41. Kapitel

Harry:

Louis meldet sich nicht bei mir. Zwei Tage höre ich nichts von ihm. Ich habe ihm einmal geschrieben, gestern. Die Nachricht hat er noch nicht gelesen. Ich bin nicht sicher, ob er arbeitet. Wenn er Schicht hat und es stressig ist, könnte ich verstehen, dass er noch nicht im am Handy war. Wenn nicht... meine Gedanken überschlagen sich. Ich möchte ihn wiedersehen, Zeit mit ihm verbringen. Es ist seltsam. Ich habe mich dabei erwischt, dass ich sogar früher Feierabend machen würde. Also pünktlich, so wie alle anderen und nicht erst nach neun Uhr abends. Vielleicht würden wir essen gehen oder in eine Bar oder ins Kino oder...

„Harry?" – „Mhm? Was?" Gemma mustert mich skeptisch. „Du warst in Gedanken versunken. Hast du mitbekommen, was ich gesagt habe?" Ich bemerke, dass ich es nicht weiß. Verdammt, was ist mit mir los? „Sorry." – „Ich habe dich gefragt, ob du weißt, was du möchtest. Du schaust seit zehn Minuten in die Karte", antwortet sie mir. „Ja. Ich weiß, was ich möchte", antworte ich ihr und lege die Karte weg, die ich bis gerade noch angestarrt habe. Ich habe nicht gelesen, was hier angeboten wird, aber ich beschließe, einfach einen Kaffee zu nehmen. Das wird es hier wohl geben. Gemma deutet einer Kellnerin, dass wir bestellen möchten. Sie kommt zu uns. „Haben Sie sich entschieden?" Gemma nickt und bestellt als erstes. „Ich hätte gerne einen Kaffee mit ein wenig Milch", sage ich dann. „Hafer- oder Mandelmilch?", fragt sie mich. „Uhm... Mandelmilch, bitte", entscheide ich schnell. Ganz normale Milch? „Alles klar, gerne", antwortet sie mir und lächelt kurz.

Skeptisch sieht Gemma mich an. „Was ist?" – „Du bist so nett." – „Ich bin immer nett." – „Lügner", antwortet sie sofort. Ich verdrehe die Augen. „So schlimm bin ich nicht." – „Mhm. Kommt wohl drauf an, wann man dich antrifft", antwortet Gemma amüsiert. Klar. „Wie läuft die Uni?", lenke ich auf ein anderes Thema. Sie zuckt mit den Schultern. „In ein paar Wochen fangen die Klausuren kann, wie soll es schon laufen?" – „Also lernst du schon?" – „Manchmal", antwortet sie grinsend. „Du weißt, dass die Uni wichtig ist", mahne ich sofort. „Und du weißt, dass ich bisher noch nie durch eine Klausur durchgefallen bin – auch wenn ich nicht wie du damals immer die volle Punktzahl habe. Ich kriege das schon hin." Ich nicke. Ja, ich weiß, dass sie es hinbekommen wird.

„Und wie geht es dir? Wie läuft die Arbeit?" – „Du fragst doch sonst auch nicht nach meiner Arbeit." Verwundert sehe ich sie an. Sie zuckt mit den Schultern. „Irgendwie muss dieses Gespräch ja anfangen." – „Ich war krank, die Arbeit stapelt sich", erzähle ich knapp. „Krank? Wann das?" – „Vor ein paar Tagen." – „Wieso hast du nicht angerufen? Ich wäre einkaufen gegangen oder so." – „Nicht nötig, ich hatte..." Ich breche ab. Gemma sieht mich skeptisch an. „Du hattest was?", will sie neugierig wissen. Manchmal ist es ein Fluch, dass wir uns schon so lange kennen, dass ich mich schwer damit tue, sie anzulügen. Sie und Mum sind meine absoluten Endgegner.

„Harry? Du hattest was?", wiederholt sie die Frage. „Nichts schon gut", weiche ich aus, aber sie lässt nicht locker. Sie sieht mich abwartend an. Unsere Getränke werden gebracht, ich bedanke mich bei der Kellnerin und trinke einen Schluck Kaffee. Und Gemma sieht mich immer noch geduldig an. „Niall war kurz da, zufrieden?" – „Und das konntest du mir also nicht sagen?" Scheiße, das hätte ich ihr direkt antworten sollen. „Es war nur ein kleiner Infekt. Nichts Wildes. Ich war nicht einmal eine Woche zu Hause", winke ich ab und beiße mir auf die Zunge, um nicht zu sagen, dass Louis' Suppe und der Tee mir sehr gut getan haben. Ich schiele auf mein Handy. Louis hat mir nach wie vor nicht geantwortet.

„Und sonst? Gibt es bei dir etwas Neues?", fragt sie. „Das willst du immer wissen, wenn wir uns treffen", antworte ich ihr. „Ich werde dir schon sagen, wenn ich plötzlich in einer Beziehung bin oder so." – „Oder so?" – „Du weißt doch, was ich meine." Gemma schmunzelt. „Ich glaube, ich werde dir einfach ein Dating Profil erstellen?" – „Du willst was?" – „Wieso nicht? Das hat doch heutzutage fast jeder?" – „Bist du etwa auch bei so etwas angemeldet?", frage ich sofort. „Gemma, das kann gefährlich werden! Du weißt nicht, wer diese Leute sind, mit denen du dich triffst!"

Sie fängt an zu lachen. „Entspann dich. Ich bin auf keiner dieser Plattformen. Ich habe bisher geschafft, Leute in der Realität kennenzulernen. Ich habe es nur vorgeschlagen, weil du das schließlich nicht kannst." – „Wer sagt das?", entgegne ich sofort etwas zu schnell. Sie mustert mich. „Sag nicht, du datest gerade jemanden? Das wäre ja mal ganz was Neues. Sicher, dass es dir gut geht?" – „Du übertreibst", antworte ich sofort. „Und selbst, wenn es so wäre, dann wären es nur Dates, nichts Weltbewegendes." – „Damit hast du gerade bestätigt, dass du doch etwas Neues zu erzählen hast", entgegnet sie mir. Verdammt.

„Es ist nichts Ernstes. Wir haben uns nicht einmal geküsst", fasse ich zusammen. Möchte ich, dass Louis mich küsst? Vielleicht... ja. Es ist ja nicht so, als hätte ich mir noch nicht vorgestellt, wie es wohl sein würde. Jedes Mal habe ich mich dabei erwischt, dass er in dieser Vorstellung derjenige ist, der mich küsst. Er ergreift die Initiative, er leitet und verführt mich. Fuck. „Nicht einmal? Das klingt sehr enttäuscht", bemerkt meine kleine Schwester. „Mhm." – „Und wieso küsst du sie nicht?" Sie. Scheiße. Bisher weiß nur Niall davon, dass ich irgendwie vielleicht doch nicht so ganz hetero bin. „Uhm... keine Ahnung. Es hat sich nicht ergeben", antworte ich unbeholfen. „Aber du möchtest sie küssen." – „Ich denke schon – müssen wir darüber reden?" – „Ja!", antwortet sie sofort und ich seufze. „Wieso? Du bist meine kleine Schwester, das ist seltsam." – „Wir reden doch nicht über Sex oder so. Nur über einen Kuss", antwortet sie irritiert. Dann ändert sich ihr Gesichtsausdruck von verwundert zu verstehend. „Du bist verliebt, oder? Und du weißt nicht, was du machen sollst."

„Was ist, wenn ich das jetzt abstreite?", frage ich hoffnungsvoll. „Das glaube ich dir sowieso nicht", sagt sie direkt. Ich verdrehe die Augen und trinke noch einen Schluck Kaffee. „Ich hatte dieses Gespräch mir Niall erst, als er gesehen hat, wie..." Scheiße! „Wie was?" – „Wie wir miteinander umgegangen sind." – „Also kennt Niall sie?" – „Flüchtig", antworte ich knapp. Ich hätte Gemma einfach zu verstehen geben sollen, dass sich nicht geändert hat und es keine neuen Ereignisse gibt. Verdammt.

„Lad sie auf ein Date ein", schlägt Gemma vor. „Ich bekomme seit gestern keine Antwort mehr", erwidere ich und sehe erneut auf mein Handy. Nein, immer noch nichts. „Seit gestern? Was hast du getan?" – „Wieso gehst du davon aus, dass ich etwas getan hätte?", will ich wissen. „Weil du mein Bruder bist", lautet ihre Antwort. Okay? Muss ich das verstehen? „Es wird vielleicht also gar nichts mehr und hat geendet, bevor es angefangen hat", sage ich und zucke mit den Schultern. Ich weiß nicht, ob ich es schaffe, gleichgültig zu klingen. Ich bin es nicht, aber ich möchte das Thema wechseln.

Gemma gibt nach. Sie nickt leicht und meint dann: „Schön, wie du meinst. Dann etwas anderes: Hast du dir den Podcast angehört, den ich dir geschickt habe?" – „Nein." – „Wieso nicht?" – „Das letzte Mal hast du mir einen Podcast über kitschige Bücher geschickt, dann von irgendeinem Typen der dachte er wäre witzig – war er aber nicht – und dann von jemandem, der die ganze Zeit nur davon geredet hat, wie ungerecht die Welt ist." – „Fändest du einen über Immobilien und Aktien besser?" – „Zumindest ist das interessanter und relevanter."

Sie schüttelt den Kopf. „Es geht nicht immer alles nur um Arbeit." – „Meine Arbeit ist mir wichtig und ich möchte informiert sein." Sie verdreht die Augen. „Schon klar. Du hast ihn dir also nicht angehört?" – „Nein, offensichtlich nicht", wiederhole ich meine Antwort. „Weißt du denn, worum es darin geht?" – „Nicht wirklich. Hat es etwas mit Wirtschaft oder Politik zu tun?", will ich von ihr wissen. „Nein, aber weißt du noch letztens, als es Steph so schlecht ging?" – „Als ich dich mitten in der Nacht eingesammelt habe? Natürlich." – „Dieser Feuerwehrmann... Linus...Lennox..." – „Louis", korrigiere ich sie und schiele schon wieder auf mein Handy. „Ja, genau, Louis, er ist in einer Folge dabei. Bald soll noch eine Folge mit ihm kommen." – „Er macht einen Podcast?" – „Nein, aber er ist Gast dort und erzählt von seiner Arbeit. Ich finde es interessant, deswegen habe ich es dir geschickt." – „Und ich soll mir das anhören weil?" – „Es interessant ist", wiederholt sie.

„Vielleicht höre ich es mir auf dem Weg zur Arbeit mal an", gebe ich nach. Louis macht bei einem Podcast mit? Hat er deswegen so wenig Zeit und antwortet mir nicht? Gemma lächelt zufrieden, ehe sie anfängt von einem andere Podcast zu erzählen, der mit wohl auch gefallen könnte. Ich höre nur mit halbem Ohr zu. Stattdessen weiß ich jetzt schon, dass ich mir diesen Podcast heute Abend beim Essen anhören werde. Meine Neugier würde mich sonst noch wahnsinnig machen.

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Harry hat also von dem Podcast erfahren und ist ziemlich sicher verliebt. Was meint ihr, wie er auf den Podcast reagieren wird? Und wieso meldet Louis sich nicht mehr? 

Love, L

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