57. Kapitel

Harry:

Morgens ist alles wie immer. Es passiert nichts Besonderes. Mies gelaunt stehe ich vor meiner Kaffee und warte darauf, dass sich die Tasse füllt. Es ist kitschig. Ich sollte besser bescheuert sagen. Gemma hat mir schon oft davon vorgeschwärmt und ich dachte nie, dass es mir mal etwas bedeuten würde – dass ich auch nur daran denken würde. Wie bescheuert muss man sein, sich derart Gedanken, um eine Nachricht zu machen. Eine Guten-Morgen-Nachricht, um genau zu sein. Ich habe nie eine bekommen und es war mir bis dato egal, wieso also habe ich jetzt ein Problem damit?

Ich trinke einen Schluck Kaffee und schreibe Louis selbst. Ich glaube, er hat gleich Schichtbeginn.

Me: Guten Morgen :)

Mein Handy lasse ich bewusst in der Küche liegen, als ich ins Bad gehe und unter die Dusche springe. Ich würde nur alle paar Minuten schauen, ob er mir geantwortet hat. Da würde es ewig dauern, bis ich fertig angezogen bin. Gerade, als ich meine Sachen nehmen will, piept mein Handy.

Louis: Hi

Me: Gut geschlafen?

Louis: War okay.

Irritiert sehe ich auch die Nachricht. Ich weiß nicht genau, was mich stört, aber irgendetwas tut es. Skeptisch sehe ich auf meinen Bildschirm. Dann rufe ich ihn an.

„Hi", höre ich ihn überrascht sagen. „Hey." – „Wieso rufst du an?" – „Ich bin auf dem Weg zur Arbeit... uhm... also wieso nicht?", entgegne ich und werde augenblicklich wieder nervös. Scheiße, wird das je aufhören? Nein, das soll gar nicht aufhören. Ich setze mich in den Wagen und schalte auf die Freisprechanlage um. „Musst du gleich zur Wache?", frage ich weiter und beiße mir auf die Zunge. Wieso bin ich zu schissig zu fragen, ob alles okay ist oder ob ich die Nachricht einfach falsch verstanden habe? „Meine Schicht fängt um zehn Uhr an, das weißt du doch." – „Stimmt ja... uhm... klar", bringe ich heraus. Meine Gedanken schwirren durcheinander und bilden ein totales Chaos, bei dem Versuch herauszufinden, worüber wir sprechen könnten.

„Wie war dein Tag gestern noch?", möchte Louis wissen und setzt diesem Chaos zum Glück ein Ende. „Nick hat mich angesprochen, also auf dich", fange ich an und verbringe die nächsten paar Minuten damit, ihm von gestern zu erzählen. „Also ist dein Boss okay damit, dass du einen Freund hat." – „Im Prinzip geht es ihn nichts an, aber ja. Und er hat bestätigt, dass ich bald Partner werde, wenn ich so weitermache." – „Dann schmeißen wir eine Party." – „Was?" – „Eine richtige Party, Harry. In einem Pub oder einer Bar oder so." – „Wenn ich Partner werde?" – „Ganz genau. So etwas kann man durchaus feiern." – „Aber nur, wenn es einen Kuchen gibt", antworte ich, ohne nachzudenken. „Ich gebe mein bestens. Ich mache rosa Glitzer drauf." – „Versprochen?" – „Natürlich", antwortet er sofort und sein Tonfall verrät mir, dass er lächelt. Mein Herz klopft stärker und erst einen Moment bemerke ich, dass ich mich tatsächlich über den pinken Glitzer freuen würde.

„Louis? Vielleicht solltest du den Glitzer weglassen. Ich weiß nicht, wer alles zu der Party kommen würde und... als wenn Leute von der Arbeit auch da sind..." Ich weiß nicht recht, wie ich es formulieren soll. „Schon gut. Das würde ich nicht einfach so machen." – „Danke." – „Du weißt, dass das nicht schlimm ist, oder? Pink zu mögen und Glitzer und das alles?" – „Mhm, klar", erwidere ich knapp. „Jeder, der dir etwas anderes sagt, redet Müll." – „Ich weiß das, theoretisch. Aber im Büro ist das etwas anderes. Außerdem geht es dort niemanden etwas an, was ich mag oder nicht. Und ich werde nicht in einem rosa Anzug dort erscheinen. Dann bin ich der Kanarienvogel vom Dienst."

Einen Moment ist es still zwischen uns. Dann atme ich tief durch. Ich muss das jetzt ansprechen. Ich weiß, dass ich mir sonst den ganzen Tag Gedanken darüber machen würde. Konzentration könnte ich dann vergessen. Nein, so soll der Tag nicht werden. „Kann ich dich etwas fragen?" – „Immer", antwortet er sofort. „Vorhin, also heute Morgen, die Nachrichten, also ich hatte das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt. Vielleicht." Ich hätte es definitiv besser formulieren können, aber zumindest habe ich es angesprochen. „Irre ich mich? Oder ist wirklich etwas los?"

Louis ist einen Moment still. Dann antwortet er mir: „Wie lange warst du gestern im Büro?" – „Lange. Wieso? Im Prinzip war es so lange wie immer." – „Also bis spät abends", schlussfolgert er. „Ja." Er seufzt. „Ich weiß, dass es dir wichtig ist, Partner zu werden und ich werde ich dabei unterstützen, aber ich finde es nicht schön, dadurch vergessen zu werden." – „Vergessen? Wieso sollte ich..." Ich höre mitten im Satz auf zu sprechen. Scheiße. Nein, das darf nicht wahr sein. „Habe ich dich vergessen? Fuck. Wir waren verabredet, oder? Scheiße", fluche ich und schließe einen Moment die Augen. Natürlich waren wir verabredet. Wie habe ich da nicht dran denken können?

„Ich habe gestern Abend darauf gewartet, dass du mir schreibst, wenn du zuhause bist." – „Du wolltest vorbeikommen." – „Ja, aber da ich nicht weiß, wie lange du im Büro bist und du dich nicht an normale Arbeitszeiten hältst, habe ich gewartet. Um halb elf war es mir dann ehrlichgesagt zu blöd und ich bin schlafen gegangen." – „Verdammt. Es tut mir leid. Ich war so lange im Büro und als ich nach Hause gekommen bin – Nein, weißt du was? Ich hätte dir schreiben sollen. Und ich hätte dran denken sollen. Es bringt nichts, dass ich jetzt irgendeine Ausrede suche", unterbreche ich mich selbst. Es ist nicht einfach, diese Worte über die Lippen zu bringen, aber es ist die Wahrheit. „Ja, da hast du recht", stimmt er mir zu. „Es tut mir wirklich leid, Louis. Ich bin nicht gewohnt, dass jemand auf mich wartet."

„Ich weiß.", antwortet er nach einem Moment. Ich bin mir nicht sicher, ob er sauer klingt. Mit einem Blick auf die Uhr bemerke ich, dass ich schon längst oben an meinem Schreibtisch sitzen sollte, aber das ist mir gerade egal. Ich werde dieses Telefonat jetzt garantiert nicht wegen meiner Arbeit beenden. „Hast du mir deswegen keine Guten-Morgen-Nachricht geschickt?" – „Keine was?" – „Vergiss es", rudere ich schnell zurück. Dumm, Harry. „Keine Guten-Morgen-Nachricht?" Er hat also doch verstanden, was ich gesagt habe. „Das muss du nicht machen", sage ich sofort. „Ich hatte mich nur gewundert, glaube ich." – „Glaubst du?" – „Gemma hat mir irgendwann mal davon erzählt. Ihr Ex hat das immer gemacht und sie meinte zu mir, wie schön sie es findet. Ich dachte immer, das wäre unnötig und habe nicht verstanden, wieso sie so viel Wert auf diese Nachrichten legt, aber heute Morgen... ich weiß nicht. Da war es anders. Ich sag doch, es ist unnötig", erkläre ich ihm meine Gedanken. Ich klinge 100% wie ein totaler Trottel.

„Du möchtest also gerne diese Nachrichten bekommen?" – „Nein. Nicht so." – „Weil du mir gesagt hast, dass du sie möchtest?", versteht er, bevor ich es selbst tue. „Kann sein", gebe ich zu und verdrehe die Augen. Ich bin gerade von mir selbst genervt. Louis lacht hingegen kurz. „Ich hätte mir denken können, dass dir so etwas gefällt." – „Was? Wieso das?" – „Es passt zu dir." – „Okay?" – „Weißt du was? Du machst morgen früher Schluss. Sagen wir sechs Uhr." – „So früh?" – „Das ist nicht früh", widerspricht er mir. „Ich werde dich abholen und dich auf ein Date ausführen." – „Wohin gehen wir?", möchte ich wissen, aber er erwidert: „Das verrate ich dir nicht. Zieh dir etwas Schönes an und lass dich überraschen." – „Reicht ein Anzug?" – „Zieh dir etwas an, indem du dich wohlfühlst. Im Zweifelsfall kannst du dich doch im Büro im Waschraum umziehen, oder?" – „Das müsste gehen", stimme ich zu und gehe in Gedanken meinen Kleiderschrank durch. Etwas Schönes also. Meine Kleidung ist nicht hässlich. Ich trage jeden Tag ein gutes Outfit, aber es sind Outfits für die Arbeit, nicht für ein Date.

„Okay, sechs Uhr." – „Mach pünktlich Feierabend. Ich bin um sechs oben bei dir im Büro." – „Versprochen", antworte ich ihm und wieder schlägt mein Herz schneller.

Das ändert sich erst, als ich im Büro ankomme und meine Arbeit beginne. Immer wieder denken ich zwischendurch an das Date morgen und ich werde nervös. Wieso sagt er mir nicht einfach, was er geplant hat? Der Plan, mit ihm zu sprechen, beinhaltete das Ziel, dass ich mich heute konzentrieren kann und meine Gedanken nicht ständig um etwas anderes Kreisen. Das Gespräch war gut, das Ziel wurde aber irgendwie nicht erreicht. Meine erste Idee ist, dass wir Essen gehen, aber irgendetwas sagt mir, dass Louis etwas anderes im Kopf hat. Irgendetwas außergewöhnlicheres. Ich gehe so selten auf richtige, romantische Dates, dass ich keine Ahnung habe, was das sein könnte. Wenn ich bisher mit Frauen ausgegangen bin, wussten wir beide, dass es hauptsächlich um Sex und Spaß geht. Hier ist es etwas anderes. Hier sind Gefühle im Spiel und ich glaube, sie bringen mich jeden Tag mehr durcheinander.

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Kommunikation bekommen sie soweit ganz gut hin, oder? Und was meint ihr, hat Louis geplant? 

Love, L

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