Kapitel 17

"Hey wie lange willst du denn noch hier rum hocken? Du verpasst doch alles!", hörte ich Aarons Stimme durch das Dickicht der Bäume.
Vor bestimmt einer halben Stunde hatte sich Kimberly aus dem Staub gemacht. Sie wollte "Ihre teuren Strumpfhosen nicht von Ameisen zerfressen lassen". Ich hatte ihr nicht gesagt, dass Ameisen gar keinen Stoff fressen, aber ich wollte einfach, dass sie abhaut.

Müde und schlapp setzte ich mich auf und schaute in Richtung Aaron, der auf mich zuging und sich mit auf die Bank plumpsen ließ.
"Komm schon." Er zog mich an meinem Arm nach oben, sodass ich wohl oder übel aufstehen muss.
Ich grummelte vor mich hin und ließ mich wieder fallen. Ich könnte einfach nicht stehen bleiben, so schlechte Laune hatte sich in meinem Gehirn breit gemacht.

"Jetzt lass die nicht von diesem Scheißkerl den Tag vermiesen! Der war mir von Anfang an nicht geheuer!" Aaron stapfte mit dem Fuß auf den Boden und trat mir gegen die Schuhe. "Jetzt hiev dich auf, alte Oma! Du willst doch nicht den Hochheitstanz verpassen!"
Plötzlich riss ich meine Augen auf und schaute in den Himmel. Die Sonne war schon fast komplett untergegangen und der Mond war schon klar zu sehen.
"Scheiße man wie lange habe ich denn hier gehockt?"
Mein Cousin schaute auf seine imaginäre Armanduhr und sagt murmelnd: "Bestimmt eineinhalb Stunden."
Da hatte ich Tatsache die halbe Party verpennt. Schlagartig setzte ich mich auf und huckte meinen Hintern von der Bank. Ich hakte mich bei Aaron ein und schlenderte vorneweg. Der dunkelhaarige Junge schaute mich verwirrt an aber ging mit mir mit. "Soso. So viele Sinneswandlungen heute, ich kann gar nicht mehr mitzählen!" Noch ein wenig traurig fing ich an zu lächeln. "Ich habe einfach keine Lust mehr, Aaron. Aber sag mir eine Sache. Aber ehrlich! Sieht mein Kleid echt aus wie aus der Altkleidersammlung?"

Aaron musterte mich von oben bis unten. "Dein Kleid ist wundervoll, du bist wundervoll. Und wenn diese Evolutionsbremse das nicht erkennt, dann hat er das beste Mädchen verpasst, das ihm jemals begegnen wird." Aarons Worte machten mir Mut und ich legte einen strammen Schritt ein. "Sollte er mir heute noch einmal über den Weg laufen, dann geige ich ihm aber mal gehörig meine Meinung!"
"So kenne ich dich, Jules! Und jetzt los, die anderen warten schon auf uns. Ich hoffe es ist noch was vom Kuchen da!"
Mit den Augen rollend lief ich vor, durch den Wald zurück zum Hof, von dem schon die Musik schallte.

"Geht's dir wieder besser Schatz? Aaron hat mir alles erzählt! Das hätte ich echt nicht von deinem kleinen Freund erwartet, er schien so lieb...", machte mein Vater mir Mut, indem er mir auf die Schulter klopfte.

"Ich auch nicht", gab ich nur leicht brummend zurück und ging zu Sofia, die halb schlafend auf einer Bank saß, die an der Hauswand stand. Ich hob sie hoch, warf sie über die Schulter, sie hämmerte kurz auf meinen Rücken und dann war sie auch schon eingeschlafen. Wankend unter dem Gewicht der Vierjährigen ging ich auf einen der Pavillons zu, setzte sie ab und deckte sie mit Aarons Jacke zu, die er mir vorhin gegeben hatte. Ich strich meiner Schwester noch kurz über den Kopf, dann ließ ich sie friedlich auf der Bank schlummern. Sie würde den Hochzeitstanz verpassen, aber so etwas musste ein Mädchen nicht schon mit vier von ihrer Bucketlist streichen, es würden bestimmt in naher Zukunft noch mehr Leute aus unserer großen Familie heiraten.
Als ich wieder daran dachte, wie ich heute Nachmittag den Blumenstrauß aufgefangen hatte, kamen mir wieder die Tränen und ich ließ mich doch von meinem inneren Ich abbringen, nicht lieber das Tanzbein zu schwingen und mich stattessen seufzend auf die Sitzflächen fallen zu lassen.

Traurig fummelte ich an dem Stoff meines Kleides herum. Mir ging eine Sache einfach nicht aus dem Kopf: Wieso hatte mir der Junge nicht einfach gesagt, dass er keine Lust hatte, mit mir auf diese Hochzeit zu gehen? Hatte er allen Ernstes gedacht, zweimal einfach abzuhauen würde mir weniger das Herz brechen? Denn das tat es definitiv nicht.
Ein lautes Schnarchen von Sofia riss mich aus meinen Gedanken und meine Ohren stellten von Durchzug wieder auf normal.

"Begrüßt jetzt: New Hope Club!", hörte ich eine laute Stimme, wahrscheinlich die von Connor, aus dem großen Saal schallen. Das hatte ich ja fast vergessen! New Hope Club, die Band mit dem mega Song spielte auf der Hochzeit meiner Tante! Wie konnte ich das nur in das hinterste Stübchen meines Gehirns verschieben?
Schnell sprang ich auf, richtete mein Kleid und ging schnellen Schrittes auf den Saal zu. Noch mehr als jetzt wollte ich nicht mehr verpassen! Und Reece konnte meinen Gedanken und mir den restlichen Abend gestohlen bleiben!

***

Als ich den ersten Schritt auf das Parkett machte, dröhnte eine langsamere Version des Songs "Dusk till Dawn" von Zayn aus One Direction in meine Ohren. Ich kannte den Song erst seit kurzem, trotzdem konnte ich problemlos mitsingen. Summend drückte ich mich an diversen Verwandten vorbei, die ich schon seit gefühlten 10 Jahren nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte.
Ich vernahm Aarons Winken von der anderen Seite des Raumes und kämpfte mich durch das Publikum bis hin zu meinem Cousin, der den Mund passend zu Musik bewegte.

"Ich liebe diesen Song!", rief ich durch das Stimmenwirrwar und die Musik zu Aaron. "Liebst du auch den Sänger?", fragte Aaron und schaute mich fast mitleidig an. Was?
"Zayn Malik? Würde jetzt nicht sagen, dass ich ihn liebe aber er ist okay. Die Musik ist toll!"
"Nicht den!", unterbrach mich Aaron und schüttelte wild mit dem Kopf. "Die!" Er zeigte auf die Bühne und ich nickte, ohne mich umzudrehen.
"Die Band ist großartig! Ich habe zwar bis jetzt erst einen von ihren Songs gehört aber dieser geht mir einfach nicht mehr aus dem Kopf!", sagte mich lächelnd während ich mich im Takt zur Musik bewegte.

"Julie. Hast du dich überhaupt schon mal richtig mit dieser Band befasst?"

Was war denn mit Aaron los? Solche Gespräche führte ich meistens nur mit meiner besten Freundin, die mich wieder von irgendeiner hotten Boyband überzeugen wollte, die bei X-Factor aufgetreten war.
"Nicht wirklich. So lange ich die Musik gut finde, reicht das. Nicht, dass ich die Songs nur toll finde wegen der Sänger!"
Aaron biss sich auf die Lippe und hielt inne, bevor er wieder mit mir redete.

"Dann solltest du dich jetzt besser nicht umdrehen.", murmelte er mit einem Blick auf den Boden.
Ich sah ihn mit schief gelegtem Kopf an. Doch weil ich anscheindend in dem Körper eines Kleinkindes steckte, das immer das Gegenteil von dem machte, was es sollte, drehte ich mich trotz Aarons Vorwarnung um.

Buntes Scheinwerferlicht traf meine Augen und ich überdeckte sie schnell wie einen Sonnenschutz.
Ich fokussierte auf die Personen, die auf der Bühne performten. Da ich bis jetzt nur die Schuhe dieser erkennen konnte, gaben sie mit noch nicht viel Einblick. Doch je mehr sich meine Augen an das Licht gewöhntem, desto mehr schwante mir eine komische Vorahnung.

Der Teenager ganz links auf der Bühne, der auf einer Akustikgitarre die Akkorde für den Song spielte, trug eine dunkelblaue Jeansjacke mit Fellkragen. Je weiter ich an seinem Körper hinaufwanderte, desto seltsamer wurde mir in der Magengegend. Der Junge hatte helle Haare und blaue Augen, so weit wie ich erkennen konnte. Als die Peron mich entdeckte, winkte sie mir zu und ich war kurz davor, nach hinten zu stolpern.
Was?

Mein Blick wanderte noch eine Person weiter. Diese trug ebenfalls eine Jeansjacke, nur dass seine schwarz war. Seine Haare hatten einen dunklen Braunton, fast schwarz und hatten genau die gleiche Farbe wie seine Augen.
Mein Kiefer klappte nach unten und ich starrte die drei Gestalten auf der Erhöhung, gefeiert von den vielen Leuten, die ihrer Musik lauschten und dazu ihre Körper bewegten, an.

Doch endgültig rutschte mein Herz erst in die Feinstrumpfhose, als mein Blick zu der dritten Person wanderte. Die Haare des großen Teenagers waren dunkelblond und seine unglaublich grünen Augen hätte ich unter Tausenden wiedererkannt. Der Bass in seiner Hand wurde von einer großen Hand gehalten, die sich auch schon einmal in meiner befunden hatte.
Als der Blick des Jungen meinen streifte, wurde sein Gesicht knallrot und er vergaß prompt weiterzuspielen. Seine Augen wandten sich meinen ab und schauten überall hin, nur nicht mehr zu mir.

S

chnappend atmete ich ein und aus und mein Mund wurde so trocken, wie nach ein paar Tagen Wüste ohne Wasser.

Nein.

Das konnte nicht sein.

Meine Tränenkanäle taten ihre Arbeit und füllten meine Augen innerhalb von Sekunden mit salziger Tränenflüssigkeit. Das Blut schoss in meinen Kopf und hätte ich keine Knochen und würde mehr Ähnlichkeiten mit einem Luftballon, dann wäre ich schon längst in die Luft gegangen. Meine Beine wurden so labberig wie in Milch eingeweichtes Toast und stände ich nicht wie angewurzelt auf dem Parkettboden, wären sie schon eingeknickt.

Ich wollte etwas von mir geben aber aus meinem Mund kam nur eins dieser seltsamen Geräusche, die man macht, kurz bevor man Kotzen muss oder nachdem man unverdient eine schlechte Note bekommen hat.

"I'll be with you from dusk till dawn, I'll be with you from dusk till dawn, baby I'm right here"

Niemals in meinem ganzen Leben hätte ich gedacht, dass mich ein paar Songlyrics so zur Weißglut treiben würden. Von Wegen! Reece Bibby, with me from dusk till dawn.
In meinem Kopf hörte sich das alles an wie ein einziger Scherz und ich war der Mittelpunkt.
Der Mittelpunkt eines einzigen Streiches, einer dummen Scherzaktion. Wahrscheinlich würde in ein paar Tagen ein Video auf YouTube auftauchen 'Girl listens to New Hope Club for the first time and she's shocked', auf dem Kanal von drei unreifen Teenage-Stars, die keine Ahnung hatten, was sie mit dem Mädchen anstellten.
Am liebsten hätte ich mir in Dauerschleife gegen die Stirn gehauen. Wie konnte ich nur so dumm und naiv sein?

Mein aufgebrachtes Ich nahm seine Beine in die Hand und rannte so schnell wie es konnte aus diesem verdammten Saal heraus. Ich nahm keinerlei Rücksicht auf andere Leute und trat somit auf mindestens zehn Fußpaare von unbekannten Tantchen, wovon die Hälfte bestimmt Karen hieß.

Ich wollte raus hier. Weg von allen Leuten. Und vor allem: weg von diesen scheiß Lügnern, die die ganze Zeit ein mieses Spielchen mit mir getrieben haben.
Argh!

Träge und aufgebracht, wie noch nie zuvor, plumpste ich gegen eine Wand, des Wohnhauses der Familie von Aaron. Mein verzweifelter Körper rutschte langsam auf den Boden herunter und mein Hintern berührte den kalten Steinboden.

Und alles was ich tun konnte war weinen. Alles rauslassen, was sich an diesem verrückten Tag angestaut hatte. Ich war verwirrt, aufgewühlt, kopflos und völlig durcheinander.

Ein leiser Fetzten des Songtextes durchfuhr wieder mein Gehör.

"Baby I am right here."

Lauter denn je fing ich an zu schluchzen und der Rotz und die Tränen liefen mein Gesicht hinab.

"Wieso lügst du? Du bist nicht 'right here'!", schrie ich laut durch die Nacht und wurde nur von einem weiteren Tränenschwall unterbrochen...



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Da bin ich wieder!
Bitte erwartet nicht jede Woche ein Kapitel, da ich das zeitlich wahrscheinlich nicht hinbekommen werde.
Denn das zweite Halbjahr hat angefangen und das heißt: KLAUSURENPHASE! Juhu! (😐)

Wünscht mir Glück bei meiner Matheprüfung, denn das werde ich definitiv brauchen 😣

Ps: wir sind ganz nah an 200 Votes dran, das heißt: wenn du bis hier gekommen bis: voten! Und wenn nicht: trotzdem voten!

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