58. Kapitel
Louis:
Es ist zehn vor sechs. Ich habe einen Parkplatz mehr oder weniger direkt vor dem Gebäude gefunden und warte seit ein paar Minuten. Ich werde um Punkt sechs Uhr bei ihm im Büro stehen. Die Chance, dass er dann wirklich schon fertig ist, schätze ich etwa 50/50 ein. Ich hoffe, dass er pünktlich Feierabend, aber vorschreiben kann ich es ihm nicht. Ich sehe in den Rückspiegel und richte meine Haare. Mein Oberteil sitzt gut. Es ist kein Hemd, sondern ein Top mit breiten Schultern aus Wolle mit einem V-Kragen. Es ist schwarz, genau wie meine Stoffhose und hat weiße Zahlen eingewebt, wie einem Kalenderblatt ähneln. Eine Lederjacke macht das Outfit komplett. Meine Haare sitzen gut und zufrieden steige ich aus dem Auto. Ich habe Glück, gerade kommt jemand aus de Gebäude und hält mir netterweise die Tür auf. „Vielen Dank", sage ich knapp und betrete das Treppenhaus. Kurz darauf gehe ich durch den Flur zu Harrys Büro. Konzentriert sieht er auf den Bildschirm seines Laptops. Er bemerkt nicht, dass ich inzwischen vor der Glastür zu seinem Büro stehe.
Ein kurzer Blick auf meine Armbanduhr, die ich heute ausnahmsweise mal trage, verrät mir, dass es 5:59 Uhr ist. Ich warte bis 6. Als die Zahlen umspringen, öffne ich die Tür und Harry sieht auf. „Du bist schon da?", fragt er verwundert. „Hi", antworte ich und trete ein paar Schritte näher. Harry mustert mich. „Du siehst gut aus." – „Danke. Gehst du so oder ziehst du dich noch um?", frage ich ihn und sehe an ihm herab. Das hellblaue Hemd und die dunkelblaue Anzughose ist genau das Outfit, mit dem ich gerechnet habe. Über dem Stuhl hängt das passende Jackett. „Ich ziehe mich gleich noch um. Ich muss das Dokument nur eben speichern, dann bin ich fertig", sagt er, während er noch tippt. „Ich habe doch noch ein paar Minuten. Es war gerade erst fünf Uhr und... scheiße." – „Es ist sechs Uhr", sage ich, obwohl er es wohl in diesem Moment selbst gesehen hat.
„Verdammt. Ich wollte wirklich fertig sein, bis du kommst", flucht er und seufzt. „Es tut mir leid. Ich beeile mich, okay? Setz dich ruhig so lange." Er deutet auf den Stuhl gegenüber seines Schreibtisches. Einen Moment später klappt er den Laptop zu und geht zu der Garderobe, die in der Ecke des Raums hinter der Tür steht. Daran hängt ein Kleiderbügel mit einem anderen Hemd. Es ist rosa und schimmert. Verwundert sehe ich ihn an. „Hängt das den ganzen Tag schon dort?" Er schüttelt den Kopf. „Nein, erst seitdem meine Kollegen weg sind. Ich wollte es noch ein wenig aushängen lassen, dass es nicht ganz so verknittert ist", antwortet er mit und öffnet die Knöpfe seines Hemds. Er steht so weit von der Fensterfront entfernt, dass man ihn von der Straße aus nicht sieht. Ich schätze, deswegen geht er nicht extra in den Waschraum.
Seine blaue Anzughose tauscht er gegen eine schwarze Stoffhose, die ebenfalls an der Garderobe hängt. Er sieht an sich herab und zupft den Stoff zurecht. „Ich bin sofort wieder da", sagt er, nimmt sich eine kleine Tasche aus seinem Regal und verlässt das Büro. Ich sehe mich um. Im Regal stehen einige Bücher über Wirtschaft und Immobilien. Und ein Bildband über Architektur. Alles hier drin passt zu seinem Job, nichts davon passt zu ihm persönlich. Keine Bilder oder ähnliches sind hier zu finden. Es gibt nichts, was ihn ablenken könnte.
Harry kommt mir frisch gestylten Haaren zurück. Er stellt die Tasche zurück und ich lasse meinen Blick über ihn gleiten. Sofort wird er nervös und errötet ein wenig. „Gut so?" – „Du siehst sehr hübsch aus", antworte ich ihm und er lächelt ein wenig. „Danke. Du auch." Er kommt auf mich zu und ich bemerke, dass er Parfüm aufgetragen haben muss. Und er hat einen kleinen, weißen Fleck am Mundwinkel. Ich streiche mit dem Daumen darüber, um ihn weg zu machen. Verwundert sieht er mich an. „Du hattest da noch Zahnpasta", antworte ich. „Oh, Mist. Sorry", entschuldigt er sich schnell, aber ich winke ab. „Schon gut. Können wir los?" – „Gerne", antwortet er mir und wir gehen zu meinem Wagen. Ich öffne ihm die Beifahrertür und er setzt sich.
Als ich den Motor starte, sieht er mich neugierig an. „Wo fahren wir hin?" – „Das siehst du gleich", erwidere ich und lege eine Hand auf seinen Oberschenkel. Leicht drücke ich zu und sehe an einer roten Ampel zu ihm. Er lächelt glücklich und hat seine Hand auf meine gelegt. „Okay?", frage ich dennoch nach und er nickt sofort. „Ja. Auf jeden Fall." Zufrieden sehe ich wieder nach vorne.
Wir fahren nicht lange, nur etwa eine Viertelstunde. „Eine Kirmes?", fragt er überrascht, als ich den Wagen parke. „Sehr richtig", antworte ich und steige aus, um ihm die Tür zu öffnen. Ich reiche ihm eine Hand und er legt seine hinein. „So kennt man das nur aus Filmen", meint er. „Schlimm?", frage ich schmunzelt und sofort schüttelt er den Kopf. Einen kurzen Moment sehe ich ihn an. „Das Hemd steht dir sehr gut." – „Findest du? Es ist neu. Ich wusste nicht, ob es zu viel ist, aber..." – „Du siehst gut aus, Harry", versichere ich ihm und er lächelt glücklich. „Danke. Ich fühle mich gut darin." Sein Blick fällt auf meine Lippen. Das ist vorhin im Büro schon passiert, aber er hat mich nicht geküsst. Einen kurzen Augenblick warte ich noch, aber er kommt mir nicht näher. Gut, dann später. Ich schiebe meine Finger zwischen seine und drücke seine Hand leicht. „Möchtest du zuerst eine Kleinigkeit essen?" – „Was gibt es hier so?" – „Warst du noch nie auf einer Kirmes?" – „Das ist ewig her", antwortet er mir. „Das muss mindestens zwanzig Jahre her sein." – „Lass uns einfach ein Stück laufen und schauen, was es so gibt", entscheide ich und küsse seine Fingerknöchel. Er nickt zufrieden und wir betreten das Gelände.
Harrys Augen leuchten, als er all diese verschiedenen Stände sieht. Ich war mir nicht sicher, ob eine Kirmes wirklich das richtige für ihn ist, aber jetzt weiß ich, dass ich mich richtig entschieden habe. Die alternative wäre Bowling gewesen, aber ich habe entschieden, dass das dran ist, wenn das Wetter nicht mitspielen sollte. Ich wette, auch das hat er ewig nicht mehr gemacht. Mit Restaurantbesuchen werde ich ihn kaum beeindrucken. Mit solchen Ideen habe ich da deutlich mehr Chancen. Harry entscheidet sich für eine Waffel. Er seufzt genießend auf, als er reinbeißt. „So etwas habe ich ewig nicht gegessen", murmelt er. Ich habe mich für eine Currywurst entschieden.
„Woher wusstest du, dass es eine Kirmes gibt?", fragt er mich und sieht sich um. „Wusstest du es nicht? Die findet jedes Jahr statt." – „Ich habe nicht so viel Freizeit und ich wüsste ehrlich gesagt auch nicht, wer mit mir hierhin gehen würde." – „Ich." – „Ich meine von meinen Freunden", erklärt er und ich nicke verstehend. „So etwas habe ich mir fast gedacht." Harry wirft die leere Pappschale weg und kommt auf mich zu. Wieder dieser Blick. Ob er mich diesmal wohl küssen wird? Harry zögert. Ich schmunzle amüsiert. „Küss mich einfach, Harry. Du darfst mich immer küssen." Er errötet sofort. „Du bist süß." Damit mache ich es nicht besser, aber er ist so süß, wenn er mich so ansieht.
Dann küsse ich ihn. „Mhm", seufzt Harry leise und lehnt sich mir entgegen. Ich lege einen Arm um seine Taille und ziehe ihn enger zu mir heran. Mit Zunge küsse ich ihn nicht, aber ich küsse ihn dennoch so süß, dass seine Lippen leicht angeschwollen und etwas rötlicher als vorher sind. „Wollen wir weitergehen?", frage ich ihn und er nickt leicht. „Ja, klingt gut."
Harry versucht sich im Dosenwerfen. Er ist nicht schlecht, aber für einen richtigen Preis reicht es nicht. Er bekommt lediglich einen Schlüsselanhänger vom Big Ben. „Wieso sind die Kinder alle besser als ich." – „Weil du mies wirfst", antworte ich ehrlich. Er schnaubt. „So schlecht war ich gar nicht." – „Du hast in fünf Würfen nur zwei Becher getroffen." – „Besser als keinen", widerspricht er und ich lache, ehe ich einen Kuss auf seine Schläfe drücke.
„Schau mal!" – „Die Erdbeeren?" – „So einen Spieß möchte ich!", beschließt er entschlossen und zieht mich schon fast zum Stand. „Die mit dunkler Schokolade?", frage ich und ziehe mein Portemonnaie aus der Tasche. „Du hast die Waffel schon gezahlt", sagt Harry sofort, aber ich schüttle den Kopf. „Ich habe gesagt, ich führe dich aus. Also tue ich das auch." Ich bezahle und wähle den Spieß mit dem Schokoladenherz obendrauf. „Bitte sehr." Ich reiche ihm den Spieß und er beißt von der ersten Erdbeere ab. Er seufzt auf und lächelt glücklich. Am Rand seiner Lippen ist ein dünner Schokoladenrand. Ich schmunzle. Harry bemerkt es nicht und isst zufrieden weiter.
„Gehen wir gleich auch aufs Riesenrad?", fragt Harry mich, als er den Spieß fast aufgegessen hat. „Natürlich", stimme ich zu und wir stellen und in die Reihe an. „Ist es kitschig, wenn ich sage, dass ich schon immer mal in einem Riesenrad geküsst werden wollte? Nicht im London Eye, da ist es viel zu voll. In so einem kleinen Riesenrad", will er wissen, als ich die Tickets gelöst habe. Eine Gondel hält vor uns und ich lasse ihm den Vortritt. Harry setzt sich und die Tür hinter mir wird geschlossen. Es ist eine offene Gondel und nur wir beide sitzen darin. Als wir oben sind, küsse ich Harry. Überrascht seufzt er auf, lächelt dann und erwidert den Kuss.
„Dieses Date ist wunderbar. Danke, Lou", sagt erleise und küsst mich wieder. Fuck, ich werde ich definitiv öfter ausführen.
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Das Date läuft richtig gut. Was meint ihr, wie geht es weiter?
Love, L
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