Das große Geschäft
~Gianna~
Mein Bruder tritt wieder ein. Ich kann seinen Gesichtsausdruck nicht wirklich deuten. Er war rausgegangen, um sich richtig von Iván zu verabschieden. Warum habe ich dennoch das Gefühl, dass verabschieden nicht das richtige Wort ist?
„Hat Iván irgendwas gesagt oder habt ihr euch wirklich nur verabschiedet?", meine ich zu Alessio. „Wir haben uns nur verabschiedet. Ehrlich. Wir sind richtig gut miteinander", kommt es zurück, „Aber ich glaube ich gehe jetzt wirklich mal ins Bett. Du solltest auch ins Bett gehen, Schlafmütze. Morgen kommst du schließlich mit." „Was?!", erwidere ich überfordert. Mein Vater würde mich niemals mitnehmen.
„Iván hat anscheinend einen guten Eindruck gemacht. Papa denkt, dass du vielleicht doch nicht so nutzlos bist", erklärt Alessio. Ja, das klingt nach meinem Vater.
Mein Bruder deutet mir, endlich mal aus dem Knick zu kommen und mich Bett fertig zu machen.
Ich watschle ins Bad und mache mich fertig. Geduscht und in bequemen Schlafklamotten werde ich mich in mein Bett. Wow, mein Vater will mich wirklich dabei haben. Mich.
Mit diesen Gedanken schlafe ich ein. Das war wirklich der beste Tag meines Lebens. Das letzte, was ich vor meinem inneren Auge sehen, sind diese kalten blauen Augen.
Mein Wecker klingelt. Heute wird mich mein Vater mitnehmen. Endlich. Bis jetzt hat er mir in meiner Loyalität nicht vertraut. Dass er mich nicht respektiert ist, glaube ich, nicht der Rede wert.
Ich mache mich fertig. Meine Augen fallen auf ein schickes schwarzes Kleid. Es liegt sehr eng an und ist mit einem Kragen geschmückt. Ich hoffe ihm gefällt das. Das ist womöglich die einzige Chance, Respekt von meinem Vater zu bekommen.
Ich trete nach unten. Mein Vater ist bereits herausgeputzt und auch mein Bruder sieht ausgesprochen gut aus.
„Denk dran, Gianna. Alles was du siehst und hörst, bleibt dort. Falls nicht, wird das große Konsequenzen haben!", ermahnt mich mein Vater bevor wir in das Auto steigen.
Wir fahren viele Abzweigungen und durch viele Tunnel. Das hier ist extrem geheim.
„Du erzählst niemandem was! Wehe! Es ist schon schlimm genug, dass sie wissen wer du bist. Mehr darf es nicht werden!", regt sich mein Vater auf. Toll. Da wäre ich niemals drauf gekommen. „Es wissen auch nur meine besten Freunde und Iván. Ihnen vertraue ich", erwidere ich murmelnd. „Wann hast du es eigentlich Iván erzählt?", kommt es skeptisch zurück.
Ich überlege. Eigentlich nie. Er war von selbst drauf gekommen, aber wie?
„Ich habe es ihm nicht erzählt. Ehrlich. Er kam zu mir und hat es einfach gesagt. Woher er das wusste, keine Ahnung", beichte ich meinem Vater. Er verliert sich in ein Schweigen. Ich blicke ihn abwartend an, doch er sagt kein Wort.
Nach kurzem Zögern meint er endlich: „Ich verbiete dir den Umgang mit diesem Jungen." „Dein Ernst? Das ist ein Witz, oder?", erwidere ich aufgebracht. Mein Bruder legt mir die Hand auf die Schulter und sieht mich alarmiert an. „So redest du nicht mit mir, Gianna!", schimpft mein Vater. „Ach ja? Und warum nicht? Du tust es doch schließlich auch!", meine Worte schmerzen schon, nachdem ich sie ausgesprochen habe. Nein, nein, nein. Was habe ich getan?
„Du kommst jetzt mit. Aber noch einmal passiert das nicht. Und wenn ich dich noch einmal mit diesem Jungen sehe, werde ich die Strafe heran suchen, die du erleiden musst, dafür, dass du deine Identität preisgegeben hast", dringt mein Vater mir passiv aggressiv ein. Ein Schauer überläuft mich. Er würde mich wirklich bestrafen? Seine Tochter? Oder bin ich das in seinen Augen überhaupt nicht?
Die Autofahrt war lang, doch endlich sind wir am Ziel. Die restliche Zeit hatten wir nicht mit einander geredet. Dennoch muss er mich jetzt ertragen, ob er will oder nicht.
Wir verschwinden in ein eigenartiges Gebäude. Viele Gruppen sind dort versammelt. Ein Mann geleitet uns in einen Raum, welcher anscheinend der Kontrollraum sein sollte. Man kann es sich nicht wie einen Kontrollraum in der Leitzentrale vorstellen, doch anscheinend ist dieser Raum relativ wichtig.
Von dort aus verschwindet mein Vater. Alessio und ich bleiben hier, doch sich umsehen hat keiner verboten. Es ist relativ dunkel, klar, alles, was auffällig ist, wird sofort verändert. Das alles muss geheim bleiben, schließlich ist nicht alles so legal hier. Betrug und Morde gehören leider in das Leben, in das ich hinein geboren wurde. Wie gern würde ich so leben können, wie Zoe.
Eine Frau erscheint bei uns. Sie flüstert meinem Bruder etwas zu und mustert mich skeptisch. Ja, meine Güte, vielleicht wirke ich nicht wirklich loyal und passe nicht hier her. Das habe ich bereits gemerkt, du brauchst es mir nicht auch noch unter die Nase reiben.
Mein Bruder nickt und die Frau winkt uns, ihr zu folgen. Wir laufen eigenartige Gänge entlang und viele Menschen kommen uns entgegen. Ich bekomme leider nur skeptische Blicke zurück. Alles, was neu ist, ist böse, oder was?
Selbst hier, ist alles top secret. Natürlich, jeder, der hier etwas sieht oder hört, muss es für sich behalten. Jeglicher Verrat wird bestraft, im schlimmsten Fall sogar mit dem Tod. Es gibt gewisse Regeln und an die muss sich jeder halten, ausnahmslos.
Die Mafia ist eine „Gang". Das klingt jetzt vielleicht etwas unpassend, dafür, dass dieses Geschäft so gut systematisiert ist, aber an sich ist sie genau das. Sie verdient ihr Geld mit illegalen Geschäften und Schutzgeldern. Genau so etwas macht eine Gang aus. Und falls eine andere Gang - die Mafia sollte man vielleicht nicht herausfordern - dieser hier gefährlich kommt, wird es oft ziemlich unschön.
Es ist ein komplexes System und so richtig bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich hier dazu gehören möchte. Falls ich mich entscheide, gibt es nur schwer noch einen Ausweg, ohne zu bluten.
Ich sehe meinen Bruder von der Seite an. Sein Gesichtsausdruck ist ernst. Dennoch erkenne ich ein Zeichen von Freude in seinen Augen. Ein Schauer überläuft mich. Er freut sich? Worüber? Wir sind Mörder und Halsabschneider! Und er findet das amüsant? Ich hoffe er meint das nicht ernst!
Ein zwiespältiges Gefühl macht sich in mir breit. Ich wollte dieses Leben nie. Das ist falsch. Es ist alles falsch. Dennoch kann ich meinem Schicksal nicht entkommen. Ich bin ein Teil hiervon. Egal was ich versuche, es wird sich nichts ändern.
Es scheint, als würde mich jemand wach rütteln. Die Gänge, mein Bruder. Es dreht sich alles. Mein Schritt verlangsamt sich. Mein Bruder und die Frau biegen in einen Raum ab. Ein Mann sitzt dort und flüstert aufgebracht auf Alessio ein. Ich begebe mich ebenfalls dahinein, doch ich höre nicht zu.
Hier komme ich nicht mehr raus. Aber dennoch muss ich hier weg. Es ist falsch, hier zu bleiben und alles passieren zu lassen. Gerade jetzt geht es irgendwelchen Menschen schlecht wegen uns. Und ich sehe über sie hinweg. Nein. So darf es nicht enden.
Nach ein paar Minuten verlassen wir den Raum wieder. Alessio sagt etwas zu der Frau. Dann verschwindet er.
Die Frau deutet mir, ihr zu folgen. „Ihr Bruder bat mich, sie jetzt nach Hause zu bringen", meint sie fest zu mir. Ich bin weiterhin in einer Art Trance, dennoch darf ich jetzt nicht auffallen. Es wäre gefährlich für mich, falls jemand meinen Widerstand mitbekommt.
Wir verlassen das Gebäude und ich setze mich in das Auto. Die Frau fährt los und bringt mich nach Hause.
Ich steige aus und blicke auf das riesige Haus. Es ist bezahlt wurden, von illegalem Geld. Mit dem Moment dreht sich alles. Ich blicke plötzlich ganz anders auf das alles hier. Nein, ich kann nicht entkommen, aber ich kann einen Entschluss fassen. Ich kann mein Schicksal ändern, dennoch riskiere ich mein Leben.
Ich muss es an die Spitze der Mafia schaffen. Ich muss sie von innen heraus zerstören.
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