Kapitel X

Erst nach einer Ewigkeit, verlangsamen wir das Tempo auf normales Gehen, weil ich außer Atem bin. Wir sind tief in den Wald eingedrungen, hier sind wir geschützt.

Mein Herz klopft wie verrückt, wir haben es tatsächlich geschafft.
Endlich sind wir sicher genug, um auf Sophia zu warten.

Crest hinterlässt immer wieder Glassplitter oder glatte, helle Steine auf die er mit dem Blut drei Punkte malt, sie stehen für drei Menschen, drei Freunde, eine Familie.

Wir sind uns sicher, Sophia wird sie erkennen.

Als es dunkel wird, hilft Crest mir auf einen Baum und kommt dann mit hinauf. Am Boden könnte wer weiß was in der Nacht auftauchen und wir könnten uns nicht verteidigen.
Ich sage Crest, er soll zuerst schlafen, denn in dieser Höhe ist mir mulmig zu mute und ich muss mich erst daran gewöhnen, bis ich ruhiger werden kann.

Es passiert nicht viel, nur einige Tiere laufen über den Boden, ich sehe ihre Schatten und Umrisse und höre das Rascheln und Getrappel im Laub.

Ich bin unfassbar müde, da ich schon die letzte Nacht nicht gut schlafen konnte und der Tag auch viel Stress mit sich brachte.
Bevor ich wirklich fast einschlafe, wecke ich Crest, der weiter Wache hält, bevor ich mich der Dunkelheit hingebe.

Am nächsten Morgen wache ich vom Sonnenlicht auf, welches mich kitzelt. Langsam rekele ich mich und falle fast aus dem Baum. Dieses Detail meines Schlafplatzes hatte der Schlaf mich für kurze Zeit vergessen lassen, doch jetzt klammere ich mich schnell wieder fest.

Eigentlich liege ich einiger Maßen sicher zwischen Stamm und einigen starken Ästen eingeengt, doch trotzdem kann ich mich nicht an die Höhe gewöhnen, wenn ich mich an sie erinnere.

Crest sitzt bereits am Boden, er schnitzt mit seinem kleinem Messer an einem Ast herum, neben ihm liegen einige spitze Steine.

Ich schaue ihm von oben dabei zu, seine Haare glänzen im Licht, wenn er sich leicht bewegt.

Er muss schon länger schnitzen, der Ast hat kaum Rinde und ist unten bereits verdünnt.

Erst nach einigen Minuten schaut er zu mir hoch und lächelt, als er mich sieht: „Auch schon wach?"

Den ironischen Unterton ignoriere ich: „Ja, dafür dass ich auf einem Baum war, habe ich gut geschlafen. Was machst du da?" „Ich versuche einen Speer oder so herzustellen, irgendwas zum Verteidigen und Jagen", er widmet sich wieder seinem Projekt.
Ich klettere vorsichtig zu ihm auf den Boden. Es ist ziemlich schlau von ihm, früher oder später müssen wir jagen und je weiter wir in den Wald vordringen, desto mehr Raubtieren werden wir begegnen.

Langsam kann ich den Hunger nicht mehr unterdrücken: „Was meinst du können wir essen?" Crest zuckt mir den Schultern: „Fleisch können wir noch nicht kriegen, vielleicht Beeren und Pilze und so... Wir müssen nur aufpassen, dass wir keine giftigen erwischen." Das ist das Problem, wir kennen uns beide nicht mit Pflanzen aus.

„Gut, wenn sie giftig sind, merken wir es dann ja", Crest zwinkert mir zu. Ich finde die Lage eigentlich zu ernst, um solche sarkastischen Sprüche zu bringen, doch ich sage nichts und überlege weiter: „Soll ich einfach mal los ziehen und Beeren suchen? Dann entscheiden wir zu zweit, welche Beeren giftig sind und welche nicht."

Crest nickt und so machen wir es auch den Tag über. Ich entferne mich nicht weit vom Baum und von Crest und suche Pilze, Kräuter, Beeren und Blätter. Zusammen überlegen wir durch unser Bauchgefühl, welche giftig sein könnten und welche nicht. Dann essen wir die Pflanzen und ich ziehe wieder los.
Beim Suchen nach Pilzen finde ich einen Fluss, mit dessen Wasser ich meinen Hunger stille.
Ich mag gar nicht über die Bakterien nachdenken...

Auch Crest zeige ich den Fluss und er trinkt etwas. Gefäße haben wir ja leider nicht, also müssen wir immer wieder zum Fluss zurück kehren.

Crest fängt nach einigen Stunden einen zweiten Speer an. Es scheint ihm Spaß zu machen.

Meine Gedanken sind auf Sophia fixiert, wird sie uns hier finden? Kendra sagte, wir sollten höchstens drei Tage warten und danach weiter ziehen.

Im hoffe so sehr, dass Sophia in diesen Tagen kommen würde. In der Nacht teilen wir uns wieder die Wache und der nächste Tag verläuft ähnlich wie der erste.

Bis jetzt sind noch keine wilden Tiere aufgetaucht, trotzdem gibt Crest mir zur Sicherheit den zweiten Speer, sobald er ihn fertig hat.
Nun kann ich wieder ein Stückchen weiter fort.

Gegen Nachmittag weist Crest mich an, am Baum zu warten und er will sich mit dem Jagen probieren. Er fängt nichts, was ihn verärgert, deshalb kommt er nur mit weiteren Pflanzen zurück.
Sie sind gut, aber machen nur bedingt satt.

In der zweiten Nacht werde ich nervös, was wenn Sophia nicht auftaucht?

Der dritte Tag beginnt und ich und Crest wechseln nicht ein Wort.
Wir denken beide nur an unsere beste Freundin.
Sie kommt auch an diesem Tag nicht und wir verlängern unsere Zeit um zwei weitere Nächte. Das macht mich nun auf andere Weise nervöser, Kendra sagte schließlich nicht umsonst, wir sollen nach drei Tagen weiter ziehen.

Am Morgen des fünften Tages begreift mein Herz wirklich, was das zu bedeuten hat.
Wir brauchen nicht mehr warten.
Wenn Sophia bis jetzt nicht gekommen ist, wird sie es auch nicht mehr.
Sie wird nie wieder kommen.

Entweder starb sie bereits im Museum oder auf der Suche nach uns. Und es ist ziemlich schlimm, nicht zu wissen wann es war.
Ich wecke Crest nicht, ich kann ihm nicht sagen, dass sie nicht gekommen ist. Ich starre auf die feinen Linien in der Rinde des Stammes und versuche eine alternative Erklärung zu finden, doch ich bin mir sicher, Sophia ist tot.

Sie war der warmherzigste und talentierteste Mensch den ich kannte. Sie war wie ein Sonne und zauberte mir an den schlimmsten Tagen ein Lächeln ins Gesicht.

Wenn sie Klavier spielte, konnte ich meine Sorgen vergessen und ihr einfach zu hören.
Ich konnte in ihrer Musik versinken und mich mit nehmen lassen.
Wenn wir zusammen sangen, war alles egal und es zählte nur der Moment. Wenn wir lachten, war ich so glücklich und befreit.

Sie war all die Jahre für mich da, sie hörte mir geduldig zu, gab mir weise Ratschläge und hatte einfach ein großes Herz.
Sie tröstete mich, als es allen anderen unmöglich war, an mich ran zu kommen.

Und vor etwa einer Woche gelang es ihr, mir zu helfen, den Panikanfall zu unterdrücken.
Wie als wäre sie ein Licht und hätte mir etwas davon ins Herz gegeben und damit der Angst in meinem Herzen Einhalt geboten. Und nun war das Licht vergangen.

Ausgegangen. Verloschen. Fort. Verstummt. Still.

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