71. Kapitel
Harry:
Zu hören, dass ich nach Hause gehen kann, ist ein gutes Gefühl. Ich bin erleichtert endlich aus dem Krankenhaus zu kommen. Einen Moment später wird das Gefühl gedämpft. Nach Hause ist relativ. Ich werde bei Louis bleiben, anstatt zu mir zu fahren. Niall hatte es mir auch angeboten, aber ich brauche gar nicht zu antworten, da war ihm schon klar, dass ich nein zu ihm sagen würde. Und dann hat er wiederholt, dass ich Louis lieben würde und gefragt, wann ich es ihm sage. Die Antwort ist: keine Ahnung. Seitdem er das angesprochen hat, sind mir diese drei kleinen Worte nicht mehr aus dem Kopf gegangen und ich hatte mehr oder weniger schnell die Erkenntnis: Niall hat recht. Das bedeutet allerdings noch lange nicht, dass ich es ihm direkt sagen werde. Nein, auf gar keinen Fall.
„Harry? Alles gut?" Ich zucke zusammen und sehe zu Louis, der gerade meinen Laptop einpackt, den er vor dem Feuer retten konnte. So war es mir zumindest möglich, ein bisschen zu arbeiten, als Niall und Louis nicht hier waren. Wenn er das wüsste, würde er sofort sagen, dass ich mich erst erholen soll. Ich kann seine Stimme praktisch hören. „Ja, sorry", sage ich schnell und greife nach den Schuhen. Louis war gestern in meiner Wohnung und hat mir welche geholt. Außerdem hat er einige meiner Klamotten mit zu sich genommen und gewaschen. Sie haben alle nach Rauch gestunken meinte er. Ich kann von Glück reden, dass das Feuer mein Ankleidezimmer nicht erreicht hat, sonst hätte ich jetzt nichts mehr und von ihm kann ich mir schlecht Kleidung leihen. Die würde an mir aussehen wie eingelaufen.
„Können wir los?", fragt er und ich nehme seine Hand. Louis drückt meine leicht, als unsere Finger miteinander verschränkt sind. Ich nicke. „Ja, lass uns gehen." Er hält mir die Tür auf und wir laufen zum Aufzug. „Ich habe überlegt, dass wir nachher etwas zu essen bestellen. Du musst dich sowieso noch ausruhen und ich liege lieber mit dir auf dem Sofa, als allein in der Küche zu stehen." – „Ich könnte mich in die Küche setzen, während du kochst", überlege ich laut, da ich weiß, dass er nicht zulassen wird, dass ich mich zu ihm stelle oder gar selbst den Kochlöffel in die Hand nehme. „Worauf hast du Lust?", möchte er wissen und ich überlege kurz. „Frühlingsrollen und gebratene Nudeln", entscheide ich dann. „Klingt gut", stimmt Louis zu und öffnet mir die Beifahrertür.
Es sind diese kleinen Gesten, die mein Herz randalieren lassen. Es ist so... gibt es ein Wort dafür? Es macht mich nervös und glücklich, mir wird wärmer und ich fühle ich geborgen. Ich fühle mich geliebt und gewollt. „Harry?" – „Mhm?" – „Du träumst schon wieder, kann das sein?", fragt Louis amüsiert und startet den Wagen. „Stimmt gar nicht." – „Mhm." – „Wirklich nicht." – „Sicher", antwortet er und grinst belustigt. Er weiß genauso gut wie ich, dass ich nicht mitbekommen habe, was er vorher gesagt hat. Ich habe sehr wohl vor mich hingeträumt. Was kann ich dafür, wenn er meinen Verstand durcheinander bringt? Ich würde behaupten, dass das ganz allein seine Schuld ist.
Wir fahren zu ihm. Er meinte, er war schon einkaufen und er konnte mit ein paar Kollegen die Schichten für die nächsten drei Tage tauschen. Sein Team hat sofort arrangiert, dass er bei mir zuhause bleiben kann. Ich wollte erst nicht, dass er deswegen nicht arbeiten geht, aber er hat drauf bestanden. Er hat es nicht gesagt, aber ich glaube, Louis hätte sonst sogar Urlaub genommen. Spätestens da hätte ich widersprochen. Also noch mehr, als ich schon getan habe.
An einer roten Ampel legt Louis eine Hand auf meinen Oberschenkel. Ich verziehe den Mund, um nicht wie ein Trottel zu grinsen. „Du magst es", stellt Louis fest und drückt leicht zu. „Möglich." – „Du darfst das mögen." – „Ich weiß, es ist nur... du... also..." – „Ich mache dich nervös?", fragt er und lächelt dabei auf eine Art und Weise, die mir ganz genau verrät, dass er die Antwort darauf schon längst weiß. „Vielleicht", weiche ich aus. Louis lacht. Es ist schön, ihn lachen zu hören. Es klingt unbeschwert und frei. Ich liebe es und automatisch lächle ich. Ich denke, er wird immer in der Lage sein, meine Laune anzuheben.
Er parkt einige Meter weiter und wir steigen aus. „Deine Wäsche ist noch nicht ganz fertig, aber die nächsten Tage gehst du eh noch nichts in Büro richtig?" – „Also eigentlich wollte ich..." Ich breche ab, als ich seinen Blick sehe. „Ich gehe am Montag wieder", beschließe ich. Das ist in vier Tagen. So lange kann ich auch von hier aus Arbeiten. Es ist seltsam mich dazu zu entscheiden, nicht ins Büro zu fahren, aber noch während wir die Treppen hoch zu seiner Wohnung gehen, merke ich deutlich, dass es die richtige Entscheidung war. Ich bin längst nicht wieder so fit, wie ich es gerne wäre. Vielleicht kann ich aber am Wochenende ein paar Yoga-Übungen machen. Ich möchte nicht nur auf dem Sofa hängen und mich gehen lassen. Daraus würde nur folgen, dass ich unausgeglichen und dann schlecht gelaunt bin. Das möchte ich nicht, wenn ich Zeit mit ihm verbringe. Ich will die Zeit hier genießen, soweit es den Umständen entsprechen geht.
„Hast du mit der Versicherung gesprochen?", will Louis wissen, als wir die Wohnung betreten. „Ich habe morgen einen ausführlicheren Termin mit ihnen, digital versteht sich", antworte ich ihm und stelle die Schuhe zur Seite. Louis geht vor ins Schlafzimmer. Ich folge ihm langsam und sehe, dass er bereits eine Jogginghose und ein Shirt von mir rausgelegt hat. Die Sachen, die ich gerade trage, riechen nach Krankenhaus, also kommen sie direkt in den Wäschekorb. „Setz dich", sagt Louis dann. Ich bin ein wenig irritiert, aber setze mich aufs Bett. Er öffnet eine Schublade der Kommode und kniet sich vor mich. „Du hast sie schon gewaschen?", frage ich überrascht, als er mir die Schäfchensocken anzieht. „Natürlich", antwortet er, steht wieder auf und küsst mich sanft. „Und zwei weitere Paare sind auch schon in der Schublade." – „Wieso das?" – „Weil du jetzt hier wohnst, vorerst zumindest", antwortet er mir.
Das Essen lässt ein bisschen auf sich warten, aber das stört mich erstaunlicherweise nicht einmal. Ich liege zwischen Louis' Beinen und wir schauen einen Film. Diesmal durfte er aussuchen, also wurde es ein Actionfilm. Er gefällt mir ganz gut. Ich glaube nicht, dass ich ihn mir anschauen würde, wenn ich allein wäre, aber mit ihm? Da ist das etwas anderes. Er krault sanft meine Kopfhaut und meinen Nacken. Immer wieder platziert er einen Kuss auf meinen Haaren. Ich ziehe die Decke höher und drehe meinen Kopf, um ihn ansehen zu können. Ich lehne gegen seine Brust. Es ist kuschelig warm.
„Kuss?", frage ich und er schmunzelt. „Natürlich." Aus einem kleinen Kuss, werden viele Küsse. Süß und sanft und liebevoll. Es sind so viele Küsse, dass Louis danach den Film um zehn Minuten zurückspult, weil wir nichts mehr davon mitbekommen haben, was darin passiert ist. Shit Happens.
„Ich bin froh, dass du hier bist", sagt Louis, als die leeren Nudelboxen auf dem Tisch vor dem Sofa stehen. Ich lehne an seiner Schulter. Wir schauen gerade die Fortsetzung des Filmes davor. Ich nicke. „Ich auch. Danke, dass ich hier sein darf." – „Jederzeit", antwortet er und küsst meinen Hals. Ich lächle glücklich und lehne meinen Kopf ein bisschen zur Seite. Ich wusste nicht, dass es Halsküsse gibt, die nicht Erotisch sind, sondern liebevoll. Ich muss feststellen, die gibt es und sie sind wunderschön.
„Ich liebe dich", rutscht mir dann heraus und meine Augen werden groß. „Oh Shit. Tut mir leid. Ich wollte nicht... war das zu früh? Oh, das war zu früh, oder? Ich habe nicht nachgedacht und irgendwie habe ich es dann laut ausgesprochen und... Shit", stottere ich panisch heraus und setze mich auf. Louis sieht mich perplex an. Mein Herz klopft mir bis zum Hals. Wieso vermassle ich es schon wieder? Was ist denn mit mir?
Meine Knie sind weich (wie gut, dass ich sitze) und meine Handflächen werden feucht. Ich presse die Lippen aufeinander, um nicht wieder loszustottern. Louis' Blick macht mich unglaublich nervös und gerade, als ich glaube, ich habe es tatsächlich komplett versaut, küsst er mich. Er küsst mich so hingebungsvoll, dass mir für einen Moment die Luft wegbleibt und mein Herz sich überschlägt.
„Sag das noch einmal", fordert er und sein Ton jagt mir einen Schauer über den Rücken. „Ich liebe dich", flüstere ich gegen seine Lippen und merke, dass er lächelt. „Ich liebe dich auch, Harry. Sehr."
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Wie fandet ihr das Kapitel? Meinungen und Gedanken dazu?
Außerdem hier noch eine kleine Erklärung, wieso in letzter Zeit nur ein Kapitel pro Woche kam. Ich habe die letzten Wochen an dem Adventskalender für dieses Jahr geschrieben. Es sind wieder um die 30k Wörter geworden und er ist fertig! Das Buch selbst ist schon online, also speichert es euch gerne schon einmal in euer Bibliothek. Ich hoffe, es wird euch gefallen :)
Love, L
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