Pov Joon
Im Kaminzimmer war es still, abgesehen vom leisen Knacken der Glut im Kamin. Der Schein der letzten Flammen warf warme Schatten auf die Wände, doch in mir breitete sich nur Kälte aus. Ich saß dort, die Hände in den Schoß gelegt, doch mein Blick war weit weg – tief in Gedanken, verloren in der Sorge um meinen besten Freund.
Liv saß still neben mir, doch wir sprachen kaum ein Wort. Ich wusste, dass sie ebenso verwirrt und besorgt war wie ich, doch meine Gedanken ließen mir keinen Raum, um darüber zu sprechen.
Was war nur aus Julien geworden? Oder vielmehr… was war er geworden? All die Jahre, die wir zusammen verbracht hatten – hatten die dunklen, verborgenen Seiten in ihm schon immer existiert, ohne dass ich es bemerkt hatte? Der Gedanke traf mich wie ein Schlag in die Magengrube. Ich wusste, dass Julien sich oft zu viel auf opferte für seine Projekte. Seine Faszination für das Rätselhafte, seine Sehnsucht nach Perfektion, seine Unsicherheiten – all das war mir nie fremd gewesen. Aber dass daraus diese zersplitterte Existenz hervorgehen konnte, das konnte ich immer noch nicht glauben.
>Das kann doch alles nicht wahr sein< murmelte ich leise, beinahe unhörbar. Meine Worte verloren sich in der Stille, doch Liv warf mir einen Blick zu. >Was, wenn das alles wirklich so sein soll? Was, wenn er wirklich… ein Gefangener seiner eigenen Dunkelheit ist?< Der Gedanke lastete schwer auf mir, doch es fühlte sich gleichzeitig falsch und doch unaufhaltsam an.
Ich versuchte, mich zu beruhigen, doch die Zweifel nagten an mir, zogen mich tiefer in die Ungewissheit. War dieser Weg wirklich der richtige? Was, wenn wir Julien mit all dem mehr schadeten, als ihm zu helfen? Meine Hand ballte sich unbewusst zur Faust, während ich tief in meinen Gedanken versank. Julien war immer derjenige gewesen, der mich verstand, der mir Mut gemacht hatte, wenn ich selbst an mir zweifelte. Doch jetzt… jetzt wusste ich nicht mehr, ob ich ihn jemals so wieder sehen würde.
Ein plötzlicher Gedanke durchzuckte mich: Was, wenn er schon seit Jahren eine Maske getragen hatte, verborgen hinter diesen Persönlichkeiten, hinter diesen Wächtern, die ihm nun zu entgleiten schienen?
Ich spürte Livs Hand auf meiner, und als ich zu ihr hinübersah, erkannte ich in ihren Augen das gleiche Unverständnis, die gleiche Unruhe, die auch mich quälte. Wir beide waren Außenstehende in diesem Kampf – Beobachter einer Geschichte, die wir nicht vollständig begreifen konnten, deren Ausgang sich jedoch unausweichlich auf uns alle auswirken würde.
Plötzlich spürte ich es. Ein grelles Licht blitzte durch den Raum, zuerst wie ein winziger Funken in der Ferne, doch es wurde schnell intensiver, fast blendend hell. Das Licht erfüllte das Kaminzimmer in einem Schlag, als ob eine unsichtbare Grenze durchbrochen worden wäre. Ich spürte, wie die Zeit für einen Moment stillzustehen schien, und das Licht begann, alles um uns herum zu verschlingen, uns einzuschließen.
>Liv…< flüsterte ich noch, doch meine Stimme schien im Schein des Lichts zu verhallen. Es war, als würde uns etwas Größeres, Uraltes und Mächtiges verschlucken.
Pov Zeke
Im gedämpften, kühlen Licht des Kellers standen wir uns gegenüber – Eos, Santa, Fips, Ruhn und ich. Doch trotz der räumlichen Nähe schien eine Unendlichkeit zwischen uns zu liegen. Es war ein Gefühl, als ob jeder von uns ein eigenes Universum um sich trug, angefüllt mit all den Wunden, der Wut und den Fragen, die wir seit Ewigkeiten tief in uns verborgen hielten. Heute jedoch, heute konnte ich die Last dieser Worte nicht länger schweigen lassen.
>Also< begann ich schließlich, und meine Stimme klang rau und fremd in der Stille. >Wofür kämpfen wir hier eigentlich noch? Wir kämpfen gegeneinander, gegen uns selbst – doch was genau versuchen wir damit zu erreichen?< Meine Worte hingen in der Luft, schwer und unausgesprochen, als hätte ich diese Frage schon Hunderte Male mit mir selbst durchgekaut, ohne je eine Antwort zu finden.
Eos hob den Kopf, und das altbekannte Glimmen von Trotz und Abwehr flammte in seinen Augen auf. >Warum fragst du ausgerechnet mich das, Zeke?< Seine Stimme war kühl, doch in seinem Blick erkannte ich eine Müdigkeit, einen Hauch von Schmerz, den ich nur selten bei ihm gesehen hatte. >Ich bin der Teil, den du am liebsten loswerden würdest. Der Teil, den Julien nie akzeptieren konnte.<
Ich zögerte. Eos hatte schon immer das verkörpert, was ich – was wir alle – von uns abspalten wollten: Zorn, Härte, Macht, Dunkelheit. Er war das Echo einer Seite, die Julien so tief vergraben hatte, dass sie sich wie ein Schatten herauskristallisiert hatte. Aber heute sah ich diesen Schatten anders. >Das stimmt nicht< entgegnete ich leise. >Du bist nicht nur Dunkelheit. Du bist… ein Teil von uns. Ein notwendiger Teil.<
Santa nickte, seine Stimme ruhig und besonnen. >Eos, niemand von uns versteht vielleicht, warum wir hier sind oder warum wir so sind, wie wir sind. Aber wir sind nicht hier, um uns gegenseitig zu zerstören. Tief im Inneren weißt du das auch, oder?<
Eos schnaubte und schüttelte den Kopf, doch die Härte in seinem Gesicht ließ nach. >Ach ja?< Seine Stimme war ein bitteres Lachen. >Und warum fühle ich mich dann seit Ewigkeiten wie der dunkle Fleck, den keiner haben will?<
Ich wollte etwas erwidern, doch Fips kam mir zuvor. Mit ungewohnt ernster Miene trat er einen Schritt vor. >Eos… du bist kein Störfaktor.< Er zögerte, seine Augen suchten die meinen, bevor er weitersprach. >Ohne dich wären wir nie hier angekommen. Du hast uns beschützt, mehr als jeder andere. Auch wenn es keiner von uns jemals zugeben wollte.<
Die Worte ließen eine tiefe, fast greifbare Stille zurück. Selbst Ruhn, der bis dahin nur schweigend dabeigestanden hatte, hob nun den Kopf und trat einen Schritt vor. >Eos< begann er leise, und in seiner Stimme lag eine Entschlossenheit, die ich selten von ihm kannte. >Du bist nicht nur Dunkelheit oder Wut. Du hast die Stärke, sich den Dingen zu stellen, die uns am meisten Angst machen.< Seine Worte trafen uns alle, und für einen Moment war ich nicht sicher, ob das, was Ruhn sagte, uns alle in gleichem Maße betraf. Doch sein Blick, voller Intensität und Einsicht, ließ keinen Zweifel daran.
>Vielleicht…< flüsterte Eos, und zum ersten Mal seit langer Zeit klang seine Stimme fast brüchig, >vielleicht war ich nie der Störfaktor. Vielleicht… war ich nur der Teil, der das trägt, was Julien nie haben wollte. Der Teil, den er so sehr fürchtete, dass er ihn verbannt hat.< Seine Augen trafen die meinen, und in diesem Blick lag eine Selbsterkenntnis, die uns alle betraf, die auf jedem unserer Gesichter lag.
Fips, der immer noch mitten im Raum stand, holte tief Luft und sprach weiter, seine Stimme sanft, aber eindringlich. >Was wäre, wenn wir alle einfach… zusammenkommen könnten? Was, wenn wir das alles hinter uns lassen und das Beste von uns allen in einer Person vereinen könnten? Wäre das nicht besser als diese ewigen Kämpfe?<
Ein schweigendes Einverständnis begann sich zwischen uns auszubreiten, als ob wir endlich einen gemeinsamen Weg finden könnten, einen Ausweg aus den Konflikten, die uns zerrissen hatten. Santa schloss die Augen, ein Ausdruck des Friedens auf seinem Gesicht, während Fips mit einem sanften Lächeln nickte, das all die Versöhnlichkeit in sich trug, die er sonst immer überspielte.
Doch Eos blieb einen Moment lang still, seine Gesichtszüge unruhig, die Augen dunkel und tief in Gedanken versunken. Dann, langsam, begann er zu sprechen, seine Stimme rau und gebrochen, als hätte er Jahre gebraucht, um diese Worte zu finden. >Vielleicht… vielleicht hat Ruhn recht. Vielleicht bin ich ein Teil von euch.<
Die Worte schienen wie eine geheime Brücke zwischen uns allen zu schlagen, eine Verbindung, die wir nie gekannt, aber immer gespürt hatten. Ruhn trat zu Eos und legte ihm eine Hand auf die Schulter, während auch Santa und Fips nun näher kamen, alle mit einem Ausdruck von Ernst und Einverständnis.
Dann spürte ich es. Es begann wie ein Flimmern in der Luft, ein kleiner Lichtstrahl, der sich in der Mitte des Raumes manifestierte. Ein Funke, der immer heller und stärker wurde, ein Licht, das sich ausdehnte und aus dem Nichts wuchs, als ob eine verborgene Energiequelle in uns allen erwachte. Das Licht war warm, fast zu hell, und doch konnte ich nicht wegsehen. Es zog uns alle in seinen Bann und begann, die Dunkelheit des Kellers in ein strahlendes, schimmerndes Weiß zu tauchen.
Ich spürte, wie die Barrieren zwischen uns verschwanden, als ob jede Grenze, jeder Schatten, jede Feindseligkeit, die uns je voneinander getrennt hatte, in diesem Licht aufgelöst wurde. Ich konnte die Kraft von Eos spüren, die Entschlossenheit von Ruhn, die Gelassenheit von Santa und die Verspieltheit von Fips, als würden wir alle ineinanderfließen, ein einziges, starkes Wesen formen.
Der Raum füllte sich mit einem leisen Summen, das an ein uraltes Lied erinnerte, und ich fühlte ein tiefes, allumfassendes Verständnis in mir wachsen. In diesem Moment wusste ich: Wir waren nicht allein. Wir waren Julien – zusammen waren wir das, was Julien ausmachte, all die Ängste, die Träume, die Kämpfe und die Sehnsucht nach Frieden.
Und als das Licht uns vollständig umhüllte, fühlte ich, wie ein überwältigender Frieden durch mich floss.
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