16. Kapitel
Louis:
Ich laufe die Treppe hinunter zu Empfang. Ich wüsste nicht, wer mich heute besuchen möchte, schon gar nicht auf der Wache. Als ich ihn allerdings sehe, würde ich am liebsten wieder umdrehen. Was will er denn hier? Missmutig gehe ich auf ihn zu. „Was willst du hier?", frage ich direkt. Sein Blick gleitet an mir hinab, nur für einen kurzen Moment, aber es reicht aus, dass ich es mitbekomme. „Ich möchte mich gerne bedanken", antwortet er mir und geht ein paar Schritte des Empfang weg. „Wieso das?", frage ich irritiert. Er seufzt. „Gemma, du weiß schon, meine kleine Schwester." Verwundert sehe ich ihn an. Deswegen ist er hier? Damit habe ich definitiv nicht gerechnet.
„Das ist unser Job, kein Problem. Geht es ihr besser?", frage ich der Höflichkeit wegen. Er nickt. „Sie ist ausgekatert und Steph ist auch wieder zuhause." – „Schön zu hören", antworte ich knapp. Harry zögert. Dann strafft er die Schultern, als würde er sich daran erinnern, seine Arroganz aufrecht zu erhalten. „Sie hat mich gebeten, herzukommen, sie hat zeitlich mit der Uni zu viel zu tun." – „Natürlich, es wäre ja auch unrealistisch, wenn du freiwillig hier auftauchst", erwidere ich trocken. Harry ignoriert es einfach und spricht weiter. „Und sie hat mich gebeten, mich in ihrem Namen und natürlich auch für Steph zu bedanken, da wir uns kennen." Das hat sie mitbekommen? „Hier." Er reicht mit einen Umschlag." Skeptisch sehe ich ihn an. „Was ist das? Eine offizielle Beschwerde über mich?" – „Was? Die würde ich direkt deinem Chef geben", antwortet er, als wäre es selbstverständlich. Oder als wäre es etwas, über das er schon nachgedacht hat.
„Es ist ein Gutschein für ein gutes Restaurant für dein Team und dich, als Dankeschön." Überrascht sehe ich ihn an und öffne die Karte. „Über 500 Pfund?", frage ich und versuche mir nicht anmerken zu lassen, dass ich damit definitiv nicht gerechnet habe. „Ich bin mir nicht sicher, wer alles dabei in der Nacht oder wie viele Leute in dem Team sind, aber ich denke, das sollte reichen." Ich sehe auf das Logo und den Namen des Restaurants. Es ist nicht gerade billig, aber immerhin hier in der Nähe. Es ist nichts, wo jemand von uns sonst hingehen würde, da wählen wir wohl doch eher unsere Kneipe um die Ecke.
Zu gerne würde ich Harry den Gutschein in die Hand drücken und antworten, dass wir damit nichts anfangen können, aber spätestens wenn Charly das erfährt, hätte ich ein Problem. Ich arbeite, ich muss mich benehmen. Verdammt, hätte er sich nicht außerhalb meiner Schicht bedanken können? Da hätte ich ihn wenigstens abblitzen lassen können. „Ich hoffe, ihr könnt damit etwas anfangen." – „Ernsthaft?" – „Ja, natürlich", antwortet er mir.
„Louis? Bleibst du noch hier? Ich muss mal eben telefonieren", unterbricht uns mein Kollege und deutet auf sein Handy. Ich nicke sofort. Er hat einen Sohn, der gerade erst in den Kindergarten gekommen ist. Wenn er in der Arbeitszeit telefonieren muss, ist es meistens deswegen. Es ist selbstverständlich, dass ihn dann jemand von uns kurz ablöst, wenn er Empfangsdienst hat. Er verschwindet nach draußen und erst, als die Tür zufällt, spricht Harry weiter.
„Ich wusste nicht, was man der Feuerwehr schenken kann und ich ziemlich sicher, dass ihr während der Dienstzeit nicht trinken dürft, sonst wäre es ein Kasten Bier geworden." – „Sehr gut, Sherlock, damit hast du recht", kontere ich und betrachte den Gutschein. Natürlich haben wir hier und da schon einmal Kleinigkeiten als Dank bekommen, Schokolade und so etwas, aber mal eben einen Gutschein über 500 Pfund? Nein, das war noch nicht dabei.
„Was willst du damit erreichen?", frage ich skeptisch. „Was meinst du damit?" – „Es ist ziemlich viel Geld", spreche ich meinen Gedanken nun doch aus. „Du kannst dir damit nicht unsere Sympathie kaufen, wenn du das vorhast. Und es macht dein Verhalten der Feuerwehr gegenüber bisher auch nicht wieder gut. Ich weiß nicht, ob du ein schlechtes Gewissen hast, oder es nur machst, weil deine Schwester dich darum gebeten hat, aber ein ehrliches Danke, wäre besser gewesen. Ich lasse das Team entscheiden, was mit dem Gutschein passiert, aber Geld regelt nicht alles", stelle ich klar.
Er spannt sich an und presst die Lippen aufeinander. Tja, mit welchem Punkt hatte ich wohl recht, mhm? Er wird nervös und will es nicht zeigen. Es sieht genauso aus wie damals und ich erkenne, es sofort. Er weiß nicht, was als nächstes passiert und wie er reagieren soll, um das zu bekommen, was er will. Der Unterschied ist nur, dass ich heute nicht weiß, was er möchte. Damals wollte er mich, das wird jetzt wohl kaum der Fall sein. Er weiß es ja nicht einmal mehr.
Ich gehe einen Schritt auf ihn zu. Nur testen, mehr nicht. Er weicht nicht zurück. Ich sehe ihn direkt an. „Ich... uhm...", stottert er. Ich schmunzle ein bisschen. „Was hattest du dir erhofft? Wieso bist du hier und hast nicht einfach eine E-Mail geschickt? Ich dachte, du kannst mich nicht leiden." – „Du hast Gemma geholfen", antwortet er und steht mit dem Rücken zur Wand. „Ich habe dir auch geholfen, als eure Küche gebrannt hat." – „Ja, aber... das... also das war anders." Natürlich war es das, Harry.
Harry atmet flach und sein Blick fällt auf meine Lippen. Ich wusste es. Als sein Blick meinen wieder trifft, werden seinen Augen ein wenig größer. Nur ein kleines Bisschen, aber gut, damit ich weiß, dass er genau verstanden hat, dass ich es mitbekommen habe. Fuck, ich weiß genau, was ich jetzt tun könnte. Ich trete einen Schritt näher an ihn heran. „Uhm..." – „Mhm?" Ich halte seinen Blick gefangen. Verdammt, ich will ihn gegen diese Wand drücken. Ich will ihm diese verdammte Arroganz aus dem Kopf vögeln.
„Du... also...", stottert er und mustert mich. Ich bin mir nicht sicher, wieso einige Leute so auf Menschen in Uniformen stehen, aber Harry ist ganz offensichtlich einer von ihnen. Ich trage zwar nicht die Feuerschutzhose und die Jacke, aber auch sonst haben wir Arbeitskleidung. „Ich, was? Was möchtest du mir sagen?" – „Ich denke... uhm... ich wollte nicht nur eine E-Mail schicken. Und Gemma meinte, ich soll herkommen." – „Deine Schwester schreibt dir vor, was du machen sollst?" – „Ich wusste, dass sie recht hat. Sie schreibt mir nichts vor." – „Das tut niemand, richtig?", frage ich ihn provokant. „Natürlich nicht", antwortet er direkt, aber sein Tonfall verrät etwas ganz anderes. Seine Stimme ist dünn und zittert ein wenig. Fuck, wieso musste er nur hier auftauchen?
Wir stehen ziemlich nah. Einen Schritt weiter und ich würde seinen Körper an meinem spüren und die Spannung würde noch weiter ansteigen. „Sich etwas sagen zu lassen, heißt nicht zwingend, anderer Meinung sein zu müssen." – „Was?" Ich lächle ein wenig, genug, um ihn noch mehr durcheinander zu bringen. „Wenn ich dir vorschreibe, ein brennendes Gebäude zu verlassen, dann nicht, weil es dir schadet. Und normalerweise sollte es auch etwas sein, bei dem du die gleiche Meinung hast." Es muss nicht schlecht sein, Harry. Wenn ich dich gegen die Wand drücke und ficke, dann nur, wenn du es willst. Du wirst es wollen, du wirst mich darum bitten und flehen. Nur nicht hier und nicht jetzt.
Er leckt sich über die Lippen, nur kurz und mit Sicherheit unterbewusst. Oh nein, ich werde dich jetzt nicht küssen. Ich werde dich jetzt nicht einmal berühren. Ich werde nur meinen Spaß haben und wissen, dass du den ganzen Tag daran denken wirst, wie ich es schaffe, dich derart durcheinander zu bringen. „Es... also... ja." – „Ja? Heißt das, das nächste Mal hörst du direkt auf die Feuerwehr?", frage ich unschuldig. „Nächstes Mal?", fragt er verwundert. „Falls dein Büro wieder brennt", antworte ich verschmitzt lächelnd. Nicht, dass das sehr wahrscheinlich ist, aber you never know. Anscheinend laufen wir uns immer wieder über den Weg, ich schließe es also nicht grundsätzlich aus.
Er nickt und schluckt. Das ist herrlich ihn so zu sehen. Ich trete einen Schritt zurück und tue so, als wäre nichts passiert. Ich habe aus dem Augenwinkel gesehen, dass mein Kollege zurück kommt. „Vielen Dank für den Gutschein, Harry. Ich werde meinem Team deine Grüße ausrichten, ich bin sicher, sie werden sich über das Geschenk freuen." – „Den... Gutschein", stottert er und blinzelt ein paar Mal. „Findest du selbst raus?" Er sieht zur Tür, dann wieder zu mir und versteht, was hier gerade passiert ist. Das war flirten, ich schätze, das hast du so noch nie erlebt. „Ja, klar... bis dann."
Amüsiert gehe ich die Treppe wieder nach oben. „Du bist gut gelaunt", stellt Marah verwundert fest. „Harry war da." – „Ich dachte, du magst ihn nicht", sagt Matt irritiert. Ich halte den Umschlag hoch. „Wir gehen essen, das ist sein Dankeschön dafür, dass wir uns um Gemma gekümmert haben." – „Nach einer Schicht?" – „Von mir aus gerne", stimme ich zu. Charly nickt. „Kümmerst du dich dann darum? Du hast den Schichtplan ja." – „Klar, mache ich", nicke ich und in meinem Kopf taucht eine Idee auf. Oh, wenn das klappt... Zumindest ist es einen Versuch wert. Ich wette, er hat das Restaurant nicht einfach so ausgewählt. Er geht mit Sicherheit selbst dort ab und an hin.
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Was könnte Louis nur vorhaben? Und meint ihr, Harry wird ihn nächstes Mal abblocken, oder lässt er Louis einfach machen?
Love, L
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