32. Kapitel
Louis:
Außer Atem sieht er mich an. Seine Haare liegen wir und er sieht durchgevögelt aus. Plötzlich bewegt er seine Hand in meine Richtung. Er streicht über meinen Oberkörper und ich erschaudere. Fuck, was tue ich hier eigentlich? „Das war... besser, als ich dachte", sagt er schließlich und stützt sich auf einen Unterarm. „Ich fasse das mal als Kompliment auf", antworte ich provokant. Er lächelt schief. „Ich schätze, das ist okay", erwidert er und mustert mich. Meine Haut kribbelt unter seinem Blick. Es ist, als würde ich ihn physisch überall auf meinem Körper spüren; auf jeder Stelle, die er mustert.
„Ich finde allein raus", durchbreche ich die kurz angehaltene Stille. „Was?" Er setzt sich auf. Ich gehe einen Schritt zurück und ziehe mir meine Hose an. „Ich fahre nach Hause", stelle ich klar und sein Blick wechselt von überrascht zu irritiert. „Es ist mitten in der Nacht." – „Mein Auto ist zum Glück nicht Solarbetrieben", antworte ich nur und schnappe mir mein T-Shirt. Harry steht auf und zieht sich selbst seine Shorts wieder an. „Du musst doch nicht... also... ich wollte dich nicht rausschmeißen oder so", stottert er. „Ich will einfach nach Hause", antworte ich ihm schulterzuckend. „Dachtest du etwa, wir kuscheln jetzt noch und schlafen dann so zusammen ein?" Er sieht mich verdutzt an. „Ich erspare und einfach das seltsame Frühstück morgen", füge ich hinzu und sammle meine Sachen zusammen.
„Wieso sollte das Frühstück seltsam sein?" – „Du weißt doch selbst, dass es das ist, wenn man jemanden aufgerissen hat." Er verzieht den Mund. „Meistens bin ich dann schon auf dem Weg ins Büro." – „Hinterlässt du den Frauen etwa Zettel?", frage ich amüsiert und schlüpfe in den ersten Schuh. „Nein...uhm... sie wissen, wie das läuft. Bisher war immer klar, dass es nur um Sex geht", erklärt er mir. „Ja, genau", stimme ich zu. „Es geht nur um Sex. Das ist bei uns nicht anders." Er presst die Lippen zusammen und nickt knapp. Er dachte doch nicht wirklich, dass es um mehr geht, oder? Ich schüttle den Kopf und ziehe mir den zweiten Schuh an.
„Musst du Montag wieder arbeiten?" – „Ja." – „Auch abends?" – „Ich habe eine 24 Stunden Schicht. Und Dienstag bin ich schon verabredet", antworte ich ihm knapp. Dienstag nehme ich mit Liam die nächste Podcastfolge auf und ich habe letztes Mal definitiv unterschätzt, wie lange so etwas tatsächlich dauert. „Verabredet?", fragt er verwundert und einen Moment lang sieht er mich skeptisch an. „Ja, verabredet." – „Also... uhm..." Er stockt und denkt einen Moment nach. Fragend blicke ich ihn an. Er seufzt und spricht dann weiter. „Heißt verabredet, einfach einen Kaffee trinken oder ist das ein Date oder so?" Perplex sehe ich ihn an. „Date?" Er presst die Lippen zusammen und zuckt mit den Schultern. Da dämmert es mir. „Moment, glaubst du, dass ich mich noch mit anderen Leute treffen könnte?" – „Wir haben darüber nie gesprochen und du kannst tun, was du willst. Das hier ist ja nur... also..." Er bricht ab. Ich wüsste selbst nicht, wie ich es bezeichnen soll.
„Ich treffe mich mit einem Freund, das ist alles. Ich habe gerade mit niemand anderem Sex, falls es das ist, was du wissen willst." – „Okay, gut. Also... okay. Ich auch nicht", antwortet er mir unbeholfen. Ich nicke nur und gehe in Richtung Wohnungstür. Harry folgt mir mit nackten Füßen, sodass ich leise Tapsgeräusche hinter mir höre. „Sind wir dann exklusiv?", fragt er, bevor ich die Tür öffne. Ich drehe mich zu ihm um. „Ist es dir wichtig?" – „Uhm... weiß ich nicht." Er tritt von einen auf den anderen Fuß. „Ich fände es, glaube ich, komisch, wenn ich wüsste, dass du etwas mit jemand anderem hast", gibt er zu. „Habe ich nicht", antworte ich direkt. „Abgesehen, dass ich dafür im Moment die Zeit nicht habe, fahre ich nicht zweigleisig", stelle ich klar. Er lächelt schief und nickt. „Okay, gut."
Ich greife nach der Türklinke. „Ich muss los. Ich schreib dir die Tage." – „Klingt gut." Es wird seltsam. Stille entsteht und bevor es unangenehm werden kann, öffne ich die Tür und gehe. „Bis dann", höre ich Harry noch sagen und hebe kurz die Hand. Dann verlasse ich das Wohngebäude und trete in die Nacht. Mit dem Auto brauche ich nicht lange bis nach Hause. Ich will nur noch duschen und dann ins Bett. Und ich will nicht mehr an Harry denken.
Die ganze Zeit schwirrt in meinem Hinterkopf der Gedanke, dass ich blöd bin, ihm noch einmal so nah zu kommen. Immerhin habe ich ihn diesmal nicht mit in mein Schlafzimmer genommen. Das wird nie wieder passieren. Wenn wir noch einmal im Bett landen sollten, dass definitiv bei ihm: wenn wir bei ihm sind, kann ich aufstehen und gehen. Das ist deutlich angenehmer, als ihn möglicherweise rausschmeißen zu müssen.
Falls es zu einem nächsten Mal kommen sollte. Ich weiß, dass ich gesagt habe, ich werde ihm schreiben, aber bis ich bei Liam bin passiert das erst einmal nicht. Ich betrete sein Büro Schrägstrich Aufnahmestudio und sehe mich verwundert um. „Was ist denn hier los?" – „Umzug", sagt Liam nur knapp. Verwundert sehe ich ihn an. „Wieso das? Du warst doch glücklich hier." Er nickt angespannt. „Alle müssen raus", antwortet er. „Alle?" – „Alle Start-Ups. Alle Unternehmen. Jeder von uns." Mit großen Augen sehe ich ihn an. „Was?" Er setzt sich hinter das Mikro, schaltet es aber noch nicht ein. „Weißt du noch, als der Brief kam, als du das letzte Mal hier warst?" Ich nicke. „Es war ein Räumungsbescheid. Nicht nur ich habe so einen bekommen, sondern alle hier. Wir haben drei Monate Zeit, bis wir raus müssen. Der Eigentümer hat entschieden, dass das Gebäude komplett abgerissen wird. Die Instandhaltungskosten sind zu hoch und der Energieverbrauch auch. Es ist halt ein altes, halb kaputtes Gebäude. Deswegen ist die Miete ja auch so günstig", erzählt er mir frustriert. „Es soll wohl ein neues Haus gebaut werden, aber keiner von uns wird sich die Miete dort leisten können." Er zuckt mit den Schultern. „Wir alle sind also gezwungen uns etwas Neues zu suchen."
Perplex sehe ich ihn an. „Was? Und ihr könnt nichts machen? Die können euch doch nicht einfach rausschmeißen." – „Doch, anscheinend schon. Alles wurde schon von Anwälten geprüft, inklusive meines Anwalts. Es ist wasserdicht, wir können nichts ändern. Wir müssen in ein paar Wochen hier weg sein." – „Und dein Podcast?" – „Vielleicht kann ich den zuhause bei mir aufnehmen. Ich weiß wirklich nicht, ob ich bis dahin etwas anderes finde." – „Ich höre mich mal um. Vielleicht hat jemand auf der Wache ein Idee", sage ich sofort. „Danke." Er lächelt kurz, aber ihm steht deutlich ins Gesicht geschrieben, wie wenig Hoffnung er inzwischen hat, dass das klappen könnte.
„Lass uns den Podcast aufnehmen", wechselt Liam das Thema und reicht mir einen Block. Er hat den roten Faden der heutigen Folge aufgeschrieben. Es ist ähnlich wie letztes Mal. Positive und negative Beispiele. Eine von den Begegnungen mit Harry dient als Letzteres. Er wird den Podcast sowieso nicht hören. Ich sollte mir also keine Gedanken darüber machen, was er wohl davon halten könnte. Das müsste ich nur, wenn ich diese Geschichten in einem Wirtschaftspodcast oder so erzählen würde.
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Heute etwas kürzer als sonst, ich hoffe das stört euch nicht. Lasst gerne mal eure Ideen/ Wünsche in den Kommentaren :)
Love, L
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