Keine Konzentration für Verzweiflung übrig
Warum? Warum weiß dieser Typ soviel über mich? Ich habe tatsächlich Sehnsucht nach seiner Anwesenheit, nach seiner Stimme und nach seiner Art allgemein. Es ist, als hätte er mein Herz in seiner Hand und zieht es zu sich.
Nein. Dieser Typ ist nicht gut für mich. Er ist ein schlimmer Mensch. Wahrscheinlich ist er nur auf das eine aus. Ich kann mich doch nicht mit so jemandem abgeben!
Mein Handy klingelt. „Willst du auch noch kommen, oder was wird das hier?", drängelt Zoe. „Ich bin fertig! Warte", entgegne ich und tippe auf das rote Telefon.
„Hast du dich also doch noch aus dem Bett begeben", sie wirft mir ziemlich was vor. Ich bin doch pünktlich!
Gemeinsam laufen wir zur Schule. Mein Vater hätte mir zwar am liebsten Hausunterricht verpasst, aber ich habe mich dagegen gewehrt. Ich will nicht noch länger alleine zuhause sitzen, als sowieso schon. Außerdem besitze auch ich eine Schulpflicht. Er hatte schnell nachgegeben, schließlich ist es ihm regelrecht egal, was mit mir passiert. Er kümmert sich nur um meinen Bruder. Alessio soll in seine Fußstapfen treten, was mit mir passiert ist ihm egal. Auch heute hat er ihn mit auf Arbeit genommen. Mich sieht er nur als seine junge Tochter. Ich kann nichts und bin für nichts zu gebrauchen, zumindest nach seiner Meinung.
Unsere Schule ist recht groß. Sie ist relativ modern. Was die Lehrer angeht, ist es ziemlich durchwachsen. Wir haben durchaus viele junge Lehrer, nur dass ich die nicht abbekommen habe. Wir haben tatsächlich nur eine junge Lehrerin und sonst alle alten Lehrer, die die Schule zu bieten hat. Damit sind wir aber auch die einzige Klasse. Hoffentlich gehen die meisten bald in Rente.
Miss Johnson, eine Lehrerin aus England, ist die einzige junge Lehrerin, die wir im Unterricht haben. Ach und Überraschung, wir haben sie in Englisch. Leider hat sie einen starken britischen Akzent. Abgesehen davon, ist sie beste Lehrerin auf dieser Schule.
Heute steht Englisch in den ersten 2 Stunden auf dem Plan. Danach Mathe, Biologie und Chemie. Heute ist ein langer Tag. Ich habe schon wieder richtig Lust darauf.
„Okay, Gianna, could you please answer my question?", spricht mich Miss Johnson an. „I don't know the answer, I'm sorry", versuche ich mich raus zu reden. Ehrlich gesagt hatte ich nicht einmal zugehört. Mein Kopf ist bei jemandem anderen.
„Oh no no no, I think, you know the answer. But I think, you haven't listened, have you?", sie lässt nicht locker. Betroffen nicke ich. Rausreden kann ich mich nun auch nicht mehr. „Another time and you know, what happens!", verwarnt sie mich. Miss Johnson ist eigentlich nett, nur Ihr Geduldsfaden ist nicht vorhanden. Jeder, der auch nur 2 mal nicht zuhört, bekommt einen Punkt. Diese Punkte verschlechtern die Zensur. Das heißt, bei 20 Punkten bekommt die schlechteste Note, die sie geben kann. Somit zieht es unsere Zensur ziemlich nach unten.
„Okay, does anybody know the answer?", wendet sie sich von mir ab. Endlich. Meine Konzentration ist heute gleich null. Der Tag heute kann lustig werden. Ich kann nur noch an Iván denken. Einerseits schlägt mein Herz komplett für ihn, andererseits scheint er schlecht zu sein.
Okay, Englisch liegt hinter mir. Jetzt kommt die Schlacht. Es folgt Mathe. Ich meine, er will aus [x•y+(z-k)]:5 herausfinden, dass x gleich 3 ist. Mathe hat mir schon Depressionen beschert, als es noch aus Zahlen bestand. Mittlerweile besitzt es mehr Buchstaben als der Deutschunterricht. Tut mir leid, aber sehe ich so aus, als habe ich vor Albert Zweistein zu werden?
Ich setze einen Fuß in das Klassenzimmer und will sofort wieder umkehren. Mein Lehrer steht schon dort. Er sieht sich um, ob schon alle hier sind. Dann sagt er: „So, meine liebe Klasse! Ich habe etwas für euch vorbereitet. Bitte beschriftet schon mal ein Blatt mit Name, Klasse und Datum. Die Bücher könnt ihr gleich in eurer Tasche lassen." Das ist ein Scherz. Bitte!! Ich will noch nicht sterben!
Mein Lehrer weiß, dass ich Mathe hasse und wirft mir ein schadenfrohes Grinsen zu. Ich tue so, als hätte ich es nicht gesehen und krame meine Sachen aus dem Ranzen. Die letzte Arbeit war ziemlich schlecht für mich ausgefallen, diesmal muss es klappen! Sonst kann ich meine Zensur vergessen.
„Dreht die Blätter jetzt um!", kündigt mein Lehrer um und zeigt auf die Uhr. Ausgerechnet heute habe ich meine Gedanken nicht unter Kontrolle! Das wird eine Katastrophe. Ich verstehe mich einmal die Fragen! Das war's.
Endlich. Ich kann die Stundenklingel hören. Die Stunde ist vorbei und ich lebe noch!! Naja, zumindest bis wir die Arbeit zurückbekommen.
Die letzten Stunden verlaufen entspannt. Zuhören, aufschreiben, zuschauen, wiedergeben. Keine Noten und ich werde auch nicht aufgerufen.
„Das war heute mal wieder ein anstrengender Tag, oder", meint Zoe, nachdem wir die Schule verlassen haben. „Es war okay", erwidere ich abwechselnd. „Ja schon, schließlich hast du die Chemiearbeit nicht wahrgenommen", Zoe wirft mir einen fragenden Blick zu. „Ja stimmt... WARTE WAS?!", ich bin wieder komplett in der Realität. „Schön, dass du wieder wach bist!", freut sie sich. Aha, sie hatte getestet ob ich zuhöre.
„Tut mir leid. Ich war mit meinen Gedanken wo anders", entschuldige ich mich. „Darf ich fragen wo?", Zoe ist die neugierigste Person, die ich kenne. „Naja, die bessere Frage ist wahrscheinlich bei wem", erwidere ich verlegen. „Meinst du etwa Iván?", fragt sie skeptisch. Ich nicke. Mein Blick ist auf den Boden gerichtet.
„Dieser Typ! Wenn ich den noch einmal sehe, ist er tot!", meint Zoe verbittert. Verwirrt blicke ich sie an. Was hat sie denn jetzt für Probleme?
„Er hat dich traumatisiert. Das wird er büßen!", Zoe scheint wirklich wütend zu sein. „Nein! Du verstehst das falsch. Ich kann nur noch an ihn denken. Ich glaube, ich habe Sehnsucht", erkläre ich ihr verlegen. Diese Situation ist schon etwas peinlich.
„Oh verstehe! Wenn das so ist, werde ich ihm natürlich nichts tun. Aber Gianna, du weißt schon, dass er böse Absichten haben könnte", belehrt sie mich nun glücklicher. Betroffen nicke ich. Ja, ich weiß. Und dieser Gedanke tut weh. Ziemlich weh.
Zuhause angekommen, werfe ich mich auf mein Bett und schließe die Augen. Vor meinem inneren Auge sehe ich seine blauen Augen, dann verschwindet plötzlich auch das und der tiefe Schlaf ist das einzige, was übrig bleibt.
Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top