Ein Besuch bei Elena und ein vergessenes Geschenk

Auf dem Weg ins Büro halte ich noch bei Elena. Sie war mir immer eine gute Freundin und ich hoffe, bei ihr Rat zu finden. Als der Audi vor ihrem Salon hält, eilt sie mir schon entgegen, küsst mich auf beide Wangen und zerrt mich, an ihren Mitarbeiterinnen vorbei, in ihr Büro. „Na erzähl schon, was dir auf der Seele brennt.", sagt sie fröhlich und schiebt mich auf die Couch, bevor sie sich dicht daneben setzt.

Sie sieht, wie immer, hinreißend schön aus. Aber irgendetwas in mir sträubt sich gegen sie. Sie ist mir auf einmal fremd und ich will ihr nichts von meinen Problemen mit Ana erzählen. Es ist das erste Mal, dass ich mich in Ihrer Gegenwart nicht wohl fühle, kann mir allerdings nicht erklären, wodurch diese Abneigung ausgelöst wird. Mir fällt nichts auf, was heute anders sein soll, als sonst. Elena ist wie immer sehr nett und hört mir zu, als ich ihr von meinen vielen geschäftlichen Terminen erzähle, aber ich habe einfach ein ungutes Gefühl. Also vermeide ich ihr von der ganzen verfahrenen Situation zu erzählen, obgleich ihr meine Verwirrtheit nicht entgeht und sie dies mit einem Stirnrunzeln quittiert. Sie kennt mich seit meiner Jungend und weiß, dass ich ihr nicht alles anvertraue. Mit geneigtem Kopf betrachtet sie mich skeptisch. „Mit deiner neuen Sub alles in Ordnung? Habt ihr Spaß?", fragt sie dann ganz beiläufig. Elena ist wirklich nicht dumm und hat mit einem Blick erkannt, was ich ihr nicht sagen will und auch ganz bestimmt nicht tun werde.

„Alles bestens, Danke. Nun muss ich aber los. Ich habe die Zeit ganz vergessen. Bitte entschuldige, ich rufe dich an." Als ich von der Couch aufspringe, sieht Elena mich verstört an, lächelt dann aber schnell, um sich nicht anmerken zu lassen, wie schwer sie meine Zurückweisung verletzt hat. Den traurigen Ausdruck in ihren Augen, habe ich dennoch gesehen. Mir ist schleierhaft, was auf einmal mit Elena los ist oder vielleicht stimmt ja auch mit mir etwas nicht. Zum jetzigen Zeitpunkt kann und will ich mir aber darüber keine Gedanken machen. Es gibt wichtigere Probleme, denen ich mich stellen muss.

Zum Abschied gebe ich Elena einen Kuss auf die Wange und merke, wie sie ihr Gesicht, in der Absicht mich zu küssen, vorsichtig zu mir dreht. Als ob ich ihren Annährungsversuch nicht bemerkt habe, weiche ich eilig zurück und winke noch einmal, bevor ich durch die Tür verschwinde. Es ist wohl besser, wenn ich in der nächsten Zeit, auf Besuche bei Elena verzichte, nehme ich mir fest vor und steige in den Wagen und fahre ins Büro.

Dieser Tag will nicht zu Ende gehen. Ein langweiliger Termin folgt dem nächsten. Gedankenversunken starre ich die ganze Zeit aus dem Fenster und überlasse Ros die Verhandlungen. Es interessiert mich nicht, ob ich 20 oder 50 Millionen für diese Firmenübernahme ausgebe oder wir dieses Unternehmen überhaupt übernehmen. Noch vor einer Woche, hätte ich um jeden Dollar schwer verhandelt. Nicht einen Deut wäre ich zurückgewichen. Wie schnell sich Prioritäten ändern. Was nützt mir das ganze Geld... Am frühen Abend gebe ich Ros grünes Licht, für die weiteren Verhandlungen und lasse mich von Taylor nachhause fahren.

Gail begrüßt mich wie immer sehr freundlich aber den Blick, mit dem sie mich bedenkt, kann ich nicht deuten. Sie hat mein Lieblingsessen gekocht, Makkaroni mit Käse. Erst in dem Moment fällt mir auf, dass ich den ganzen Tag noch nichts gegessen habe. Das ist mir seit dem Tag nicht mehr passiert, seit ich bei den Greys eingezogen bin. Eine meiner wichtigsten Regeln lautet, immer ausreichend zu essen. Wenn es schon so weit ist, dass ich sie selbst nicht einhalte, muss es sehr schlecht um mein Nervenkostüm stehen.

Ohne mich umzuziehen, setze ich mich an den Tresen, öffne eine Flasche Wein und stochere im Essen herum. Es schmeckte wie immer sehr gut, aber eben doch etwas fade, wenn man alleine essen muss.

Als Gail mich von der Seite anspricht, fahre ich erschrocken hoch. Ich habe nicht gemerkt, wie sie in die Küche gekommen ist. Mein Essen ist bereits kalt und der Wein zu warm. EIne Weile muss ich hier wohl schon so sitzen. Verlegen zieht Gail eine Grimasse der Entschuldigung. Sie möchte mir etwas sagen, weiß aber nicht wie sie anfangen soll. Dann fasst sie sich doch ein Herz. „Christian, ich weiß, Sie mögen es nicht, wenn sich Ihre Angestellten in Ihr Privatleben einmischen. Aber ich arbeite schon seit vier Jahren für Sie und denke, dass ich Ihnen einen freundschaftlichen Rat geben darf. Ich weiß, dass Ihnen Ana sehr viel bedeutet. Sie ist etwas ganz Besonderes. So glücklich wie in den letzten Wochen, habe ich Sie noch nie gesehen. Also wenn Ihnen etwas an Ana liegt, sollte Sie es ihr sagen. Christian, sie müssen über Ihren Schatten springen, bevor es zu spät ist.", sagt Gail nachdrücklich und voller Mitgefühl. „Bitte entschuldigen Sie mein Verhalten, aber ich musste mit Ihnen reden. Ich gehe dann jetzt mal besser. Wenn Sie noch etwas brauchen, rufen Sie mich bitte. Ihnen noch einen schönen Abend, Mr. Grey." Dann geht sie traurig und mit hängenden Schultern. Offensichtlich hat Gail die Trennung von Ana ebenfalls sehr mitgenommen. Die beiden Frauen haben sich von Anfang an gut verstanden. Oft standen sie mit ihren Köpfen zusammen und tuschelten. Ich fand es immer sehr amüsant. Es hatte so etwas Normales an sich und das fühlte sich ausgesprochen gut an.

Die Tür fällt laut knackend ins Schloss, als Gail das Wohnzimmer verlässt. Dann ist alles ruhig. Ich bin wieder allein, mit mir und meiner mich zerreißenden Verzweiflung. Wäre Ana jetzt hier, würden wir vor dem Fernseher herumlungern, in der Badewanne sitzen oder irgendetwas Verrücktes machen, was uns zum Lachen bringt. Ana, ich vermisse sie so sehr. Mit jeder Minute, die sie nicht bei mir ist, wird mein Elend immer größer. Ich schließe die Augen und trinke, bevor ich aufstehe, um ins Bett zu gehen, noch einen Schluck warmen Wein.

Warum ich mich dann aber vor Anas statt vor meinem Schlafzimmer wieder finde, entzieht sich meiner Kenntnis. Obgleich ich weiß, dass sie nicht hier ist, öffne ich ganz vorsichtig die Tür und trete langsam ein. Es ist dunkel im Zimmer. Die Vorhänge sind zugezogen. Nachdem ich das Licht angeschaltet habe, blicke ich mich suchend um. Nach was ich genau suche, kann ich nicht einmal sagen. Vielleicht hat sie etwas vergessen. Aber hier ist nichts, nur leere Schränke. Alles wirkt kalt und verlassen. Fast so, als wäre sie nie hier gewesen. All ihre Sachen sind verschwunden, nichts erinnert mehr an sie. Außer einem Geschenk, das am Fußende des Bettes liegt, hat Ana alles mitgenommen. Müde lasse ich mich auf das Bett nieder und betrachte den Karton. Auf einem Zettel, der am Geschenk befestigt ist, steht in schön geschwungenen Buchstaben, mein Name. Ich schlucke schwer. Was hat Ana für mich zurück gelassen?

Eine Ewigkeit später sitze ich in meinem wieder hergerichteten Büro, was ich wahrscheinlich Taylor zu verdanken habe und betrachte Anas Geschenk, ein Segelflugzeug. Ich habe den ganzen Abend damit zugebracht es, aus den hunderten von Einzelteilen, zusammen zu bauen. Jetzt steht der schneeweiße Flieger stolz auf meinem Schreibtisch und neigt die Nase in die Höhe. Ich muss lächeln, als ich an diesen unvergesslichen Morgen mit Ana denke. Es war so ein wunderschöner und unbeschwerter Tag. Wahrscheinlich hat sie mir deshalb dieses Geschenk gemacht, denn ich weiß, dass auch sie diesen Tag nie vergessen wird. Ach Ana... Ich vermisse ihr Lachen, ihre warme weiche Haut an meinem Körper. Ana, dieses unschuldige, zerbrechliche Wesen. Was habe ich nur getan? Sie wird mir nie verzeihen. Ich bin ein Monster, auch wenn Fr. Flynn mich vom Gegenteil überzeugen will. Ich weiß was ich bin.

Der Alkohol und die schlaflose Nacht fordern ihren Tribut. Meine Augen brennen. Ich kann sie kaum noch offen halten. Es wird Zeit, dass ich ins Bett komme. Noch ein letzter sehnsüchtiger Blick zum Flieger, dann schalte ich das Licht im Büro aus und trotte ich mein Schlafzimmer. Ohne an die Folgen zu denken, lasse ich mich entkräftet und in der Hoffnung auf ein paar Stunden Schlaf, in die Kissen fallen und schrecke sofort wieder hoch, als mich Anas Duft umfängt. In meinem Kopfkissen und im ganzen Zimmer ist Anas Duft. Erschöpft wälzte mich von einer Seite auf die andere, ohne auch nur ein Auge zu zumachen. Ohne sie kann ich nicht einschlafen. Also stehe ich vollkommen fertig auf und gehe wieder in mein Büro, um zu arbeiten. Doch da erwartet mich ihr Flugzeug! Überall ist Ana! Ana, Ana, Ana... überall!

Diese Frau ist einfach nicht mehr wegzudenken aus meinem Leben. In jeder kleinsten Ritze steckt Ana. Sie ist mein Leben. Die ganze Zeit war mein Glück zum Greifen nah und ich habe es durch die Finger rinnen lassen, indem ich ihr Vertrauen missbraucht habe. Nie werde ich etwas mehr wollen, als Ana. Aber leider tritt mich diese Erkenntnis zu spät. Sie ist fort...

Die Hoffnungslosigkeit dringt mir bis ins Marg. Voller Kummer schließe ich die Augen und werfe meinen Kopf in den Nacken. Langsam läuft eine einsame Träne meine Wange herunter, während sich ein tiefer Schrei einen Weg aus meiner Kehle sucht und meine Verzweiflung der Welt entgegen brüllt.

***

Lieben Dank für die vielen Votes und tollen Kommentare. Ich bin schon ganz schön überwältigt über soviel Zuspruch.

Ich freu mich, wenn ihr weiterhin dabei bleibt.

LG eure bewegte Marit

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