8. Kapitel
Harry:
„Du warst in einer Bar?" Gemma sieht mich skeptisch an. „So unrealistisch?" – „Ziemlich. Hast du zufällig in der Bar gearbeitet, oder wieso warst du dort?", fragt sie mich skeptisch. Ich seufze und schüttle den Kopf. „Du stellst es falsch dar, meine Arbeit ist mir einfach wichtig", erwidere ich. Sie mustert mich skeptisch. „Also hast du tatsächlich gearbeitet", stellt sie fest und trinkt einen Schluck ihres Kaffees. „Es war wichtig. Es... Oliver will sehen, dass ich gut mit dem Team klarkomme. Zwischenmenschlich", fasse ich zusammen, ohne ihr von der Möglichkeit zu erzählen, Partner zu werden. „Also bist du nur wegen deiner Arbeit mit dorthin gegangen." – „Wenn ich jetzt ja sage..." – „Bist du definitiv ein schlimmerer Workaholic, als ich dachte. Ich hatte für einen klitzekleinen Augenblick wirklich Hoffnung, dass du einfach mal abschaltest und ausgehst."
Ich verdrehe die Augen. „Ich bin ehrgeizig und mir ist meine Karriere wichtig. Und außerdem bin ich doch gerade hier und nicht im Büro." Sie sieht mich skeptisch an. „Es ist Sonntag und wir trinken alle zwei Wochen einen Kaffee zusammen, weil ich dich sonst nie zu Gesicht kriegen würde", widerspricht sie. „Du stellst es falsch dar. Ich treffe mich mit dir, weil du meine kleine Schwester bist." – „Und du sichergehen willst, dass es mir gut geht", fügt sie hinzu. „Das ist nichts verwerfliches", merke ich an und sie schmunzelt. „Nein, ist es nicht. Da hast du recht." – „Ich habe immer recht." – „Dein Ego ist viel zu groß." – „Du musst immer das letzte Wort haben, oder?" – „Liegt wohl in der Familie", grinst sie und isst ihren Keks, den es zum Kaffee dazu gab.
„Hattest du wenigstens ein bisschen Spaß? Ein kleines bisschen?" – „Du kannst es nicht lassen, oder?", frage ich amüsiert. Sie schüttelt scheinheilig den Kopf. „Ich habe Billiard gespielt, okay?" – „So etwas kannst du? Wow", grinst sie. „Übertreib es nicht." – „Tue ich nicht. Du ist mein Bruder, ich kann dich so viel ärgern, wie ich will." Ich schnaube und schüttle den Kopf. „Lüge." – „Ist es nicht und das weißt du", schmunzelt sie. „Wenn du mir jetzt noch erzählst, dass du wohlmöglich mit jemandem geflirtet hast, zahle ich heute den Kaffee." – „Definitiv nicht!", widerspreche ich ihr sofort. Mit großen Augen sieht sie mich an. „Erzähl!" – „Es gibt nichts zu erzählen!" – „Lüge, schon wieder", widerspricht sie mir.
„Es ist das Gegenteil von flirten, ich muss dich also enttäuschen. Ich hasse diesen Kerl." – „Kerl? Was?" – „Siehst du, kein Flirten. Definitiv kein Flirten", stelle ich klar. Dieser dumme Feuerwehrmann. „Schon gut." Gemma hebt beide Hände. „Das wäre ja auch das achte Weltwunder, wenn du dich auf jemanden einlassen würdest." Ich verdrehe die Augen. „Immerhin heule ich nicht alle paar Monate wem anders hinterher."
Gemma presst die Lippen aufeinander. Ach, fuck. „Gem..." – „Schon klar. Ich weiß ja, dass du recht hast", sagt sie knapp und ihre ganze Körpersprache schreit förmlich, dass sie sich unwohl fühlt. Sie ist angespannt und ihr Mund verzieht sich. Sie sieht an mir vorbei und schaut durch das Café. „Es tut mir leid. Ich weiß, dass es in letzter Zeit mies gelaufen ist." – „Mhm. Klar. Lass uns das Thema wechseln." – „Gemma", versuche ich es noch einmal, aber sie blockt mich ab. „Mum meinte, du sollst dich mal wieder bei ihr melden." – „Ich weiß." – „Du hast es ihr versprochen." – „Ich rufe sie heute Abend an, okay?" – „Mach es wirklich." – „Ich halte meine Versprechen, das weißt du", sage ich und sie lächelt schief. „Ja, weiß ich. Oh, und ich soll dich fragen, ob es bei dir neues in Sachen Beziehung oder Dating gibt."
Skeptisch sehe ich sie an. „Mum will, dass du mich das fragst?" – „Vielleicht hat sie es nicht direkt so formuliert", weicht sie aus. „Mhm." – „Sag doch einfach!", verlangt sie. „Du bist viel zu neugierig", antworte ich ihr. Sie seufzt genervt und verschränkt die Arme vor der Brust. „Ich muss dich enttäuschen, es gibt nichts Neues", sage ich kurz und knapp. „Habe ich das vorhin nicht schon gesagt?" Sie verdreht die Augen. „Du meintest nur, dass du von der Bar aus allein nach Hause gegangen bist. Nicht, ob es generell in dieser Hinsicht Neuigkeiten gibt." Allein nach Hause gegangen? War sie nicht gerade noch elf und musste schon kichern, als das Wort Küssen nur gefallen ist?
„Ich bin sehr zufrieden mit meiner Situation. Ich bin gerne Single." – „Das glaubst du doch selbst nicht." – „Ich habe keine Zeit für Dates, Gem. So einfach ist das. Wenn würde ich nur etwas mit einer Frau anfangen, die genauso ehrgeizig ist wie ich und genau da ist das Problem. Dann hätte weder sie noch ich Zeit für eine richtige Beziehung, also kann man es auch gleich sein lassen." – „Und diese hypothetische Frau sieht das alles genau wie du." – „In dieser Hinsicht schon", sage ich knapp. Ich habe zwischendurch durchaus Sex. Gelegenheitssex ohne Verpflichtungen oder Versprechungen. Ich will keine langweiligen Filmeabenden und komische Dates, die in Schweigen enden. Guter Sex und gute Arbeit. Das reicht vollkommen, um meinen Alltag zu füllen.
„Du bist echt zu so einem anzugtragenden Spießer geworden." – „Der anzugtragende Spießer bezahlt dein Studium." – „Schon gut", lenkt sie ein, als ich sie daran erinnere und ich trinke meinen Kaffee aus. Ich habe früher nie Kaffee getrunken, aber in der Uni habe ich schließlich damit angefangen, als ich bis spät in die Nacht gelernt und an Hausarbeiten geschrieben habe. Und am nächsten Morgen sehr früh wieder in der Uni sein musste. Das ging ohne Kaffee irgendwann schlichtweg nicht mehr und inzwischen mag ich ihn.
„Sehen wir uns in zwei Wochen wieder?" – „Wie immer", lächle ich und schließe meine kleine Schwester in die Arme. „Pass auf dich auf, Gem." – „Das sagst du mir immer", antwortet sie mir und ich weiß, dass sie schmunzelt. „Ich werde auch nicht damit aufhören. Zur Not hast du die Kreditkarte, die ich dir gegeben habe." – „Und die ich noch nie benutzt habe", erinnert sie mich. Ich nicke. Die Kreditkarte hat ein Limit von 5.000 Pfund. Sie denkt, das Limit ist 1.000 Pfund. Ich habe sie einrichten lassen, falls sie mal Probleme hat. Sie läuft auf ihren Namen, ist allerdings mit meinem Konto verbunden. Ich habe sie machen lassen, als sie mit dem Studium angefangen hat und kurz danach wirklich daran gezweifelt, ob es eine gute Idee war und sie das Geld nicht einfach für Partys und anderen Quatsch auf den Kopf hauen wird, aber das ist nie passiert.
Sie geht gerne feiern und mit ihren Freunden aus, aber das bleibt alles im Rahmen. Ich glaube, falls sie wirklich mal die Kreditkarte nutzen sollte, würde ich durchdrehen und sofort versuchen, sie zu erreichen. Ich bekomme eine Benachrichtig, falls sie die Kreditkarte mal benutzten sollte. Scheiße, ich hoffe echt, dass das niemals passieren wird.
„Nimm dir ein Taxi nach Hause." Sie sieht mich nur an. „Du brauchst eine Stunde mit der Tube nach Hause!", argumentiere ich. Gemma schüttelt den Kopf. „Nein, muss ich nicht. Ich werde noch zur Uni fahren und in der Bib lernen. Da fahre ich nur eine Viertelstunde", antwortet sie mir und wir gehen zur Station. Ich bin mit dem Auto hier, aber laufe noch ein Stück mit. „Du weißt, dass du ein Auto haben könntest, wenn du wolltest." – „Harry." – „Was?" – „Lass es, okay?" Sie seufzt leise. „Es ist dein Geld, nicht meins. Ich möchte außerdem gar kein Auto haben, das ist in London ziemlich überflüssig. Man kommt überall mit der Tube hin." Ich kann die U-Bahn nicht leiden.
Gemma fährt trotzdem damit zur Uni. Ich gehe zu meinem Auto und fahre los. Der Nachmittagsverkehr in London ist der Horror, aber wenigstens bin ich allein in meinem Wagen. Ich habe meine Schwester wirklich lieb, aber bei manchen Sachen hat sie schlicht und ergreifend unrecht. So wie mit der Tube. Oder mit meinem Liebesleben. Ich muss niemanden Daten. Daten wird sowieso überbewertet. Schon gar nicht – nein. Niemanden. Grundsätzlich niemanden.
Plötzlich werde ich angehubt und zucke zusammen. Fuck. Die Ampel ist schon längst wieder grün. Ich hebe eine Hand, um mich bei der Person hinter mir zu entschuldigen und fahre weiter. Es sollte mir egal sein. Es ist nichts, ich war nur kurz in Gedanken versunken. Das passiert mal. Allerdings passiert mir das nicht. Niemals. Grundsätzlich nicht. Und schon gar nicht wegen so einem Thema wie Dating.
Ich will nach Hause. Ich muss noch etwas für die Arbeit tun. Ich kenne niemanden aus der Branche der Partner geworden ist, ohne Überstunden zu schieben. Der Verkehr stockt immer mehr. Ich seufze genervt und streiche mir die Haare aus der Stirn. Bis gerade lief der Tag so gut. Und dann steht mein Auto, obwohl die Ampel vor mir grün ist. Verdammt. Langsam staue ich mich weiter nach vorne. Ich biege um die Ecke und erkenne dann den Grund. Die Straße ist gesperrt. Es gab einen Unfall. Feuerwehr und Polizei blockiert so gut wie jeden Weg, der aus diesem Chaos herausführt. Einer der Wagen brennt, deswegen auch die Feuerwehr. Ich stöhne genervt. Wann lernen die Leute nur, vernünftig Auto zu fahren?
Ich komme der Unfallstelle immer näher. Dort steht ein Feuerwehrmann, er sieht ziemlich jung aus. Die Autos drehen um und fahren zurück. Irritiert sehe ich mir die Verkehrsführung an. „Sir, sie müssen einmal umdrehen", spricht er mich an. Wieso ist mein Fenster nochmal zur Hälfte geöffnet? „Die Straße ist zur Hälfte frei", antworte ich, wissend, welchen Umweg es sonst mit sich ziehen würde.
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Ein bisschen mehr Einblick in Harrys Leben. Vielleicht ist er doch kein so großes Arschloch, oder?
Love, L
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