Kapitel 8

Die ganze Nacht über machte ich kein Auge zu. Dad hingegen war irgendwann eingeschlafen, hielt mich jedoch nach wie vor fest an sich gedrückt. Meine Hand brannte, so sehr hatte ich auf sie gebissen um keinen Laut von mir zu geben. Die ganze Zeit über hatte ich Angst, dass Maya aufwacht. Zum Glück hatte sie aber einen relativ festen Schlaf. Mit immer noch rasendem Herzschlag sah ich auf meinen Nachtisch. Ich wollte nicht, dass Dad aufwachte, andererseits würde ich gerne nach meinem Handy greifen, das dort lag. Als ich mich gerade dazu durchgerungen hatte, doch mein Handy zu holen, hörte ich wie leise eine Tür geöffnet und dann wieder geschlossen wurde. Maya musste aufgewacht sein. Mein Herz stockte. Hoffentlich würde sie jetzt nicht in mein Zimmer kommen wollen. Noch eine Weile lauschte ich wie ihre Schritte leiser wurden, bevor ich versuchte mich mühsam aus Dads Griff zu befreien. Maya musste inzwischen in der Küche sein und frühstücken, bevor sie sich vollends richtete um mich dann wecken zu kommen. Nach einigen Minuten hatte ich es endlich geschafft mich von Dad zu lösen und stand leise auf. Sobald ich im Bad war, ging ich erstmal unter die Dusche. Ich wusste zwar nicht, wie viel Zeit ich noch hatte, aber ich brauchte das jetzt. Ich fühlte mich irgendwie dreckig – wobei das nicht so ganz die passende Bezeichnung war. Wie konnte sowas nur passieren? Kopfschüttelnd stieg ich wieder aus der Dusche und versuchte mich auf andere Gedanken zu bringen, was gar nicht so einfach war. In ein Handtuch gewickelt ging ich zurück in mein Zimmer, wo Dad noch immer gemütlich auf dem Bett schlief. Wenigstens war er nun bis zum Bauch zugedeckt. Schnell suchte ich mir ein paar Kleider zusammen und verschwand wieder im Bad. Nachdem ich mich angezogen, geschminkt und meine Haare gemacht hatte, verließ ich eine Viertelstunde später schließlich leise mein Zimmer und klopfte bei Maya. „Wow", staunte diese, als sie die Tür öffnete, „ich wollte dich gerade wecken kommen." Erleichtert lächelte ich und ging mit ihr zusammen zu meinem Auto. Gott, war ich froh, als ich das Haus endlich hinter mir gelassen hatte. „Maya", setzte ich kurz bevor wir an ihrer Schule hielten an, „denkst du, du kannst heute bei April übernachten? Ich wollte mit ein paar Freunden feiern gehen." „Klar", grinste sie. Sie freute sich immer, wenn ich sie darum bat, bei April zu übernachten. Die beiden hatten sich wirklich auf Anhieb gut verstanden, worüber ich wirklich froh war. Sie genossen die Abende zusammen immer und hatten wohl jedes Mal sehr viel Spaß. Sie war manchmal wirklich öfter bei ihr, als mit mir zuhause, wodurch April für sie beinahe zu einer Schwester geworden war. „Ich hole dich morgen um zwölf bei April ab, ok?", verabschiedete ich mich. Maya nickte fröhlich und stieg dann aus dem Auto aus. Sie war echte die beste kleine Schwester, die man sich wünschen konnte.

Als ich schließlich bei mir an der Schule ankam und mich zu dem Rest unserer Clique gesellte, empfingen mich June und Mia sofort mit einer kräftigen Umarmung. Doch dann glitt Junes Blick einmal prüfend über mich: „Gott, Gaya, du sieht aus als hättest du furchtbar geschlafen." „Gar nicht trifft es wohl eher", stöhnte ich und lehnte mich müde gegen die Wand des Schulgebäudes, „Und ich dachte, ich hätte das einigermaßen überschminkt bekommen." „Hast du ja auch, aber wie lange kennen wir uns jetzt bitte?", grinste June, was mir ebenfalls ein Lächeln entlockte. „Du kennst mich einfach zu gut", antwortete ich. Doch dann hatte June den ersten Teil meiner Aussage wohl registriert: „Wie jetzt? Du hast die ganze Nacht nicht geschlafen? Was ist passiert?" Sie sah mich geschockt an. „Ich will jetzt nicht darüber sprechen, erkläre ich dir ein anderes Mal", seufzte ich, bevor ich mich an unsere Clique wandte, die von dem kurzen Wortwechsel zwischen June und mir offensichtlich nichts mitbekommen hatte, „Was haltet ihr davon, wenn wir heute Abend mal wieder in den Club gehen? Da waren wir schon lange nicht mehr." Sofort waren alle begeistert, nur June sah mich skeptisch an. Auch Mia, die unser kleines Gespräch offensichtlich verfolgt hatte, sich jedoch lieber herausgehalten hatte, warf mir einen undefinierbaren Blick zu – der sowas wie „Bist du dir sicher?" bedeuten könnte – während wir gemeinsam zum Unterricht im Schulgebäude verschwanden.

Ich war gerade dabei meine Sachen für Deutsch auszupacken, als Mia mich aus meinen Gedanken riss: „Was ist mit deiner Hand passiert?" Die Frage traf mich absolut unvorbereitet, weshalb ich kurz zusammenzuckte. Ich schaute kurz auf meine Hand, an der man noch immer die Spuren meiner Zähne erkennen konnte. Mist. Ich hatte mir heute Morgen kurz überlegt, ob ich versuchen soll sie zu überschminken, aber das nützte ja nur was, bis ich meine Hände wusch, weshalb ich es schließlich doch gelassen hatte. „Lange und komplizierte Geschichte", antwortete ich Mia nur mit einem Schulterzucken. Sie sah mich forschend an, aber dann kam Mrs. Murray ins Klassenzimmer und lenkte Mias Aufmerksamkeit von mir ab.

Der Tag verging – bis auf die Auseinandersetzung mit Mr. Campbell, weil ich mal wieder nicht aufmerksam war und er mich deswegen nächsten Mittwoch zum Nachsitzen verdonnerte – ohne weitere Zwischenfälle oder unangenehme Fragen. Inzwischen war es 19.00 Uhr und in einer Stunde würde ich mich mi den Anderen in unserem Lieblingsclub treffen. Mia und June waren bei mir und gemeinsam suchten wir uns etwas zum Anziehen heraus und schminkten uns. Dad war zum Glück nicht da gewesen, als ich nach Hause gekommen war, dennoch war ich äußerst angespannt. Was wenn er jetzt gleich kam und Mia dann alles mitbekam? Umso erleichterter war ich, als wir alle zu June ins Auto stiegen und losfuhren. Wir waren etwas spät dran, da wir noch damit beschäftigt waren über die Kleiderwahl zu diskutieren. Ich hatte mich für ein elegantes, aber dennoch schlichtes dunkelblaues Kleid entschieden, zu dem Mia und June des Öfteren betont haben, wie gewagt es ist. Ja, ich gebe zu, es war sehr kurz, relativ weit ausgeschnitten und stark kurvenbetont, aber trotzdem wunderschön. Und es war genau das, was ich jetzt brauchte. Mein Dad hatte mir die letzte Nacht zu einem wahr gewordenen Albtraum gemacht, den ich nur noch vergessen wollte. Ich hatte Angst wieder so berührt zu werden und war sogar leicht zusammengezuckt, als June und Mia mich zur Begrüßung umarmt hatten. Auch wenn es ihnen aufgefallen sein musste, sagten sie kein Wort, worüber ich mehr als nur froh war. Aber jetzt brauchte ich wirklich etwas Ablenkung um auf andere Gedanken zu kommen. Und vor allem wollte ich diese Angst loswerden, die mich den Tag über jedes Mal befiehl, wenn mir jemand sehr nahe kam. Vielleicht war das keine gute Idee, doch ich wusste nicht, was ich sonst machen konnte, um diese verflixte Angst loszuwerden.

„Da seid ihr ja endlich!", empfingen uns Robin und Sam vor dem Club, „Wir haben schon auf euch gewartet." „Tut uns leid, wir konnten uns nicht für ein Kleid entscheiden", entschuldigte sich June für uns drei. Kurz darauf gingen wir gemeinsam nach drinnen, wo bereits die anderen mit je einem Cocktail in der Hand um einen Tisch standen. „Oho, schickes Kleid", sagte Jack und gab mir einen Klaps auf den Hintern, als er an mir vorbei zu Mia ging um sie zu begrüßen. Mit offenem Mund starrte ich ihn fassungslos an. Sein Ernst? Nachdem wir uns schließlich auch Getränke organisiert hatten und wieder alle an dem Tisch standen, fragte Sarah: „Wollt ihr erst noch ein bisschen Tanzen oder spielen wir direkt ne Runde?" „Da wir gerade alle noch was zu trinken haben, würde ich sagen, fangen wir direkt an und spielen eine Runde. Danach können wir noch immer eine Pause machen und eine Runde tanzen", schlug Jack sofort mit einem hinterlistigen Grinsen vor. Das konnte ja mal was werden. Warum hatte ich ALLEN vorgeschlagen feiern zu gehen? Sein Argument war unbestreitbar und damit war die Frage dann geklärt. „Ich würde sagen, Gaya darf anfangen, immerhin war es ihre Idee heute herzukommen", sagte Robin lächelnd und reichte mir die Flasche, die bereits auf dem Tisch bereit gestanden hatte. Noch einmal atmete ich tief durch, dann drehte ich die Flasche und das Spiel begann. Die Fragen und Aufgaben waren noch ziemlich harmlos, als ich das erste Mal an die Reihe kam. „Pflicht", entschied ich und June stellte mir daraufhin die Aufgabe. Ich sollte einen ganz nett aussehenden Jungen am Nachbartisch fragen, ob er mir fünf Euro wechseln konnte. Gesagt, getan. Als ich wieder am Tisch stand, packte ich das Kleingeld in meine Tasche und das Spiel ging weiter. Einige Runden vergingen, ohne dass ich dran kam, was mir nicht einmal so unrecht war, doch dann landete die Flasche wieder auf mir. „Wahrheit oder Pflicht?", fragte mich Sarah hinterlistig grinsend. „Wahrheit", entschied ich mich vorsichtshalber. Kurz überlegte sie, bevor sie mir die Frage stellte: „Wem würdest du momentan am liebsten eine Klatschen?" Da musste ich definitiv nicht lange überlegen, aber dennoch ließ ich mir Zeit. „Ich glaube Jack", antwortete ich schließlich. „Warum machst du es dann nicht?", fragte mich daraufhin besagter. Kopfschüttelnd nahm ich mir die Flasche und drehte sie, ohne ihm eine Antwort zu geben. Wenige Minuten später landete sie erneut auf mir, doch dieses Mal hatte Jack gedreht. Na super. „Wahrheit", sagte ich, noch bevor er mir die Frage stellen konnte. „Was willst du eigentlich noch mehr Gaya? Ich kenne dich zwar noch nicht so lange, aber du hast einfach ein perfektes Leben. Du bist beliebt, eine super Schülerin soweit ich mitbekommen habe, siehst nicht mal so schlecht aus", fing er an und wurde von einem Lachanfall der restlichen Clique unterbrochen, dann sprach er weiter, „deine Eltern leben soweit ich weiß noch immer zusammen und du streitest dich kaum mit deiner kleinen Schwester. Du bist zudem auch noch reich und kannst einfach alles haben, was du willst. Die ganzen anderen Jungs liegen dir doch zu Füßen, du musst dir nur einen aussuchen. Also, was willst du noch mehr? Mich als Freund ja definitiv nicht." Das war mal einen Ansage, aber die Frage war leicht zu beantworten: Ich wollte mein altes Leben zurück. Ich wollte meine Mum wiederhaben und vor allem wollte ich, dass mein Vater wieder der Dad wird, der er früher einmal war. Aber natürlich – wie sollte es auch anders sein – sagte ich das nicht. Ich musste doch immerhin das Bild der perfekten Familie aufrechterhalten. Stattdessen zwang ich mich zu einem Lächeln, während ich nur die Schultern zuckte und mit gespielter Ernsthaftigkeit sagte: „Weiß nicht, vielleicht die neue Gucci-Handtasche, die nächste Woche rauskommen soll?" Augenblicklich brachen alle in schallendes Gelächter aus, außer June, die mich ernst musterte. Sie kannte die Wahrheit. Allerdings bemühte auch ich mich um ein leichtes echt klingendes Lachen. Nachdem sich alle wieder einigermaßen beruhigt hatten, erwiderte Jack kopfschüttelnd: „Die Frage war ernst gemeint, Gaya. Also was willst du noch mehr?" „Meine Antwort war auch ernst gemeint Jack, auch wenn du dir das vielleicht nicht vorstellen kannst", antwortete ich und verzog dabei keine Miene um mir den Schmerz, den seine Frage in meinem Herzen hinterlassen hatte, nicht anmerken zu lasse. Schnell griff ich stattdessen wieder zu der Flasche und drehte sie, bevor ich einen Schluck von meinem – alkoholfreien – Cocktail trank.

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