a hero story to be told.
Ich kann nicht atmen. Ich kann mich nicht rühren.
Sayuri ist fort.
Mein Körper ist immer noch in dieser Plastikbox eingesperrt, kauernd in meinem Schmerz gefangen. Auf einem Tisch abgestellt in einem kleinen Raum, das wie ein Büro aussieht. Große Fenster, schlichte Ikea-Regale in einem Lackweiß mit mehreren Ordnern ohne Beschriftung. Ich möchte nicht wissen, welche Informationen sie dort bewahren, es wäre nur ein Antrieb für das schwarze Loch in meinem Herzen, sich weiter auszudehnen. Neben mir ist ein simples Telefon. Es klingelt ständig, der Bildschirm blinkt immer mit derselben Nummer auf: die meines Vaters. Aber niemand kümmert sich um ihn, niemand interessiert sich für die Angelegenheiten anderer. Das Morden unschuldiger Wesen steht offenbar im Fokus.
Sayuri wird sterben.
Ich bin ausgewrungen, meine Augen pochen wie mein Schädel. Meine Fantasie macht die Situation nicht besser. Als ich die Augen aufmache, bin ich wieder in diesem alten Gebäude, das ehemalige Zuhause der Straßenkatzen. Es ist leer, aber nichts kann die Leere in mir beschreiben. Die Welt draußen ist dunkel und verlassen und unfair. Ich höre das Miauen unzähliger Katzen. Ängstlich, den erbarmungslosen Tod begreifend, der hinter dieser Mauer auf sie wartet. Es trifft mich wie ein harter Schlag in die Magengrube, wie handlungsunfähig ich bin, wenn jeder Fetzen meines Verstandes sich danach verzehrt, etwas zu unternehmen. Egal, wie oder was, keiner der hier gefangenen Katzen soll sterben. Ich bin nicht darauf vorbereitet, dieses Gewissen mit mir herumzuschleppen. Dieses Gewissen, dass tausende von Katzen hinter geschlossenen Türen getötet werden, nur, weil sie keinen Chip unter ihrer Haut haben.
Wenn ich könnte, würde ich meinen auf der Stelle rausreißen und mit ihnen teilen. Das geht doch, oder? Schließlich teilen sie ihre Leben auch mit uns, und alles, was sie dafür wollen, ist unsere Liebe und ein warmes Zuhause. Zwei Dinge, die selbstverständlich sein sollten, aber sich im Wandel der Gesellschaft und ihre Prioritäten immer weiter in den Hintergrund gedrängt worden sind. Jetzt sind es gedruckte Scheine und Makellosigkeit.
„Du kannst die Welt und die Menschen nicht verändern, das kann niemand."
Es ist die Wahrheit. Und ich habe nicht gedacht, dass eine Wahrheit so kaltherzig sein kann. Da bevorzuge ich lieber eine Lüge oder ein Verrat.
„Hab' keine Angst." Ob ich das zu mir selbst sage oder der weit entfernten Sayuri weiß ich nicht, aber es sind und bleiben Worte. Worte ohne Wirkung und Ton. „Für Katzen gibt es bestimmt einen schönen Ort. Dort im Jenseits. Ohne Menschen."
Zitternd hebe ich den Kopf an, als sich die Tür des Raumes mit einem Mal öffnet.
Jemand stürmt unachtsam hinein und stolpert dabei fast über die eigenen, langen Beine. Sein Gesicht ist verschwitzt, einige seiner schwarzen Strähnen sind feucht und kleben an seiner karamellfarbenen Haut. Er hält den Mund leicht geöffnet, als könnte er nicht anständig atmen, als könnte er die Erbarmungslosigkeit und Verwesung dieses Ortes auf der Zunge schmecken. Säuerlich mit einem Nachgeschmack, dass man am liebsten seinen kompletten Mageninhalt leeren möchte. Er scheint diesen Reiz gut zu unterdrücken, seine Kupferfunken wandern stracks durch das Büro – bis sie meine Leere begegnen.
„Saejin", krächzt er und stürzt sich unverzüglich zu mir. Hinter ihm wird die kleinere Gestalt meines Vaters deutlich. Seine Kaffeeaugen sind sichtlich angespannt, wie ein Kleinkind dreht er die Däumchen, als er langsam wie durch tiefen Schnee den Raum betritt. „Wieso bist du einfach fortgelaufen?", fragt mich Keisuke zerrissen und sein Gesicht bekommt wieder etwas an gesunde Farbe trotz seiner grauen Enttäuschung.
Ich gehe gar nicht auf seine Frage ein und rapple mich so weit es geht auf. Hoffnung gedeiht in mir und dem schwarzen Loch wie eine Sprosse. Eine Sprosse, die bei dem all Schmutz der Gesellschaft trotzdem ihren Platz zum Gedeihen findet, weil es gibt noch Menschen wie Keisuke. Menschen mit einem guten Herzen und dem Verständnis für Gerechtigkeit. Für alle Lebewesen auf diesem irren Planeten. „Wir müssen Sayuri finden!", mauze ich hastig und blicke ihn nervös an. „Sofort! Wir haben keine Zeit zu verlieren! Los! Mach den Käfig auf!"
Er betrachtet mich für einen Moment, als würde er darüber nachdenken, was ich zu ihm gesagt habe. Aber mein Vater reagiert schneller als er.
„Die Box ist zu klein", meint er, und jetzt sehe ich auch die mir vertraute Transportbox vom letzten Mal in seiner rechten Hand. „Wir sollten sie austauschen."
Er nickt und macht sich daran zu schaffen, meine Box zu öffnen.
„Nein, nein, nein! Nicht wieder einsperren!" Wie ein Reflex weiche ich nach hinten, als er mir der Hand nach mir greifen möchte, und stoße ein angsterfülltes Miauen aus meinem Mund. Panisch starre ich zu Keisuke. „Wir müssen Sayuri finden! Verstehst du das nicht?! Sie ist hier! Sie braucht unsere Hilfe!" Doch wie soll er auch meine Worte begreifen, wenn ich gerade eine Katze bin und kein Mensch wie er? Wie soll er wissen, dass er gebraucht wird, wenn es ihn niemals so jemand richtig gesagt hat? Wie soll er wissen, dass er den Helden von so vielen Katzenleben ist, wenn sie es ihm nur durch ihre Liebe ausdrücken können?
Seine Gesichtszüge nehmen eine gequälte Note an, die Funken in seinen Augen flackern betroffen. „Alles gut, kleine Saejin. Du brauchst keine Angst mehr zu haben", wispert er besänftigend und wagt es nochmal, mich mit seiner Hand zu berühren. „Du bist in Sicherheit, meine Kleine." Er packt mich nicht, fürs Erste wohl nicht, weil er anfängt, wie ein Beruhigungsversuch mir den Kopf zu kraulen. Nun gewähre es ihm, doch aus einem ganz anderen Grund als Entspannung.
In der nächsten Sekunde setze ich meinen neuen Plan um.
„Es tut mir leid, Keisuke." Dann gleite ich unter seinen Arm hervor wie durch Wasser, aber durch die Gelenkigkeit einer Katze habe ich eine bessere Chance, seinem packenden Arm auszuweichen. Ich quetsche mich durch die Stelle zwischen seine Achsel und Brust durch und springe blindlings los. Meine Tatzen werden mich schon auffangen, schließlich bin ich eine Katze und diese landen immer sicher auf dem Grund. Meine Reflexe enttäuschen mich nicht, ich schaffe es tatsächlich unbeschwert auf dem Laminat und presche durch die Beine meines Vaters zur Tür.
„Saejin!", ruft mir Keisuke nach. Da ist dieser aufbrechende Schmerz in seiner Stimme, der mir doch noch zurückhält. Dieser Schmerz, der gleichzeitig auch meiner ist.
Wir sehen uns an, und im Bruchteil einer Sekunde verwischt alles um uns herum. Zurück bleibt eine einzelne lebendige Erinnerung: ein Nachmittag bei ihm. Ein grauer, trister und ermüdender Tag im Winter letzten Jahres. Sayuri ist da gewesen. Bei ihm auf dem Bett. Er hat seinen Arm um sie gelegt, seine Nase in ihr Fell begraben, beide haben geschlafen, und während ich an der Kante des Bettes versucht habe, mir etwas für mein aktuelles Kunstprojekt auszudenken, habe ich plötzlich nichts Anderes gewollt als diesen schönen und friedvollen Moment zu verewigen. Also habe ich meinen Zeichenblock geschnappt und angefangen zu zeichnen.
Aber es gibt Dinge, die durch Kunst nicht ausgedrückt werden können. Beispielsweise, wie sehr mich dieser Augenblick berührt hat, wie mein Herz dabei von einer wundersam kribbeligen Wärme eingenommen wurde und wie meine Finger gezuckt haben, weil ich so sehr dagegen gestrauchelt habe, Keisuke nicht seine Strähnen von der Stirn zu streicheln, die kleine Stramme seines Lebenswegs auf der Wange zu liebkosen, die er ständig versucht, mit seinen Haaren zu verbergen, aber was er nicht sollte. Niemand sollte seine Narben verstecken. Sie sind der vollendende Pinselstrich eines unbeschreiblich schönes Kunstwerkes.
Ich wollte Sayuri nicht diesen Glücksmoment stehlen.
Ich wollte ihr niemals den einzigen Menschen nehmen, den sie vertraut und geliebt hat.
Sie hat einen Chip verdient. Nicht ich.
Diese Schuldgefühle sind wie Säure in den Adern.
Die Welt um mich herum kippt.
Mein Schmerz ist nur noch eine Nebensächlichkeit.
„Folg mir!", richte ich an Keisuke, und ich weiß nicht, was er in meinen Halbmondaugen finden wird, aber ich hoffe, es wird ihm zu verstehen geben, dass ich ihn brauche. Dass Sayuri ihn braucht.
Mein Vater fragt, was los ist, aber da bin ich schon losgestürmt – überraschend gefolgt von Keisuke. Mein Herz springt vor Freude. Für einen Moment habe ich das Gefühl, wirklich schweben zu können, weil die Barriere zwischen ihm und mir zerfallen ist. Für diesen einen Augenblick, der nicht nur ein Leben retten wird.
Wir stürmen durch die Gänge. Ein paar Mitarbeiter kommen uns entgegen, und der Schwarzhaarige rempelt sie an, sobald sie versuchen, mich zu schnappen. Sie beschimpfen ihn und wollen ihn zurückhalten, aber er ist kräftiger als sie. Es reicht ein glatter Schlag in ihren Bauch mit dem Ellbogen aus und viele von ihnen halten sich stöhnend die Hände dagegen. Das verschafft uns genügend Zeit und einen gewissen Abstand zu ihnen.
In meinem Kopf ist Sayuri die einzige Katze, die nicht um ihr Leben miaut. Sie hat sich in ihrer kleinen Box verkrümelt und wartet darauf, dass man sie mit anderen in die Kammer des Todes trägt. Ich versuche sie aus meinen Gedanken zu bekommen, versuche nicht daran zu denken, dass es jeden Moment zu spät sein könnte. Wir werden es schaffen, wir werden dich hier herausholen, Sayuri. Es bringt nichts, weil es nicht länger um mich geht. Es geht um sie.
Ich habe keine Ahnung, woran ich mich letztlich orientieren soll – aber ich glaube, der Geruch von warmer Milch mit Honig wird mit jedem weiteren Gang intensiver, frischer. Der zuckersüße Duft von Katzen. Das Loch in meiner Brust wird immer größer, bis es meine Ohren erreicht und alle Geräusche um mich herum ausblendet. Nur noch das Miauen in der Ferne nehme ich wahr. Es wird höher, lauter.
Plötzlich durchbrechen mehrere Stimmen die klaren Räume des Gebäudes.
„Lasst uns raus!"
„Ich will hier nicht sein. Ich will hier nicht enden."
„Hilfe! Bitte, hilft uns doch!"
Instinktiv konzentriere ich mich mehr auf die Stimmen und folge ihrem seichten Klang. Vor uns kommt der Gang zu einem Ende, ohne Abbiegung und weiteren Türen. Das Miauen wird dröhnender, nimmt den kompletten Flur und dem Trommelschlag meines Herzens ein. Keisuke scheint es nun auch zuhören, denn plötzlich werden seine Schritte sicherer, rascher, dass er mich einholen kann. Ein Mitarbeiter im weißen Kittel kommt aus der Tür vor uns und zieht sich sein Paar grüner Handschuhe aus. Als er uns hört, blickt er entsetzt auf.
„Halt!", brüllt er und breitet die Arme aus, „hier dürfen keine Unbefugte herein!"
Ich halte inne, aber Keisuke stürmt auf ihn zu.
„Das ist mir so was von Scheißegal, du blöder Wichser!", schnaubt er aufbrausend, sein Feuer zündet in ein wütendes Inferno über. Keine Sekunde später schlägt er ihn mit der geballten Faust direkt ins Gesicht. Ein widerliches Knacken ertönt, und der Mitarbeiter schreit entsetzlich vor Schmerz auf, dass er in die Knie geht. Keisuke macht sich das zum Vorteil, zerrt ihn an den Haaren und gibt ihn einen vernichtenden Tritt mit dem Knie in den Bauch. Er stöhnt auf, ehe er das Gleichgewicht verliert, zur Seite schwankt und sich an der Wand hinuntergleiten lässt. Was zur Hölle – wie stark ist er eigentlich? Keisuke blickt zu mir zurück, ein Grinsen, das nicht hätte diabolischer sein können, ziert seine Lippen und mein Herz verliert fast die Beherrschung bei dem Glühen seines Feuers. „Gehen wir weiter, Saejin", sagt er dann, sein Samt rauchiger als ich es je gehört habe.
Er öffnet die Tür vor uns und nicht nur sein Atem stockt.
Katzen. Mehrere in Transportboxen gestapelt wie Getränkekisten sitzen in diesem kalten Raum. Einige von ihnen tragen verschiedene Bandagen an ihren Köpfen, wirken wie weggetreten von dieser Welt und starren benommen umher. Andere haben rasierte Stellen, seltsame Metallstäbe ragen aus unterschiedlichen Stellen hervor. Sie zucken, schwanken, liegen in ihrem eigenen Gebrochenem oder Blut. Es stinkt widerlich nach Ammoniak und Kotze, und ich muss mich zusammenreißen, um mich selbst nicht zu übergeben. Nicht kotzen, nicht kotzen!
„Von wegen die fangen Streuner ein", wispert Keisuke und seine Hände verkrampfen sich zu Fäusten, „diese Pisser machen Versuche mit ihnen." Er wippt ein paar Schritte vor, seine Brust hebt sich auf eine stockende Weise, als würde er einen inneren Schutz aufbauen, um nicht zusammenzubrechen.
„Sayuri!", rufe ich panisch und laufe angespannt durch den Raum, suchend nach der Glückskatze. „Wir sind hier, um euch zu befreien!", verkündige ich.
„Uns alle?", fragen sie alle wie in einem Chor.
Ich wende den Kopf zurück zu Keisuke, sein Feuer steigt mit meinem empor, und etwas in seinen Kupferfunken fordert mich dazu auf, seinem Blick zu folgen. Mein Herz schlägt mir wild bis zum Hals hoch. Neben dem Lichtschalter ist ein weiterer Knopf. Er zögert nicht und betätigt ihn. Sofort geht ein quietschender Alarm los, der Flur draußen wird in ein wildes Lichtspektakel aus Rot und Grün gerissen. Wildes Murmeln breitet sich aus, aber es drängt sich nicht bis zu unserem Raum durch.
„Ja, euch alle!", antworte ich schließlich.
Keisuke öffnet die erste Box, dann die nächste – aber ich kann ihn dabei nicht helfen. Wie viel Zeit uns tatsächlich bleibt, bis sie hinter das Ablenkungsmanöver kommen, kann ich nicht einschätzen. Aber es wird nicht genug sein, um sie alle herauszubekommen. Keisuke muss dasselbe durch den Kopf gehen, weil seine Finger mit jeder weiteren Box schwitziger werden, öfters abrutschen, ehe er sie öffnen kann. Viele Katzen, die noch fit genug sind, flüchten bereits aus dem Raum und kommen hoffentlich auch nach draußen. Andere haben es nicht so leicht, sie benötigen eine Menschenhand, um überhaupt aufzustehen. Aber Keisuke hat auch nur zwei. Ich eben keine.
Ich versuche mir einen besseren Überblick darüber zu machen, der Alarm packt mich am Herzen, aber auf eine gute Weise. Er ist ein gutes Zeichen, uns bleibt noch Zeit. Wir bräuchten mindestens noch einen weiteren Menschen, um die zwei verletzten Katzen hier heraus zu tragen. Wo ist eigentlich mein Dad?
„Kann ich helfen?" Als könnte ich zaubern, steht er auf einmal im Raum. Damit habe ich eine Sorge weniger. Er muss uns gefolgt sein.
Keisuke schnappt nach Sauerstoff, Schweiß tropft ihm über die konzentrierten Gesichtsmuskeln. „Ja, zwei Katzen können nicht ohne Hilfe laufen."
Er nickt und stellt meine große Transportbox ab. „Ich werde sie tragen. Gib mir ihre Boxen. Schnell. Sie sind schon auf der Suche nach uns." Er streckt seine Arme aus.
Der Junge drückt ihm die zwei Boxen in die Hände, sein Feuer flackert vor Nervosität. „Für einen Snob haben sie ganz schön viel Eier, mir hier dabei zu helfen", sagt er mit einem zuckenden Grinsen.
„Ich brauche immer Inspiration für neue Geschichten." Mein Vater lächelt dümmlich. „Kann ich noch irgendwie helfen?"
Er schüttelt den Kopf und macht sich wieder an die Arbeit. „Nein, es sind nur noch..." Er stoppt sich selbst, als wir alle das laute Trappeln einer größeren Truppe vor der Tür vernehmen. Alle Herzen in diesem Raum kommen zum Stehen, als hätte man die Zeit angehalten. „Fuck", flucht er und hastet sich zu der letzten Reihe, „die Wichser haben uns gleich."
„Ich werde sie ablenken, Keisuke." Wie? Aber, bevor Keisuke ihm noch eine Frage stellen kann, ist mein Vater mit den zwei Katzen bereits verschwunden.
„Der ist ja Irre geworden", keucht er fassungslos und zieht sich sein Haarband aus der Lederjacke, um sich die Haare zusammenzubinden. Er ist bereit für diesen Kampf. Die letzten Boxen werden geöffnet, die letzten Katzen rennen in ihre geliebte Freiheit zurück. Wenn ich könnte, würde ich einen gigantischen Freudensprung machen. Aber Sayuri ist nicht dabei gewesen. Warum ist sie nicht hier? Gibt es etwa noch mehr Räume wie diese? Bei diesem Gedanken wird mir fast schwarz vor den Augen.
„Was ist los?" Keisuke beugt sich zu mir und legt seine Hände um mich, um mich vorsichtig hochzuheben. Er zittert, seine Unterlippe blutet etwas durch die Wunden, die seine spitzen Eckzähne dort hinterlassen haben. Und warum finde ich, dass er noch hübscher ist, wenn er seine Sorgen nicht vor mir versteckt? Wenn er mich so anschaut, als würde er etwas in meinen Augen sehen, was sonst keiner tut? Wenn er mit Stolz und wildem Feuerherz seine Narbe trägt? „Wir haben alle befreit. Das wolltest du doch, oder nicht?"
Ich blicke ihn schwermütig in das stürmende Inferno. „Sayuri ist nicht hier."
Er scheint sich wirklich darum zu bemühen, meine Worte zu erraten, aber er ist noch zu aufgedreht, um klarer denken zu können. „Wir sollten verschwinden, meine Kleine."
Als er mich an seine Brust presst, kann ich nur mühselig nachgeben. Er rennt los. Umso mehr wir uns von dem Raum entfernen, umso mehr habe ich das Gefühl, dort mein Herz verloren zu haben. Sayuri ist nicht unter ihnen gewesen. Aber wo ist die Glückskatze dann? Wo können sie sie hingebracht haben?
Vor der Fabrik herrscht ein Chaos. Verzweifelnde Mitarbeiter versuchen die entlaufenen Katzen einzufangen, aber sie sind diesmal schlauer und flinker. Sie stürzen sich blindlings in ihre zurückgewonnene Freiheit. Sie sind frei, sie haben wieder ein Leben bekommen – aber Sayuri nicht. Die, die ich unbedingt befreien wollte.
Wenn sie mich jetzt in Keisukes Arme sehen würde, würde sie mich vermutlich noch weniger ausstehen – weil dort findet sie ihren Frieden. Bei ihm.
Mein Dad wartet bei seinem Jeep bereits bei uns. Die zwei Katzen auf dem Rücksitz verstaut, sogar mit einem Sicherheitsgurt um die Boxen, dass ihnen bloß nichts passiert. Selbst in solchen Momenten vergisst er seine fürsorgliche Ader nicht. Keisukes Braunen schießen deshalb verwundert in die Höhe.
„Wir sollten sie zum Tierarzt bringen", meint mein Dad und kneift sich die Lippen zusammen, „und schnell verschwinden, bevor sie uns für das alles verantwortlich machen."
Keisuke nickt und hört nicht auf, mir durch das Fell zu streicheln. Er macht das nicht nur, um mich zu besänftigen, auch er versucht dadurch herunterzukommen. Zusammen beben wir wie ein Haufen von getrockneten Blättern. So fühl ich mich gerade auch. Wie ein totes Blatt, das vom letzten, eiskalten Winter ausgesaugt worden ist. Er öffnet die Beifahrertür und lässt sich erschöpft auf den Sitz nieder. „Mann, Saejin, du machst mich echt wahnsinnig." Er fährt sich durch die zerzausten Locken und grinst schräg.
Ich sehe zu ihm hinauf und habe trotz allem das furchtbare Gefühl, versagt zu haben. So kann ich ihn nicht in die Augen sehen. Als wäre alles in Ordnung, wenn es nicht stimmt. Als hätten wir eine Heldentat vollbracht, wenn wir ein einziges Leben zurückgelassen haben. Intuitiv schließe ich die brennenden Lider, doch der grausame Schatten der Welt legt sich enger um mich.
Es tut mir leid, Sayuri. So sehr leid. Das ist alles meine Schuld, nicht wahr? Hätte ich damals Yukidaruma nicht gerettet, wäre ich nicht zur Katze geworden und du wärst nicht hier gelandet. Du wärst an meiner Stelle bei Keisuke. Du hättest ein gutes und schönes Katzenleben. Es ist meine Schuld. Das alles. Hätte ich einmal nicht auf mein Herz gehört... dann...
Dann wärst du jetzt nicht tot.
„Hey, was fällt dir eigentlich ein?" Das Loch in meinem Herzen muss schon meinen Verstand erreicht haben – denn ich bilde mir wirklich nun ein, ihre nervige, quietschende Stimme zuhören. „Du kannst nicht ohne meine Erlaubnis mit Keisuke kuscheln! Er gehört immer noch mir!" Ein anderes Gewicht schwingt sich neben mich und schubst mich dabei so an, dass mich der Bursche hastig mit der Hand festhalten muss, damit ich nicht von seinem Schoß falle.
„Sayuri?", höre ich ihn ihren Namen sagen. Was für beschissene Hirngespenster. „Was machst du denn hier?"
„Haben wir alle?", fragt mein Dad und verschließt die Autotüren, als befürchtet er, die Mitarbeiter der Fabrik würden sich wie wütende Zombies bei einer Apokalypse auf uns stürzen. Er schluckt leer. „Sie haben sich wieder an uns erinnert."
„Ja, ja! Wir haben alle! Starten Sie den scheiß Wagen!", fordert ihn Keisuke angespannt auf.
Mein Dad hört auf ihn, dreht den Schlüssel um, und der Motor startet. So schnell habe ich ihn noch nie rückwärtsfahren erlebt. Es schleudert mich gegen etwas Weiches, Plüschiges, und dieses Etwas fängt auf einmal zu schnurren an. Aber ich bin mir sicher, dass ich es nicht bin. Ich habe keine Wärme mehr in meinem Herzen übrig, um sie noch mit jemand anderem zu teilen. Es wäre nicht richtig. Es ist nicht richtig von mir, mit Keisuke zu einem einzelnen Stern zu schmelzen, wenn ein anderer Stern gerade dabei ist, für immer in ein Nichts aufzugehen. Eine vergessene Katzenseele. Aber ich, ich werde Sayuri nicht vergessen.
Ich werde sie unsterblich machen. Das bin ich ihr schuldig.
„Sag mal, Saejin, trauerst du etwa um mich?" Sayuri kichert. Moment. Warte, was?
Augenblicklich reiße ich in die Augen auf. Vertraute Smaragde leuchten mir entgegen – so hell und lebensstrahlend wie ich sie noch nie gesehen habe. Ihr Glanz ist zurückgekehrt, ihr Lebenswille, ihre Wärme, ihre Weichheit. Eindeutig, das ist ein Traum.
Ich unterdrücke einen erstickenden Schluchzer. „Aber, aber..."
„Es hat funktioniert", lächelt sie hochnäsig und aufgeregt wie nach einem Abenteuer, „ich habe diesen dummen Menschen so richtig das Gesicht zerkratzt. Und jetzt bin ich hier. Bei meinem Lieblingsmenschen!"
„Sayuri..."
„Heul' jetzt bloß nicht los, oder ich werde dir nochmal eine verpassen!", keift sie, und ich stolpere nach vorne. Meine Stirn fällt gegen ihre Schulter. Ein kleines Schluchzen erlaube ich mir trotzdem, weil ich so erleichtert bin, dass sie noch lebt, dass sie hier bei Keisuke und mir ist und nie wieder Angst fühlen muss. „Du bist echt eine Heulsuse", murmelt sie, doch etwas in ihr gibt nach und mit einem tief-brummenden Schnurren legt sie ihr Kinn auf die Stelle zwischen meinen Ohren. Ihre langen Schnurrhaare kitzeln mich zaghaft. „Aber eine gute Heulsuse."
Ich schniefe und drücke meine Nasenspitze tiefer an ihrer Schulter. Ein leichtes Lächeln stichelt an meinen menschlichen, nicht sichtbaren Mundwinkeln. „Ich glaube das gibt es nicht."
„Wer sagt das denn? Und wenn, dann habe ich es eben erfunden!" Sie hört sich so verdammt schnippisch an, und ich kann es nicht fassen, wie ich mich darüber auch noch freue. Sie kichert mir direkt ins Ohr, ein gepackter, heißer Atem von unserem Abenteuer und dem Wettlauf gegen die Zeit und den Tod liebkost mich stürmisch. „Für mich bist du eine gute Heulsuse und deshalb passe ich viel besser zu Keisuke!" Dazu sage ich nichts. Genieße lieber ihre Nähe und diese Geborgenheit, die sich über mein Herz und meine Seele legt. So herzlich, so richtig, und vor allem, so heilend. Plötzlich bemerke ich, wie falsch ich geatmet habe und wie die Leere schwindet, wie leicht ich mich fühle, als würde ich schweben und doch irgendwie gehalten werden.
Ich bin so froh. So verdammt froh.
„Kennt ihr euch zwei etwa?" Keisukes samtige Stimme verleitet uns beide dazu, uns voneinander zu lösen, um zu ihm hoch zu sehen. Sein Grinsen ist sanft und seine Kupferfunken glühen so auf wie ein goldenes Feuer im Herbst. Sofort verliere ich mich in der aufgehenden Flamme darin. Er hebt seine Hände und platziert jeweils eine davon auf unseren Köpfen. „Ihr Katzen steckt wirklich voller Überraschungen", raunt er und sein Daumen kreist in einer angenehmen Bewegung durch mein Fell. Er sieht uns mit Schimmer und Leuchten an, und er sieht so uns an, als wären wir ein Teil seines Zuhauses. Und es ist einer der wunderbarsten und innigsten Ausdrücke, die ich jemals bei ihm gesehen habe. Ein Ausdruck, unterdessen Feuer ich verbrenne und wiederauferstehe wie ein Phönix. Er bringt mich mit einem einzigen Blick dazu, unsterblich zu sein. Unsterblich verliebt in ihn.
„Habe ich das wirklich getan?" Mein Vater murmelt vor sich hin, lehnt eine Hand gegen seine Stirn und rutscht etwas tiefer in den Sitz. Sein Gesicht wird allmählich blass, als er die letzten Minuten zu realisieren scheint. „Rohee wird durchdrehen, wenn sie davon erfährt."
Keisuke schweift mit dem Blick zu ihm. „Sie müssen es ihr ja nicht sagen", grinst er fett, und ich frage mich, was ihn gerade so furchtbar amüsiert.
Er reißt die Augen auf. „Du kannst vor einer Frau keine Geheimnisse haben. Vor allem nicht, wenn sie so scharfsinnig ist wie sie."
Der Junge denkt kurz darüber nach. „Sie können es auf mich schieben. Den Sündenbock zu spielen ist kein Problem für mich."
„Nein, auf keinen Fall!" Mein Dad schüttelt den Kopf und verzieht die Lippen zu einem dünnen Strich. „Das werden wir nicht nochmal machen, Keisuke", sagt er streng und atmet schwer aus. „Es ist meine Entscheidung gewesen, euch zu folgen und dich bei deinem Vorhaben zu unterstützen."
Keisuke hebt vor Staunen die Brauen hoch und seine Finger zittern. Ich sehe aus dem Winkel heraus, wie Sayuri mit gespanntem Blick das Szenario verfolgt und sich ihren Teil denkt – wie eine richtige Katze eben. „Als Snob haben sie mir besser gefallen", kommentiert er trocken, während ich mir seine Abwesenheit zum Nutze mache, um meinen Kopf in seine Handfläche zu schmiegen. Er passt dort perfekt hinein, wie gemacht für diesen. Ich mag diesen Gedanken, dieses behütende Gefühl von Zugehörigkeit, so fühle ich mich auch als Katze wie ein Teil von ihm. Ich mag es, zu glauben, zu ihm zu gehören – sowie er zu mir gehört. „Wären sie nicht so ein verdammter Snob, würde man sie ja glatt mögen können. Und darauf habe ich ehrlich gesagt keinen Bock." Er umschließt mein Gesicht vorsichtig mit seinen Fingern und ihr Beben schwindet, als würde ihn dieses kleine Anzeichen meiner Zuneigung beruhigen.
Jetzt muss mein Dad etwas schmunzeln. „Ich will mir gar nicht vorstellen, wie meine kleine Schildkröte auf meine Veränderung reagieren wird. Sie wird mir wahrscheinlich nicht glauben."
Keisukes Kupferfunken fangen meine Augen und ihr Ziel auf – der pinke Schildkrötenanhänger am Schlüsselbund meines Vaters. Eine Kleinigkeit, die für seine Storge eine noch größere Bedeutung hat. Etwas prasselt über sein Feuer ein, zerdrückt es. „Sie haben ihr ziemlich wehgetan", sagt er ganz leise, als befürchtet er sein Feuer könnte an der keimenden Trauer im Jeep verrauchen.
„Ich weiß", entgegnet mein Vater mit einer Stimme, so zerkratzt wie eine seiner alten Schallplatten. Ein scheußlicher Klang von Gebrochenheit und Unvollständigkeit. „Daher wäre ich schon froh, wenn sie wenigstens aufwachen würde. Sie muss mir nicht auf der Stelle verzeihen, aber ich möchte sie endlich zurück."
„Wir alle wollen Saejin wieder bei uns."
Ich drehe getroffen den Kopf weg, meine Brust wird schwerer, als ich fühlen kann, wie ihre Trauer sich darin anstaut wie schwarzes, salziges Wasser. Es dringt aus allen Ecken hinein, jede noch so winzige Lücke spült es durch. Es wird unerträglich, schwappt über. Ich kann so nicht weitermachen. Es wird Zeit.
Zeit, für mich wieder ein richtiges Mädchen zu sein und die Wunden zu flicken, die ich in den Seelen anderer verursacht habe.
Mir wird der Abschied von dieser Samtpfote schwerfallen – doch ich bin auch froh darüber, wenn ich ihr so ein gutes und schönes Katzenleben bieten kann.
❀.❀.❀.❀
*Anmerkung am Rande: Seit 2018 werden in Tokio keine Katzen mehr getötet. Die Stadt hat lange mit einer überzähligen und unkontrollierbaren Katzenpopulation zu kämpfen gehabt. Mittlerweile versuchen sie streunende Katzen zu kastrieren/sterilisieren und z.B., durch Katzen-Cafés in Kooperation mit Tierheimen zu vermitteln. Sie werden meistens auch noch geimpft und gechipts. Tiershops liegen nun unter strengen Vorschriften, die einen Impulskauf vermeiden sollen. Sie sollen informieren und aufklären. Es gibt sogar eine App, wo sich neue Katzenbesitzer mit erfahrenen Besitzern austauschen können. Also, es geht bergauf! Zumindest in Tokio.
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