Verrat aus mehren Hinsichten
~Gianna~
Ich hatte wirklich zugeschnitten. Was war nur mit mir los gewesen? Noch ein bisschen mehr und er wäre tot gewesen..durch meine Hand.
Ein Schock durch zuckt mich. Ich kann töten.
Dieser Fakt ist offensichtlich, doch erst jetzt wird es mir erst richtig bewusst. Ich kann ein Mörder sein. Und so wie es aussieht, werde ich das auch.
Ich fasse nach meinem Handy. Stimmt. Wir hatten nie Nummern ausgetauscht. Mist.
Augenblicklich tue ich etwas komplett sinnloses. Ich renne nach draußen, in der Hoffnung, Iván noch zu treffen.
Zu meiner Überraschung, läuft er da. Jedoch in eine Richtung, aus der er noch nie gekommen war.
Mein Instinkt setzt sich durch und ich folge ihm, jedoch bedacht auf jeden Schritt. Es ist schrecklich, jedoch fällt mir so etwas nicht schwer. Mein Bruder hatte das oft mit mir geübt. Ebenso wie die Wachsamkeit zu jeder Zeit. Die hatte ich heute leider komplett verpasst.
Iván läuft zügig. Die Lampen tauchen in abwechselnd in Licht und Dunkelheit.
Es ist ein recht ungewöhnlicher Weg. Ständig biegt er um Ecken und läuft an anderen Stellen wieder in die Richtung, aus der wir gerade kamen.
Meine Augen weiden sich, als ich realisiere. Er hatte mich bemerkt.
Bei der nächsten Ecke lasse ich mich zurückfallen. Nach einigen Sekunden drehe ich mich, und sehe ihn gerade abbiegen. Dieses Prinzip muss ich noch ungefähr fünfzehn mal anwenden, bis er endlich anhält. Er bleibt einfach auf der Straße stehen. Ich ducke mich unter.
„Du warst ja sehr geheimnisvoll", höre ich eine fremde Stimme. Sie klingt rau und etwas älter. Da sehe ich auch schon einen muskulösen Mann aus einer Gasse biegen.
„Es tut mir leid. Ich konnte nichts preisgeben. Jemand hat mich verfolgt. Deswegen hat es auch gedauert. Mein Verfolger hat nicht nachgelassen. Vielleicht ein Spion", meint Iván ernst. „Verstehe. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es jemand weiß. Oder hast du uns verraten?", erwidert der Mann mit Verachtung in der Stimme. „Natürlich nicht!", schießt Iván panisch.
Dieses Gespräch ist eigentlich nicht für mich. Jedoch, wenn ich einmal hier bin.
„Was ist das für ein Schnitt an deinem Hals?", kommt von irgendwoher der Klang einer weiblichen Stimme. Plötzlich tritt auch sie ans Licht. Ein hübsches Mädchen tritt hervor. Sofort zieht sich mein Magen zusammen, als sie sich um ihren Hals wirft und Iván ihr um die Hüften fasst. Dieser Verräter!
„Vera, bitte. Ich will nichts von dir. Und das schon seid Ewigkeiten", knirscht Iván hervor und drückt sie von sich weg. Schmollend lässt sie von ihm ab. Jedoch bleibt der Schmerz.
„Von mir aus. Aber woher hast du den Schnitt. Das war extrem knapp. Noch etwas tiefer und das wär's für dich gewesen", auch in ihrer Stimme steht Verachtung. „Genau deswegen wollte ich mit euch allen reden", Iván hatte wieder seinen emotionslosen Ton zurückerlangt
Auf einmal traten einige Leute heran. Instinktiv ducke ich mich noch etwas mehr ab, auch wenn das wahrscheinlich nichts bringt. „Dann sprich", meint eine neue Stimme. „Auch schön dich zu sehen, Aaron", gibt Iván giftig zurück. Der Junge, der anscheinend Aaron heißt, meidet sofort Augenkontakt mit Iván. Dieser wendet sich von Aaron ab und den anderen zu.
„Ich habe Gianna. Wir werden sie manipulieren können, ohne dass sie es merkt. Jedoch ist sie etwas...eigen. Daher kommt der Schnitt. Sie kann gefährlich werden. Erst recht wenn wir ihren Bruder ausschalten, denn ich denke, er ist der eigentliche Täter. Doch Gianna kann nicht ohne ihn", berichtet Iván. Ich zucke zusammen. Augenblicklich pralle ich gegen irgendetwas. Ein dumpfes Geräusch ertönt. Mist. Ich bin aufgeflogen.
„Du hast deinen Verfolger nie abgeschüttelt. Bringt ihn her!", ruft der Mann. Augenblicklich merke ich, wie sich einige Personen in meine Richtung bewegen. In der Hand halten sie Messer.
Ich könnte wegrennen, nur aus irgendeinem Grund, tue ich es nicht. Die Personen sind neben mir angekommen und krallen sich meine Arme. Eine Person hält mir wie erwartet ihr spitze Klinge an die Kehle. Der Griff ist unangenehm und gefährlich.
„Bringt ihn vor", meint die Stimme des Mannes herrisch. „Ich glaube, es ist eine sie", erwidert der, der mir das Messer an den Hals drückt, während sie mich zu den anderen bringen.
Mein Blick fällt auf Iván. Er ist totenbleich und seine Augen zeugen von Angst. Ich entgegne seinem Blick mit einem äußert desinteressierten Ausdruck.
Neben ihm steht der muskulöse Mann, ich tippe mal auf den Anführer der Truppe.
Die anderen Leute sind nun näher herangekommen und umzingeln mich fast gänzlich.
„Sie hat dich verfolgt? Kennst du sie? Und wieso hast du es nicht geschafft sie abzuhängen? Sie weiß zu viel. Tötet sie", meint der Mann. Augenblicklich merke ich, wie sich das Messe stärker in meine Haut einschneidet.
„STOP!", schreit Iván entsetzt. Die Klinge bleibt da, wo sie ist, jedoch schneidet sie sich nicht noch tiefer ein. „Was ist los?", brummt der Anführer unzufrieden. „Ihr könnt sie nicht töten. Bitte Polo, sie ist wichtig", antwortet er flehend. Anscheinend heißt der Mann Polo.
„Und wer ist das?", fragt Aaron, der nun ebenfalls seine Dreistigkeit wiedererworben hat. „Das ist", Iván stockt. Seufzend spricht er weiter: „Das ist Gianna."
Es fühlt sich an, als würden alle gleichzeitig die Luft anhalten. Ein Schauer läuft langsam über meinen Rücken. „Das ist sie? Du hast recht. Sie ist wahnsinnig kompliziert. Weißt du was? Wir brauchen sie nicht!", erwidert das Mädchen. Wie hieß sie gleich, ach ja, Vera. „Oh doch! Wir brauchen sie! Sie hat Informationen, die wir anders nicht bekommen", gibt Iván giftig zurück.
„Aber jetzt wo sie alles weiß, wird sie uns niemals helfen", mischt sich der Kerl mit der Klinge ein. „Wahrscheinlich nicht, wenn ihr mit einer falschen Bewegung ihr Leben beenden könntet. Nimm endlich das Messer weg!", faucht Iván böse. Der Typ zögert, entscheidet sich dennoch, mich freizugeben.
„Ich würde gerne mit ihr allein sprechen", wendet er sich an Polo. „Vergiss es. Lass mich raten, dem Schnitt hast du von ihr?", erwidert dieser und mustert ihn verachtend. Iván erwidert nichts, was mehr als genug sagt. „Dachte ich mir. Du kannst dich nicht gegen sie wehren. Du bist zu weich, wenn es um Gianna geht", schlussfolgert er.
Iván sieht eingeschnappt zur Seite. Sein Blick schweift zu mir. Er mustert mich unschlüssig. Das Messer an meiner Kehle ist verschwunden, doch meine Arme sind weiterhin beschlagnahmt.
Er sieht wieder in Polos Gesicht, diesmal deutlich sicherer. „Du hast recht. Ich kann ihr nicht wehtun. Jedoch bin ich der einzige, dem sie vertraut", meint er fest. Das mit dem Vertrauen glaubt auch nur er.
Die beiden messen sich mit Blicken, doch Polo gibt relativ schnell nach. Er nickt nur kurz und deutet seinen Leuten, dass sie mich loslassen können. Iván wendet sich von Polo ab und läuft auf mich zu. Die Leute hinter mir lassen von meinen Armen ab. Schmerzerfüllt reibe ich über meine Arme. Ziemlich fester Händedruck.
Erst jetzt wage ich, mir sachte über die Schnittstelle zu streichen. Es hatte geblutet. Wer auch immer das war, hatte wirklich Ahnung von dem, was er tat. Es war eine Sache von Genauigkeit, dass er mich nicht getötet hatte. Ich war bei Weitem nicht so talentiert, jedoch hatte ich bei Iván Glück gehabt.
Er steht direkt vor mir und beugt sich zu mir runter. „Mir zu folgen, war wirklich die dümmste Entscheidung, die du je getroffen hast", flüstert er mir ins Ohr, bedacht darauf, dass nur ich es hören kann.
Sofort richtet er sich wieder auf. Mit einem leichten Nicken, deutet er mir, ihm zu folgen. Ich setze mich in Bewegung und hefte mich a seine Fersen. In meinem Nacken spüre ich jedoch weiterhin funkelnde Blicke, die nur darauf warten, dass sie mir die Kehle durchschneiden können.
Wir laufen noch eine Weile, bis wir außer Reichweite der anderen sind. Dennoch spüre ich eine Präsenz in der Nähe. „Verschwinde Vera", ruft Iván ermüdet. „Ich lasse dich nicht allein mit ihr", erwidert sie. Mich hatte sie dabei abwertend mit Blicken gelyncht. „Oh doch das wirst du", schießt er nun deutlich schneidender zurück.
Ich erstarre, als ich seinen Arm sehe. Er zeigt direkt in Veras Richtung. In seiner Hand hält er eine Pistole.
Auch Vera scheint geschockt von Iváns Reaktion. „Du Verräter!", kreischt sie panisch. „Ich werde einfach dafür sorgen, dass ich mit Gianna allein rede. Und das mit allen Mitteln", faucht er.
Vera tritt einige Schritte rückwärts, weiterhin auf die Pistole konzentriert. Schließlich dreht sie ab und rennt fort.
„Ich glaube, du hast übertrieben", meine ich nach einer kurzen Stille. „Ach ja?", bekomme ich zurück, während er weiterhin die Pistole in die Richtung hält, „Du bist dabei, mein Leben zu zerstören. Und das will ich dir nicht vor den anderen erklären müssen." „Was? Ich habe doch nichts gemacht. Tut mir schrecklich leid, dass deine sozialen Verhältnisse äußerst kompliziert sind", entgegne ich entsetzt. „Ja. Sie sind kompliziert. Mein komplettes Leben ist kompliziert. Und dann bist da noch du", meint er angespannt.
Ich bekomme Angst, denn nun richtet er die Waffe direkt auf mich. Mein Herzschlag beschleunigt sich und Schweiß läuft mir über den Rücken. Mein kompletter Körper spannt sich so sehr an, dass es beinahe weh tut.
„Du machst es mir nicht leicht, Gianna", haucht er mir schneidend zu. Sein Blick ist nun deutlich wacher und seine Augen sind mittlerweile deutlich schmaler, „Das leichteste wäre wahrscheinlich, dich hier und jetzt zu töten. Ich müsste mich nicht mal anstrengen", ergänzt er. Ich spüre, wie ich erbleiche. Mein Atem geht deutlich schneller und meine Augen weiten sich. Es ist, als würde sich mein ganzer Körper aus seinen Hemmungen lösen.
„Ich sollte dich hier und jetzt töten", haucht er, „Aber ich kann es nicht."
Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top