3. Kapitel
Harry:
Wenn ich nicht mit der Bahn fahren muss, werde ich das nie wieder tun. Das ist einer der Grunde, weswegen mir mein Auto so wichtig ist. Ich hasse es, mit den Öffentlichen zu fahren. Zu viele Menschen, zu wenig Platz – ganz grob zusammengefasst. Mit meinem Autoschlüssel in der Hand verlasse ich die Feuerwache wieder und steige in das Taxi, dass vor der Tür auf mich gewartet hat. Ich sollte schon längst im Büro sein und arbeiten. Theoretisch weiß ich, dass ich genug Überstunden habe, aber es geht nicht um meinen Chef, den das stören könnte. Es stört mich. Nur wenn es nicht anders geht, erledige ich private Angelegenheiten in der Arbeitszeit. Meinen Autoschlüssel brauche ich, da im Kofferraum einige wichtige Unterlagen für die Arbeit sind, deswegen konnte das nicht warten. Und ein Kleid liegt dort auch drin.
„Du kommst jetzt erst?", fragt Oliver mich. Natürlich läuft mir als erstes mein Chef über den Weg, als ich durch die Tür komme. „Ich musste noch etwas Regeln", sage ich nur und bügle ihn damit ab. Er fragt nicht weiter nach. Ihm ist bewusst, wie wichtig mir Arbeitsmoral und Disziplin sind. „Okay. Ich habe dir heute Morgen noch einen Termin eingestellt. Komm später in mein Büro." – „Mache ich", antworte ich und lasse mir nicht anmerken, dass es mich ein bisschen wundert. So spontan ein Termin in seinem Büro? Normalerweise stehen Meetings eine Woche vorher fest, mindestens. Ich setze mich an meinen Schreibtisch und sehe über das Chaos, dass ich hier gestern gezwungener Maßen hinterlassen habe. Ich mag es nicht, wenn es hier aussieht, als würde ein dummer Praktikant an meinem Schreibtisch arbeiten.
Ich atme tief durch und stehe wieder auf. Ich brauche dringend einen guten Kaffee. Zu meinem Glück haben wir in diesem Büro eine Siebträgermaschine. Vor zwei Jahren hat ein Kunde sie uns geschenkt, nachdem wir das perfekte, neue Headquarter für ihn gefunden haben. Dazu gibt es guten (und teuren) Kaffee, aber Oliver ist der Meinung, man sollte so eine hochwertige Maschine nicht dafür benutzen, nur mittelmäßigen Kaffee zuzubereiten. Ich stimme ihm zu, das tun fast alle hier.
Ich mache mir starken Kaffee und kehre an meinen Schreibtisch zurück. Diese Unordnung muss hier weg, ganz schnell. Oliver hat den Termin auf heute Mittag gesetzt. In Anbetracht der Tatsache, dass ich deutlich zu spät hier aufgetaucht bin, habe ich deutlich weniger Zeit bis dahin, als ich gerne wüsste. Damit mit meine Mittagspause also dahin. Und auch mein Zeitplan für heute. Es bringt nichts, ich muss weitermachen und weiß jetzt schon, dass ich mal wieder als Letzter aus dem Büro gehen werde. Normalerweise stört mich das nicht. Ich bin es kaum anders gewohnt, aber es ärgert mich, dass der Grund dafür nicht ist, dass ich an einem Projekt weiterarbeite, sondern, dass ich meinen Autoschlüssel bei diesem Feuerwehrmann abholen musste. Es wäre vermeidbar gewesen. Es war Mehrarbeit, die nicht hätte sein müssen.
Pünktlich auf die Minute klopfe ich an Olivers Tür zum Büro. „Setz dich, Harry", sagt er und ich schließe die Glastür hinter mir. Ich weiß nicht, worauf dieses Gespräch hinaus laufen wird. Ich mag es nicht, unvorbereitet in ein Gespräch zu gehen. Man kann auch sagen, dass ich gerne weiß, was auf mich zu kommt, damit ich die Kontrolle habe. Vor allem, wenn es um meinen Beruf geht. Ich bin gut in meinem Job, Oliver weiß das genau. Dahingehend mache ich mir keine Gedanken.
„Gestern hat es hier gebrannt", sage ich und pokere darauf, dass er genau dieses Thema ansprechen wollte. Es würde nur Sinn ergeben, denn ich war der Einzige, der noch hier war. „Ja, ich bin froh, dass die Rauchmelder gut funktioniert haben." – „Es war nur die Küche, es ist niemandem etwas passiert", antworte ich ihm. Oliver nickt. „Ich denke, du warst deswegen heute zu spät?" – „Ich musste noch etwas erledigen", nicke ich. „Aber mir geht es gut und keine Unterlagen sind verbrannt oder so", erzähle ich knapp. „Sehr gut", antwortet mein Chef mir und lehnt sich nach hinten.
„Ich weiß, du hast aktuell sehr viel zu tun, aber ich habe eine neue Anfrage." Verwundert sehe ich ihn an. „Seit wann rufst du mich dafür in dein Büro?" Das ist lange nicht mehr vorgekommen. Oliver weiß, dass ich keine Anleitung mehr brauche, schon seit Jahren nicht mehr. Das ist das letzte Mal vorgekommen, als ich noch als Student nebenbei gearbeitet habe. „Es geht um einen großen Kunden. Einen neuen Kunden noch dazu", antwortet er mir und sieht auf seinen Laptop. „Ich habe dir die Unterlagen noch nicht gesendet, werde ich aber tun, wenn du zusagst."
„Oliver, was ist es für ein Auftrag?", will ich von ihm wissen. Er macht es sonst nie so spannend. Drum herum reden ist nicht sein Ding, und meins auch nicht. „Es geht um ein IT-Unternehmen. Sie suchen in London ein neues Büro. Sie haben in Manchester angefangen und sind inzwischen so groß, dass sie sich dazu entschieden haben, ihr Headquarter nach London zu verlegen", sagt er und interessiert höre ich zu. „Sie wollen, dass wir ihnen realistische Möglichkeiten zeigen, bevor sie sich entscheiden, die anderen Bedingungen schicke ich dir." Er hält kurz inne. „Dieser Auftrag ist verdammt groß, Harry. Du würdest nächste Woche starten und ich sage dem Unternehmen zu. Dann wird der Vertrag erstellt, du weißt ja, wie das abläuft."
„Und wieso besprechen wir das so detailliert hier?", frage ich skeptisch nach. Es ist nach wie vor komisch, dass er mich deswegen in sein Büro geordert hat. „Ich es deine Eintrittskarte als Partner ist", sagt er und perplex sehe ich ihn an. Damit habe ich nicht gerechnet. Bitte was? Nein, das hat er nicht wirklich gesagt. Darauf arbeite ich hin, seit Jahren schon, aber ich habe in den nächsten fünf Jahren nicht mit diesem Angebot gerechnet. Es ist fast zu gut, um wahr zu sein.
„Als Partner." – „Du arbeitest mehr als jeder sonst hier. Ich wäre ein Arschloch und ein Idiot noch dazu, wenn ich wen anders in Betracht ziehen würde", erwidert er. Ich mustere ihn. „Gehst du? Welche Stelle wird frei?", will ich wissen. „Niemand geht. Die Stelle war die ganze Zeit schon frei", antwortet er mir. „Außerdem weiß ich, wie viel du verdienst und es kommen nicht viele Personen überhaupt in Frage, Partner zu werden." – „100.000 Pfund, richtig?" – „Richtig", sagt er. Das ist der Eigenanteil, den ein neuer Partner mit ins Unternehmen bringen muss. Ich verdiene gut und ich hatte schon immer geplant, irgendwann Partner zu werden. Oliver weiß das und die logische Schlussfolgerung ist, dass ich das entsprechende Geld auf die Kante gelegt habe.
„Es sei denn, du kannst dir das nicht leisten." – „Du weißt, dass ich das kann", antworte ich ihm. Seitdem ich Geld verdiene, schaue ich, dass ich es sinnvoll einsetze. Inzwischen kann ich mir einiges leisten, aber das bedeutet nicht, dass ich alles auf den Kopf haue, was ich bekomme. Noch während meines Studiums, habe ich mich mit Finanzen beschäftigt. Ich habe es in verschiedene Aktien gesteckt und plane langfristig. Ich bezahle aber auch Gemma ihr Studium und habe mir ein Auto gekauft, als ich es konnte. Und eine Wohnung. Es ist sinnvoller, sich die Wohnung in London selbst zu kaufen, anstatt zu mieten. Sie ist noch nicht komplett abbezahlt, aber so habe ich mich damals extra entschieden. Hätte ich sie inzwischen abbezahlt, hätte ich weder etwas auf der hohen Kante noch vernünftige Investitionen oder das nötige Geld, um bald tatsächlich Partner zu werden.
„Ich schätze, dann nimmst du den Auftrag an?", fragt Oliver mich zufrieden. „Natürlich", stimme ich zu. Was für eine Frage. „Gut, ich lasse dir die Unterlagen zukommen." Ich stehe auf und möchte gerade die Tür öffnen, als er noch sagt: „Und Harry? Falls es hier das nächste Mal brennen sollte und du noch hier bist, sag mir bitte Bescheid, was passiert ist." – „Werde ich", stimme ich zu. Ich hätte ihn anrufen können, das stimmt schon, aber ich dachte, er wüsste es bereits. Das hätte ich besser machen sollen, da hat er recht.
Ich kehre zurück an meinen Schreibtisch und nehme mir ein paar Minuten, um meine Finanzen zu checken. Die Aktienkurse sehen gut aus. Ich investiere in verschiedene Unternehmen, um mein Risiko zu minimieren und auch nur dann, wenn ich mich ausführlich mit deren Geschäftsplanung beschäftigt habe. Einmal habe ich Geld verloren, das war noch im Studium und man muss ehrlicherweise sagen, dass es selbst schuld war. Ich habe dazu gelernt und kann deswegen zufrieden meinen Fokus wieder auf meine Arbeit legen.
Einen kurzen Moment denke ich darüber nach, meiner Familie zu schreiben. Ich will ihnen sagen, dass ich die Chance habe, den nächsten Schritt in meiner Karriere zu wagen, aber dann lasse ich es sein. Ich werde es ihnen erst sagen, wenn es zu hundert Prozent sicher ist. Es geht nicht darum, ihnen keine falschen Hoffnungen zu machen, sondern mir. Ich kann es nicht leiden, etwas nicht zu erreichen, was ich mir vorgenommen habe – nicht, dass das sonderlich oft bisher vorgekommen ist. Es war schon immer so, weswegen ich entscheide es für mich zu behalten. Außerdem bin ich nicht scharf darauf, dass es jetzt schon jeder im Büro erfährt. Meine Kollegen werden es früh genug mitbekommen und so, wie ich Oliver kenne, plaudert er nicht an der Kaffeemaschine mit anderen Menschen über meine Karriere.
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Jetzt gibt es auch ein wenig Einblick in Harrys Leben, die Story wird also wieder aus beiden Perspektiven geschrieben sein. Was haltet ihr davon?
Love, L
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