Kapitel 9

"Du hattest anscheinend einen schönen Tag.", stellte meine Mutter beim Abendessen fest. Ich lächelte nur und stocherte verträumt in meiner Gemüsepfanne herum. "Sieht ganz so aus.", sagte Papa und strich mir über die Haare. "Unsere kleine Tochter ist wohl jetzt erwachsen."
Auf einmal wurde ich ganz hellhörig.

"Was bringt dich denn jetzt darauf?"
Ein kleines bisschen empört war ich schon.
"Naja schau doch mal. Unsere Tochter ist während des Urlaubs fast jeden Tag mit diesen Jungs unterwegs und beschäftigt sich weniger mit ihrer Familie. Ist das nicht ein Anzeichen, dass du langsam groß wirst?"
Verblüfft schaute ich Papa an. Wo er Recht hatte, hatte er Recht.

"Ich verspreche hoch und heilig, dass ich morgen etwas mit euch unternehme!", sagte ich und hob die Hand. Papa lachte. "Wenn du lieber etwas mit den Jungs machen willst, verstehen wir das komplett! Anscheinend machen sie sich ja glücklich."
Ich lächelte und schaute auf meinen Teller.

"Wieso tut Julie so komisch?", fragte Sofia und schaute Mama schräg an. "Ich habe keine Ahnung", antwortete diese gespielt unwissend und Sofia guckte mit zusammengekniffenen Augen zu mir.
Anschließend erhob sie sich aus ihrem Stuhl und kletterte auf meinen Schoß.

"Lasst Doktor Sofia an die Arbeit!", rief sie und machte sich Platz. Sie ließ sich auf meinen Schoß plumpsen und musterte mich durchdringend.
"Ich hab's!", rief die Kleine nach einer Weile laut, sodass sich viele Köpfe im Speisesaal zu uns umdrehten. Ich lächelte die Leute entschuldigend an und wandte mich wieder zu Sofia.

Mit hochgezogenen Augenbrauen sah ich ihr in die Augen.
"Oberarzt Sofia konnte keine schweren Verletzungen feststellen!", sagte sie mit ihrem neuen intellektuellen Akzent. "Sie ist einfach nur ein bisschen bekloppt!"
Daraufhin müssten wir alle lachen.

"Übrigens.", fing Mama an. "Deine Tante hat mich gefragt, ob ihre große Nichte eine Begleitung mit zur Hochzeit bringt."
Ich wurde ein kleines bisschen rosa und sah aus dem Augenwinkel wie Sofia mit den Augenbrauen zuckte.

Ich biss mir auf die Unterlippe.

"Du kannst natürlich auch alleine dort aufkreuzen und mit deinem Cousin tanzen..."
Der Gedanke, ich müsste den ganzen Tag mit Aaron abhängen, ließ mir einen Schauer über den Rücken laufen. Ja, Aaron war nicht das schrecklichste Date was man sich vorstellen konnte, aber mit ihm zu tanzen als mit jemand anderem würde ich nicht unbedingt vorziehen. Da würde ich es ja besser finden wenn mein Opa mich auffordert...

"Ist ja gut. Ich Frage einfach die Jungs, einer von ihnen hat bestimmt Zeit.", antwortete ich und schob meinen Stuhl nach hinten, um aufzustehen.

"Ich will mit!", schrie Sofia auf und ich bekam einen halben Herzinfarkt. Sie riss ihre kleinen Hände hoch und streckte sie in meine Richtung. Ich seufzte.
Eigentlich war es mir ein bisschen unangenehm, Sofia dabei zu haben, wenn ich einen der Jungs nach einem... Treffen... fragte. Aber die Kleine mochte sie genauso doll wie ich, deswegen hob ich sie hoch, nahm sie Huckepack und wir spazierten aus dem Speisesaal. 

Ich schickte Sofia vor, um an der Hotelzimmertür der drei zu klopfen. Wenn sie denn überhaupt da waren.

Die gesamte Fahrstuhlfahrt hatte ich mir Gedanken darüber gemacht, welchen der Drei ich fragen sollte. Es sollte sich ja keiner ausgeschlossen fühlen. Natürlich hatte ich da schon an jemanden gedacht, aber...

Nachdenkend kaute ich auf meiner Unterlippe herum, als sich die Tür öffnete.

"Ach hey Sofia! Was machst du denn hier?", fragte Reece meine Schwester, und schaute dann aus der Tür heraus und entdeckte mich.
"Hi Julie! Lange nicht gesehen! Kommt doch rein!", begrüßte er mich, nahm Sofia hoch und setzte sie im Zimmer wieder ab. Blake und George waren anscheinend nicht anwesend.

Es war ziemlich unordentlich.
Direkt als ich durch die Tür trat, latschte ich auf ein paar vollgeschriebene Blätter, ein Gitarrenplektrum und eine Klaviertaste. Die Klaviertaste hob ich auf.
"Wo zur Hölle habt ihr die denn her?", fragte ich Reece lachend und er schaute lächelnd auf den Boden.
"Ähem...", stotterte er. "Du kennst doch dieses große Klavier unten in der Lobby?"
Ich nickte.
"Ja... als ich und George da ein bisschen rumgeklimpert haben, ist die Taste rausgebrochen... und wir sind einfach abgehauen."

Ich prustete los.

"Das arme Klavier! Von ein bisschen rumklimpern kann doch aber nicht einfach so die Taste rausbrechen!"
Reece presste die Lippen aufeinander und verkniff sich ein Lachen.
"Wir sind halt enthusiastisch!", lachte auch er jetzt los.

Reece steuerte auf die Couch zu, auf der Sofia schon saß und wies mir, mich dazuzusetzten. Er nahm sich seine Gitarre und wollte Platz nehmen.
Ich schritt vorfreudig auf Reece musikalische Performance auf das Sofa zu.

Nur leider war der Boden immer noch nicht ordentlicher.
Da ich keine Schuhe anhatte, rutschte ich über die Dielen, dir mit Notenblättern und anderen Notizzetteln bedeckt waren und sah schon mein Leben an meinem inneren Auge vorbeiziehen.
Ich schlitterte weiter in Richtung Wand und würde, insofern sich keine Mauer aus Kissen vor meinem Gesicht aufbauen würde, direkt dagegen brettern.

"Immer mit der Ruhe, Julz!"
Reece packte mich an den Schultern und ich fiel rückwärts in seine Arme.
Ich blinzelte verwirrt und schaute anschließend nach oben und somit direkt in seine Augen.

Seine Augen waren wirklich wunderschön.

Eine Weile verharrten wir in dieser Position. Ich in Reece Armen mit perfektem Blick in seine Augen.
Meiner Meinung nach hätte ich noch stundenlang so liegen bleiben können.

"Geht's euch gut da unten?", fragte Sofia und riss mich mit ihren Worten völlig aus dem Konzept. Verlegen brach ich den Blickkontakt ab und schaute auf den Boden. Ich bemerkte, wie Reece ein bisschen Rot wurde und sich am Kopf kratzte.

Schweigend setzten wir uns zu Sofia auf die Couch. Reece wollte sich gerade seine Gitarre schnappen, Da setzte sich Sofia auf seinen Schoß.

Sie legte ihre Hand auf seine und drückte den Gitarrenhals sanft runter.
"Lass es lieber. Sonst gibt's noch Ärger wegen Lärmbelästigung und du haust wieder jemandem die Tür gegen die Birne!", kicherte sie Kleine und schaute neckisch zu mir.

Ich war schon ein bisschen baff. Ich hätte niemals gedacht, dass meine vierjährige Schwester das Wort Lärmbelästigung kannte.

Reece nickte verstehend, legte die Gitarre wieder zur Seite und Strich meiner Schwester durch die blonden Locken, die zu zwei Zöpfen hochgebunden waren.

"Was wolltet ihr dann hier?", fragte er und legte den Kopf schief. Eine Haarsträhne rutschte ihm dabei ins Gesicht und er pustete sie wieder weg.
"Nicht dass ihr nervt oder so aber es ist schon ziemlich spät. Für Sofia meine ich."
Ich schaute auf die Uhr. 22 Uhr.
Dafür, dass sie manchmal bis nach 11 aufblieb, nur um die Wiederholung von The X Factor zu gucken, war es nicht allzu spät. Sie war halt eine kleine Nachtjacke.

Ich schüttelte den Kopf.
"Das geht schon klar, wir haben ja Ferien.", lächelte ich. "Und eigentlich wollte ich euch was fragen...", fing ich an und schaute mich dabei im Raum um.

"Sorry, George und Blake sind noch bei ihren Familien. Also falls du mit ihnen reden willst, Ruf sie doch einfach a-"
"Ich glaube Julie wollte eh nur mit dir reden!", unterbrach Sofia und ich warf ihr einen warnenden Blick zu.
Verwirrt sah mir Reece in die Augen.
Ich war schon wieder kurz davor, in ihnen zu versinken, da holte mich meine Schwester aus meiner Gedankenwelt.

"Julie wollte dich nämlich fragen, ob du mit ihr-"

Augenblicklich hielt ich Sofia meine Hand vor den Mund.

"Ich ehm... ich...", stotterte ich und Reece schaute nur fragend.
"Du?", fragte er schließlich, zog eine Augenbraue hoch und lächelte schief.

Plötzlich merkte ich etwas nasses an der Innenseite meiner Handfläche und kurz danach einen heftigen stechenden Schmerz.
"AUTSCH!", rief ich, zog meine Hand von Sofias Mund und wedelte damit durch die Luft. Verstört guckte ich sie an. Da hatte mir die Kleine doch Tatsache in die Hand gebissen.

"Julie will dich fragen ob du am Wochendende mit ihr auf die Hochzeit unserer Tante gehst!", platzte der Redefluss der Vierjährigen aus ihrem Mund.
Ich riss die Augen auf und presste die Lippen aufeinander.

Mit einem Blick der aussagte: "Ich bin erst vier und ich habe keine Ahnung, wie man Geheimnisse für sich behält" schaute sie mich an.

"Echt?"

Mein Blick senkte sich und so konnte ich nicht sehen, ob Reece sich freute oder ob er eher erstmal eine gute Ausrede finden musste, um mich abzuweisen.

"Ich kanns verstehen, wenn du nicht willst. Ich meine wir kennen uns noch nicht so lange und vielleicht bin ich auch einfach nur nervig und..."
Ich seufzte und hob meinen Blick dabei nicht.

"Wenn du wissen willst, was er denkt musst du ihn schon angucken!, sagte Sofia laut und sah mich mahnend an.
Das war es, was ich an meiner kleinen Schwester und allgemein an kleinen Kindern liebte. Sie verstanden noch nicht, dass manche Sachen einfach schwieriger waren, als sie sich anhörten und sprachen einfach aus was sie dachten. Und das brachte es auch meistens auf den Punkt.

"Oh Julie!", lachte Reece und endlich sah ich auf. Sein Gesicht er von unzähligen Lachfältchen übersäht und an seiner Wange tanzte ein niedliches Grübchen. Seine Augen glitzerten und schauten mich durchdringend an.

"Du kannst echt noch was von deiner Schwester lernen!"
Ich lächelte beschämt und wendete mich wieder seinem Blick ab.

"Zu deiner Frage..."

Ich schluckte und machte mich auf eine Abfuhr gefasst.

"Natürlich gehe ich mit dir auf die Feier! Wie konntest du nur von mir denken, dass ich Nein sage!", lachte er und umarmte mich fest.

Ich lächelte und seufzte erleichtert. Ich würde sogar soweit gehen, dass ich noch nie in meinem bisherigen Leben so aufgeregt und zugleich erleichtert war.

Als wir uns aus der Umarmung lösten grinste ich wie ein Honigkuchenpferd. "Gott sei Dank, sonst hätte ich doch mit Aaron tanzen müssen!", sagte ich und fasste mir übertrieben gespielt erleichtert an das Herz.

"Ich freu mich schon! Brauch ich noch einen Anzug?"

Ich nickte. Er würde bestimmt super darin aussehen.

"Den werde ich schon noch irgendwo herbekommen!"
Er grinste und man merkte, dass er nicht log, als er sagte, dass er sich freute.

Gegenseitig grinsten wir uns nur an und irgendwie vergaß ich die Zeit.

"Hallo?", fragte Sofia, als wir auf ihr überspitztes lautstarkes Gähnen nichz reagierten. Ich kannte sie mittlerweile so gut, dass ich sagen konnte, dass sie nicht wirklich müde war, sondern uns einfach nicht mehr schweigend zugucken wollte.

Wir verabschiedeten uns von Reece, ich bedankte mich noch tausend mal.
Kurz bevor ich aus der Tür trat, zog mich Reece nochmal zurück.

"Und übrigens", flüsterte er mir ins Ohr, sodass mir ein sanfter Schauer über den Rücken lief.
"Du bist überhaupt nicht nervig"
Ich lächelte ihn breit an und sofort wurde mir ganz warm.

***

A

ls die Tür sich schloss begann ich, den Gang im Hopserlauf entlang zu hüpfen und freute mich einfach wie ein kleines Baby. Sofia schaute mich an, als hätte ich nicht mehr alle Tassen im Schrank.

"Hey Julz. Hast deine Jacke vergessen!"
Reece streckte nochmal kurz seinen Kopf aus der Tür, sah mich, wie ich den Gang entlangssprang und warf mir lächelnd meine Jeansjacke entgegen.
Ich riss beschämt meine Augen auf und blinzelte ein paar mal, während ich von einer Sekunde auf die andere aufhörte zu springen.

"Gute Nacht ihr beiden!", sagte er kurz, zwinkerte mir zu und schloss die Tür hinter sich.

Wieso war ich nur so schräg?

Kurz bevor ich Sofia in dem Zimmer, in dem sie schlief absetzte, nahm ich sie noch einmal fest in den Arm.
Ohne sie hätte ich wahrscheinlich eine halbe Ewigkeit mit Reece auf der Couch gesessen und ihn mit unverständlichen Satzfezzten zugelabert, weil ich einfach keine Worte finden konnte. Früher oder später hätte er dann wahrscheinlich gedacht, ich gehöre in die Klapsmühle.

"Dr. Sofia, immer im Dienst wenn du Hilfe brauchst!", sagte sie, salutierte und umarmte mich noch einmal.
Ich lächelte.
Eine kleine Schwester war manchmal das beste, was einem im Leben passieren kann.

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Hi
Habt ihr schon den Whoever he is gehört?

Wenn ja: entspannt euch der Song auch so doll wie mich? Ich könnte ihn echt den ganzen Tag hören

Ps: Habt ihr etwas gegen eine p.o.v von einem der Jungs?

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