Alessios fremde Seite
~Gianna~
Erst jetzt wird mir klar, was vorgefallen ist. Ich wollte mich umbringen und wäre die Pistole geladen gewesen, hätte ich das auch geschafft.
Im selben Moment, in dem Mein Fuß die Türschwelle überschreitet, weicht meine Kraft. Augenblicklich finde ich mich auf dem Boden wieder. Ich lehne mich an den Rahmen und eine einzige Träne rollt mir über die Wange.
Was ist heute eigentlich passiert? Viel zu viel. Doch allem voran, ein versuchter Selbstmord und den Verlust Iváns.
Iván. Er liebt mich weiterhin, sonst hätte er mich umgebracht. Aber ich habe ihn verjagt. Was wenn er sich sogar diese Vera krallt? Für sie sind die Ereignisse heute bestimmt eine willkommene Gelegenheit. Sie liebt ihn und würde mich notfalls töten, da bin ich mir sicher. Wenn sie ihn jetzt so einfach bekommt, sterbe ich.
Nein! Ich kann das nicht drauf ankommen lassen. Selbst wenn die Chance, dass es passiert, ziemlich gering ist, besteht sie dennoch.
Ich Stämme mich auf meine Beine und will sofort wieder das Haus verlassen, da packt mich eine Hand am Arm. Irritiert wende ich mich der Person hinter mir zu. „Gianna! Wo warst du?", flüstert mir mein Bruder nervös zu. „Ich war draußen." „Wo genau?" „Was sollen die ganzen Fragen? Ich war draußen, der Rest ist meine Sache", unterbreche ich die plötzliche Frage-Antwort-Runde. „Du warst bei Iván, richtig?", schlussfolgert er. Gut, ich muss zugeben, dass das doch relativ naheliegend ist.
„Und wenn schon. Es gab Komplikationen zwischen ihm und mir", murmle ich und senke mein Haupt. „Wo ist der Kerl?", brummt mein Bruder und Hass und Verachtung mischt sich in seine Augen. „Bei seiner Familie. Er ist seit unserer...Meinungsverschiedenheit...nicht von fortgegangen. Zumindest nehme ich das an", erkläre ich möglichst ruhig. Wenn ich jetzt etwas verrate, hat Iván ein anderes Problem als mich. Mein Bruder wird sich über jede Information freuen und mit ihm die ganze Mafia. Eine so einfach Möglichkeit Rebellen zu beseitigen, wird ausgenutzt.
Die Fassade meines Bruders verändert sich schlagartig. Jegliche Wut entgleitet ihm. Ein böses Lachen erklingt in seiner Kehle. Es wird mit jeder Sekunde lauter und herzhafter. Bis er mich endlich mit einem feurigen Blick fixiert.
„Schwesterherz, wie wäre es, wenn du zu ihm gehst und das Problem beseitigst?" „Ehm, nach der Aktion gerade? Als ob ich dir glaube, dass du nichts im Schilde führst." „Ach komm! An sich hast nicht einmal eine Wahl." Sein Grinsen wird breiter und gruseliger. „Was meinst du damit?", frage ich vorsichtig. Es ist ganz sicher nichts, was mir gefällt. „Ich kenne noch einen Typen, der sich an dir erfreut. Wenn er erfährt, dass du nun keinen Kontakt zu Iván hast, bist du ihm ausgeliefert. Und er wird dich ganz sicher nicht zu einem romantischen Dinner überrede wollen", erläutert mir Alessio.
Meine Augen weiten sich. „Das würdest du nicht-" „Oh doch, das würde ich. Also entweder Iván bekommt Stress oder es wird für dich unangenehm", mustert er mich nun wartend, „Ich gebe dir bis morgen Zeit. Entweder du entscheidest dich, ihn doch auszuliefern, oder Luca kommt morgen zu Besuch. Er ist übrigens wütend auf Iván, was er dir ganz sicher zeigen wird."
Ich starre meinen Bruder verzweifelt an. Doch dieser scheint sich prächtig über meine Reaktion zu amüsieren. „Wie kannst du mir mur so etwas antun?", hauche ich ihm entgegen. Alessio setzt zu einer Antwort an, wird aber abrupt von Schritten hinter ihm unterbrochen. „Ah, Gianna. Du bist also doch noch zu uns gestoßen", stichelt mein Vater. „Sie war mit Zoe unterwegs", antwortet mein Bruder an meiner Stelle. Irritiert blicke ich ihn an, doch er fixiert meinen Vater. „Alles gut. Sie war bei Zoe, nicht bei Iván", ergänzt er. Wow, seine Mimik und Gestik verraten überhaupt nichts. Auch seine Stimme bleibt monoton und fest. Dieser Typ ist ein gefährlich guter Lügner.
„Fein. Gianna, Iván ist kein guter Umgang für dich. Wehe, ich sehe dich in seiner Gegenwart", wendet er sich nun mir zu. Wow, als ob du dich jemals um mein bestes sorgen würdest, kommt es mir in den Sinn. Ich nicke nur brav und lächle ihm entgegen. Dieser nickt nur und wendet sich an Alessio. „Du bist für sie verantwortlich. Ich zähle auf dich", ermahnt er ihn. „Ja, Papa. Ich passe auf sie auf", erwidert mein Bruder. „Nun gut. Ich sollte meine Zeit nicht weiter mit euch vergeuden. Gute Nacht", sagt mein Vater und dreht sich auf dem Absatz. Wenige Sekunden später ist jeglicher Ton von ihm verklungen.
„Gianna, hast du dich bereits entschieden? Es wäre äußerst praktisch für dich. Falls du nicht selbst hingehen willst, kannst du mir auch einfach den Ort sagen." „Lass gut sein. Ich kenne dich Alessio. Du würdest mir nie etwas schreckliches antun. Also lass die leeren Drohungen. Davon hatte ich heute schon genug", erwidere ich murmelnd. „Stimmt. Ich könnte nie etwas der gleichen antun. Jedoch kann Luca das schon." Das Grinsen kehrt auf sein Gesicht zurück. Erneut gefriert das Blut in meinen Adern.
„Bitte lass mich wenigstens für den Abend in Ruhe. Ich kann gerade nicht klar denken. Ich flehe dich an. Alles was ich will, ist diesem Tag abzuschließen. Tu mir wenigstens diesen einen Gefallen!", flehe ich meinen Bruder an. „Von mir aus. Ich hab dich sowieso schon", erwidert er und lässt mich endlich ordentlich eintreten. Kurz hinter der Schwelle ist nicht mein Lieblingsplatz.
„Gute Nacht Gianna", faucht er leise und dreht sich mit einem Grinsen von mir weg. Was war das gerade? Das war nicht Alessio. Mein Bruder würde mir nie etwas der gleichen antun. Andererseits lebt er für seine Ziele und nutzt jede Chance. Das würde irgendwie zu ihm passen, jedoch hätte ich nie gedacht, dass er mich einmal aufs Korn nimmt.
Luca. Nein, nein bitte nicht! Das ist schrecklich! Der hat nur eines im Sinn und ohne Iván läuft das so wie beim letzten Mal. Aber ich kann Iván nicht ausliefern. Mein Bruder würde ihm nicht nur eine Schelle geben und das war's. Er würde ihn und seine komplette Familie töten lassen. Und deren Blut würde an meinen Händen kleben.
Eine Gänsehaut überzieht meinen Körper bei diesem Gedanken. Nein. Die Wahl ist ich oder sie. Um ihr Leben zu bewahren, muss ich meinen Kopf hinhalten. Auch wenn das meinen Untergang bedeutet.
Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top