Kapitel 27

Vergeblich rief ich jetzt schon zum dritten Mal die Nummer an, die in meinem Handy unter 'Reece' eingespeichert hatte. Aber wie ich schon fast vermutete hatte, war die Nummer nicht mehr vergeben.

Ich seufzte und sackte meinen Rucksack in dem Kofferraum meines Autos.
"Sofia, so viel Zeug können wir auf keinen Fall mitnehmen!", rief ich meiner Schwester zu, die, ihren Frozen Rucksack auf dem Arm balancierte und dabei die Reisetasche, auf der ein riesengroßes Wimmelbild von "Where's Waldo?" abgebildet war, auf die Rückbank pfefferte.

"Ich hab mir die Gepäckbestimmungen durchgelesen. Ein Rucksack und einen Koffer pro Person. Da mache ich gar nichts falsch, Miss Oberschlau."

Schlaubergerisch nickte sie mir zu und setzte sich auf den Beifahrersitz.
Ich schüttelte nur den Kopf, schloss den Kofferraum und alle Hintertüren und setzte mich hinter das Lenkrad.
Das Fenster kurbelte ich noch einmal herunter und rief meinen Eltern ein flüchtiges "Bis in zwei Wochen!" zu, dann fuhr ich los. Natürlich hatte ich ihnen nur halb erzählt was ich und Sofia in diesen zwei Wochen vorhatten. Denn sie in dem Glauben zu lassen, dass wir nur eine kleine Reise unter Geschwistern unternahmen bis eine von uns Mutter und die andere Tante wurde, tat ihnen deutlich besser als die wirkliche Wahrheit.

Wie hätten sie wohl reagiert wenn ich gleich die Wahrheit rausgehauen hätte? Dass ich Reece Bibby, den Jungen in den ich immer noch verliebt war, einfach sehen musste?
Dass ich keine Nacht mehr verbringen konnte, ohne wenigstens ein letztes Mal seine Stimme zu hören?

***

"Sing, love can change the world in a moment, but what do I know?", dröhnte Sofias Lieblings Ed Sheeran Song aus dem Autoradio. Dabei sang sie laut mit und gab mir zwischendurch immer wieder Anweisungen, wo ich abbiegen musste. Denn obwohl der Dublin Airport sich nur wenige Kilometer von unserem Haus entfernt befand, verfuhr ich mich jedes Mal in den verwirrenden Straßen der großen Stadt.
Dir Sonne schien hell über dem riesigen Flughafengebäude, als wir auf dem Parkplatz parkten und ich einen Parkschein löste.

"Auf ins Abenteuer?", fragte Sofia, schulterte ihren Rucksack und griff nach der Reisetasche.

"Bin mir nicht sicher...", murmelte ich und rieb über meinen Bauch.
"War das wirklich so eine gute Idee?"

"Jetzt ist es zu spät um einen Rückzieher zu machen, Hasenfuß! Die Flugtickets kannst du jetzt nicht mehr stornieren!"
Mit diesen Worten überholte sie mich und ging geradewegs in das große Gebäude.

***

Nach gerade mal einer Stunde Flug hatten wir wieder festen Boden unter den Füßen, trotzdem befand sich mein Herz weiterhin in den Tiefen meiner Hose.
Ich rief ein Taxi, welches die Hälfte unseres Budgets leerte.

"Wie lange fahren wir noch?", nörgelte Sofia, der schon vom Flug schlecht geworden war.
Mit ihrem Kopf lag sie in meinem Schoß und schaute sehnsüchtig aus dem Fenster. Ich wollt ihr nicht sagen, dass wir noch ungefähr 50 Minuten Fahrt vor uns hatten also zuckte ich nur mit den Schultern. Accrington war doch weiter entfernt von Manchester als ich gedacht hatte.

*

Ich bezahlte den Taxifahrer und stieg dann in null Komma nichts aus dem Wagen. Sofia war speiübel, das Auto war stickig wegen dem Geruch des Autos und die gar nicht mal so wärmende Sonne prallte auf unsere Köpfe.
Vor einem britischen Cottage blieb ich stehen und sah an dessen Fassade hinauf. Die Backsteinmauer deutete darauf hin, dass das Haus schon einige Generationen überdauert hatte.

Über der roten Hoftür prangte die große metallene Nummer 47 und reflektierte das Sonnenlicht wie ein blankgeputzter Spiegel. Die Vorhänge an dem Fenster, die zur Straße zeigten, trugen noch das gleiche dunkelblaue Paisleymuster wie bei meinem letzten Besuch hier.
Mein Blick wanderte weiter.

Das versilberte Klingelschild trug drei Namen

Augenblicklich wurde mir mulmig zumute. Reece wohnte also nicht mehr zuhause bei seinen Eltern.

"Jetzt drück schon die verdammte Klingel! Ich muss aufs Klo!", riss Sofia mich aus meinen Gedanken.

Mein Finger wanderte zu dem kleinen silbernen Knopf, der mit dem filigranen Bild einer Glocke verziert war.
Ich drückte und ein hohes dingdong-artiges Geräusch ertönte aus dem Inneren des Hauses.
Keine zwanzig Sekunden später öffnete sich die Haustür.

"Hi. Kann ich helfen?"
Ein groß gewachsenes Mädchen mit halblangen dunkelblonde Haaren und leuchtend grünen Augen, die einen Hund auf dem Arm trug, trat aus der Haustür. Ihren dunkelroten Pullover zierte das Logo einer mir sehr bekannten Band.

Meine Augen wurden groß, als ich das Gesicht des Mädchens musterte. Meine Hand schlug sich wie von selbst vor meinen Mund.

"LEXI?", quietschte ich und konnte meinen Augen nicht trauen.
Das Mädchen trat näher an uns heran. Ihr Blick weilte erst eine Weile auf mir, dann auf Sofia.

"Ach du meine Güte!", rief sie laut und
Setzte den Hund auf dem Boden ab.

"JULIE? Das kann doch nicht wahr sein!"
Lexi fiel mir um den Hals, sodass ich fast nach hinten fiel.
"Und Sofia! Ach du meine Güte, ach du meine Güte!"

Sie kriegte sich gar nicht mehr ein, so aufgeregt war das Mädchen, das, wenn ich richtig gerechnet hatte, schon siebzehn Jahre alt war.

"Wie lange ist es her, dass ich dich zum letzten Mal gesehen hab? Vier Jahre? Fünf? Da war Sofia noch so wihihinzig!" Lexi umarmte Sofia fest, doch diese interessierte sich mehr für den Hund, der wohl eher Interesse an den Minisalamis in der Tasche von Sofias Regenjacke gefunden hatte. Mit einem Mal war die Übelkeit meiner Schwester verflogen.

"Kommt doch rein, kommt doch rein!", wiederholte sie sich. "Mom und Dad sitzen im Wohnzimmer. Die werden AUSFLIPPEN!"
Ganz aufgeregt griff sie nach meiner Hand und zog mich und Sofia in das Haus der Bibbys.
Es roch nach Keksen und auch ein bisschen nach Reece.

"Mom, Dad, ihr werdet mir NIE glauben wen ich gerade aufgegabelt habe!" Lexi Stimme wurde unnormal hoch als sie in das Wohnzimmer trat.

Neugierig schaute ich in den Raum. Reece's Eltern saßen auf der Couch und sahen fern.

"Ist das... Julie?", fragte Lyndsey und machte große Augen. Sofort stand sie auf und umarmte mich.
"Und Sofia?"
Jamie erhob sich aus den weichen Polstern.
"Mein Gott bist du groß geworden!"

"Hi!", begrüßte ich die beiden und konnte es nicht verbergen, dass ich nach dem vierten Familienmitglied Ausschau hielt.

"Setzt euch doch!", deutete Jamie auf die Couch. Doch Sofia blieb stocksteif stehen.
Misstrauisch sah ich sie an woraufhin sie das Gesucht verzog.

"Tschuldigung, darf ich mal euer Klo benutzen?", fragte sie, sie klang sogar etwas schüchtern.
Daraufhin zeigte Lexi ihr das Badezimmer und ich setzte mich zu Lyndsey und Jamie auf das Sofa. Es quietschte ein Wenig, als ich mich auf die Polster plumpsen ließ.

"Möchtest du einen Tee, Julie? Ich sehe doch in deinem Gesichtsausdruck, dass du irgendwas loswerden willst! Ihr habt doch nicht umsonst den ganzen Weg von Dublin bis Accrington ohne Grund auf euch genommen, nicht wahr?"

Lyndsey hielt mir eine bauchige Tasse hin und goss mir dampfenden Früchtetee aus einer Kanne ein.

"Das stimmt.", murmelte ich und mein Bauch verkrampfte sich augenblicklich. Ich wusste nicht so genau, wie viel ich jetzt schon erzählen wollte.
Meine Stimme war auf einmal verschwunden und es kam kein Ton mehr aus meiner Kehle. Wie zugeschnürt saß ich da und sagte kein weiteres Wort mehr. Als Lexi und Sofia von der Toilette wiederkamen, hatte ich meine Stimme immer noch nicht wiedergefunden.

"Wie läuft's denn eigentlich zwischen dir uns Reece?", fragte Lexi ruhig und setzte sich neben mich.

Wie aus dem Nichts verschluckte ich mich an meinem Tee und hustete wie eine uralte Frau aus dem Mittelalter, die an der Pest erkrankte.
Schnell wischte ich mir die Teespritzer aus dem Gesicht und fing mich wieder.

"Erzählt er denn noch von mir?", fragte ich neugierig aber nicht zu neugierig.

"Wenn wir ihn mal zu Gesicht bekommen, dann ja. Er ist in letzter Zeit nur sehr sehr oft weg", antwortete Lexi und schaute mich schief an.

"Oh."

Lyndsey und Jamie sahen mich gleichermaßen verwirrt an.

"Ihr... seid ihr denn gar nicht mehr zusammen?", fragte Lexi und öffnete leicht geschockt ihren Mund.

"Um ehrlich zu sein...", ich stockte, "haben wir nie richtig... Schluss gemacht."

Keiner sagte etwas.

"Aber als Reece einfach nicht mehr auf meine Nachrichten und Anrufe reagiert hat, da dachte ich, er hätte das Interesse an mir verloren... unwahrscheinlich war es ja nicht. Tief in meinem Inneren habe ich immer wieder gehofft, ihm wäre der Ruhm nur zu Kopf gestiegen und er würde irgendwann die Zeit finden, mir zurückzuschreiben. Aber nach vier Jahren warten habe ich es dann aufgegeben..."

"Ach Julie!"
Lyndsey rutschte zu mir und umarmte mich.

"Und jetzt... wo dieses kleine Problem in mein Leben getreten ist, da... eigentlich ist es kein kleines Problem. Eher ein Elefantengroßes Problem-"

"Ein sehr sehr großer Elefant...", murmelte Sofia.

Ich nickte.

"Ich muss ihn einfach sehen. Und, als ich es erfahren habe, da... Da habe ich zuerst an Reece gedacht und nicht an das Baby und..."

"Du bist schwanger?"
Lexis grüne Augen glitzerten vor Freude.
"Mom, Dad, Julie ist schwanger!"

Meine Tränenkanäle füllten sich mit Salzwasser und ich fing an zu schluchzen.

"Es ist alles so kompliziert!", rief ich laut aus und drückte meine Hände auf die Augen.
"Das Baby ist nicht von Reece und das ist es, was mich wahnsinnig macht! Mein Exfreund Cole verabscheut Kinder und möchte das Baby auf gar keinen Fall behalten... aber ich... Ich... ich weiß nicht was ich tun soll!"

Lyndsey strich mir über den Rücken und sprach mir gut zu.

"Julie. Du kannst mir glauben: Reece mag dich immer noch. Und er wird dich immer mehr lieben als dieses Ekel von Exfreund. Ich kenne meinen eigenen Sohn schon seit 25 Jahren. Bitte bitte glaube mir. Er hat es nicht so gemeint. Wer weiß, was manchmal in seinem verrückten Kopf vor sich geht. Du weißt doch wie er ist."

Ich nickte und umarmte Lyndsey.
Diese stand dann auf uns holte einen Zettel und einen Füller aus der Küche.

"Und falls es dich interessiert", sagte Jamie um seinen Teil zum Gespräch beizutragen, "Reece hatte nie jemand anderen als dich. Weil er wusste, dass er keine finden wird, die besser ist als du!"

In diesem Moment fragte ich mich, wie ich eigentlich zu Cole gekommen war, aber das ist eine ganz andere Geschichte, die niemals erzählt werden sollte.

Ich umarmte auch Jamie und dann auch Lexi, die mir die Tränen wegwischte.
"Alles wird gut, Julie.", sagte sie und lächelte.

"Hier!", sagte Lyndsey und drückte mir einen zugeschriebenen Post-it! Zettel in die Hand.

Reece Bibby
Mathew Street 52
Liverpool

"Ihr könnt euch bestimmt Lexis Wagen ausleihen. Wenn ihr morgen früh losfahrt, seit ihr um die Mittagszeit in Liverpool. Der Verkehr dort ist schrecklich müsst ihr wissen."

"Lyndsey...", fing ich an. "Wir kommen hier einfach so reingeschneit und jetzt wollt ihr uns auch noch euer Auto ausleihen? Ich weiß nicht ob ich das annehmen kann. Ein Taxi könnt euch auch anrufen."

"So ein Quatsch!", sagte Lexi empört. "Ihr seid den ganze Weg von Dublin hierher gekommen. Dann wäre es doch eine Schande, wenn du kein Auto von uns geliehen bekommen würdest und womöglich nach Hause fliegst, ohne deine große Liebe nocheinmal wiederzusehen!"

"Lexi, du schaust eindeutig zu viel Fensehen!", mahnte Jamie aber lächelte dabei.

Er hatte das selber Lächeln wie Reece.
Es war einfach ansteckend.

"Ihr könnt gar nicht verstehen, wie dankbar ich euch bin! Wie kann ich euch das jemals wieder zurückzahlen?"
Ich umarmte alle drei nocheinmal.

"Mach unseren Sohn glücklich.", zwinkerte Lyndsey mir und gab mir ein Küsschen auf die Wange.

Ich grinste.
Reece wohnte also in Liverpool.
Wie es sich für ein echtes Beatles Fangirl so gehört...

_______________
I live for you, I long for you, oh-reece bibby 🎶

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