56. Kapitel
Harry:
Ich warte, bis unten die Tür zufällt, bevor ich wieder ins Büro gehe. Es vergehen kaum zehn Minuten, bis Nick mir über den Weg läuft. Ich stehe an der Kaffeemaschine, als er die Küche betritt. „Du und Louis also." Ich sehe kurz zu ihm und sehe ihn abwartend an. „Was ist?" – „Möchtest du noch etwas dazu sagen, oder war's das?" – „Ich habe doch nur gefragt." – „Okay." – „Willst du nichts dazu sagen?", fragt er mich und ich nehme meine nun volle Tasse unter der Maschine weg. „Was soll ich dazu sagen?", will ich von ihm wissen und lehne mich an die Arbeitsplatte. Nick soll mein Leben nicht kommentieren. Ich habe auch nie etwas zu seinem gesagt.
„Du bist schwul?", fragt er mich dann und einen kurzen Moment glaube ich, er würde mich kritisch mustert. „Wieso ist das wichtig? Und seit wann geht dich das etwas an?", möchte ich von ihm wissen, ohne auf seine Frage einzugehen. „Also habe ich das richtig gesehen? Du hast was mit Louis?", fragt er weiter und merkt ganz offensichtlich nicht, dass er längst eine Grenze überschritten hat. „Offensichtlich, Nick. Aber was geht dich das bitte an?" Ich verschränke die Arme vor der Brust. Er zuckt nur mit den Schultern. „Ich habe doch nur gefragt. Weiß Oliver, dass du deinen Lover hier ins Büro lässt?" – „Wieso sollte er das wissen?" – „Wir haben hier persönliche Kundendaten. Datenschutz und so weiter, das muss ich dir wohl nicht erklären." – „Klar, und Louis wird das bestimmt klauen und an seine Feuerwehrkollegen verkaufen. Du machst dich lächerlich."
Ich nehme meine Kaffeetasse und sehe Nick eindringlich an. „Ich werde der nächste Partner, nicht du. Und Oliver wird seine Meinung wohl kaum ändern, nur weil ich mit einem Mann liiert bin. Es geht bei der Wahl des neuen Partners um Leistung, um nichts anderes", stelle ich klar. Nick sieht mich ertappt an. Dachte er wirklich, ich wüsste nicht, dass er der neue Partner werden möchte? Ich bin doch nicht blöd. Es ist offensichtlich, dass er sich wünscht, so gut zu sein wie ich. Ist er aber nicht. Er hängt immer zwei Schritte hinterher, das ist schon so, seitdem wir beide hier arbeiten. Mein Mitleid hält sich in Grenzen. Mein Erfolg ist mir nicht zugeflogen, ich habe mir den Stand, den ich hier habe, hart erarbeitet und verdient. Und ich verdiene es Partner zu sein.
Zurück im Büro setze ich mich und möchte gerade weiterarbeiten, als Oliver an meine Bürotür klopft. „Komm rein. Was gibt's?" Oliver setzt sich mir gegenüber. „Ich habe gerade ein Teil des Gesprächs mit Nick aufgeschnappt. Ich bin an der Küche vorbeigelaufen", sagt er. „Und?" – „Du bist mit diesem Feuerwehrmann zusammen?", fragt er mich und ich spanne mich an. „Was ist, wenn es so wäre?", weiche ich aus, obwohl das inzwischen wohl unnötig ist. Oliver hätte diese Frage nicht in diesem Ton gestellt, wenn er die Antwort nicht schon wüsste. „Er war hier?" – „Er hat mir Frühstück vorbeigebracht", sage ich knapp und Olivers Blick schweift zur Seite. „Und Blumen." – „Ja." – „Ich dachte, du magst ihn nicht?" – „Offenbar hat sich das geändert." Muss ich darauf wirklich antworten? Wenn Nick hier vor mir sitzen würde und nicht mein Boss, hätte ich ihm schon längst gesagt, dass er doch bitte mein Büro verlassen soll.
„Ich weiß, wie wichtig dir deine Arbeit ist." – „Stimmt." – „Und deswegen habe ich keine Sorgen, dass du irgendwelche Daten rausgeben würdest. Und wir wissen beide, dass du vor Nick Partner wirst." – „Meine Beziehung geht ihn nichts an." – „Deswegen bin ich hier. Ich möchte klarstellen, dass die Partnerwahl definitiv aufgrund der Leistung getroffen wird." – „Ich weiß." Irritiert sehe ich Oliver an. Deswegen ist er in mein Büro gekommen? Um mir das zu sagen? „Ich weiß, dass du nicht homophob bist, Oliver. Und ich weiß, dass Nick das nur gesagt hat, weil er vor mit Partner werden will. Ich kann damit umgehen, auch wenn ich noch nicht lange weiß, dass ich auf Männer stehe." – „Okay, das ist gut. Ich werde mit Nick gleich reden, ich fand es nicht gut, was er gerade zu dir gesagt hat. Ich wollte nur vorher sicher gehen, dass du weißt, dass ich nicht der gleichen Meinung bin." Ich lächle ein wenig und nicke. „Das weiß ich, danke."
Als Oliver wieder mein Büro verlassen hat, sehe ich auf meinen Bildschirm, tippe aber nichts. Ich habe nicht damit gerechnet, dass er dieses Thema ansprechen will – und schon gar nicht, dass er es mitbekommen hat. Dachte Nick wirklich ich hätte weniger Chancen auf die Position als Partner, weil ich mit Louis zusammen bin? Es ergibt hinten und vorne keinen Sinn.
Über Homophobie habe ich mir bisher außerdem grundsätzlich kaum Gedanken gemacht, zumindest nicht bewusst. Ich denke, unbewusst war es mir immer klar, dass ich es schwerer in der Geschäftswelt haben würde, wenn ich mich outen würde. Habe ich deswegen Louis verdrängt? Vielleicht war es einer der Faktoren. Natürlich habe ich an der Uni hier und da mal einen dummen Spruch mitbekommen, aber es war nie an mich gerichtet. Ich bin nie dazwischen gegangen oder habe etwas gesagt. Auf meinem fühle ich mich mies. Ich habe ein schlechtes Gewissen wegen Situationen die Jahre her sind. Fast ein Jahrzehnt, wenn man es genau nimmt. Verdammt, ich hätte dazwischen gehen sollen. Würde Louis blöd angemacht werden, würde ich keine Sekunde zögern. Damals habe ich weggeschaut. Es war immer gleich: Aus den Augen, aus dem Sinn.
Bis zum Nachmittag schaffe ich es, mich zu konzentrieren und weiterzuarbeiten. Die ersten der Kollegen gehen, aber das bedeutet noch lange keinen Feierabend für mich. Dadurch, dass ich Krank war und dass ich einige Zeit mit Louis verbringe, bin ich weniger im Büro. Es ist nicht viel, es ist definitiv nachholbar, aber allein heute Morgen habe ich etwa eine Dreiviertelstunde nicht gearbeitet. Dafür geht es mir besser. Es zu leugnen wäre Schwachsinn. Seitdem ich Louis kenne und mit ihm Zeit verbringe, geht es mir besser. Mein Leben hat eine neue Komponente und das gefällt mir gut. Allerdings habe auch ich nur 24 Stunden am Tag und die muss ich mir besser einteilen. Also noch besser. Wenn ich das nicht schaffe, wird das Projekt nicht pünktlich fertig und ich weiß, dass Perfektion Grundvoraussetzung für die Beförderung ist, die ich mir seit Jahren zum Ziel gesetzt habe.
Das Projekt wird klappen, es muss klappen. Es wird keine Unterschrift fehlen, jede Frist eingehalten und jeder Auftrag dreifach kontrolliert. Die Kunden bekommen das Bürogebäude dort, wo sie haben wollen, wann sie es haben wollen und wie sie es haben wollen. Ich atme tief durch und setze mich an die nächste E-Mail, die an den aktuellen Eigentümer geht. Er möchte neu verhandeln, was den Grundstückspreis angeht, aber ich weiß, wie Leute ticken, die kein Rückgrat besitzen. Er blufft nur und das nicht einmal gut. Der Preis ist schon seit Wochen festgelegt und liegt dem Notar vor. Er muss nur noch unterschreiben und damit ist die Sache geklärt. Noch am gleichen Tag habe ich eine Abrissfirma engagiert, die damit beginnen wird, diesen Schrotthaufen zu beseitigen. Morgen ist dieser Tag und der Notar, der öfter mit unsere Büro zusammenarbeitet, wird mir sofort bescheid geben, sobald die Unterschrift auf dem Papier steht.
Es dauert gut zwei Stunden, da bekomme ich besagten Anruf. Zufrieden kontaktiere ich die Abrissfirma mir wird zugesichert, dass morgen früh pünktlich mit der Arbeit begonnen wird. Als ich spät am Abend die Kunden über den aktuellen Stand aufgeklärt und eine zufriedene Reaktion erhalten habe, mache ich Feierabend. Es ist dunkel draußen und ich bin wie so oft der Letzte hier. Das macht mir nichts aus. Es ist nur schade, dass ich Louis nicht mehr anrufen kann, denn dafür ist es auch schon zu spät.
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Was haltet ihr von Olivers Statement? Und glaubt ihr, Harry schafft es, Partner zu werden?
Love, L
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