27 - Matthias Green
Hallöchen.
Ihr wollt gar nicht wissen, wie viele Probleme ich mit diesem Kapitel hatte.
Aber hier ist es und kein Perfektionismus im Erstentwurf, juhu!
Enjoy.
~☀️~
Normalerweise schleust man mit viel Fingerspitzengefühl Polizeimenschen als Gäste in solche Veranstaltungen ein und lässt sie nicht wie grenzdebile Weihnachtsmänner mit Jahreszeitenschwäche durch den Kamin einsteigen. Es ist Juni, verdammt, und mir wächst sowieso kein richtiger Bart, weder weiß noch in irgendeiner anderen Farbe. Und einen Kamin gibt es auch nicht, dafür aber sehr große Dachfenster, weil sich Anastasia Creha gerne oben ohne in ihrer Bibliothek sonnt. Zumindest geht da ein hartnäckiges Gerücht um.
Doch in der Bibliothek empfangen uns nicht die Nippelpiercings der Gangster Bosslady, sondern zwei sehr aufdringliche Rottweiler mit stahlverstärkten Zähnen. Clara lehnt sich leise an mir vorbei durch das Dachfenster und schießt die beiden mit Betäubungsrunden ins Aus. Ich habe ihr nicht gezeigt, wie man die Waffe umstellt und denke kurz, sie hätte eiskalt die Hunde umgebracht.
„Zeus und Apollo", liest sie von den Halsbändern, nachdem wir den Raum gesichert haben.
„Du hast heute schon Botanik für ein paar Millionen Creds abgefackelt und zwei Götter ausgeknockt."
„Und dafür bekomme ich nur Mindestlohn."
„Öffentlicher Dienst."
Ich schüttle meinen Handschuh, bis dieser aufhört zu rauchen. Zweimal hat mir dieses Anwesen heute schon fast die Finger abgefackelt und langsam macht mich das sauer. Wieso haben die uns unseren Zebrashirt-Profiler ins Team gesteckt und nicht irgendwas Nützliches, wie einen Unfallchirurgen, der nur lila gepunktete Hemden trägt?
„Wie lange brauchst du für die Kameras?", frage ich Clara, die einen Holoscreen gestartet hat.
„Zehn Sekunden."
Beeindruckt und etwas misstrauisch, weil das selbst für sie ein bisschen zu krass ist, drehe ich mich zu ihr um.
„Hast du auf deinem Personalbogen gelogen und bist hier Mitglied?"
Oder hat die Frau sich illegalerweise eine AI implantieren lassen? Das hätte sie ja mal erwähnen können. Clara schnaubt.
„Witzig. Es gibt einen vorgefertigten Hack für diese Systeme in eurem ‚Keys ans Passwords' Ordner."
„Oooh. Der ist neu."
„Zeus sabbert dir auf den Schuh."
Als die Kameras down sind, halte ich die beiden Lederbänder mit den gravierten Namensschildchen der Hunde in die Luft.
„Wie stehst du zu Halsbändern?"
Clara wirft mir einen schrägen Blick zu.
„Die Hunde haben Freigaben?"
Ich grinse.
„Eigentlich sollte das ein anzüglicher Witz werden, aber ja. Die kommen überall hin."
„Gut, dass du's dazu gesagt hast, sonst wäre das nicht angekommen."
„Bist du Zeus oder Apollo?"
„Mir egal, solange ich durch keine Hundeklappe muss. Da hat der Spaß ein Loch."
Ich bin großzügig und gebe ihr die Freigabe des mächtigeren griechischen Gottes. Apollo ist als Sonnengott wahrscheinlich sowieso sowas wie der Schutzpatron der Sunhunter, da verzeihe ich ihm, dass er keine Blitze schleudern kann. Clara klippst sich das Band an den Gürtel, ich gebe es meinem Oktopus und dann wenden wir uns dramatisch der Tür zu.
„Suchen wir uns den Raum, in dem die wirklich interessanten Dinge passieren."
Der Raum, in dem die interessanten Dinge stattfinden, liegt hundert Meter unter dem Herrenhaus. Auf dem Weg dorthin kriechen wir von einem Heizungsraum ausgehend durch Lüftungsschächte, über die ein süßliches Raumparfum überall in der Villa verteilt wird. Das Zeug bekomme ich die nächsten drei Wochen nicht mehr aus den Haaren. Sollte ich so lange leben.
Es sind vier Leute im Überwachungsraum im ersten Untergeschoss abgestellt. Sie sind alle selbstgefällig, faul und reißen nur die Klappe auf, wenn ihr Chef gerade nicht hinsieht. Zumindest lautet so meine Profilanalyse nach zwei Minuten ihres Gesprächs. Clara tut so, als müsse sie in den Lüftungsschacht kotzen.
„Richard, wir haben Ausfälle im vierten Stock", sagt einer von ihnen und rührt seinen gottlosen Instantkaffee um, während ich hinter ihm aus besagtem Lüftungsschacht springe. Er dreht sich milde überrascht zu mir um.
„Hallo, Richard", grüße ich freundlich, bevor ich ihn k.o. schlage. Clara hängt schon mit der hübschen Nase vor dem nächsten Holobildschirm, bevor ich unsere Freunde verschnürt und geknebelt habe. Sie sieht nur auf, um die Data Watches entgegen zu nehmen und zu loopen.
„Was auch immer das ist", sagt sie, während ich die Tür verbarrikadiere. „Es ist groß."
„That's what she said."
Sie nimmt sich die Zeit, um mir den Ellenbogen in die Rippen zu rammen. Am Ende killt sie mich und nicht die Mafia.
Zusammen betrachten wir die Bilder auf den Holos. Ich fühle mich etwas, als wäre ich uneingeladen auf einer Hausparty gelandet und wüsste nicht einmal sicher, ob es ein Geburtstag oder eine Beerdigung ist.
„Kannst du reinzoomen?", frage ich.
Die Anwesenden sind alle in guter Labrinths Manier verschleiert, aber wenn ich raten müsste, würde ich sagen, dass Io in der ersten Reihe steht. Meine Nackenhärchen stellen sich auf, wenn ich ihn sehe. Mit Weltraumpiraten und Kriegsverbrechern zu hantieren ist etwas ganz anderes als mit diesen perfiden Core Gangstern. Auf dem Schlachtfeld ist in der Regel klar, dass blanke Gewalt nach blanker Gewalt verlangt. Man versucht schließlich, sich für Glorie, das Vaterland und den ganzen anderen Bullshit gegenseitig umzubringen. Im Krieg und der Liebe ist alles erlaubt, wir erinnern uns. Das ist zwar keine tolle Regel, aber immerhin eine Regel. Doch mit dem ehemaligen Straßenkind, das nun einen ganzen Mond im Feindesgebiet infiltriert hat und nur noch nach diesem benannt wird, ist der Deal weniger klar. Wenn ich ihm heute Nacht als gewöhnlicher Partygast ein Bein stellen würde und in einem Jahr meine hypothetische Tochter in der Wiege sterben würde, dann gäbe es wahrscheinlich einen Zusammenhang. Heute back' ich, morgen brau' ich, übermorgen hol' ich mir meines Kumpels Kind.
„Was ist das?", fragt Clara und reißt mich damit aus meinen Märchenzitaten. „Der Raum, den sie da haben."
„Interferrenzring 3."
Sie schürzt die Lippen, während ich mir einen Stuhl heranziehe und an Richards Kaffee rieche. Ich habe Lichtjahre entfernt von allen anderen Menschen besseren Kaffee getrunken, aber ich will mich ja nicht beschweren.
„Ist schon ziemlich dramatisch, musst du zugeben. Sieht aus wie ein Amphitheater."
„Ja und wenn jemand da unten eine H-Bombe zündet, fliegen mal mindestens die SubMarket Quarters in die Luft."
„Das auch."
„Wer in der Regierung hat es für eine gute Idee gehalten, den Creha Zugang zu einem der Soft Spots von New Singapoure zu geben?"
„Meine Mutter. Keine Ahnung. Das ist einfach passiert. Korruptionsskandal vor fünfzig Jahren blah blah, langweiliger Bürokratiekram. Aber das ist der Grund, wieso gerne Mal Minister mit dem Creha Chef ausgiebige Bootstouren unternehmen. Mir wurde gesagt, die angeln sogar zusammen."
„Großartige Politik", murmelt sie, während wir laufend neues Videomaterial sichten. Der Stuhl, auf dem ich sitze, ächzt böse und ist so durchgesessen, dass ich Angst habe, gleich gepfählt zu werden. In schillernde Kois kann der Creha Chef Geld investieren, aber die Ergonomie seiner Mitarbeiter ist ihm natürlich egal. Augen auf bei der Arbeitgeberwahl, sag ich da nur. Ava kauft keinen Stuhl unter fünfhundert Creds.
Die Atmosphäre auf den breiten Metallstufen des Interferenzrings ist unheimlich, vor allem im Kontrast zu dem betont lässigen Sektempfang im Garten. Die einzelnen Gäste stehen reglos in Boxen aus Licht, die immer wieder aufflackern und unsichtbar werden. Schilde. Als wäre das Konfliktpotenzial trotz Entwaffnung und Gästeliste zu groß. Als hätte jemand Angst vor einem Mob.
„Es ist eine Auktion", murmelt Clara neben mir, während über jedem Gast eine schillernde Ziffer auftaucht.
„Wir sind sicher nicht die einzigen Regierungsagenten hier", bemerke ich. „Das Wirtschaftsministerium ist ganz allergisch auf solche Dinge. Und für die Heimatsicherheit gibt es noch gewöhnliche Special Force Agenten, die genau auf sowas einen Blick haben sollten."
Ich halte inne, als ein Mann in die Mitte des Inteferenzrings tritt. Er trägt zwar eine Distorter Maske, die seine Gesichtszüge für alle Betrachter in visuelles Rauschen verwandelt, doch Reyes Brille zeigt mir klar die blau glühenden Teclines, die unter seiner Haut verlaufen. Sie ziehen sich seinen Nacken hinunter, leuchten durch sein T-shirt, ziehen sich über seine Hände und münden in Fingernägeln, von denen jeder ein eigener Minicomputer ist. Ich weiß, dass seine Augen strahlend violett sind, weil ich seine Akte und das Teenagerfoto kenne, das das Department von ihm hat. Das kann doch nicht wahr sein. Vielleicht muss ich heute doch die Handschellen auspacken. Wobei, die habe ich nicht dabei, da müssten die Hundehalsbänder herhalten.
„Wer ist das?"
Clara beobachtet nicht den Bildschirm sondern mich. Ich werfe einen Blick auf meine Watch, in der Hoffnung, dass sie sich auf magische Weise wieder mit dem Sunhunter Netzwerk verbunden hat. Wie es aussieht wäre es nicht dumm, gesetzestreue Verstärkung zu rufen. Denn in die Luft jagen darf ich hier nichts. Bleibt nur zu hoffen, dass ich mit meiner Vermutung bezüglich der anwesenden Non-Department Agenten recht habe.
„Das ist der Key Keeper", sage ich bedrückt, während meine Watch trotz viel getippe nur traurig eine ‚Verbindungsstörung' meldet, „Den hatte ich hier nicht erwartet. Er hat Gabe ausgebildet. Ich dachte, er säße irgendwo in der Peripherie im Knast."
„Er ist Dealer?"
„Oh ja. Der Vater aller Informations- und Geheimnisdealer im Core. Der Rest vertickt DataFarms, Mines und Deepfake Pornos, aber er ... er ist eine lebende Legende in Verbrecherkreisen. Wenn er Ware hat, dann wühlt alleine das die Unterwelt genug auf, um all dieses Theater zu rechtfertigen. Wahrscheinlich wissen die meisten auch nicht, wieso sie hier sind, sondern ..."
„... kaufen blind", beendet sie meinen Satz beeindruckt. „Wow."
Wir schweigen einen Moment, während der Key Keeper spricht.
„Weißt du, wir könnten jetzt ganz entspannt Richards miesen Kaffee austrinken und von hier aus zusehen, aber es gibt da ein kleines Problem. Wir haben kein Audio", grinse ich nachsichtig.
„Mir schwant Übles", knurrt Clara. Ich erhebe mich ächzend und strecke meinen Rücken. Ein Muskel in meiner Schulter ist überlastet von meinem dummen Sprung auf das Intracraft vorhin, der Clara beeindrucken sollte. Sie sieht maximal unbeeindruckt aus, wie sie da ihre Beine unter sich gefaltet hat in irgendeinem Raum unter der Creha Villa.
„Folgende Idee: Du bietest", sage ich, „Man muss ein Gebot stimmlich verifizieren. Falls irgendjemand meine Stimme erkennt. Dich erkennt niemand."
„Wir kommen da nicht einmal rein. Und es hat schon angefangen."
Ich lasse die vier DataWatches der gefesselten und geknebelten Sicherheitsmänner von meiner Hand baumeln. Eine davon geht an und zeigt ein Bild von einem Superhelden als Bildschirmschoner. Batman, zwei Götter und vier IT Fachkräfte sollten uns den Weg ebnen, n'est-pas?
„Ist das der Moment, in dem wir irgendwelche Mittvierziger ausziehen, um ihre Uniformen zu klauen?", fragt sie und wirft sich zwei Gummibärchen aus einer herumliegenden Kinderpackung in den Mund. Der Oktopus frisst die Packung und wird sie wahrscheinlich nachher wieder zum schlechtmöglichsten Moment ausspucken.
„Jetzt freu dich doch mal über die Action, anstatt immer alles schlecht zu machen", verlange ich, während ich mir Grabsy um den Hals klebe und mein Tuch wieder über ihm zu knote.
„Ist das der Moment?"
Ich werfe den Richards einen Blick zu. Einer schnarcht.
„Absolut nein."
~☀️~
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