30. Kapitel

Harry:

Normalerweise weiß ich immer, was ich sagen soll. Ich bin nie aufgeschmissen. Jetzt gerade sitze ich neben Louis und weiß nicht ob und wie ich in die Unterhaltung einsteigen soll. Bis zum Dessert sitze ich stumm am Tisch. „Alles okay?", fragt Louis mich irgendwann leise. Ich sehe ihn überrascht an. „Ja, was soll sein?" Er legt seine Hand auf mein Bein und drückt leicht. Ein Schauer erfasst meinen Körper und fließt über meinen Rücken nach unten. Es fühlt sich angenehm warm an, nicht eklig kalt. „Du wirkst zurückhaltend", sagt er leise und achtet darauf, dass Oliver nichts mitbekommt. Mein Chef unterhält sich längst mit wem anders. „Nein, uhm... ich war nur lange nicht mehr auf einer Hochzeit", weiche ich aus. Und abgesehen davon bin ich überfordert.

„Ich auch nicht", antwortet Louis mir schulterzuckend und trinkt einen Schluck Wein. Dann steht er auf und sagt: „Ich gehe mal eben an die frische Luft." Er sieht zu mir. „Harry, kommst du mit?" Was? „Uhm... ja... sicher", stottere ich, als er mich abwartend ansieht und stehe auf. Ich folge ihm nach draußen. Er geht ein Stück, sodass man uns durch die große Scheiben der Location nicht mehr sieht. Niemand außer uns ist gerade hier draußen. „Wenn du dich nicht wohlfühlst, können wir gehen", sagt er direkt und mustert mich. Ich schüttle den Kopf. „Nein, das ist es nicht." – „Sondern?" – „Uhm..." Ich zögere. Wie genau soll ich es formulieren, ohne wie ein Idiot zu klingen? „Es ist eher... also... ungewohnt. Ich gehe selten irgendwo mit meinem Kollegen hin, schon gar nicht auf eine Hochzeit und erst recht nicht in Begleitung." Ich atme tief ein und wieder aus. „Niemand sagt etwas dazu, aber ich sehe genau, wie irritiert sie darüber sind, dass ich mit dir hier bin." – „Mit mir?", fragt er verwundert. „Meinst du mit mir, dem Kerl von der Feuerwehr oder mit mir, einem Mann?" Ich spanne mich an und zucke mit den Schultern. „Ich schätze beides."

Louis sieht einen Moment zur Seite. Schweigen hüllt uns ein und ich trete nervös von dem einen auf den anderen Fuß. Dann seufzt er und sagt: „Wenn du das möchtest fahre ich. Du kannst dir ein Taxi nach Hause nehmen." Irritiert sehe ich ihn an. „Was? Wieso das?" – „Weil es offenbar zu früh ist, dass wir uns in der Öffentlichkeit zeigen", antwortet er mir. Ich schüttle sofort den Kopf. „Nein. Ist es nicht. Ich muss nur... ich denke, ich muss mich daran gewöhnen. Ich gehe nie mit jemandem aus, nicht so." Louis hebt skeptisch eine Augenbraue. „Ich wusste nicht, dass das hier ein Date ist." – „Was?" Ich merke, wie meine Wangen wärmer werden. Date? Habe ich Date gesagt? Mein Herz klopft schneller und ich versuche, Wörter zu finden, aber mein Kopf ist völlig leer.

„Entspann dich Harry. Das war ein Scherz", sagt er amüsiert. Ich presse die Lippen zusammen. Natürlich habe ich das nicht bemerkt. Ich habe mich ja auch noch nicht lächerlich genug gemacht. „Denk nicht zu viel darüber nach. Wir gehen jetzt wieder rein, essen noch ein Stück der Hochzeitstorte und trinken ein Glas Wein. Es ist nur eine Hochzeitsfeier, kein Geschäftsabschluss", beschließt Louis. Ich nicke zustimmend. „Okay. Ja." Er öffnet die Tür und lässt mir den Vortritt. Als ich mich setze, bleibt er stehen und winkt eine der Kellner heran. Mein leeres Weinglas wird aufgefüllt und Louis holt uns tatsächlich noch etwas Torte.

„Er scheint dir gutzutun." – „Was?" Irritiert sehe ich Oliver an. „Louis, meine ich", antwortet er mir. „Du wirkst weniger gestresst." Weniger gestresst? Wohl eher das Gegenteil ist der Fall. „Aha", sage ich trocken, anstatt auf Olivers Aussage einzugehen. „Ich meine ja nur. Ist doch schön, dass ihr euch gefunden habt. Und dass, obwohl du ihn eigentlich gar nicht leiden konntest." Ich antworte darauf nicht. Louis kommt wieder und setzt sich. „Hier". Er reicht mir meinen Teller. „Danke", lächle ich kurz und einen Moment lang glaube ich, Überraschung in seinem Gesicht zu erkennen. Schnell überspielt er es jedoch wieder und trinkt einen Schluck Wein.

„Kannst du eigentlich tanzen?", fragt er mich dann. Irritiert sehe ich ihn an. „Wieso sollte ich das können?" – „Weil Lilian gerade neben mir bei der Torte stand und meinte, dass gleich getanzt wird. Nick meinte daraufhin, dass du das sowieso nicht tun wirst." Verschmitzt lächelnd sieht er mich an. „Sag nicht, du hast geantwortet, dass er damit falsch liegt." – „Und wie ich das habe", erwidert er scheinheilig. Ich wusste nicht, dass man provokant ein Stück Torte essen kann, aber Louis beweist mir einen Moment später, dass das sehr wohl geht. Er legt sich die Cremefüllung von der Oberlippe und sieht mich abwartend an.

„Also?" – „Was?" – „Kannst du tanzen?", wiederholt er seine Frage. „Keine Ahnung", antworte ich ehrlich. „Ich habe mal einen Kurz gemacht, aber da war ich ein Teenager", entgegne ich. „Das sollte reichen", beschließt Louis zufrieden. „Du musst dich nur führen lassen." – „Du führst?" Amüsiert sieht er mich an. „Dachtest du, es wäre anders herum?" Dachte ich das? „Ich habe da gar nicht drüber nachgedacht", gebe ich zu. „Lass dich drauf ein, okay?" Ich nicke und er lächelt zufrieden. Ich erwidere es zögerlich und spüre, wie sich ein nervöses Kribbeln in mir ausbreitet.

Ich esse gerade das letzte Stück der Torte, als das Brautpaar auf die Tanzfläche tritt. Nick hat absolut kein Taktgefühl, aber er gibt sich verdammt viel Mühe für Lilian, bei der das ganze wesentlich leichtfüßiger aussieht. Nach dem ersten Tanz füllt sich die Tanzfläche immer mehr. Louis wartet noch zwei Songs ab, bis er plötzlich aufsteht. „Was? Jetzt?" – „Wann denn sonst?", fragt er mich belustigt und reicht mir seine geöffnete Hand. Ich lege meine hinein und stehe auf. „Wenn ich dir auf den Fuß trete, ist das nicht mit Absicht", prophezeie ich ihm, als er mich auf die Tanzfläche führt. „Wirst du schon nicht", antwortet er optimistisch. Ich bin mir nicht so sicher, dass er rechtbehalten wird. Es ruhiger Song läuft, eine Liebesballade. (Was auch sonst.) Ich stehe ihm hilflos gegenüber. „Du kannst ruhig näher kommen." Ich trete einen Schritt auf ihn zu. Scheiße, was muss ich jetzt noch einmal tun? Es ist Ewigkeiten her, seitdem ich das letzte Mal mit jemandem getanzt habe.

Louis schmunzelt und legt einen Arm um meine Taille. Er zieht mich zu sich und schnappe überrascht nach Luft. Mein Herz hämmert gegen meine Rippen und ich bin ziemlich sicher, dass ich seinen Fuß nur um wenige Zentimeter verfehlt habe. Es ist ein ähnliches Gefühl, wie das, als er mir im Parkhaus die Hand auf den Rücken gelegt hat. Ich glaube, ich mag es. Mit der freien Hand nimmt er meine und leitet sie. Er legt meinen Arm auf meine Schulter und um seinen Nacken. „Okay?", fragt er nach und ich nicke sofort. Ja, das ist okay. Dann nimmt er meine freie Hand in seine und drückt sie leicht.

Louis sieht mich zufrieden an und streicht mir durch die Haare. „So schlimm ist es nicht, oder?" Ich schüttle den Kopf. Nein, ist es nicht. Louis führt den Tanz. Er dreht langsam und sicher, sodass ich nie mit jemand anderem zusammenstoße. Auf einmal nimmt er seine Hand von meiner Taille weg. Es ist nur ein leichter Druck, den ich an meiner Hüfte spüre. Er hebt die andere Hand und führt mich unter seinem Arm durch, ehe er mich wieder zu sich zieht. Hat er mich gerade gedreht? So wie in all diesen kitschigen Filmen? Offensichtlich schon. „So schlimm tanzt du gar nicht", schmunzelt er. „Und du bist mir noch nicht auf den Fuß getreten." – „Beschrei es lieber nicht", antworte ich amüsiert und merke, wie die Anspannung von meinem Körper fällt. Es fühlt sich gut an, ihn machen zu lassen und nicht selbst entscheiden oder nachdenken zu müssen.

Ich erwische mich dabei, wie ich feststelle, das es mit Louis immer wieder so war. Ich musste nicht entscheiden, ich konnte mich einfach von ihm leiten lassen und es hat mir gefallen. Ich konnte meinen Kopf ausschalten und alles, was er getan hat, war gut. Fuck. Es ist genau das, was mich verrückt macht. Genau das ist es, was nicht in mein Leben passt und mich so verwirrt und überfordert.

Der Song wechselt, aber wir tanzen weiter – ein wenig schneller, aber in der gleichen Position. Er dreht mich zwischendurch, dreht uns zusammen und navigiert uns zwischen den anderen Leuten umgeht. „Fühlst du dich jetzt besser?", fragt er irgendwann leise und ich nicke sofort. „Ja." Er lächelt und zieht mich enger zu sich. Ich spüre immer wieder seinen Oberkörper an meinem und dann auf einem seinen Atem an meinem Hals. Sofort breitet sich dort eine Gänsehaut aus. Louis lacht leise. Dann spüre ich seine Lippen an meinem Hals. Er küsst die Stelle unter meinem Ohr, die mir sofort weiche Knie bereitet, saugt und knabbert kurz daran und tut dann so, als wäre nie etwas gewesen. Meine Gedanken sind vernebelt und mein Schwanz zuckt erregt. Fuck, wie macht er das nur.

Sein Griff um mich ist fest und eng. Obwohl meine Schritte unsicher sind, fühle ich mich sicher. Er lässt mich nicht fallen. Oder? Nein, das würde er hier nicht tun. „Musst du morgen arbeiten?", will er von mir wissen. „Es ist Wochenende", antworte ich verwundert. „Das hält dich doch sonst auch nicht davon ab, ins Büro zu fahren", erwidert er. Fair. „Uhm... nein, das mache ich morgen nicht. Wieso?" – „Weil ich wissen wollte, wie lange wir bleiben und mitfeiern können", erklärt er mir. „Wir bleiben solange du willst, ich habe morgen frei", fügt er hinzu. „Okay", nicke ich lächelnd und lasse mich noch einmal von ihm drehen.

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Die Zwei tanzen also zusammen. Was haltet ihr davon? Habt ihr damit gerechnet? Was wird noch so passieren? 

Love, L 

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