Kapitel 39
Vorsichtig, als würde ich erwarten, dass Liam sich gleich umdrehen und auf mich losgehen würde, ging ich ebenfalls zur Küche und setzte mich auf einen Barhocker. Ich hatte extra die Seite zum Wohnzimmer gewählt, da so die Kücheninsel zwischen Liam und mir war. So hatte ich genug Abstand und musste mir keine Sorgen machen, dass ich einfach nach Liam greifen würde. Er war mir näher als in den letzten Wochen. Die Versuchung, das auszunutzen, war schon sehr groß.
Liam tat die Eier in die Pfanne. „Wobei kann ich denn helfen?", fragte er, ohne sich umzudrehen. Er briet die Eier an und goss nebenbei seinen Tee auf. Effizienz würde genau so aussehen, dachte ich, während ich Liams Rückenmuskeln beobachtete, die sie leicht unter seinem weiten Trikot abzeichneten.
„Na ja..." Ich suchte nach den richtigen Worten. Liam tat sich sein Essen auf, schnappte sich eine Gabel und ein Messer, und drehte sich zu mir um. Ohne mich anzusehen, setzte er sich an die Kücheninsel und begann zu essen.
Da ich noch immer nichts sagte, sah er nun doch vom Essen auf. Der erwartungsvolle und auch skeptische Blick ließ mich innerlich zusammenzucken. „Adam hat sein eigenes Unternehmen gegründet und ist auf der Suche nach Investoren. Dafür braucht er einen Text. Also mehr als das. Es hapert aber an der spannenden Formulierung. Das, was er uns vorgelesen hat, geht wirklich nicht."
„Uns?", fragte Liam verwirrt.
„Oh ja. Hugh, Patrick und mir. Wir alle vier haben keine Ahnung, wie man gute Texte schreibt und da kam mir die Idee jemanden zu fragen, der es kann."
„Und dann bin ich dir in den Sinn gekommen?" Ich nickte. „Aber du weißt doch gar nicht wie ich schreibe", fügte Liam hinzu und sah mich weiterhin erwartungsvoll an. Ich nickte beschämt. „Aber ich habe Vertrauen darauf, dass du gut bist in dem, was du machst."
„Woher willst du das wissen?" Ich seufzte.
„Ich verstehe, dass du kein großes Interesse daran haben kannst, einem Freund von mir zu helfen, wenn du mich nicht ausstehen kannst. Wirklich. Aber ich habe versprochen nachzufragen. Wenn du das nicht machen willst, ist das okay. Vielleicht könntest du mir einfach jemanden sagen, der uns helfen könnte."
„Uns?"
Ich runzelte die Stirn. Langsam wurde ich wütend. Es reichte schon, wenn Hugh so wortkarg war. Ihm stand das. Liam jedoch so gar nicht. „Ja uns. Ich habe Freunde gefunden Liam und ich will einem von ihnen helfen. Es war ein Versuch. Tut mir leid, dass ich dich beim Abendbrot, Mitternachtssnack oder was auch immer gestört habe." Ich stand ruckartig von dem Hocker auf. „Gute Nacht."
„Natalie, warte." Ich hielt in der Bewegung inne und sah Liam an.
„Tut mir leid, ich will kein Arsch sein." Beschwichtigend lächelte ich. „Das bist du nicht", versicherte ich ihm. Mit großen Augen sah Liam nun zu mir auf. „Du denkst das wirklich?"
„Was? Dass du kein schlechter Kerl bist?" Liam nickte. „Ja, das denke ich. Ich habe keine Sekunde etwas anderes gedacht."
„Aber... Ich habe dich nach... dem Spiel am See einfach links liegen lassen."
„Hast du. Du wirst deine Gründe dafür haben. Ich verstehe es nicht, aber das habe ich akzeptiert. Ich bin zu weit gegangen." Achselzuckend setzte ich mich wieder.
„Zu weit gegangen?", fragte Liam verwirrt. „Wann? Wobei?" Wir beide runzelten die Stirn.
„Am See."
Liams Augen wurden rund. „Du denkst, ich ignoriere dich, weil du zu weit gegangen sein könntest bei dem Kuss?" Liam schien richtig schockiert zu sein.
„Also hast du mich wirklich ignoriert und bist mir aus dem Weg gegangen." Ich überging Liams Bemerkung zu dem Kuss, da ich keine Lust hatte, jetzt darüber zu sprechen. Ich hatte das Gefühl, dass keiner von uns beiden bereit dazu war.
„Ich... Es tut mir leid." Liam senkte den Blick auf seinen fast leeren Teller und ließ die Schultern hängen. Ich lächelte versöhnlich, auch wenn er es nicht sehen konnte.
„Jedenfalls, brauchen wir einen kreativen Kopf, der Adam beim Texten helfen kann. Kennst du jemanden, der uns helfen könnte?" Anstatt wieder nach dem ‚uns' zu fragen sah Liam wieder auf. Er nickte und ich musste mir ein erleichtertes Seufzen verkneifen. „Ich helfe euch."
„Wirklich?" Nun machte ich große Augen. Liam nickte. Sein Blick verschleierte sich, als er die Stimme senkte, als würde jemand zuhören können. „Aber sag niemanden etwas davon, versprochen? Die anderen dürfen auch niemanden davon erzählen." Die Aussage verwirrte mich, aber ich nickte, wenn auch verwirrt. Liam wollte nicht, dass jemand davon erfuhr. Damit sollten wir leben können. Ich lächelte Liam dankbar an. „Das ist super. Darf ich Adam deine Nummer geben, damit er sich anrufen kann?" Liam zögerte. „Kannst du mir seine geben? Dann rufe ich ihn an."
Jetzt wurde es zunehmend seltsam. Ich hatte keine Ahnung, warum Liam unbedingt auf diese Heimlichtuerei bestand, aber ich nickte.
„Sicher. Er wird sich über deinen Anruf freuen." Ich schnappte mir Stift und Papier aus einem kleinen Körbchen, das auf der Kücheninsel stand, holte mein Handy vom Wohnzimmertisch und schrieb Liam die Nummer auf. Ich wollte Adams Name gerade auf das Blatt schreiben, als Liam sagte: „Die Nummer reicht. Ich weiß ja, wem sie gehört."
„Du kennst Adam?" Liam nickte. „Vom Hören und Sagen. Aber ich hatte persönlich noch nie mit ihm Kontakt." Sie hatten auch nicht viel gemeinsam, was Vorlesungen anging. Daher wäre es verwunderlich gewesen, wenn sie sich kennen würden. Hugh hatte Adam auch nur kennengelernt, weil er rechtliche Fragen hatte und Hugh da scheinbar der beste Ansprechpartner gewesen ist.
„Danke dir nochmal." Ich stand erneut auf. Dieses Mal jedoch ohne Wut im Bauch zu haben.
„Keine Ursache. Ich helfe gern." Liam sah mich an und schien ernst zu meinen, was er sagte. Also nickte ich lächelnd. „Gib mir fünf Minuten, dann ist das Bad frei und du kannst rein. Schlaf gut, Liam."
Auf halben Weg rief Liam meinen Namen, weshalb ich mich zu ihm noch einmal umdrehte. „Es tut mir leid. Das tut es wirklich." Ich sah Liam eine Weile einfach nur an und versuchte aus ihm schlau zu werden. Er schien wirklich nichts gegen mich zu haben. Daher konnte ich mir nicht erklären, warum er mir dann aus dem Weg ging. Er hatte so überrascht ehrlich reagiert, als ich den Abend am See erwähnt habe, dass ich nun glaube, dass das nicht der Grund sein kann. Wenn ihn der Kuss aber nicht gestört hat, was war es denn dann?
Ich sagte nichts, weil ich einfach nicht wusste, was ich hätte sagen sollen. 'Mir auch? Lass uns wieder Freunde sein?' Das klang alles so abgedroschen und ich wusste ja nicht einmal, ob Liam mein Freund sein wollte. Er wollte helfen. Aber von Freundschaft war nie die Rede gewesen. Darum drehte ich mich irgendwann einfach nur um, unterbrach den langen Blickkontakt, den wir beide gehalten hatten, als hätten wir gehofft, dass sich so all klärt und ging ins Bad.
DiesesMal war ich es die gewesen, die gegangen war, aber es war leider nichteinfacher als Liam dabei zuzusehen wie er es tat. Es tat viel mehr weh.
Als ich am nächsten Morgen aus meinem Zimmer kam, um mich für die Arbeit fertig zu machen, roch ich überraschenderweise Kaffee im Flur. Verwirrt tapste ich zur Küche und schaute vorsichtig um den Türrahmen herum. Und tatsächlich. Liam stand in der Küche, briet gerade etwas an und hatte eine große Kanne Kaffee gekocht. Ich runzelte die Stirn.
Es kam mir seltsam vor, dass ich Liam jetzt gleich am nächsten Morgen wiedersehen würde. Daher trat ich wieder zurück und ging zum Bad. Als ich 20 Minuten später wieder herauskam, hörte ich Liam noch immer in der Küche hantieren. Da ich ohne Koffein den Tag nicht bestreiten würde, musste ich mich wohl oder übel Liam stellen.
Ich schalt mich selbst. Immerhin hatte ich keinen Grund, mich vor Liam zu verstecken. Er war es gewesen, der mich ignoriert hatte nicht andersherum. Mit etwas mehr Mut ging ich nun wieder zur Küche, blieb aber wieder am Türrahmen stehen, als ich nun auch Mike sah, der an der Kücheninsel saß und seinen Kaffee trank.
„Irgendwas ist komisch", meinte Mike nachdem er einen Schluck genommen hatte. Er stellte die Tasse ab, verschränkte die Arme und beobachtete Liam. Dieser wiederum kochte in Seelenruhe weiter. Was machte er da überhaupt?
„Was soll komisch sein?"
„Ich weiß nicht. Du bist mal wieder anwesend und stehst dann auch noch in der Küche, um Pancakes zu machen. Das ist komisch."
„Pancakes?", fragte ich, bevor ich nachdachte. Liam und Mike drehten sich überrascht zu mir um. Ich ignorierte die beiden verdutzten Gesichter und ging zum Herd. „Tatsächlich. Teilst du auch?", fragte ich an Liam gewandt und schaute bittend zu ihm auf. Liam, der mich keine Sekunde aus den Augen gelassen hatte, sah mich einen Moment sprachlos an, ehe er lächelte und dann nickte. „Sicher."
„Yeah. So kann der Tag starten." Ich schnappte mir eine Tasse aus dem Schrank, goss mir Kaffee ein und setzte mich neben Mike. Liam wandte sich wieder den Pancakes zu und mein Magen begann zu knurren. Wie hatte ich nicht riechen können, dass es Pancakes gab?
Mike lehnte sich heimlich zu mir und flüsterte: „Weißt du, warum er so drauf ist?" Ich schüttelte den Kopf. Nein, ich hatte wirklich keine Ahnung, was hier abging, aber es gab Pancakes. Der Rest war mir in diesem Augenblick egal.
„Hast du irgendwas zu ihm gesagt? Habt ihr geredet?" Wieder schüttelte ich den Kopf, hielt aber inne, als ich an unser nächtliches Gespräch dachte. Hatten wir geredet? Ich meine, hatten wir irgendetwas geklärt? Abgesehen von meiner Bitte hatte ich nicht viel zur Sprache gebracht, weil ich es einfach nicht für richtig gehalten hatte. Sollte das trotzdem der Grund dafür sein, dass Liam heute früh in der Küche stand? Das war absurd.
„Ich habe ihn gestern um einen Gefallen gebeten. Mehr nicht." Mike machte große Augen. „Was?", fragte ich leise und sah Mike irritiert an. „Worum hast du ihn gebeten?"
„Ich kann euch hören." Liam klang ehrlich amüsiert. Noch verwirrter blickte ich auf Liams Rücken.
„Glaub ich nicht. Wir haben viel zu leise gesprochen", behauptete Mike und ich musste schmunzeln. Liam zuckte mit den Achseln. „Aber ich weiß, dass es um mich geht, wenn ihr so tuschelt. Ich stehe neben euch, falls ihr das vergessen habt."
„Wie könnte man vergessen, dass du hier bist?" Liam sah überrascht über seine Schulter und blickte mich an. Ich wurde rot. „Du machst immerhin unsere Pancakes", warf ich schnell noch hinterher. Ich glaube kurz einen Schatten in Liams Augen gesehen zu haben, als hätte ihn der zweite Satz verletzt.
„Wo sie recht hat." Mike nickte und grinste vor sich hin. Ich sah die beiden Jungs an. Es schien Ewigkeiten her zu sein, dass wir hier alle drei gesessen haben. Es war nicht so unbeschwert wie früher, das musste ich zugeben, aber ich hatte plötzlich das Gefühl, dass wir auf dem richtigen Weg waren.
Zusammen aßen wir die Pancakes und tranken noch die ein oder andere Tasse Kaffee. Nach einer knappen halben Stunde stand ich jedoch auf, weil ich mich auf den Weg zur Arbeit machen musste. „Wie lange geht deine Schicht heute?", fragte Mike.
„Bis heute Abend. Ich mache länger, weil eine Kollegin mich bat einen Teil ihrer Schicht zu übernehmen."
„Wirklich Natalie. Du hast dir da nicht den leichtesten Job ausgesucht. Ich kann immerhin den ganzen Tag am Computer sitzen und wenn ich keine Lust mehr habe gehe ich ins Internet und tue so als würde ich arbeiten." Ich lachte. „Interessant zu wissen, wie du dein Geld verdienst Mike." Er zuckte sorglos mit den Achseln. „Ich bin halt schneller, als alle denken. Darum fällt es nicht auf. Meine Arbeit habe ich bisher immer pünktlich abgegeben", beteuerte er. Scheinbar wollte Mike seine Ehre nun doch ein wenig verteidigen.
„Apropos pünktlich. Bis wann bracht Adam den Text?", fragte Liam mich.
„Adam?" Mike schaute ahnungslos zwischen Liam und mir hin und her.
„Liam hat sich bereit erklärt, Adam beim Texten zu helfen."
„Adam Black?", fragte Mike nun mit großen Augen nach.
„Jetzt müsste noch ein Nachsatz von dir kommen, warum du Adams Namen fast ehrfurchtsvoll aussprichst."
„Ich hab schon viel von ihm gehört. Er soll seine eigene Firma haben und schon ganz gut Geld verdienen." Das war mir eigentlich gleich. Ich gönnte Adam den Erfolg, aber es war für mich nicht wichtig, ob Adam viel Geld verdiente oder nicht. Er hatte Spaß bei dem, was er tat. Das war für mich, was zählte.
„Gut möglich. Wir reden nicht wirklich oft über den finanziellen Part." Ich wandte mich Liam zu. „Adam hat mir nicht gesagt, wann er es braucht. Aber ich denke mal so früh wie möglich wäre am besten. Setz dich deswegen jetzt aber nicht unter Druck."
„Kein Problem. Ich rufe ihn nachher mal an."
„Danke dir. Bis dann Jungs."
„Warte." Mike hielt mich am Handgelenk fest. Überrascht schaute ich ihn an. „Kannst du Adam mal fragen, ob er noch jemanden für den Kreativteil sucht?" Ich sah zu Liam. „Liam übernimmt das Kreative." Doch Mike schüttelte den Kopf. „Nein, ich meine visuell. Nicht mit Buchstaben und Zahlen."
„Du willst bei Adam einsteigen?"
Mike nickte, runzelte dann aber kurz die Stirn. „Nicht richtig einsteigen, aber es wäre perfekt für mich erste eigene Projekte gestalten zu können für mein Portfolio. Ich habe das Gefühl, dass Adam viel Geld mit diesem Unternehmen machen wird."
„Ich frage ihn", versprach ich und Mike lächelte erfreut. Ich tätschelte kurz meine Hand und bedankte sich bei mir, ehe ich sie lachend zurückzog, mich noch einmal von beiden verabschiedete und mich auf den Weg zur Arbeit machte.
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