein tiefes, schwarzes Loch, das bereits seine ganze Seele verschlungen hat. Fast drohe ich hineinzufallen. „Wenn das so ist, wieso hast du dann nicht auf sie gehört?", murmelt er und legt seine Hand um Chifuyus Faust. „Du hättest es verhindern können", sagt er kalt, lockert seinen Griff mühselig, „aber du wolltest lieber mir beweisen, wer der bessere Freund für Baji-san ist. Aber wenn wir beide doch mal ehrlich sind, ist das niemand von uns beiden. Wir alle stoßen ihn irgendwann in den Rücken."
Chifuyu knurrt auf. „Wenigstens will ich niemand Unschuldiges umbringen! Wenn Baji-san hier von erfährt, wird er dich-"
Plötzlich packt ihn jemand an der Schulter und zerrt ihn stürmisch von Kazutora weg. „Genug jetzt, ihr Hormonidioten!", schreit Tomoko nervös, „in meinem Behandlungszimmer erlaube ich keine Schlägereien. Wenn ihr euch prügelt wollt, macht das draußen. Aber ich werde keinen von euch verarzten. Hormongesteuerte, dumme Aktionen unterstütze ich nicht!" Sie verschränkt die Arme vor der Brust, stellt sich wie ein Damm zwischen den beiden stürmenden Fluten. Ihr böser Blick ist entmächtigend.
Die beiden Jungs schnappen gleichzeitig nach Luft. Ihre Muskeln beben, zittern, aber es scheint so, als würden nur die Fetzen des sinkenden Adrenalins dafür verantwortlich. Sie sehen sich an, und ich weiß nicht, was gerade in ihren Köpfen vorgeht, ob sie klardenken oder mit sich selbst kämpfen, doch das Vertrauen, das sie einander gehegt haben, hat sich aufgelöst. Gefolgt von einem Schmerz der Enttäuschung, der sich in ihren Augen zu einer zerstörerischen Wut umgewandelt hat. Eine Wut, die sie nur mit Mühe unterdrücken können.
Was ist zwischen den beiden vorgefallen? Es steckt mehr dahinter als Bajis Verrat an Toman. Schon an meinem Geburtstag haben die zwei sich so merkwürdig benommen. Als wäre es bereits da schon zu einer Auseinandersetzung gekommen. Lediglich ohne Gewalt.
Ich fasse mir an die Wange und fühle es unter meinen Fingerkuppen, wie meine Haut anschwillt. So viel Kraft steckt also hinter Kazutoras Schmerz. Er ist gewaltig - aber auszuhalten. Solange ich dadurch Schlimmeres verhindert habe, kann ich den Schmerz dafür akzeptieren. Kann etwas Gutes darin sehen, was ihn leichter zu ertragen macht. Ich wünsche mir, in jedem Schmerz würde etwas Gutes verstecken. Aber leider kann auch so mancher Schmerz einen auf Ewig brechen. Sowie der von Kazutora.
„Lass mich mal sehen, Süße." Tomoko kniet sich augenblicklich zu mir hin, um mit ihren Schokoaugen die pochende Stelle gründlich zu studieren. Ich kann ihr nicht viel ablesen, abgesehen von Sorge und Konzentration.
„Ist es arg schlimm?", frage ich sie leise.
„Mhm, sieht nach einem fiesen Blutergruss aus", spricht sie stattdessen laut aus. Mir entgeht es nicht dabei, wie da dieser Ton von Ärger und Schuldzuweisung mitschwingt, während sie dabei die zwei jungen Männer mit ihrem Blick zu erdrosseln versucht. „Nun steht nicht so dumm herum, bringt mir meinen Koffer!", keift sie sie an.
Chifuyu reagiert und setzt sich neben mich, nachdem er Tomoko den besagten Koffer gegeben hat. Er nimmt meine Hand in seine, die Lawine in seinem Gletscher friert ein, als Kummer darüber stürzt. Schwach funkeln die Sterne hinter der Eisdecke. „Nächstes Mal lässt du mich den Schlag abfangen", jault er betrübt, „es ist meine Pflicht, dich zu beschützen, Saejin."
Auch wenn es den Schmerz in der Wange verstärkt, lächle ich ihn ernüchternd an. „Ich habe nicht dich geschützt, Chifuyu, sondern ihn."
Kazutoras Wolfsaugen flackern bei meinen Worten. Er schweigt, senkt den Blick, kämpft mit sich und vielmehr, das sich hinter den Schatten seines Waldes abspielt. Er hat gedacht, die anderen Mitglieder der Gang könnten mir irgendwas antun, aber am Ende ist es seine Faust gewesen. Sein Zorn und Schmerz, der ungeahnt auf mich geprallt ist. Ich kann es ihm ansehen, wie sehr mit dieser Tatsache zu kämpfen hat und wie sich seine Dunkelheit daran klammert.
„Er ist gefährlich." Es ist nicht das erste Mal, dass man mich vor ihm warnt. „Du solltest niemand beschützen, der eine Gefahr für dich darstellt."
Er ist nur eine Gefahr für sich selbst, wäre die richtige Antwort gewesen, aber anstelle davon entgegne ich: „Ich werde Keisuke nichts verraten."
Tomoko entweicht darüber ein entrüstetes Schnaufen. In der Zwischenzeit hat sie bereits die richtige Salbe herausgesucht und hält mir die weiße Tube hin. „Es wäre besser, du würdest es. Dann würde wenigstens mal einer den beiden die Faust der Vernunft zeigen."
Die Creme kühlt den pochenden Schmerz in meiner Wange, als ich sie in kreisenden Bewegungen einmassiere. Nur nicht der, der mein Herz in derartig schwere Ketten legt, dass es sich wie eine unerträgliche Belastung anfühlt. „Ich glaube lieber daran, dass sie selbst daraus etwas lernen", widerspreche ich ihr.
Sie sieht mich anzweifelnd an, dann grinst sie abrupt. „Du bist wirklich verrückt, Saejin. Ich würde nicht so ruhig bleiben."
„Dafür hast du friedlich deine Pizza gefressen, als man hätte noch eingreifen können", erinnert sie Chifuyu gereizt. Im nächsten Moment kuschelt er seinen Kopf an meine Schulter und seufzt beschwerlich aus. „Ich fühle mich plötzlich so müde..."
Tomoko verengt die Augen. „Tja, das kommt davon, wenn man sich überlastet. Außerdem: Ich habe gedacht, du wärst vernünftiger als die meisten Gangmitglieder. Aber, Fehlanzeige." Sie schüttelt den Kopf und packt ihren Arzneikoffer zusammen. „Ein weiteres Stück Pizza könnte ich nach dem Vorfall gut vertragen. Und du, Saejin?"
Chifuyu versinkt in Schweigen, schließt lieber das gesunde Auge. Wenn er hier einschläft, werde ich wohl oder übel noch länger in dieser Hölle festsitzen. Aber ohne ihn werde ich unter keinen Umständen gehe. Da finde ich Tomokos Vorschlag sehr erfreulich.
„Ja, bitte", antworte ich ihr knapp.
Zufrieden reibt sie sich die Hände zusammen und richtet sich auf. Ihre honigwarme Schokoaugen gleiten zu Kazutora. Wieso ist er noch hier? „Und du? Spielst du noch eine Weile Schaufensterpuppe oder willst du auch ein Stück? So nett wie sie ist, teilt sie auf jeden Fall ihre Pizza mit demjenigen, der ihr die Nase hätte brechen können." Ihr frecher Unterton kitzelt mein Herz. Sie erinnert mich an jemand. Jemand mit vier Pfoten. Meine pelzige Freundin.
Sayuri.
Immer, wenn ich an sie denken muss, wird es mir ganz warm in der Brust. Plötzlich vermisse ich sie schrecklich. Ich muss ihr unbedingt sagen, was ich heute herausgefunden habe. Aktuell fühle ich mich besser als heute Morgen, fast so, als wäre ich doch noch einen Schritt vorangekommen und nicht zurückgefallen.
Kazutora blickt mich an. Da ist es wieder, das trübe Irrlicht. Klein, aber flimmernd spaltet es seinen Wald, spaltet seine Seele von der Dunkelheit. Das hätte ich nicht erwartet. Ich empfinde Freude und Behaglichkeit bei diesem Anblick. Das sollte ich aber nicht. Ich sollte mich vor ihm fürchten, vor dem Monster, das in ihm lauert. Doch ich kann mein Empfinden nicht lenken, und da begreife ich: Er gehört sehr wohl in unser Universum. Er mag sich aufgegeben haben, aber ich nicht ihn.
Irgendwo sticht es, als ich realisiere, dass mein bester Freund mich dafür verabscheuen könnte. Für ihn ist er ein Dorn im Auge. Wenn ich es nicht selbst gehört und gespürt hätte, würde ich nicht glauben, dass sie sich gegenseitig verletzen könnten. Vielleicht wird es besser, sobald die Sache mit Keisuke gutausgegangen ist. Hoffentlich wird sie das auch. Diesbezüglich bin ich tatsächlich positiver gestimmt, denn ich bin felsenfest davon überzeugt, ihn noch retten zu können. Ich muss nur herausfinden, wer der Spitzel ist.
Kazutora wendet sich zum Drehen, die zittrigen Fäuste in der Hosentasche vergraben, als ich mich endlich zu Wort melde: „Kommt darauf an, ob er weiß, wo wir noch eine Dr. Pepper herbekommen. Eine Pizza ohne Dr. Pepper ist nicht dasselbe."
Er muss es mir nicht zeigen. Ich kann es spüren, die Leichtigkeit in seinem Herzen und wie seine Lippen sie nach außen austragen in der Form eines Lächelns. „Bin gleich wieder da", sagt er atemlos, als hätte er die letzten Minuten die Luft angehalten, und verschwindet.
„Ich weiß nicht, was ich von diesem Kazutora halten soll." Als ich aufmerksam zu Tomoko sehe, lehnt sie gegen die Theke und nimmt einen Bissen von ihrem Pizzastück. Nachdenklich kaut sie darauf herum. „Er hat gruselige Vibes um sich herum. Schon immer. Was ich von den anderen Mitgliedern über ihn gehört habe, macht es nicht besser." Jetzt treffen sich unsere Blicke.
„Was denn?", hake ich gespannt nach. Das Wichtigste sollte ich bereits über ihn wissen, aber gegen mehr Informationen habe ich nichts einzuwenden.
Beunruhigt mustert sie den Bluterguss in meinem Gesicht, als könnte sie mir die nächsten Worte nicht direkt übermitteln. „Er ist skrupellos. Soll wohl seinen eigenen Mitgliedern die Knochen brechen, damit sie es nicht wagen, ihn zu verraten." Als würde sie die Vorstellung davon vor Augen haben, schüttelt sie den Kopf. „Ich würde mit ihm nicht allein in einem Raum sein wollen. Du musst aufpassen, Süße. Es bringt nichts, deinem Freund zu helfen, wenn du dich dabei selbst in Gefahr begibst."
Selbstverständlich ist es nicht falsch, vorsichtig zu sein. Nur ist Kazutora längst keine Gefahr mehr für mich. „Er wird mir nichts tun", versichere ich ihr überzeugt.
„Mhm, ja." Sie rollt mit den Augen und zeigt mit dem Pizzastück auf mein Gesicht. „Natürlich nicht."
„Das war nicht gewollt", beiße ich mir in die Wange, weiche unterdessen ihrem zuckenden Brauen vor Unglauben aus und schiele zu Chifuyu. Inzwischen ist er eingenickt. Was hat er damit gemeint, dass er Kazutora wieder an Halloween sehen wird? Was ist an Halloween, warum sich die zwei Gangs begegnen werden? Es ist nicht das erste Mal, dass die Gangs darüber sprechen. Mikey hat schonmal darüber geredet, über einen Kampf an Halloween gegen Valhalla. Gerne hätte ich Tomoko gefragt, ob sie mehr darüber weiß - aber ich kann nicht sagen, wie sehr sie in die Angelegenheiten der Gangs involviert ist.
Ein Versuch ist es allerdings wert. Es betrifft schließlich mein letzter Tag als Mensch.
„Hast du eine Ahnung, was an Halloween sein wird?", frage ich sie also.
Sie denkt nicht wirklich darüber nach - was aber nichts Schlechtes zu heißen hat. „Soweit ich es vorher mitbekommen habe, wird dort ein Machtkampf zwischen Valhalla und der Tokio Manji Gang stattfinden. Valhalla hat sie herausgefordert."
Mir weicht die gesamte Wärme aus dem Gesicht. Es stimmt. „Sie bringen sich gegenseitig um?"
„Was?" Tomoko fängt zu lachen an und schiebt das Stück Pizza zurück in den Karten hinter sich. „Keiner bringt sich um. So läuft das nicht." Sie stemmt sich eine Hand in die Hüfte. „Sie kämpfen so lange, bis alle aus einer Gang nicht mehr können oder einer von ihnen aufgibt. Die Gewinner dürfen eine Forderung stellen. Meistens geht es um das Revier der anderen."
„Und es wird wirklich niemand getötet?"
„Es werden keine Waffen eingesetzt", versichert sie mir. „Die meisten kommen mit einem gebrochenen Arm oder Bein davon. Das ist kein Massenmassaker, das ist wie ein Spiel für sie."
Ich kann es nicht fassen. Ausgerechnet an Halloween. Der letzte Tag, der mir noch bleibt, um Keisuke zu retten. Genau da findet dieser Kampf statt. Das muss es einfach sein. Keisuke wird bei diesem Kampf sterben. Es gibt keine Ausnahme. Jemand von Valhalla oder Toman wird ihn umbringen, und die Chance ist hoch, dass es der Spitzel ist, nach dem er sucht.
Es ist sein Schicksal, für seine Freunde zu sterben.
Jetzt ist mir die Bedeutung dieses Satz glasklar.
20 Tage bleiben mir, um die Identität des Spitzels ausfindig zu machen. Und wenn nicht, muss ich an Halloween Keisuke dazu zu bringen, bei mir zu bleiben. Wenn er nicht an diesen Machtkampf teilnimmt, wird er auch nicht sterben. Das ist viel zu einfach, um es wahrzuhaben. Auf einmal soll es so leicht sein Schicksal ändern zu können? So sehr ich mich daran festklammern möchte, rät mir meine Intuition dazu, es nicht zu tun. Schließlich wird Mamoru alles dafür unternehmen, um mich daran zu hindern.
Aber er wird mich nicht brechen.
Nicht nochmal.
。☁︎。 ☀︎ 。☁︎。
„Schmerzt es sehr, Kleines?" Kazutora lässt die Unsicherheit der letzten Minuten komplett fallen, indem er mir eine Dr. Pepper gegen meine angeschwollene Wange drückt. So fürsorglich, dass ich mich frage, wie es sein kann, dass er sich freiwillig der Dunkelheit geopfert hat.
Sobald er mit einer gefüllten Plastiktüte den Raum betreten hat, ist Tomoko gegangen. Davor haben wir uns noch über der Herr der Ringe unterhalten und festgestellt, dass wir beide in Mittelerde am liebsten Hobbits wären. Wobei sie sehr stark über Legolas geschwärmt hat. Aber die Moral und Lebensart der Hobbits hat uns beide einfach mehr angesprochen. Wir würden beide den ganzen Tag nur schlafen und essen. Ohne Verpflichtungen im Nacken. Wie Katzen.
Hat sie wirklich Angst vor ihm? Ich kann nicht garantieren, dass er nicht doch jemand wehtun würde. Wenn er schon seinen Mitgliedern die Knochen bricht, will er mir nicht vorstellen, wozu er noch fähig ist. Außer Mord.
„Es geht." Ich blinzle ihn grübelnd an, aber die gekühlte Dose hilft tatsächlich gegen das Pochen. Chifuyu habe ich mit Tomoko wieder zurück auf die Matratze gelegt, nach einer Weile hat mir die Schulter wehgetan. Sie hat mir noch die Kühlungscreme gegeben und ihre Handynummer. Falls ich mal ins Kino möchte. Was ich vorhabe, sobald ich ihr wirklich eine Freundin sein kann. Eine gute Freundin, die sie nicht nächsten Monat verlassen wird. Ich möchte meine allererste Freundin nicht enttäuschen. Ich habe es schon mein Leben lang ohne ausgehalten, einen Monat werde ich noch warten können. Selbst wenn ich schon bei dem Gedanken daran aufgeregt werde und mein Herz wild tanzt.
Wieso muss ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt mein Leben diese Wendung nehmen? Es ist unfair, wie ich diese Sehnsüchte nicht genießen kann, ohne befürchten zu müssen, dass sie zeitlich begrenzt sind, dass ich noch mehr Herzen breche, wenn ich es nicht schaffe.
Kazutoras Wolfsaugen suchen mich ab, zwischen unseren Körpern der leere Pizzakarton - doch sein Arm ist lang genug, um die Dose weiterhin gegen meine Wange zu pressen. „Wieso bist du abgehauen? Baji-san hätte sich gefreut, dich zu sehen."
„Das hätte er eben nicht, Kazutora", entgegne ich hart, „es hätte ihn das Herz gebrochen, mich dort zu entdecken. Und das, wenn er Chifuyu die halbe Birne zerschlägt."
„Also mir hat es Spaß gemacht", grinst er dunkel und neigt den Kopf zur Seite. „Bist du wütend auf mich? Oder auf dich selbst, weil du mit mir gekommen bist?"
„Ich bin nicht wütend." Intuitiv schließe ich die Augen, denn der eindringliche Blick seiner Wolfsaugen geht mir zu tief in die Seele. Zu tief in den Riss, der unser Universum vernichten könnte. „Ich versuche nur zu verstehen, warum du das getan hast. Hast du wirklich gedacht, mir könnte das helfen?"
Die Dose zittert gegen meine Wange. Er atmet laut ein und aus, angespannt.
„Ich wäre froh darüber gewesen, wärst du gegangen."
Entsetzt schlage ich die Lider auf.
Sein Gesicht ist zu traurig für seine letzten Worte. Es passt nichts zusammen. Nicht die Weise, wie er atmet, als würde er es von meinem abschauen; nicht die Weise, wie er mich anschaut und dabei vergisst, selbstständig zu atmen; und nicht die Weise, wie sein Irrlicht nach mir greift, so gequält, als würde er sich von etwas losreißen und dabei noch härter fallen. „Du solltest Angst haben und mich hassen. Du hättest weglaufen sollen. Aber du bist geblieben und hast sogar deine Pizza mit mir geteilt. Das macht mich krank." Rasselnd lässt er Luft heraus. „Ich kann nicht geflickt werden."
Ich kann mich an diesen Kazutora nicht gewöhnen. Werde es nicht. Er ist so verwundbar und scheint nicht damit umgehen zu können. Es raubt mir fast die Stimme, als ich die Augen öffne und die Wahrheit ausschütte ohne Vernunft und Stopp. „Du brauchst nicht geflickt zu werden. Ich möchte niemand anderes aus dir machen, um dich anschließend akzeptieren zu können. Ich akzeptiere dich so wie du bereits bist. Ich kenne dich besser als du glaubst. Deinen Schmerz habe ich gesehen. Er ist mir vertraut." Er sagt nichts, seine Brust hebt und senkt sich. „Mich interessiert es nicht, was andere über dich sagen", offenbare ich ihm, „ich glaube daran, dass du eine gute Person bist. Sowie du gerade vor mir sitzt und dich um meine Verletzung sorgst, Kazutora."
Er lehnt sich zurück, die Dr. Pepper fällt mit seiner Hand zu Grunde. Schweigen. Dann hört er sich so ängstlich an, als wüsste er selbst nicht, was er gerade denkt und redet. „Glaubst du, ich könnte ein Held sein?"
Durch die Frage fühle ich mich in die Zeit zurückversetzt. Hat er nicht mal behauptet, er würde ein Held werden, indem er seinen Feind tötet? Denkt er mittlerweile nicht mehr so darüber? „Willst du das denn sein?", frage ich ihn achtsam.
„Nein." Bei meinem Stirnrunzeln muss er lachen, und es mehr ist ein Herzreißen als ein Lachen. „Ich könnte diese Moral niemals erfüllen, die man von einem Helden erwartet. Ich hause in Dunkelheit. Ein Leben lang schon. Manchmal...", hält er an und blickt zu Chifuyu auf der Matratze. „Manchmal denke ich darüber nach, wie es wäre, wieder jünger zu sein. Ein Teil von Toman zu ein. Toman hat sich für mich immer mehr wie ein Zuhause angefühlt. Ich wollte nie nach Hause."
Bevor mein Hirn reagieren kann, ist der Pizzakarton hinter mir und mein Schuh an seinen gerutscht. Ich bin ihm so nah. So emotional nah, dass es mich verrückt macht, wie ich gerade über ihn denke. Vor mir sehe ich mich selbst hocken, missverstanden, ausgestoßen, seelisch geschädigt, und nicht mehr als jemand, der keine Chance im Leben erhalten hat, um sich zu beweisen. Viele hassen ihn, viele wissen nicht, was sie vom ihm halten sollen. Es wirkt so normal, ihn zu hassen. Aber genau das bricht ihn zu sehr.
Weil er wirklich glaubt, dass es richtig so ist. Hass ist sein Lebenselixier.
Vehement presse ich die Lippen aufeinander. „Darf ich wissen, was mit deinen Eltern ist?" Ich halte es für unwahrscheinlich, dass er mit mir über seine familiären Verhältnisse sprechen möchte. Trotzdem sollte er wissen, dass ich es gutmeine, dass er mich interessiert. Ob seine dunkle Seite, sein verlorenes Irrlicht, oder sein Schmerz; alles, was ihn zu dem macht, wer er ist.
Er blickt zu unseren Schuhen, seine Wolfsaugen verloren im Nirgendwo. „Das kann ich dir nicht sagen. Ich habe sie schon lange nicht mehr gesehen. Es fühlt sich besser an, wenn ich mir vorstelle, keine zuhaben." Seine Finger beginnen zu zittern an, als sie über meine Schuhspitze streichen. Weiter wandern, zu den Schnüren. „Irgendwie... befreiender."
„Und wenn du welche hättest?", frage ich vorsichtig.
Als würde er in einer Pfütze seines Schmerzens zu versinken drohen, hält er sich an den Schnürsenken fest wie an einem rettenden Ast, dem ich ihm auf der anderen Seite hinhalte.
„Dann fühle ich immer noch dieselbe Leere. Doch ihre Existenz und Ignoranz zerquescht mich zurselben Zeit." Ein Schauer überkommt mich, als er mit den Fingerspitzen meinen Handrücken berührt. Darüber streicht. Bedacht, kaum bemerklich, als hätte er Angst davor, ich könnte unter seiner Berührung zerbrechen. Sowie er. „Ich weiß nicht, wen ich mehr von den beiden hasse. Mein gewalttätiger Dad, der sich in seinen schicken Anzug versteckt, meine Mom, für die ich keine wichtige Rolle spiele. Jedenfalls nicht gut genug, dass sie je einen meiner Geburtstage mit mir verbracht hat, oder dieses kratzende, nervige Gestrüpp, was sie als Familie bezeichnen. Auf der Straße ist es lange noch nicht so kalt wie in unserem Apartment."
Seine Augen werden kalt und dunkel, so wie in dem Moment, als er Chifuyu einen verpassen wollte.
„Das ist schrecklich", murmle ich bestürzt und beiße mir so fest in die Lippe, dass ich Blut schmecke.
Ich glaube, ich muss seine Hand genommen haben, weil ich eine Wärme in ihr einhülle, die in einen Tornado übergehen kann. Eine Wärme der Wut und des Schmerzens. Und, obwohl sie nicht mir gehört, zündet sie dennoch in mir. Ich fühle mich eigenartig. Weil, so unterschiedlich unsere Familie sind, so gleich ist unser Bedürfnis nach elterlicher Liebe und Halt. Nur habe ich sie gefunden. Wieder gefunden. Für ihn gibt es sie schlicht und ergreifen nicht. Diese Tatsache erschlägt mich zutiefst.
„Toman war mein Zuhause. Ich habe ihnen vertraut. Allen. Aber dieses Vertrauen ist am selben Tag verschwunden, als sie mir in den Rücken gefallen sind." Das erzürnte Glühen seiner Wolfsaugen ist flackerig. Etwas schwirrt darin und lechzt nach Umarmung, nach Nähe, nach Sicherheit. Nun erkenne ich es mit offenen Augen: Sein Irrlicht will nicht gefunden werden, es will geliebt werden. „Baji-san hat mir als einziger Briefe geschrieben, als ich...", schwerschluckend hält er mitten im Satz an, „fortgewesen bin."
Selbst er möchte es mir nicht erzählen. Inzwischen habe ich das Rätsel lösen können, wer durch den Vorfall in ihrer Vergangenheit am tiefsten gefallen ist. Während Keisuke sich schuldig fühlt und glaubt, für sein Leid und Werdegang verantwortlich zu sein, ist es Kazutora, der Hass und Dunkelheit einatmet und nicht wieder herauslässt. Langsam erstickt er daran.
Er sieht mich eine Weile nur an, eine Trübheit in den Zügen, die ich so schnell nicht durchbrechen kann, ehe sein Blick fällt. „Wie kommst du eigentlich damit klar?" Zuerst merke ich nicht, dass er meine kaputte Hand genommen hat und mit dem Daumen über die filigranen Narben streicht - doch seinen Worten und Augen folgend, hämmert der Schlag meines Herzens so panisch, dass er in meinen Ohren das Blut kreiselt.
„Was meinst du?", flüstere ich.
Das dunke Flackern seiner Wolfsaugen ähnelt einem aufziehenden Gewitter am frühen Morgen. Diese Art von Gewitter, die mit dem Aufsteigen der Sonne einen brutalen Kampf an der Himmelsdecke ausfechtet, darüber, welche Gewalt über den Horizont herrscht. „Dass dir jemand das Leben ruiniert hat", meint er hart.
Häufig gewinnt die Sonne.
Aber in anderen Fällen auch das Gewitter. Wenn es siegt, ist die Welt in einem Mantel von Dunkelheit und Gefahr gefangen. Es stürmt, es regnet, es blitzt; und solch eines regiert gerade mein Herz.
„Mein Leben ist nicht ruiniert", versuche ich ihm zu erklären, aber ich weiß nicht, warum ich auf einmal so heiser klinge. „Es ist ein Unfall gewesen. Und es ist meine Entscheidung gewesen, die Katze zu retten. Mein Leben ist nur ein bisschen angekratzt davon..." Ich versuche einen Fitzel von Luft einzufangen, der nicht von Elend erfasst ist. Ich scheitere. „Aber einer meiner Träume ist in dieser Nacht gestorben."
„Erzähl mir von diesem Traum." Die Trostlosigkeit in seiner Stimme bringt mich zum Aufblicken. Direkt in das unsichere Flimmern eines fernen Irrlichts hinter dem scheinenden Mond der Hoffnung.
„Ich wollte Mangaka werden. Einen Helden erschaffen, der andere dazu inspiriert, sich selbst treu zu bleiben. Er wäre nicht superstark gewesen, oder wunderschön. Dieser Held hätte Keisuke sein können, oder Chifuyu, oder du. Jeder von uns. Er würde nicht die Welt retten, aber verlorene Seelen, die von dem Weg abgekommen sind. Er hätte nicht die Welt geheilt, weil sie soweiso nicht mehr gerettet werden kann - aber Menschen, die diese Welt trotz ihrer Schandflecke und Imperfektion zu einem einzigartigen Ort machen. Die mit ihrer Indiviualität sie erneut zum Spriesen bringt." Ich brauche einen Moment. Einen Moment, der für ihn lang genug ist, um seine andere Hand über meine zu legen, sie fest einzuschließen. Ganz selbstverständlich. „Bis zu diesem Abend habe ich wirklich gedacht, das wäre mein Traum. Er ist nicht unmöglich, ich müsste nur lernen, mit meiner anderen Hand zu zeichne. Doch ich möchte diese Energie viel lieber in meinen anderen Traum stecken."
„Und dieser wäre?" Er versucht gefasst zu klingen, aber das schwache Beben von Neugierde in seiner rauen Stimme entgeht mir nicht, und irgendwie entzückt mich das so, dass sich ein kleines, aber warmes Lächeln auf meine Lippen schmiegt.
„Wieso sollte ich darüber schreiben und mir seine Geschichten bildlich vorstellen, wenn ich es selbst erleben kann? Wahrscheinlich werde ich kein Held, und ich will das auch gar nicht sein, aber ich bin schon damit zufrieden, ein Mädchen zusein, das den anderen viel Schwächeren hilft. Ein Mädchen, das selbst nicht vergisst und nicht vergessen wird."
Er lächelt, und es ist so weich und amüsiert, dass ich nur blinzle und den Atem anhalte. Es ist ein wirklich schönes Lächeln. Ein ehrliches, emotionales Lächeln. „Du standest Wochen lang in der Zeitung. Ich glaube, es gab niemand, der nicht deine Geschichte gelesen hat und sich gefragt hat, ob du wieder aufwachen wirst. Sie haben dich für ein starkes Mädchen gehalten." Seine Finger fahren die Lücken meiner entlang, eine Kälte jagt die Hitze meiner Anspannung nach. Neugierig, spielerisch sich bewusst, was diese Berührungen auslösen.
Ich starre zu seinem Tigertattoo, seinen Blick ausweichend, und seine Sehnen sind so gespannt wie ein Bogen. Doch ich weiß nicht, worauf er zielt - und ob ich lieber nicht wegrennen sollte. Vor ihm, vor dem Schatten hinter seinem Irrlicht, die Bindung, die unsere Worte und Berührungen zwischen uns spinnen, aber der Faden ist aus feinem Glas. Zerbrechlich wie eh und je. Nicht für die Ewigkeit gesponnen, aber für einen einzigen Zeitpunkt.
Und zwar dieser.
„Aber ich habe die Zeichnungen in deinem Block gesehen. Die vielen, schwarzen Seiten. Die Leere und die Einsamkeit."
„Wann?", frage ich ihn überrascht, denn mir fällt kein einziger Zeitpunkt ein, indem er die Chance gehabt hätte, ihn sich anzusehen. Ausgenommen...
„Als du im Krankenhaus lagst", antwortet er mir im ruhigen Ton. „Baji-san hat mich einmal mitgenommen."
Und er bringt mich mit diesen Worten zu bleiben.
„In deinen Zeichnungen steckt so viel, was du allen verheimlichst", führt er enthuastisch weiter. „Deine Zweifel an das Leben und deine Existenz. Der Kampf mit dir und deinen Eltern, aber hauptsächlich mit dir selbst. Du zeichnest weiß auf weiß, als hättest du den Draht zu dir selbst verloren. Und du hast niemals auch nur eine einzige Sonne gemalt, als würde es in deinem Kopf ständig regnen." Er hält meine Hand fest, und ich fühle mich wie viele Jahre zurückgesetzt, als ich mir das Knie aufgeschürt habe. Ich blute aus eigener Verantwortung, es tut so weh, aber ich vergesse dabei nicht, dass es aufhört. Irgendwann. Und dass er dabei helfen wird, mich zu heilen - als hätte sein Blick, sein Herz und seine Seele einen weiteren natürlichen Mechanismus, um nicht seine Wunde zu heilen, aber meine. Und ich zittere, aber er hält mich. So vollkommen. Er atmet tief aus. „Eine Seite ist bunt gewesen. Eine einzelne. Aber da ist auch ein grauer Fleck gewesen, weit weg von den anderen Punkten. Als würde er abgestoßen werden", flüstert er und hört sich so an, als würde er gegen einen schlimmen Pein ankämpfen, der in seiner Brust braust wie ein zorniges Etwas, über das er die Kontrolle verliert. Jedes Mal aufs Neue. „Und es hat sich angefühlt, als würde ich auch dort sein. Bei diesem grauen Fleck, und ich mochte es, mir vorzustellen, dort zu sein. Vielleicht hast du das richtige in meinen Augen gelesen, doch ich habe auch das Mädchen in deinen Zeichnungen aufgedeckt."
Ich schweige für einen Augenblick, denke und verliere. Ich kann es nicht wirklich glauben. Er, wirklich er, hat die versteckte Botschaften meiner Zeichnungen erkannt und bewahrt. Die Zeichnungen, die ich mit der Tinte meines Herzens auf Papier gebracht habe. Gefühle, Erlebnisse, die schluchzend aus mir flossen, während ich sie stundenlang in langen Nächten aus mir herausgerissen und auf Papier gepresst habe; die, die ich mit niemand teilen konnte und wollte. Quälende, fette Striche meines Geistes; wässrige Spuren meiner getrockenen Tränen und Leidens. Zeichen und Formen, die nur dafür dienen, um das Chaos in meinem Kopf weniger unstruktrukiert aussehen zulassen.
Der Wolfsjunge hat mir meine Maske gestohlen. Und zum ersten Mal fühle ich mich auf eine gewisse Weise leserlich, die mich beruhigt, weil ich niemand jemand vorspielen muss.
„Und wer ist dieses Mädchen?" Meine Frage ist ein Windhauch im Sturm seines Waldes.
„Die eine Blume auf dieser Welt, die nicht vergehen darf", wispert er, seine Hand lösend von meiner, und dann berührt er mich im Gesicht. Mit seinen Fingern fährt er über den Blutergruss, streicht die Strähnen nach hinten, die sich in der klebrigen Kosistenz der Creme verfangen haben. Und seine Berührung ist so achtsam, scheu, dass ich glaube, bei dieser Sorgfältigkeit einzuknicken. „Ich habe dir anfangs sehr recht ungetan, Saejin. Ich habe dich beabsichtigt provoziert, weil ich wollte, dass du dich von Baji fernhältst. Ich dachte, du könntest ihm im Weg stehen und würdest ihn irgendwann verletzen, sobald du erfährst, dass er zur Gang gehört. Ich habe das getan, um Baji-san vor weiteren Schmerz zu schützen. Ich wollte, dass ihr getrennte Wege geht. Aber nun..."
Er blickt mir in die Augen und beißt sich auf die Unterlippe. Schmerz bringt das Irrlicht zum Zittern, aber sein gelbes Glühen ist leuchtender als jemals zuvor. Als würde er sich zurück auf die Seite des Mondes kämpfen. Was er wohl dort erhofft zu finden?
„Nun weiß ich, dass Baji-san dir Schmerz bringen wird."
Als hätte er all die Gründe ausgelöscht, warum ich ihn anfangs gehasst habe, kommt er mir plötzlich wie jemand vor, dem ich mehr als mein Herz anvertrauen könnte. Und es ist ein gefährlicher Vorgang, der mir mehr als dieses kosten könnte. Ich versuche Gegenargumente zufinden, einen „Zurück-Button", doch diesen habe ich schon längst verfehlt.
„Er wird mir nicht wehtun - solange er lebt." Ich bereue es nicht, es ihn wissen zulassen, ich bereue es nur, es nicht schon viel früher mit ihm geteilt zuhaben. In meinem Albtraum über Keisukes Tat hat mir Mamoru schließlich zu verstehen gegeben, dass Kazutora ihn wirklich in den Rücken fallen könnte, ihn töten könnte. Aber so wird er es vielleicht nicht machen, nicht, wenn er mich beschützen möchte. Vielleicht hat er etwas gefunden, woran er festhalten kann. Eine Aufgabe, die ihn dabei verhilft, noch anständig zu funktionieren.
Er runzelt die Stirn, in seinen Wolfsaugen wächst Unruhe heran. „Klingt verdammt danach, als würde er sich wieder in irgendeine Scheiß reinreiten."
Ich verziehe das Gesicht, Schwermut und Angst legt sich wie ein erdrückender Schleier um mich. Es gibt so viele, die gerne über ihre Zukunft Bescheid wissen möchten und deshalb irgendwelche Wahrsager aufsuchen, auf der Hoffnung, ihre Angst vor dem Unbekannten könnte sich so in Luft auflösen - doch das Wissen über die eigene Zukunft ist gar nicht so schön. Es ist furchtbar, besonders dann, wenn man noch die Wahl hat, sie zu ändern, aber nicht weiß, ob das, was man sich vornimmt, dafür ausreicht.
Mein Mund ist merkwürdig trocken, als die nächsten Worte die Luft zwischen uns zerreißen. „Bitte beschütz' ihn an Halloween, Kazutora. Bitte." Meine Finger schlingen sich hilflos um seine, und, obwohl ich gedacht habe, er würde die Lücke seiner Finger festverschlossen halten, gibt er relativ schnell nach.
Er schiebt unsere eingefiedelten Hände auf seinem Schoß, sachte, wie etwas, das er auf keinen Fall ruinieren möchte. „Und dann?", fragt er mich.
„Dann kann ich bleiben." Ich blicke zu ihm und der schmerzähnelnde Ausdruck in seinem Gesicht verrät mir, wie viel Hilflosigkeit und Leid er in meinem Blick findet. Dass ich schon an Hoffnungslosigkeit kratze und am Boden entlang krieche, auf der Suche nach dem letzten bisschen Fleck von Hoffnung. Doch ich finde nur Kazutoras glühende Wolfsaugen, seinen gespalteten Seelenwald und das Irrlicht. Sein bestärktes Leuchten berührt mich, stützt mich.
„Wenn er dir so wichtig ist..." Mit einem Mal lässt er meine Hand los, seine folgende Worte sind hart und trocken. Innerhalb weniger Sekunden versperrt mir die dichte Finsternis seines Waldes den Ausblick auf sein Seelenleuchten. Er geht wieder auf Abstand, pyschischen Abstand, und ich verstehe nicht, weshalb so schlagartig. Wovor fürchtet er sich? „Ich werde darauf achten, dass ihm nichts Verkehrtes an Halloween zustößt. Aber dafür möchte ich ein Versprechen von dir."
„Ein Versprechen von mir?" Kann ich das wirklich? Ein Versprechen geben, um die Absicherung zu erhalten, Keisuke würde an Halloween nichts zustoßen? In den letzten Minuten habe ich immer wieder daran gedacht, dass ich ihn nicht davon abhalten kann, an Halloween beim Kampf dabei zu sein. Wenn es etwas gibt, das dieser störische und feuerbefangener Junge nie und nimmer verpassen würde, dann dieses Ereignis. Doch - es ist nicht irgendjemand, der ein Versprechen verlangt, es ist Kazutora. Der Wolfsjunge, der im Schatten des Mondes nach Anerkennung lechzt. Er, der für mich wie ein Rätsel erscheint, das unlösbar ist.
„Was für ein Versprechen?", möchte ich genauer wissen, nachdem er lediglich geschwiegen hat.
„Das erfährst du nach Halloween." Grinsend richtet er den Kopf auf, sodass sein Ohrring klimpert. Dessen schallender Klang wickelt sich um meine Vernunft, erpresst sie, und ich glaube, meine Seele zu verkaufen, als ich meinen verdammten Mund öffne.
„Okay, ich verspreche es dir, was auch immer es ist." Meine Gehirnzellen erfrieren wie automatisch, um mich an ein eigenständiges Denken zu hindern. „Solange Keisuke Halloween überlebt."
Er nickt, sein Grinsen wird schräger, diabolischer. „Das wird er." Er hält mir seine Hand hin, und ich glaube, direkt durch die Spitze eines Messers zu fassen. „Ein Handschlag besiegelt es", belächelt er zufrieden. Plötzlich packt er mich mit der anderen Hand am Kinn, fest und doch auf seine Art sanft, und zwingt mich dazu, in seinen Schatten zu blicken. Er senkt seine Stimme zu einem Ton, der den wilden Takt meines Herzens durcheinanderbringt, als hätte er alle Tasten eines Klaviers wahllos niedergedrückt. „Und ein Blick in deinen Augen zeigt mir, dass ich genau das bekommen werde, was ich will."
Mehr Dunkelheit zieht sich in seinen Wolfsaugen zusammen, und ich strenge mich an, wegzusehen, die Augenlider zusammenzupressen. Aber, ich bin wie gebahnt. Ein weiterer Gefangener seines Waldes ohne Anfang und Ende.
Meine Lider zucken, ein- und zweimal. Immer mehr Sekunden in seiner Dunkelheit gefangen, kommt es mir sovor, als würde er mich genau dort haben wollen. Und ich bin verwirrt, weil ich keine Angst empfinde. „Wieso verlangst du etwas für seinen Schutz?" Ich suche nach dem Irrlicht, nach dem unsicheren Wolfsjungen, den er gerade unter sich begräbt, und es fühlt sich wie eine Ewigkeit an, die die Endlosigkeit des Universums verspottet. „Ist er dir nicht wichtig genug, Kazutora?"
Er lehnt sich zu mir vor. Näher, näher. Und dann stoppt er. Seinen Atem meinen fangend. „Alles hat seinen Preis, oder nicht?"
Ich höre mich selbst laut atmen. „Ja", bringe ich als einziges über die Lippen.
Es kostet mich wahrlich alles, Keisuke zu retten. Sowohl Vernunft als auch mein Herz. Aber der Preis, den ich dafür zahlen muss, ist mir so was von egal. Inzwischen habe ich erkannt, dass ich diesen gefährlich schmalen Grad von Selbstlosigkeit erreicht habe, wo mir selbst mein eigenes Glücklichsein irrelevant ist. Und ich weiß, dass es schlecht ist, dass ich mich darin noch viel schlimmer verlieren könnte, aber lieber falle ich härter für die Liebe als für den Verlust.
„Können wir jetzt gehen, Saejin?" Chifuyu ist wieder aufgewacht, und ich bin froh, dass er diesen ersten und wichtigen Schritt wagt, um mich aus Kazutoras Wald zu reißen.
Alleine hätte ich mich darin für immer verirrt.
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