Casterlystein: 30 ~ Pi

Sprachlos hielt ich das Handy in der Hand. Das war so viel anders gelaufen, als alles, was ich mir vorab vorgestellt hatte. Ich hatte mit einer Konfrontation gerechnet. Mit Schreien, mit meinem Vater. Aber nicht damit, dass meine Mutter einfach auflegen würde.

Ich holte tief Luft. Rutschte von der Couch und verließ wortlos das Wohnzimmer. Ich spürte Nicks Blick auf mir, seinen fragenden, besorgten Blick – und verschwand im Bad.

Fünfzehn Minuten später verließ ich das Bad, nachdem Nick sanft an die Tür geklopft hatte und vorsichtig gefragt hatte, ob alles in Ordnung war. War es nicht. Ich hatte fünfzehn Minuten auf dem Rand der Badewanne gesessen und vor mich hingestarrt, während ich das Wasser hatte laufen lassen, damit er nicht hören konnte, wie zusammenbrach.

Es war mir anzusehen. Daran konnte auch das kalte Wasser nichts ändern, dass ich mir halbherzig ins Gesicht spritzte, bevor ich das Bad verließ. Meine Augen waren verquollen und ich bekam keinen Ton heraus, als er vor mir stand. Er lehnte mit der Schulter gegen die Wand im Flur und seufzte schwer, als ich mit hängenden Schultern aus dem Bad geschlichen kam. Dann löste er sich von der Wand, breitete beide Arme aus und zog mich in die festeste und wärmste Umarmung, seit wir wieder zusammen waren. Sein Kopf sank auf meinen und während er einatmete, schluchzte ich wieder los.

Dieser verdammte Streit mit meinen Eltern.

Ich hatte es ihm gesagt. Ich hatte gewusst, dass etwas in dieser Art passieren würde, aber er hatte...

Nick streichelte meinen Rücken hinunter, griff um meine Oberschenkel und hob mich auf seine Hüften. Dann trug er mich ohne ein Wort ins Schlafzimmer, legte mich vorsichtig mit dem Rücken voran aufs Bett und küsste mich auf die Stirn. Dann stieg er wortlos über mich, schlug die Decke über uns und zog mich an sich. „Es tut mir leid...", flüsterte er mir ins Ohr und hielt mich fest.

Stumm liefen mir die Tränen aus den Augen, obwohl ich das doch alles hatte kommen sehen. Es war noch nicht mal eine große Überraschung gewesen. Und doch tat es weh – und ich verstand es nicht. Ich verstand es einfach nicht. Warum riefen sie an und legten dann auf, wenn ich zurückrief?

Ich wusste nicht, ob ich enttäuscht oder verletzt oder wütend sein sollte. Im Augenblick war ich alles davon – und fühlte mich auch paradoxerweise total geborgen, was allerdings nicht auf das Telefonat mit meiner Mutter und Maja zurückzuführen war. Nick hatte beide Arme fest um mich geschlungen und war einfach da.

Wäre ich alleine gewesen mit mir selbst und der Situation, ich schwöre, ich hätte nicht gewusst, was ich getan hätte. Ob ich aufgestanden wäre, mir meine Jacke übergezogen hätte und durch die Kneipen der Altstadt gezogen wäre, nur um mich besser zu fühlen. Ich wollte mir einen Ramazotti nach dem nächsten in den Kopf stellen und dann – betrunken – meine Eltern noch einmal anrufen und fragen, was die Scheiße eigentlich sollte.

„Wenn...", setzte Nick an, „das nächste Woche alles läuft mit dem Umzug..." Er machte eine Pause. „Was magst du an Silvester machen?"

„Silvester?" Meine Stimme klang kratzig und rau und gar nicht nach mir.

„Magst du nur auf der Couch liegen oder etwas unternehmen?"

Ich spürte seine Lippen warm auf meiner Stirn. So weit wollte ich heute nicht denken. So weit konnte ich heute auch gar nicht denken. „Hm..."

„Julius hat gefragt... Hannah schmeißt 'ne Party in der WG." Sein Brustkorb hob sich entspannt und senkte sich. Seine Körperwärme färbte auf mich ab und heizte immer mehr die Bettdecke auf, so sehr, dass es kuschelig warm wurde.

„Willst du hin?", fragte ich leise.

„Hm...." Nick zuckte mit den Schultern und lockerte seinen Griff ein wenig.

„Was läuft da eigentlich zwischen Julius und Hannah?" Meine Stimme verlor etwas von ihrem wackligen Klang und meine Tränen versiegten für den Moment.

„Ich bin mir nicht so sicher." Er sah mich mit gerunzelter Stirn an. „Er legt sich ungern fest."

„Ich mag Hannah." Ich wusste genau, was er da tat. Es war ein Ablenkungsmanöver. Und es gelang. Meine Tränen verschwanden, der Kloß im Hals wurde kleiner und meine Wut verrauchte. Nicht ganz, aber es blieb nur eine kleine Rauchfahne zurück.

„Ich mag Hannah auch." Er lächelte und hielt dann inne. „Magst du drüber reden?"

„Darüber, dass ich Hannah mag?"

„Nein. Nicht darüber."

Ich schnaufte zittrig auf. „Sie hat aufgelegt." Ich lehnte meine Stirn gegen seine Brust und wartete auf eine Reaktion von ihm, die allerdings ausblieb. Ich würde schon anfangen müssen zu reden. „Sie hat fröhliche Weihnachten gesagt und einfach aufgelegt."

„Das ist..."

Scheiße." Ich kämpfte die Wut hinunter. „Das ist scheiße, Nick. Ich wusste, dass sowas passiert... Oh Gott, ich will einen Schnaps..."

„Nein." Er lächelte und küsste mich. Es war ein einladender Kuss,der leicht mehr versprechen konnte. Der Kuss löste jedoch kein Kribbeln in meinem Unterleib aus und auch kein verräterisches Ziehen. Ich war einfach müde. Müde und erschöpft. Ich legte ihm die Hand auf die Mitte des Brustkorbes und unterbrach den Kuss. „Ich bin müde...", murmelte ich leise.

Nick schwieg einen Augenblick und nickte schließlich. „Es ist nicht in Ordnung, dass sie dich anrufen, und dann auflegen."

Ich rollte mich von ihm weg, drehte mich auf den Bauch und atmete aus. Nick streichelte meinen Rücken, während ich versuchte, einzuschlafen. Es dauerte. Ewig. Und die ganze Zeit dachte ich genau darüber nach. Warum riefen sie mich an, wenn sie dann doch auflegten?

„Meine Schwester ist so ätzend..."

Nick bewegte sich neben mir. „Ich würde so gern etwas tun, damit es besser wird..."

Ich sagte nichts. Vermutlich hatte er diese Vision im Kopf, dass meine Familie wieder zu so einer Bilderbuchfamilie zusammen wuchs wie seine eigene. Das waren wir vielleicht auch irgendwann gewesen. Damals. Als ich klein war. Als Maja klein war. Damals war ich ein aufgewecktes Grundschulkind gewesen, ponyverrückt, und mein größtes Problem war gewesen, dass Mama mich nicht pünktlich zur Reitstunde in den Stall brachte.

Irgendwann war es anders geworden und ich war mir nicht sicher, wann sich unser Verhältnis zueinander verändert hatte. Irgendwann hatte es einen Knick gegeben und ich hatte das Vertrauen in meine Eltern verloren. Irgendwann. Damals. Schon lange bevor ich auf einer Weihnachtsfeier meine Unschuld an einen viel zu alten Mann verloren hatte.

Irgendwann.

Vielleicht hing es damit zusammen, dass sie mich in dieses Internat gesteckt hatten. Es ist eine gute Schule, hatten sie damals gesagt. Wir müssen im Moment zu viel arbeiten. Dann hatten sie das Pony in die Nähe der Schule gestellt und ich war abgeschoben worden. Sie waren sogar auf die Turniere kaum noch mitgefahren. Nur, wenn es wichtig gewesen war.

Maja war in Düsseldorf geblieben.

Vielleicht konnten wir uns deshalb nicht ausstehen, Maja und ich.

Ich drehte mich auf die Seite, spürte seinen Körper an meinem Rücken und sog die Luft tief ein.

Das Pony war im letzten Jahr für immer eingeschlafen. Idipus war bis zum letzten Tag topfit gewesen. Sechsundzwanzig Jahre alt war er geworden. Ich hatte ihn von Jan bekommen und Basti hatte ihn auch eine Zeit lang geritten. Ein tolles Pony...

Als ich wieder einatmete, kamen die Tränen zurück. Diesmal aber nicht, weil ich so sauer auf meine Eltern war, sondern weil das Pony nicht mehr da war. Weil Carrie nicht mehr da war. Und weil meine Eltern mich in dieses Internat gegeben hatten, ohne mit mir zu sprechen.

Weil ich einsam gewesen war.

Weil das vermutlich viel mehr der Grund war, weshalb ich mit der Trinken angefangen hatte,  als wegen dem Vorfall auf der Party.

Und das verstand ich in diesem Moment - als ich es nicht mehr war.

Ich weinte hemmungslos und konnte nicht aufhören. Auch  wenn ich in diesem Augenblick nicht einsam war, fühlte ich mich in mir drin unwahrscheinlich allein. Nicht, weil ich es war, sondern weil ich spürte, wie allein ich damals gewesen war.

Wenn ich Mo nicht gehabt hätte...
Wenn ich ihn nicht gehabt hätte.

„Man, Pi..." Nick seufzte schwer hinter mir. Sicher machte er sich Vorwürfe, dass er mich zu diesem Telefonat gedrängt hatte. Er wollte etwas tun, damit es mir besser ging, damit ich nicht heulend und schluchzend im Bett lag, aber ihm waren im Moment die Hände gebunden. Ich ließ ihn nicht an mich ran und das tat mir unwahrscheinlich leid. Ich wollte ihn nicht mit meiner Schulter kalt abspeisen, das hatte er nicht verdient. Aber ich konnte einfach nicht aufhören zu weinen. Ich konnte nicht.

Ich wollte ihm das alles sagen, aber ich bekam keinen Ton heraus.

Nick griff über mich, verschlang seinen Arm mit meinen und ich klammerte mich an ihm fest, als ob ich kurz vor dem Ertrinken wäre. Und das war ich. Eben fühlte es sich an, als ob ich in meiner Vergangenheit ertrinken würde, wenn mich meine Gegenwart nicht festhalten würde. Ich war mir sehr sicher, dass ich keine Zukunft haben würde, wenn es in diesem Moment anders gewesen wäre.


...............................

Ich  würde sagen, das war ein Durchbruch... 😎

Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top