2. Kapitel
Louis:
„Was für ein Idiot", murmle ich mies gelaunt, als ich mich neben Matt in den Einsatzwagen setze. Wir fahren zurück zur Wache und mein Magen knurrt just in den Moment, als der Motor startet. „Der Kerl aus dem Büro? Dieser Styles?" – „Mhm", murmle ich und trinke einen Schluck Wasser. „Der Kerl wollte gerade unbedingt noch sein Auto aus der Garage holen." – „Und das ging nicht, weil der Strom ausgeschaltet war", schlussfolgert Marah. „Ich hasse solche Leute", stimmt sie zu. „Arrogant und nur an sich selbst interessiert. Es ist genau der Schlag Mensch, der auf der Autobahn die Rettungsgasse selbst nutzt, um schneller am Ziel zu sein." – „Ich wette, das würde er tun", stimme ich ihr zu. Ich liebe meinen Job, aber auf die Gaffer und Idioten, die uns bei der Arbeit behindern, könnte ich gut verzichten.
Wir kommen in der Wache an. „Louis, warte mal kurz!", ruft Charly mich, als ich schon auf dem halben Weg zur Küche bin. Ich seufze und laufe zurück. Er steht am Heck des Wagens. „Ist das deiner?", fragt er und hält einen Autoschlüssel hoch. Verwundert sehe ich ihn an. „Nein, wieso?" – „Dann ist der wohl von dem Kerl, den ihr aus dem Gebäude gebracht habt. Er saß doch vorhin mit dir hier auf der Kante, oder?" Ich schließe die Augen. Verdammte Scheiße. „Ja, hat er", stimme ich zu. Was habe ich getan, dass mein Karma mir das antut? Er gibt ihn mir. „Leg ihn irgendwo hin, wo er nicht wegkommt. Ich wette dieser Styles wird die Tage hier auftauchen." Ja, spätestens wenn die Garage wieder geöffnet ist und er bemerkt, dass er trotzdem nicht an sein Auto kommt. „Klar, Boss", antworte ich widerwillig und nehme den Schlüssel.
Wir haben ein kleines Fundbüro. Eigentlich ist es nur ein leerer Spint wo wie so etwas wie Schlüssel und Portemonnaies aufbewahren, bis sie abgeholt werden. Ich packe den Schlüssel dazu und gehe dann endlich in die Küche. Die Töpfe stehen in der Spüle unter Wasser. Das darf doch nicht wahr sein. „Ach scheiße", brumme ich. Hatte ich wirklich gehofft, es wäre noch etwas übrig, wenn ich wiederkomme? Heute ist kein guter Tag.
„Oh, hattest du noch nichts gegessen?", fragt Mary mich und nimmt sich einen Schwamm, um die Töpfe zu spülen. „Nein, schon okay", sage ich nur und gehe zum Kühlschrank. Sobald ich die Tür öffne sehe ich allerdings einen vollen Teller mit Frischhaltefolie darüber. „Du hast es zur Seite gestellt, oder?", frage ich grinsend und nehme ihn heraus. „Ohne mich würdest du hier verhungern, das weißt du doch." – „Das nicht, aber ich würde nie etwas Frischgekochtes essen", antworte ich und stelle den Teller in die Mikrowelle. „Denk dran, du hast nächstes Wochenende Küchendienst", erinnert sie mich. „Frisch gekocht, kein Fertigfutter", fügt sie hinzu. Ich verdrehe die Augen und hole mir Besteck. „Schon klar." – „Und Nudeln hatten wir gerade erst." – „Ich werde einfach eine Blechpizza machen", antworte ich ihr schulterzuckend. Dabei kann ich nicht so viel falsch machen.
„Koch etwas richtiges, Louis. Du solltest langsam wirklich lernen, zu kochen." – „Wieso das? Ich bekomme hier oft genug gutes Essen", grinse ich und setze mich. Charly setzt sich zu mir. Er schreibt den Einsatzbericht. Theoretisch könnte er das in seinem Büro tun, aber er kann es nicht leiden, dort alleine zu sitzen und zu arbeiten. Er hat sich letztes Jahr deswegen einen Laptop angeschafft und arbeitet von überall aus, nur nicht in seinem Büro. „Sie hat recht. Du bist kein Rookie mehr. Dein Welpenschutz ist vorbei und das schon seit fast einem Jahr." – „Das sagst du immer wieder, Boss." – „Weil es stimmt. Oder sollen wir dich wieder zum Rookie machen?", fragt er. Sofort schüttle ich den Kopf. „Ich werde lernen zu kochen, Boss." – „Da bin ich mal gespannt", sagt er zufrieden und konzentriert sich wieder auf den Papierkram.
Ich kann einigermaßen kochen. Nudeln. Pizza. Und Hühnchen schaffe ich auch. Und ansonsten reicht es vollkommen aus, bei der Feuerwehr zu arbeiten. „Gemüse wäre gut", mischt Mary sich ein. „Ich pack dir eine Tomate dazu", antworte ich ihr grinsend.
Ich schaffe es, drei Stunden zu schlafen. Das ist mehr als in so manch anderer Nacht auf der Wache. Sobald die Sirene ertönt, bin ich hellwach. Früher habe ich immer ein paar Minuten gebraucht, um den Wecker aufzustellen, aber inzwischen stehe ich augenblicklich neben meinem Bett. Mein Körper handelt wie von selbst. Ich denke nicht mehr darüber nach, wie ich zum Einsatzwagen laufe und die Ausrüstung anziehe. Jeder Handgriff hat sich schon in der Ausbildung so tief in mein Gedächtnis eingebrannt, dass ich es niemals vergessen werde.
Meine Schicht endet mittags um zwölf. Jetzt ist es elf Uhr und ich hoffe darauf, nicht noch einmal ausrücken zu müssen. Kurz nach dem Frühstück kamen zwei Einsätze rein, die aber beide nicht so lange wie befürchtet gedauert haben.
„Hallo? Ist hier jemand?"
Ich trinke einen Schluck Tee und schließe die Augen. Wieso genau wollte ich nochmal, dass kein Einsatz reinkommt? Ein Einsatz wäre so viel besser gewesen als das hier. „Ich wette, das ist dieser Styles", sagt Matt und sieht zu mir. „Deine Aufgabe." – „Danke, ich weiß", antworte ich trocken und stehe auf. Mit schnellen Schritten gehe ich die Treppe hinunter zum Tür der Wache. „Dort vorne ist eine Klingel, wissen Sie? Sie müssen hier nicht rumschreien", sage ich und deute auf den roten Knopf neben der Tür, an dem Klingel steht. „Ich habe geklingelt. Offenbar ist Sie kaputt", sagt er und verschränkt die Arme vor der Brust. „Sie waren gestern Abend bei meinem Büro richtig?" – „Korrekt." – „Dann wissen Sie garantiert auch, wo mein Autoschlüssel geblieben ist", spricht er direkt an. Ich mustere ihn skeptisch. Er trägt etwas anderes als gestern Abend. Er war bestimmt zu Hause und halt seelenruhig geschlafen, während wir hier eine 24-Stunden-Schicht schieben.
„Und wie kommen Sie darauf, dass sie ihn nicht im Büro gelassen haben?", will ich von ihm wissen. Ja, natürlich könnte ich ihm einfach sagen, dass der Schlüssel bei uns im Fundusspint ist, aber ein bisschen Spaß sei mir gegönnt. „Nicht, dass Sie das etwas angehen würde, aber ich hatte meinen Autoschlüssel in meiner Jackentasche und nicht auf meinem Schreibtisch. Außerdem habe ich einen Airtag daran, der mir sagt, dass der Schlüssel hier ist", antwortet er. Verdammt. „Gut, warten Sie hier. Ich hole den Schlüssel. Und nichts anfassen."
„Du solltest freundlich sein, Louis", meint Charly, also ich wieder nach oben gehe. „Ich bin freundlich." – „Bist du nicht", widerspricht Matt mir. Hier in der Wache bekommt grundsätzlich jeder alles grundsätzlich mit. Geheimnisse gibt es nicht, das habe ich früh gelernt. Am Anfang hat es mich gestört. Ich fand es seltsam, dass jeder über mein Leben Bescheid wusste, aber inzwischen ist es ganz normal. Diese Leute sind meine zweite Familie geworden. Ich verbringe so viel Zeit hier, da ist es normal, dass man sich irgendwann ziemlich gut kennt. „Er ist ein arroganter Arsch." – „Und du bist bei der Arbeit, also sei freundlich", antwortet Charly mir. Ich hole den Schlüssel und sehe, dass dort tatsächlich ein Airtag dranhängt. Ich hätte ihm auch zugetraut, dass er gelogen hat. But whatever.
„Mussten Sie den Schlüssel erst suchen?", fragt er mich genervt, als ich wieder die Treppe hinunter komme. „Das heißt danke", korrigiere ich ihn lediglich. Er streckt die Hand aus, aber ich denke gar nicht daran, ihm den Schlüssel zu geben. „Was soll das?" – „Ich sagte, das heißt danke", wiederhole ich meine Wort. „Okay, danke", sagt er, aber ihm ist offenbar nicht einmal bewusst, wofür er sich bedanken soll. Also sehe ich ihn abwartend an und halte den Schlüssel fest in meiner Hand.
„Was? Geben Sie mir jetzt meinen Schlüssel?" – „Sie sollten sich diese Arroganz abgewöhnen. Irgendwann werden Sie damit auf die Fresse fallen." – „Mir geht es sehr gut und ich bin nicht arrogant, sondern zielstrebig", antwortet er mir. Ich hebe skeptisch eine Augenbraue. „Zielstrebig nenne Sie das? Sie sind arrogant und unfreundlich zu Menschen, die Sie aus einem brennenden Haus geholt haben. Sie sind undankbar zu denjenigen, die ihren Autoschlüssel verwahrt haben und sie sind abwertend gegenüber den Rettungskräften, die sich darum gekümmert haben, dass nicht noch mehr Schaden entstanden ist", zähle ich auf. Er presst die Lippen zusammen. „Schön. Danke, dass Sie ihre Arbeit tun", presst er heraus.
Ich lächle zufrieden und merke, wie sehr ihn das provoziert. „War das wirklich so schlimm, Mr. Styles?" – „Sie kennen meinen Namen?", fragt er verwundert und ich beiße mir auf die Zunge, um nicht zu antworten: Soll ich dich lieber Harry nennen? Er weiß offensichtlich nicht mehr, wer ich bin und wenn es nach mir geht, muss sich das nicht ändern. Es reicht, dass ich ihm in den letzten zwölf Stunden bereits zwei Mal über den Weg gelaufen bin. Ein drittes Mal muss das nicht passieren. „Ich habe ein gutes Gedächtnis. Besonders bei arroganten Arschlöchern", antworte ich ihm stattdessen und halte ihm den Schlüssel hin. „Ich finde allein raus", sagt er nur und macht auf dem Absatz kehrt.
„Wie war das mit der Freundlichkeit?", höre ich Charly fragen und setze mich wieder zu den anderen. „Er ist ein Idiot." – „Und du nach wie vor im Dienst. Du weißt, das wir genauso denken, wie du Louis, aber das darf nicht noch einmal passieren. Dafür könnte er eine offizielle Beschwerde einreichen", ermahnt Charly mich. Ich schnaube. Und ich hätte ihn anzeigen können. Habe ich aber dummerweise nicht getan. Vielleicht hätte ich damals auf Liam hören sollen. Nein, ich meinte damals nur, dass es keine Beweise gibt und eine Anzeige sowieso nichts bringt. Idiotisch.
-- -- -- -- --
Tja, da treffen die beiden schon das zweite Mal aufeinander. Was könnte in der Vergangenheit wohl passiert sein?
Love, L
Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top