83 - Der Teufel ist in der Stadt

Kapitel 83 – »Der Teufel ist in der Stadt«


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»You keep dreaming and dark scheming
Yeah, you do
You're a poison and I know that is the truth
All my friends think you're vicious
And they say you're suspicious
You keep dreaming and dark scheming
Yeah, you do

I feel like I'm drowning
I'm drowning
You're holding me down and
Holding me down
You're killing me slow
So slow, oh-no
I feel like I'm drowning
I'm drowning«

I Feel Like I'm Drowning – Two Feet

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So., 1. April 2018

Moonhee


Ich umklammerte die Tasse vor mir, als wollte ich austesten, ob ich es schaffte, sie mit bloßen Händen zu zerbrechen. Klappte nicht ganz so gut, aber immerhin konnte ich so irgendwie die Anspannung ausleben, die meinen ganzen Körper durchflutete. Das Stimmengewirr um mich herum drang kaum zu mir durch, gab mir jedoch ein kleines Gefühl von Sicherheit. Hier waren genug Menschen, die uns sehen konnten. Ja...uns. Mich und die Person, die jeden Moment durch die Pforten des Cafés schreiten konnte.

Es war am Freitag schnell klar gewesen, was Sache war. Noah hatte sich, trotz meiner vehementen Einwände dazu entschieden, ein Semester in Seoul einzulegen. Ganz nebenbei arbeitete er wohl nun auch noch ausgerechnet in der Catering-Firma von Chaewon. Der Amerikaner. Absolut typisch, dass meine beste Freundin mit ihren miserablen Englisch-Kenntnissen keinen Schimmer davon besaß, wie sich ein britischer und ein amerikanischer Akzent anhörten. Dazu kam eben noch, dass er so gut wie kein Wort Koreanisch sprach.

Nun saß ich hier im Schlamassel und traf mich mit Noah in diesem Café, nachdem ich ihm dreimal ausdrücklich erklärt hatte, dass er keinen Fuß in meine Wohnung setzen würde. Wer mir gegen meinen Willen bis ans andere Ende der Welt folgte, der brauchte nicht wissen, wo genau ich lebte.

Yoongi hatte ich auf der Rückfahrt vorgestern nichts mehr von Noahs Nachricht erzählt. Genauso wenig, wie Jimin. Diesem schuldete ich im Übrigen immer noch eine Erklärung dafür, dass ich zwar das BigHit-Gebäude betreten hatte, aber letztendlich nie bei ihm aufgetaucht war. Spätestens nach diesem verdammten Treffen musste ich mit ihm reden, um das Ganze nicht noch schlimmer zu machen, als es ohnehin schon war. Bis jetzt hatte er nur gestern ein paar poplige Nachrichten von mir bekommen, dass wir persönlich darüber reden mussten und ich einen riesen Stress an der Backe hatte...was ja auch irgendwie mehr als der Wahrheit entsprach. Nicht nur in Hinsicht auf Noah...sondern auch auf Yoongi.

Ich schüttelte den Gedanken an den Rapper sofort ab, kaum war er wieder in meinen Kopf gekommen. Nein, dafür hatte ich nun wirklich keine Reserven. Ich musste mich darauf konzentrieren, dass mein verdammter Ex in dieser Stadt war. Dass er aus mir unerklärlichen Gründen bei Chaewon in der Catering-Firma arbeitete und mich deshalb sowohl mit Jimin als auch mit Yoongi gesehen hatte. Und dass ich nun zum Teufel nochmal dafür sorgen musste, dass er seinen Arsch wieder dahin zurückbewegte, wo er hingehörte.

Als ich den hochgewachsenen blonden Briten den Laden betreten sah, hätte ich mir am liebsten selbst ins Gesicht geschlagen. Wie hatte ich ihn die beiden Male in der Tiefgarage nicht erkennen können? Er stach hier in Seoul heraus wie ein bunter Hund. Viel zu groß und breitschultrig, um in der Menge unterzugehen. Dennoch wechselte meine Stimmung rasant, als er mich entdeckte und auch noch die Dreistigkeit besaß, mir zuzulächeln. Dachte er wirklich, wir trafen uns hier zum Spaß? Für einen Neuanfang? War er wirklich so naiv? Oder war dies hier alles, passend zum Datum, wirklich nur ein riesiger Aprilscherz?

»Du siehst gut aus, Moon«, begrüßte er mich auf Englisch, ehe er sich auf dem Stuhl mir gegenüber niederließ und seine Jacke über die Lehne hängte. Darunter trug er einen engen Rollkragenpullover, der seinen gut trainierten Körper betonte.

»Spar's dir, Noah«, entgegnete ich trocken, während ich immer noch gewaltsam meinen Kaffee umklammerte. »Ich treff mich nur mit dir, weil du mir keine andere Wahl gelassen hast.«

Noah zog eine Schnute und stützte seine Ellenbogen auf dem Tisch ab. »Warum bist du denn so aggressiv? Solltest du dich nicht eigentlich freuen, dass ich zu dir gekommen bin?«

»Nein, ich sehe keinen Grund dazu«, schnaubte ich. »Ich habe dir gesagt, du sollst mir nicht hinterherreisen und du hast es trotzdem getan. Und dann nimmst du auch noch einen Job bei genau der Catering-Firma meiner besten Freundin an. Willst du mir erzählen, dass das ein Zufall ist? Hast du meine Kontakte gestalkt, oder was?«

Noah zog die Augenbrauen hoch. »Dir ist schon bewusst, dass das hier eine Millionenmetropole ist, oder? Irgendwie musste ich dich ja wiederfinden, bevor du dich vor mir verstecken kannst.«

»Ach, dir ist also auch bewusst, dass ich dich nicht sehen will? Was zur Hölle willst du dann hier?!«

»Verbissen wie eh und je«, seufzte er und schüttelte frustriert den Kopf. »Du stehst dir immer selbst im Weg, Moon...ist dir das eigentlich bewusst?«

Ich schluckte die kaum zähmbare Wut herunter, um nicht in Geschrei zu verfallen und atmete tief durch, bevor ich wieder das Wort an ihn richtete.

»Inwiefern soll ich mir denn bitte im Weg stehen, hm?«

»Du bist wirklich so schwer von Begriff, oder? Wünschen sich das nicht alle Mädchen? Einen Mann, der ihnen bis ans Ende der Welt folgt und sein ganzes Leben für sie umkrempelt? Himmel nochmal, Moon! Du solltest dich freuen, dass ich hier bin! Oder warst du etwa doch froh, mich endlich los zu sein, als du nach Seoul zurückgekehrt bist?«

»So ein Quatsch!«, fuhr ich ihn an. »Also erstmal kann ich mir einen Mann sparen, der mir gegen meinen Willen wo auch immer hin folgt und daraus ergibt sich auch, dass ich mich absolut gar nicht freuen muss! Und ich war nicht froh, dich "los zu sein"...Ich den Tatsachen ins Auge gesehen und bin meinen Weg weitergegangen. Ich habe weitergemacht...ganz im Gegensatz zu dir.«

Nun war es Noah, der schnaubte. »Oh ja...wie du weitergemacht hast, das konnte ich sehen...Genau, wie ich es dir prophezeit habe.«

»Du hast keine Ahnung über mich oder mein Leben hier, Noah.«

Noah schmunzelte, antwortete mir jedoch nicht, da gerade eine Bedienung an unseren Tisch getreten war, um seine Bestellung aufzunehmen. Zu meiner großen Genugtuung verstand diese nicht wirklich Englisch, weswegen sich einige Kommunikationsschwierigkeiten ergaben. Ich konnte nur beten, dass sie ihm das absolut falsche Getränk bringen würde.

Erst, als die Dame wieder in Richtung der Theke abzischte, wandte sich mein Ex wieder mir zu. Sein Blick war dieses Mal ernster geworden.

»Ich kann dir jedenfalls ansehen, dass du nicht glücklich bist. Und versuch jetzt ja nicht, das auch vor mir zu leugnen.«

Ich funkelte ihn böse an...brachte es aber tatsächlich nicht fertig, in diesem Thema das letzte Wort zu haben. Meine derzeitige Situation konnte man wirklich nicht als glücklich bezeichnen. Doch am liebsten hätte ich ihm gesagt, dass er in dieser Hinsicht nochmal einen entscheidenden Schlag in die falsche Richtung gegeben hatte.

»Ich meine«, fuhr Noah, der sich wohl durch mein Schweigen bestätigt fühlte, fort, »du kannst ja auch lange nicht zufrieden sein, wenn du dir schon wieder gleich zwei Typen unter den Nagel reißt. Und dann auch noch aus einer in der Öffentlichkeit stehenden Band. Wie heißen sie noch gleich. Bambam Sonton...blablabla?«

»Bangtan Sonyeondan«, zischte ich gerade laut genug, dass nur er es hören konnte.

»Wie auch immer«, winkte er ab. »Ich habe keine Ahnung von diesen ganzen K-Pop-Weichspüler-Boybands. Beantworte mir nur eine Frage...sind das die gleichen Jungs, mit denen damals deine ganze Scheiße ablief? Ich meine...bist du wirklich zu genau den Personen zurückgerannt, wegen denen du damals weggelaufen bist? Und jetzt hast du wieder mit beiden Typen was?«

»Was zum...«, entfuhr es mir, während ich ihn entgeistert musterte. »Woher willst du das überhaupt wissen?! Hör auf, so einen Müll zu erzählen!«

»Sind das die gleichen Jungs wie damals?«

»Das geht dich einen feuchten Dreck an!!«

Noah riss ein wenig überrascht die Augen auf, als hätte er jetzt erst bemerkt, wie wütend ich eigentlich auf ihn war. Und allein diese Tatsache machte mich nur noch rasender. Es war ein Wunder, dass ich noch nicht das halbe Café zusammengeschrien hatte, so sehr wie ich innerlich kochte.

»Moon«, brachte er schließlich hervor und etwas Versöhnliches lag in seiner Stimme. »Wir waren fast vier Jahre zusammen. Du benimmst dich, als würden wir uns gar nicht kennen.«

Ein ekelhafter Stich fuhr mir durch die Magengegend. Und plötzlich jagten auch blitzartige Erinnerungen durch meinen Kopf. Wie es sich anfühlte, Noah zu küssen. Gespräche, die wir abends vor dem Schlafgehen geführt hatten. Wir beide in der Küche am Kochen. In der Uni. Spazierend an der Themse. Und dann kamen mir wieder unsere letzten Telefonate in den Sinn. Wie er mir die bittere Wahrheit über mich selbst ins Gesicht geklatscht und mir genau das vorhergesagt hatte, was nun auch geschehen war. BTS und ich waren wieder befreundet, ich in einer Beziehung mit Jimin und das Drama fand gerade mit Yoongi statt. Herzlichen Glückwunsch, Moon. Er hatte recht, du bist unverbesserlich.

»Tut mir leid, Noah«, würgte ich nach einigen weiteren Minuten des Schweigens hervor. »Aber dass du hergekommen bist, war ein Fehler. Ich werde der Sache zwischen uns nicht nochmal eine Chance geben...Ich bin bereits wieder in einer Beziehung.«

Noahs Blick hing wie versteinert auf mir. »Ja, das habe ich mir bereits gedacht. Die Frage ist nur...mit wem von beiden offiziell?«

»Ich mache denselben Fehler nicht noch einmal«, erwiderte ich mit leiser Stimme und sah ihn aus kalten Augen an. Noch anzufügen, dass ich ihn genau deshalb gerade korbte, sparte ich mir. Ich wusste, dass das für seine toxische Ader nur ein gefundenes Fressen sein würde, um weiter auf mir herumzuhacken. Die Ader, die er in letzter Zeit sowieso immer öfter zum Vorschein brachte.

»Hmm...wenn du meinst«, brummte er und wandte sich gleich darauf mit einem dankenden Nicken an die Bedienung, die ihm seinen Kaffee vor die Nase stellte.

Ich sah unterdessen hinab auf meine eigene Tasse. Der Latte Macchiato musste inzwischen längst kalt sein und ich hatte keine Lust, auch noch einen weiteren Schluck von ihm zu nehmen. Mein Magengefühl sagte mir, dass mir dann furchtbar übel werden würde. Am liebsten hätte ich einfach das Geld auf den Tisch geworfen, meinen Mantel geschnappt und das Café sofort verlassen.

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass du in den Menschen dein Glück finden wirst, vor denen du vor all den Jahren weggerannt bist«, fuhr Noah leise fort. »Moon...bitte. Wie viele Beweise muss ich dir noch liefern, dass du die Einzige für mich bist? Dass ich nur dich und niemanden sonst möchte?«

»Keine«, antwortete ich kopfschüttelnd. »Ich will keine Beweise mehr. Wir können Freunde sein, wenn du aufhörst, mich zu bedrängen. Aber mehr auch nicht. Diese Sache ist für mich abgeschlossen. Und da ändert auch die Tatsache nichts dran, dass du nun hier in Seoul bist.«

»Freunde«, wiederholte er das Wort und rührte dabei in seinem Kaffee herum. »Um ehrlich zu sein, denke ich nicht, dass wir beide je dazu geschaffen waren, das zu sein...Freunde

Ich atmete tief durch. »Wenn du das nicht akzeptieren kannst, dann verschwenden wir hier nur unsere Zeit. Und vor allem du hier in Seoul. Ich bin in einer Beziehung und ich liebe die Person, mit der ich zusammen bin. Du wirst nichts daran ändern können, Noah.«

Er sah wieder von seiner Tasse auf und mir direkt in die Augen. »Solange es sich wie eine Lüge anfühlt, wenn du mir das sagst, werde ich nicht aufgeben, Moon.«

Okay, das war genug. Ab diesem Punkt reichte es mir. Nicht nur, weil seine Aussagen langsam aber sicher unheimlich wurden...Ich wollte einfach nur noch weg von ihm. Raus aus diesem Laden. Und genau deswegen zog ich auf mein Portemonnaie hervor, knallte 5.000 Won auf den Tisch und schlüpfte gleich darauf hastig in meinen Mantel.

»Willst du jetzt ernsthaft abhauen?«, fragte mich Noah bestürzt und sah aus, als wäre er drauf und dran, ebenfalls von seinem Stuhl aufzuspringen.

»Ja...vor dir«, zischte ich ihm entgegen, als ich gerade meine Tasche über die Schulter warf. »Geh zurück nach London...Du verschwendest hier deine Zeit.«


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Mein ganzer Weg nach Hause war frustrierend, doch ich fühlte mich auch kein Stück besser, als ich endlich durch die Tür meines Apartments trat. Von da an quälten mich nämlich meine Gedanken an Jimin und Yoongi. Jimin, weil ich ihm noch beichten musste, warum ich vorgestern nicht wie abgemacht bei ihm aufgetaucht war und mich seither nicht wirklich bei ihm gemeldet hatte. Yoongi, weil...weil...wegen vielem. Bei ihm konnte ich es nicht wirklich in Worte fassen, warum es mich so fertigmachte, an ihn zu denken. Doch fürs Erste war es wichtiger, mit meinem Freund zu reden. Sehr viel wichtiger als alles andere.

Mit klopfendem Herzen ließ ich mich auf die Couch fallen, kurz nachdem ich aus meinem Mantel und meinen Schuhen geschlüpft war und wählte Jimins Nummer auf meinem Handy. Ich hatte keine Ahnung, wo er gerade war und ob ich ihn gerade störte. Vielleicht war es sogar großes Glück, als schon nach ein paar Tuten seine Stimme sich am anderen Ende der Leitung meldete.

»Moon-ah!«, rief er mir ins Ohr. »Ist irgendwas passiert? Ich hab mir Sorgen gemacht! Wo warst du am Freitag?«

Yoongi hatte ihm also nichts erzählt, gut zu wissen... Das bedeutete jedoch, dass ich es nun selbst übernehmen musste. Aber wäre es so schlau, das übers Telefon zu tun? Wäre es schlau, auch nur irgendwas von all dem, was passiert war, über einen Anruf zu klären?

»Jimin«, presste ich hervor. »Ich...ich denke, es ist besser, wenn wir persönlich darüber reden. Es ist viel passiert und ich...ich muss dich unbedingt sehen...«

Plötzliche Stille von seiner Seite. Es dauerte ein paar Sekunden, bis ich wieder ein Rascheln vernahm und hörte, wie er Luft holte.

»Du willst nicht Schluss machen, oder?!«

»Was? Nein!«, rief ich schockiert und richtete mich aus meiner sitzenden Position auf. »Nein, es geht nicht um sowas...Es ist was anderes...aber ich würde trotzdem lieber persönlich mit dir reden, als hier übers Handy...«

Erneut folgte eine kurze Stille. Vielleicht kalkulierte er gerade in seinem Kopf aus, wie er zu der ganzen Sache stehen sollte. Misstrauisch oder doch lieber einfühlsam. Zum Glück schien er sich am Ende für letzteres zu entscheiden, was mir einen kleinen Stein vom Herzen fallen ließ.

»Bist du zuhause, Jebi?«, fragte er mit sanfter Stimme.

Ich nickte, bis ich realisierte, dass er mich ja gar nicht sehen konnte. »Ja...ja, ich bin zuhause. Hast du heute Zeit? Oder soll ich besser bei dir vorbeikommen...?«

»Nein, ich komme zu dir. Das Training ist für heute ohnehin schon fertig und ich war auch schon duschen...Ich sag meinem Fahrer einfach, dass er mich zu dir bringen soll.«

»Okay«, murmelte ich ein wenig unbeholfen. »Das...das ist gut...Danke dir.«

»Das ist selbstverständlich. Ich hoffe, es ist nichts Schlimmes passiert.«

Ich atmete tief durch. »Nicht passiert...wohl eher ans Licht gekommen. Und davon gleich zwei Dinge...«

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