𝟝・Überraschung

Der Club vibriert im Rhythmus der Bässe, die durch den Raum wummern. Ich stehe hinter der Bar, schwenke Gläser und mixe Drinks am laufenden Band. Meine Hände bewegen sich routiniert. Ein Blick auf die Spickzettel unter der Theke, auf denen die Rezepte unserer Cocktails notiert sind, ist längst nicht mehr nötig. Wenn man mich aus dem Tiefschlaf reißen würde, könnte ich zu jedem Drink, der auf der Karte steht, sagen, wie er zubereitet wird. Heute teile ich mir den Platz hinter der Theke mit Metin und Henning. Nilay und Hannah sind im Club unterwegs und bedienen die wenigen Sitzplätze links in einer der etwas ruhigeren Ecke.

»Lucia! Mach mir zwei Tequila Sunrise, drei Bier und eine Cola!« Hannahs Stimme durchdringt das Gewirr aus Beats und Geplapper.

Während ich mixe und die Drinks vorbereite, lasse ich meinen Blick schweifen. Es ist ein Freitagabend wie jeder andere. Der Club ist gut besucht, die Stimmung super. Wir haben viel zu tun, aber der große Stress ist uns bisher erspart geblieben, Gott sei Dank.

Ich arrangiere Hannahs Bestellung auf einem Tablett und widme mich dann zwei jungen Frauen, die Gin Tonic bestellen.

»Wie war der Mittwoch?«, fragt Metin, während ich den Gin aus dem Regal hinter uns ziehe.

»Nett«, antworte ich kurz angebunden.

Metin zieht eine Augenbraue hoch. »›Nett‹ ist die kleine Schwester von ›Scheiße‹. Was habe ich verpasst?«

Ich reiche den Mädels ihre Gläser, kassiere und wende mich dem nächsten Kunden zu. Während ich den bestellten Long Island Ice Tee zubereite, schweifen meine Gedanken zurück zum Mittwoch. Es war ein schöner Abend gewesen, bis zu dieser seltsamen Begegnung mit dem Fremden und Felix' Reaktion darauf. Meine Stimmung war danach leider etwas gedrückt. Gesprochen haben wir nicht mehr über den Vorfall.

»Hat Elaine nichts erzählt?«, weiche ich aus.

»Doch«, sagt er, verschwindet kurz, um den nächsten Gast zu bedienen und wendet sich dann wieder mir zu. »Sie hat davon geschwärmt, wie heiß sie deinen Mitbewohner findet ...«

Ich muss lachen. Ja, das klingt sehr nach Elaine. Direkt und unverblümt.

»... aber sie hat auch erzählt, dass ihr euch gestritten habt?« Metins Lachen verschwindet und macht einem besorgten Gesichtsausdruck Platz. »Ist alles in Ordnung?«

Ich halte einen Moment inne und seufze tief. »Ja. Mein Mitbewohner wollte sich nur als mein Bodyguard aufspielen, als mich ein Unbekannter angesprochen hat.«

Metins Mundwinkel zucken, seine Augenbrauen heben sich. »Oh, ich verstehe. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie sehr du den großen Beschützer an deiner Seite liebst.«

Ich boxe ihm gespielt empört gegen den Oberarm. Lachend weicht er mir aus und widmet sich wieder unseren Kunden. Während ich es ihm gleichtue, muss ich immer wieder an den Fremden denken. An seine ungewöhnlichen Augen, die mich an die stürmische Nordsee erinnerten. Irgendwie bedaure ich, dass ich nicht wenigstens seinen Namen erfahren habe.

»Schade, dass ich nicht dabei war. Ich hätte ihn gerne kennengelernt.«

Für einen Moment bin ich irritiert, dann begreife ich, dass Metin von Felix spricht, nicht von dem Fremden.

»Die Gelegenheit kommt bestimmt noch. Wie war der Geburtstag?«

Lachend winkt er ab, während er am Zapfhahn steht und das Bier ins Glas laufen lässt.

»Laut, turbulent, chaotisch. Typisch deutsch-türkische Großfamilie. Gesittet und ruhig können wir nicht.« Er übergibt das Bier, kassiert den Gast ab und beugt sich wieder zu mir herüber. »Es gab einen kleinen Eklat, weil wir Geschwister zusammengelegt und Enis einen gebrauchten Roller gekauft haben. Meine Mutter fand das nicht lustig. Wenn es nach ihr ginge, würde ihre Tochter nie auf so ein Ding steigen. Aber Enis hat sich den Führerschein hart erarbeitet und darf jetzt fahren. Ihr fehlte nur noch das passende Gefährt.«

»Wusste deine Mutter nichts davon, dass sie den Führerschein macht?«

»Nein, natürlich nicht.« Er grinst. »Sie hat es bei uns allen nicht gewusst. Mein Vater hat das immer heimlich hinter ihrem Rücken eingefädelt und uns unterstützt. Wobei ich nicht ganz verstehe, warum das beim vierten Kind immer noch funktioniert.«

Ich lache und wende mich der nächsten Kundin zu, die einen Cuba Libre und zwei Mai Tai bestellt.

»Metin?«, Hannah steht plötzlich neben uns an der Bar. »Kannst du hier weg? Ich bräuchte Hilfe hinten im Lager.«

Metin wirft mir und Henning einen kurzen Blick zu, doch wir nicken beide. Der Andrang hält sich in Grenzen und ist auch zu zweit gut zu bewältigen.

»Okay, ich beeile mich«, verabschiedet er sich und folgt Hannah nach hinten.

Henning übernimmt die Zapfhähne und ich konzentriere mich auf die Shaker und Mixer. Ohne viele Worte arbeiten wir Hand in Hand. Die Zeit vergeht wie im Flug und ich vergesse fast, dass Metin und Hannah noch im Lager sind.

»Einen Gin Tonic, bitte«, ertönt eine Stimme neben mir, die mir irgendwie bekannt vorkommt. Ich drehe mich um und plötzlich steht er vor mir: der Fremde aus dem Pub. Er lächelt mich an, ein warmes, gewinnendes Lächeln, das ich einfach erwidern muss.

»Welch freudige Überraschung, dich hier zu treffen«, sagt er und lehnt sich lässig an den Tresen.

»Ich bin fast jeden Abend hier«, antworte ich. »Das erste Mal im Sonic? Sonst hättest du mich längst bemerkt.«

Er nickt, und während ich seinen Drink zubereite, spüre ich seinen Blick auf mir. Ein seltsames Gefühl - einerseits aufregend, andererseits macht es mich nervös.

»Hätte ich das gewusst, wäre ich sicherlich schon früher vorbeigekommen. Ich heiße übrigens Tino«, stellt er sich vor und reicht mir über die glänzende Theke hinweg seine Hand. Sie ist warm, sein Händedruck fest und bestimmt.

»Lucia«, antworte ich und lasse meine Hand länger als üblich in seiner. Seine Augen fixieren die meinen, ein beiläufiger Funke springt zwischen uns über.

»Ein schöner Name für eine ebenso schöne Frau.« Sein Charme wirkt ebenso mühelos wie sein Lächeln, das jetzt noch etwas breiter wird. Er scheint sich völlig bewusst zu sein, welche Wirkung er damit erzielt.

Ich schaue ihn mit schief gelegtem Kopf an, während ich eine weitere Bestellung vorbereite. »Willst du wirklich mit so einem billigen Trick bei mir landen?«

»Billig?« Tino zieht eine Augenbraue hoch. »Ich würde es eher klassisch nennen.«

Ich muss grinsen. Ich konzentriere mich wieder auf meine Arbeit, nehme zwei weitere Bestellungen auf, während er mich nicht aus den Augen lässt und jede meiner Bewegungen verfolgt.

»Darf ich dich diesmal auf einen Drink einladen?«, fragt er, als ich wieder bei ihm stehe. »Nach deiner Schicht vielleicht?«

»Arbeitsregel Nummer eins: Keine Dates mit Gästen«, kläre ich ihn auf. »Sorry!«

»Regeln sind dazu da, um gebrochen zu werden«, entgegnet er mit einem frechen Augenzwinkern.

Ich schüttle den Kopf und lache leise. »Du bist sehr hartnäckig.«

»Und du faszinierend«, erwidert er sofort.

Mein Lachen verstummt für den Bruchteil einer Sekunde, als ich mich in seinen grauen Augen verliere. Der Club ist voller Geräusche und doch scheint es in diesem Moment nur uns beide zu geben. Es dauert nur einen Moment, dann reiße ich mich wieder zusammen und widme mich meinen Gästen.

»Was machst du hier?«, frage ich, während ich den nächsten Cocktail mixe.

»Ich suche Ablenkung«, antwortet er und nimmt einen Schluck von seinem Gin Tonic. »Und vielleicht ein bisschen Gesellschaft.«

»Ablenkung wovon?«, hake ich nach.

Tino verzieht den Mund und winkt mit einer Handbewegung ab. »Harte Woche.«

Ich nicke. Wir alle kennen diese Wochen. »Und du glaubst, dass ich dir diese Ablenkung bieten kann?«

Tino grinst breit, seine grauen Augen funkeln selbstzufrieden. »Zumindest kann ich mich jetzt nicht über schlechte Gesellschaft beschweren.«

Ich lege den Kopf schief und mustere ihn genauer. Wie neulich im Pub sind seine blonden Haare perfekt frisiert. Das Kinn ist glatt rasiert, und in seinem Lächeln liegt ein Hauch von Arroganz. Tino sieht gut aus, keine Frage, aber da ist noch mehr - ein Funkeln in seinen Augen, das mich neugierig macht und gleichzeitig vorsichtig. Felix' Reaktion ist noch zu präsent.

Zwischen zwei Bestellungen schiebt er eine Visitenkarte über die Theke. Sein Name, Tino Weber, steht in geschwungenen Buchstaben darauf. Darunter eine Telefonnummer.

»Nur für den Fall, dass du es dir mit der Einladung anders überlegst«, sagt er mit einem schiefen Grinsen.

Ich stecke die Karte kommentarlos in meine Jeanstasche. Vielleicht, ganz vielleicht, wähle ich die Nummer irgendwann. Oder sie verschwindet für immer in der Versenkung meiner Waschmaschine. Es wäre unklug, ihm - oder mir - hier und jetzt auch nur den Hauch einer Hoffnung zu machen.

Er scheint den Fingerzeig zu verstehen.

»Also dann...«, sagt Tino. »Bis bald, Lucia.« Er steht auf, nickt mir noch einmal zu und verliert sich im Gedränge des Clubs.

Ich sehe ihm nach, sein Rücken verschmilzt mit den anderen feiernden Körpern. Ein ungewohntes Gefühl breitet sich in meiner Brust aus - Neugier? Interesse? Ich bin nicht gerade abenteuerlustig. Das ist definitiv eher Elaines Ding. Aber Tino hat etwas an sich, das ich nicht in Worte fassen kann, das mich aber sehr in seinen Bann zieht.

»Wer war das?«, reißt mich Metin plötzlich aus meinen Gedanken. Stirnrunzelnd schaut er in die Richtung, in die Tino verschwunden ist.

»Jemand, der etwas Gesellschaft gesucht hat«, winke ich ab und widme mich wieder meinen Cocktails.

Metin zögert noch einen Moment, fast scheint es, als wolle er etwas sagen. Dann macht auch er sich wieder an die Arbeit.

⫸ 10.104 Wörter

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