8.
„Das ist deine Schuld."
Der leichte Geruch nach Zitronenbonbons, den ihr frisch gewaschenes Haar verströmte, stieg ihm in die Nase. Er war ihr so nah, dass er fast schon spüren konnte, wie sie zitterte. Was für eine Angst sie vor ihm hatte! Dabei war doch das Letzte, was er wollte, dass sie sich vor ihm fürchtete. Immerhin hatte sie ihn von seinem Geisterdasein befreit und ihm die Möglichkeit gegeben, noch einmal ein völlig neues Leben zu beginnen. In dieser faszinierenden Zeit in der alles so neu für ihn war...
Aber dieses Gefühl der Wut, welches so plötzlich in ihm hochgekocht war, als sie ihm sagte, er könne nicht gehen, hatte ihn vollkommen im Griff. Er konnte nur noch daran denken, wie lange er in diesem fürchterlich dunklen und muffigen Keller sein Dasein hatte fristen müssen. Allein. Und dann auch noch das Wissen, dass er eigentlich tot sein müsste, im Alter von gerade einmal fünfunddreißig Jahren gestorben war! Es war einfach alles zu viel.
Ihr ersticktes Schluchzen drang an sein Ohr und holte ihn ins Hier und Jetzt zurück. Nun gesellte sich auch noch das schlechte Gewissen zu seiner ohnehin schon schlechten Stimmung und nagte an ihm. Er hielt es keine Sekunde länger hier drin aus. Er musste weg.
Er richtete sich auf, drehte sich auf dem Absatz um und stürmte zur Tür. „Thomas...", rief sie ihm verzweifelt hinterher, aber er ignorierte es. Die Tür hinter ihm war mit einem lauten Knall ins Schloss gefallen und mit schnellen Schritten lief er durch die Flure der kleinen Pension geradewegs am Empfang vorbei und hinaus.
Abrupt blieb er mitten auf der Straße stehen und blickte sich um. Es hatte begonnen zu schneien und der Wind, der seit dem Morgen kaum nachgelassen hatte, machte daraus ein wildes, weißes Treiben, welches es ihm unmöglich machte, seine Umgebung zu betrachten. Seine Sicht reichte gerade einmal ein paar Meter weit. Keine Menschenseele war zu sehen.
Fröstelnd schlang er die langen Arme um seinen Oberkörper - bemerkte, dass er ohne Mantel in dieser Eiseskälte stand - und lief los, ohne auf seinen Weg zu achten. Hauptsache weg. Er brauchte Abstand und Zeit für sich, um einen klaren Kopf zu bekommen. Viel zu viele Gedanken brachen über ihn herein und vernebelten sein Urteilsvermögen. Was sollte er sonst tun? Zurück zu der großen Rothaarigen? Wieder klangen ihm die erstickten Laute im Ohr, die sie ausgestoßen hatte, sah ihren verängstigten Blick, als er wutentbrannt auf sie zugeschossen war vor, sich. Nein, sie würde ihn garantiert nicht wieder in ihre Nähe lassen. Oder? Ausgeschlossen. Er konnte ihr ja nicht mal unter die Augen treten. Zumindest im Moment nicht...
~
Er konnte nicht mit Gewissheit sagen, wie lange er gelaufen war. Fand sich irgendwann in einer Art Park vor einem kleinen Teich wieder, der unter einer dicken Eisschicht lag. Dicke weiße Flocken klatschten ihm ins Gesicht, sein dunkles Haar hing ihm in nassen Strähnen in die Stirn und der Stoff seiner neuen, eigenwilligen Kleidung klebte klamm an seinem sehnigen Körper und seine Schuhe waren vollständig durchnässt. Aber er bemerkte es kaum.
Wie in Trance stand er da und starrte auf die weiße Fläche - vor seinem geistigen Auge Edith, wie sie in ihrem viel zu dünnen, mit roter Tonerde und Blut beschmierten Nachtgewand im Schnee vor ihm stand und ihre Hand nach ihm ausgestreckt hatte. Sie an sein Gesicht hatte legen wollen. Er konnte sich auch nach so langer Zeit noch an ihren Blick erinnern, mit dem sie ihn bedacht hatte - so voller Schmerz und Bedauern - jedoch nicht an ihre letzte Berührung. Warum konnte er es nicht?
Mit einem verzweifelten Seufzen ließ er sich auf die mit Schnee bedeckte Bank hinter sich fallen, den Oberkörper nach vorn gebeugt und vergrub das Gesicht in seinen Händen. Edith...
Was hatte er ihr nur Schreckliches angetan... doch als er bemerkt hatte, dass er tatsächlich Gefühle für sie entwickelt hatte, war es bereits zu spät gewesen.
Mit fahrigen Händen rieb er sich über das Gesicht, versuchte, die Gedanken an all den Schmerz und das Leid, welches er ihr und auch den anderen Frauen zugefügt hatte, weit von sich zu schieben. Er richtete sich etwas auf, lehnte sich nach hinten, bis er auf einen Widerstand traf, der es ihm kalt den Rücken hinunterlaufen ließ und hob seinen Blick nach oben gen Himmel. Dicke graue Wolken hatten sich zusammengezogen und schlossen nun die Sonne und ihre, trotz des eisigen Windes, wärmenden Strahlen aus, nicht das kleinste Bisschen Blau war mehr zu sehen. Geistesabwesend glitt seine Hand in die vordere Tasche seiner Hose, ertastete den kleinen Gegenstand darin und zog ihn heraus. Er legte die Finger beider Hände daran und betrachtete das kleine, grün und violett schimmernde Döschen aus Metall nun eingehend. Dass so ein winziges Ding doch solch eine ungeheure Wirkung haben konnte.
Immer wieder drehte er es hin und her, besah es sich von allen Seiten ganz genau und strich dann, tief in seinen Gedanken verloren, mit der Spitze seines Zeigefingers die eingravierten Buchstaben auf dem Deckel nach. S.v.V. war dort in verschnörkelten Lettern zu lesen. Suki... Was wollte diese Frau nur von ihm?
Seine Gedanken schweiften zum heutigen Morgen, als sie ihm, als wäre es völlig selbstverständlich und das Normalste der Welt, ihren Mantel hingehalten hatte, obwohl es fürchterlich kalt dort draußen gewesen war und sie selbst nur ein Kleid getragen hatte. Während sie in diesem neuartigen, motorisierten Gefährt gesessen hatten, hatte er den kleinen Metallbehälter - an den er sich dunkel, wie aus einem Traum erinnern konnte - in einer der Taschen ertastet und später an sich genommen, als sie im Bad verschwunden war. Offenbar hatte sie vergessen, dass sie ihn in den Mantel gesteckt hatte, denn bis er aus ihrem Zimmer gestürmt war, hatte sie darüber nicht ein Wort mehr verloren.
Vorsichtig schraubte er die Dose auf und blickte hinein. Der Inhalt musste auf jemanden, der nicht wusste, um was es sich handelte und was man damit anstellen konnte, vollkommen nichtig und unscheinbar wirken, doch ihm schickte der Anblick eine Gänsehaut über den Körper und ließ ihn mehr frösteln, als die nasse Kleidung die er trug und der eisige Wind, der ihm um die Ohren heulte. Dieses kleine Döschen mit dem Rest an rostbraunen Überbleibseln seines eignen Blutes konnte über sein Schicksal entscheiden, sollte es in falsche Hände geraten.
War es Suki, an die er bei dieser Überlegung dachte? Sie hatte ihm doch versprochen, dass sie ihn nicht zurückschicken würde. Aber er kannte sie ja überhaupt nicht, wusste nicht, ob er ihr vertrauen konnte. Immerhin hatte er sie erst ein paar Stunden zuvor kennengelernt, diese merkwürdige Frau aus einer anderen Zeit mit dem leuchtend roten Haar.
Ja, den kleinen Behälter an sich zu nehmen, war definitiv die richtige Entscheidung gewesen, immerhin konnte er sich so frei bewegen!
Ihre Worte, als sie aus diesem seltsamen Buch vorgelesen hatte, hallten ihm so klar im Kopf wieder, als würde sie sie gerade neben ihm aussprechen. Er war an sein Blut gebunden. Aus diesem Grund hatte er am Morgen auch nicht die Tür passieren können, als er versucht hatte ihr zu folgen. War immer wieder in Flammen aufgegangen. Seine Haut fing an zu prickeln, als er daran dachte, wie er plötzlich Feuer gefangen hatte und sich unter Schmerzen schreiend auf den Boden geworfen hatte. Er konnte förmlich das verbrannte Fleisch riechen, spürte Übelkeit in sich aufsteigen.
Wieder ließ er sich mit dem Oberkörper nach vorn fallen und stützte sich mit den Ellenbogen auf seine Knie, sog gierig die kalte Luft tief in seine Lungen.
Es wirkte, das Gefühl sich erbrechen zu müssen schwand ein wenig, gleichzeitig beruhigte er sich etwas.
Nein, er wollte an nichts und niemanden mehr gebunden sein. Viel zu lange hatte er in dem beklemmenden Griff von Allerdale Hall und vor allem seiner Schwester leben müssen. Lucille...
Der Zwiespalt besetzte ihn, als er an die großgewachsene Frau mit dem langen, dunkelbraunen Haar dachte. Tat er ihr Unrecht? Nein...
Suki hatte ihn auf dem Weg in die Stadt darüber aufgeklärt, was passiert war. Dass Lucille im Wahn, getrieben von Wut und Verzweiflung auf ihn eingestochen hatte, ihn somit seines Lebens beraubt hatte. Ihn, ihren eigenen Bruder.
Und warum? Weil er endlich erkannt hatte, dass das, was sie Leben und Liebe nannte im Grunde genommen nur eine andere Art eines Gefängnisses darstellte und weil er sich tatsächlich und wahrhaftig verliebt hatte. In eine 'andere' Frau.
Lucilles anderen Taten - und jene, die er sich selbst hatte zuschulden kommen lassen - spielten sich immer wieder vor seinem inneren Augen ab. Er konnte sich an alles erinnern, als sei es gestern erst passiert. Aber welche Wahl hatte er denn gehabt? Schließlich war sie doch die einzige Familie, die er gehabt hatte. Selbst als seine Eltern noch lebten, waren er und Lucille immer auf sich allein gestellt. Hatten immer nur einander gehabt.
Aber das konnte er unmöglich als Entschuldigung geltend machen. Zu grausam war das, was diesen Frauen durch ihn und seine Schwester widerfahren war. Wie sollte man so etwas wieder gutmachen?
Das schlechte Gewissen, das ihn plagte, ruhte nun unerträglich schwer auf seinen Schultern. Er konnte es nicht, war die einfache, jedoch niederschmetternde Antwort. Eigentlich hatte er dieses neue Leben, welches ihm die eigenwillige Deutsche geschenkt hatte, gar nicht verdient.
Vielleicht lag es ihm einfach im Blut, schoss es ihm durch den Kopf. Vielleicht konnte er gar nicht anders, als andere immer und immer wieder zu verletzen. Schließlich hatte er es, kaum dass er wieder unter den Lebenden wandelte, wieder getan. Hatte den einzigen Menschen, der ihm hätte helfen können, der um seinen 'Zustand' wusste, einfach stehen gelassen. Sie hatte doch recht gehabt. Er wusste rein gar nicht über diese Zeit, hatte keine Ahnung, wie er an etwas zu Essen kommen sollte, oder wo er ein Dach über dem Kopf finden würde. Für die Unterkunft, in der sie momentan lebte, benötigte man Geld. Er hatte keines und wusste ebenso wenig, wie er an welches kommen sollte.
Er war so sehr mit seinen Gedanken beschäftigt, dass er die knirschenden Schritte, die sich ihm langsam näherten, gar nicht bemerkte. Mit noch immer vorgebeugtem Oberkörper und gesenktem Kopf saß er da, starrte auf den Schnee zu seinen Füßen und wurde auf den Neuankömmling erst aufmerksam, als schwarze Schuhspitzen in seinem Blickfeld auftauchten. Augenblicklich richtete er sich auf und heftete seinen Blick auf die, in den dunkelgrünen Mantel gehüllte, große Frau mit den roten Haaren, die sich zu freuen schien, ihn zu sehen.
„Thomas..." seufzte sie erleichtert.
°°°
Panisch hatte Suki sich ihren Mantel geschnappt und warf ihn sich über, während sie mit schnellen Schritten die Treppe hinunter eilte, dabei fast stürzte, als sie eine Stufe übersah.
„Vorsicht, Fräulein!", rief ein älterer Herr, dem sie entgegen stolperte und der sie am Arm gepackt hatte, um sie davor zu bewahren, sich die Maserung des Holzfußbodens genauer anzusehen.
„Ent... Entschuldigung...!", stammelte sie, brauchte einen Moment, um sich wieder zu fassen. Dann schenkte sie dem Mann ein hoffentlich freundliches Lächeln, bedankte sich und stürmte weiter, schnurstracks am Empfang vorbei. Sie hörte noch die Wirtin erschrocken hinter ihr her rufen, ignorierte es aber. Sie durfte keine Zeit verlieren, musste ihn unbedingt finden.
Der Wind blies ihr die dicken Flocken ins Gesicht und nahm ihr die Sicht, kaum, dass sie zur Haupttür hinaus war. Sie versuchte mit einer Hand ihre Augen etwas gegen das blendende Weiß abzuschirmen, aber es brachte kaum etwas. Immer wieder klatschte ihr die nasse Kälte ins Gesicht. Bereits nach wenigen Augenblicken hier draußen hing ihr das rote Haar, welches kurz zuvor noch schwungvoll gelockt über ihre Schultern gefallen war, in feuchten Strähnen vom Kopf. Suchend blickte sie sich um, ob sie irgendetwas oder irgendjemanden erkennen konnte, doch nichts. Das kleine Städtchen wirkte wie ausgestorben.
Was hatte sie denn auch erwartet? Bei diesem Wetter schickte man nicht mal seinen Hund vor die Tür!
Und nun? Wo sollte sie anfangen zu suchen? Mit weiterhin erhobener Hand an ihrer Stirn senkte sie den Blick und schaute sich auf dem Boden nach eventuellen Spuren im Schnee um, aber es war zwecklos, das Schneetreiben war viel zu dicht. Die einzigen Abdrücke, die sie ausmachen konnte, waren ihre eigenen, rund um sie herum und selbst die waren nach nur wenigen Minuten kaum noch zu erkennen. Denk nach, Suki! Wo würde er hingehen?, dachte sie angestrengt. Ihr fiel wieder ein, wie begeistert er von den schweren Maschinen auf der Baustelle war, an der sich auf dem Weg zur Pension am Morgen vorbeigekommen waren. Aber diese Möglichkeit verwarf sie schnell wieder. Viel zu weit weg.
Wie von allein setzte sie sich in Bewegung und lief die Straße hinunter in Richtung Pub, kein Stück davon überzeugt, dass sie ihn dort antreffen würde, aber es war ein Anfang. Zumindest würde sie dort auf Menschen treffen, die sie nach ihrem skurrilen Begleiter fragen konnte. Vielleicht hatte ihn ja doch jemand gesehen.
Mit einem lauten Poltern schloss sie die Tür zu dem urigen Pub, nachdem sie durch das Schneegestöber dorthin gestapft war und gegen den Wind hatte ankämpfen müssen. Sie drehte sich zum Gastraum herum und stellte fest, dass die Aufmerksamkeit wirklich aller Gäste - er war für die frühe Tageszeit erstaunlich gut besucht - auf sich gezogen hatte. Einige der Gesichter erkannte sie noch vom Vorabend. Sie versuchte ihr Unbehagen hinunterzuschlucken, als sie daran dachte, dass sie und Jamie plötzlich das Gesprächsthema Nummer eins in dem Schuppen gewesen waren. Sie straffte ihre Schultern, reckte ihr Kinn und setzte langsam einen Fuß vor den anderen, bis hin zum Tresen, dabei ließ sie ihren Blick durch den großen Raum schweifen, konnte den hochgewachsenen, schlanken Mann auf den sie es abgesehen hatte, jedoch nirgends entdecken. Immer wieder bemerkte sie das süffisante Grinsen, mit dem sie der Großteil der männlichen Gäste bedachte und ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken.
„Entschuldigen Sie...", richtete sie das Wort an den Wirt, der hinter den Zapfhähnen stand und Gläser polierte. Er warf ihr einen kurzen Blick über den Rand seiner Nickelbrille zu, stellte das Gefäß ab und schmiss sich das Geschirrtuch über die Schulter, ehe er sich ihr widmete.
„Was kann ich denn für dich tun?", fragte er schnarrend und rückte sich seine Brille etwas zurecht.
Suki rang ihre Hände, die sie auf das dunkle Holz der Bar gelegt hatte „Ich suche jemanden", begann sie und beschrieb dem älteren Mann genau Thomas' Aussehen und Kleidung. Als sie in ihrer Aufzählung bei dem YOLO-Pullover angelangt war, hatte er kurz die Augenbrauen zusammengezogen, als müsse er überlegen, was das bedeutete, hatte dann aber wieder genickt, während sie weiter erzählt hatte. „Haben sie ihn gesehen?", fragte sie nun hoffnungsvoll. Aber dieser winzige Funke, der in ihr aufgekeimt war, wurde sofort wieder zunichte gemacht, als der Mann hinter dem Tresen sie mit offenbar echtem Bedauern in seinem Blick ansah und den Kopf schüttelte.
„Tut mir leid, Mädchen. So einer ist hier nicht vorbeigekommen", erklärte er.
Seufzend nickte sie und wollte sich gerade verabschieden, als sie diesen unverkennbaren Manchester-Akzent hinter sich vernahm und herumwirbelte. Er stand nicht mal eine Armlänge von ihr entfernt. „So so... wenn das nicht unsere kleines, braves Klostermäuschen ist!"
Ja, dieser grob wirkende Kerl hatte am Abend zuvor Nils eifrig in seinen Gedanken, bezüglich ihrer Kleiderauswahl beigepflichtet und Suki stieß genervt die Luft aus. „Obwohl..." sinnierte er weiter und ließ seinen Blick ganz ungeniert über ihren Körper wandern, obwohl sie ja in dem dicken Wollmantel steckte, „So klein bist du gar nicht... und wahrscheinlich auch nicht so brav. Was hast du mit der Transe gestern alles angestellt?", fragte er dann ohne Umschweife. Es war vollkommen klar, dass er bereits zu dieser frühen Stunde mindestens zwei Pints zu viel gehabt hatte und sie spürte Unbehagen in sich aufsteigen.
Die große Frau zog eine Augenbraue hoch und lehnte sich etwas nach hinten, stieß dabei jedoch mit dem Rücken gegen die Kante des Tresens und fühlte sich augenblicklich wie die Maus in der Falle. Mit größter Mühe versuchte sie sich ihre Unsicherheit diesem Ungetüm von Mann gegenüber nicht anmerken zu lassen und eine gleichgültige Miene aufzusetzen „Verzeihung...", gab sie betont gelangweilt zurück „... aber ich wüsste nicht, dass sie das etwas anginge." Sie winkte dem Wirt noch kurz zum Abschied zu und drängt sich an dem Typen vorbei und in Richtung Ausgang, wurde allerdings, nachdem sie den Gastraum etwa zur Hälfte durchquert hatte, grob am Handgelenk gepackt und zurückgezerrt.
„Nicht so schnell!", knurrte er ihr ins Ohr und Panik flammte in ihr auf. In ihrem Kopf wummerte es und sie nahm die Geräusche der Umgebung nur noch gedämpft, wie durch Watte, wahr. Irgendjemand schrie, aber sie verstand kein Wort. Für einen kurzen Moment verlor sie sich in der Schockstarre, fasste sich jedoch schnell wieder und rief sich die dutzendfach geübten Griffe des Selbstverteidigungstrainings ins Gedächtnis, um sie gegen dieses übergriffige Arschloch zu verwenden. Er jaulte laut auf, als sie ihm mit einer gekonnten Bewegung den Arm verdrehte und ihm einen Tritt verpasste, der sich gewaschen hatte. Er war direkt in die Knie gegangen. Keuchend stand sie da und blickte wütend auf ihn hinab, hatte gar nicht bemerkt, dass ihre Atmung sich beschleunigt hatte. Nun drangen auch die Rufe wieder zu ihr durch.
„Mädchen, ist alles in Ordnung?!", rief der Wirt ernsthaft besorgt und entschuldigte sich für seinen Gast, sagte sie hätten schon häufiger ähnlich geartete Probleme mit ihm gehabt, aber noch nie habe er eine solche Abreibung erhalten. Noch dazu von einer Frau!
Suki sah ihn verständnislos an, versuchte ihr wie wild schlagendes Herz unter Kontrolle zu bringen und wandte sich ohne ein weiteres Wort ab. Stürzte regelrecht aus dem Laden hinaus auf die schneebedeckte Straße. Gierig sog sie die eiskalte Luft ein, bis ihre Lungen brannten und stützte sich nach vorn gebeugt auf ihre Knie.
Ja, der Kurs in Selbstverteidigung, den sie damals gemacht hatte, nachdem sie während der Nachtschicht von einem, mit der sogegannten „Zombie-Droge" intoxikierten Patienten angegriffen worden war, hatte sich bezahlt gemacht. Zwei Pfleger hatten ihn gewaltsam von ihr herunterreißen müssen, nachdem er sich auf sie gestürzt und auf sie eingeprügelt hatte und kurz davor gewesen war, sich in ihrer Schulter festzubeißen. Bis dahin hatte sie immer gerne in der Notaufnahme gearbeitet, hatte aber, nachdem sie nach diesem Zwischenfall immer wieder mit Panikattacken zu tun gehabt hatte um eine betriebsinterne Versetzung gebeten und war so in der Geriatrie gelandet.
Das war nun vier Jahre her und sie hatte schon häufiger einige der im Kurs erlernten Techniken anwenden müssen, hatte Anfangs starke Probleme gehabt, sich nicht von ihrer Angst kontrollieren zu lassen, hatte das aber ganz gut in den Griff bekommen. Lange hatte sie sich nicht mehr so in die Enge getrieben gefühlt, wie gerade eben!
Nachdem sie sich etwas beruhigt hatte, richtete sie sich auf und schaute in den bewölkten Himmel. Kein einziger Sonnenstrahl schaffte es durch die dicke graue Decke, die sich da oben zusammengeschoben hatte. Mit einem tiefen Seufzen setzte sie schließlich ihre Suche nach Thomas fort. Wenn er bei dem Wetter und in den Klamotten hier draußen herumlief, würde schneller wieder ins Reich der Toten wandern, als ihm lieb war.
Aber was wollte sie ihm sagen, wenn sie ihn gefunden hatte? Sie konnte ihn unmöglich hier allein zurücklassen, aber er hatte ganz offensichtlich nicht vor, mit ihr nach Deutschland zu kommen. Und sie konnte unmöglich noch länger die Unterkunft bezahlen... Sie hatte absolut keine Ahnung, wie sie ihn überzeugen sollte, sie vielleicht doch zu begleiten.
Und was, wenn er noch immer so furchtbar wütend war? Er hatte jedes Recht dazu, das sah sie ja selbst ein. Nur weil sie so selten dämlich gewesen war und den falschen Zauberspruch benutzt hatte... Und dennoch war ein winziger Teil von ihr unendlich glücklich darüber, ihn wiedererweckt zu haben.
Wieder einmal klingelte ihr Telefon, als sie gerade auf einen von Bäumen gesäumten Weg einbog. Offenbar war sie in einer Art Park gelandet. Sie zog das Gerät aus ihrer Manteltasche und ging dran, ohne auf das Display zu achten. Der Klingelton hatte ihr sofort verraten, wer am anderen Ende der Leitung auf ihre Antwort wartete und sie wusste, dass sie es nicht länger aufschieben konnte - nein, durfte...
„Wina! Es tut mir leid...", begann sie, wurde aber direkt von ihrer besten Freundin unterbrochen, die sie sich im Moment so sehr hier her wünschte. Aber sie wusste, dass das nicht ging. Sie hatte vollstes Verständnis für das Handeln der Älteren, hätte es doch genauso gemacht, hätte sie jemanden gehabt, den sie so sehr liebte, wie Edwina ihren Thies.
Die kleine Brünette versicherte ihr, dass alles gut sei „Sag mir nur, dass du in Ordnung bist. Ich könnte es nicht ertragen, wenn auch du..." Suki hörte, wie ihrer Freundin die Stimme brach und spürte, wie sich ihr Magen zusammen krampfte. Die Rothaarige hatte ihr gesagt, dass es ihr gut ging und wollte gerade erklären, was es mit ihrem merkwürdigen Verhalten auf sich hatte, als sie ihn in der Ferne durch das Schneetreiben hindurch erblickte. Sie war die letzten Minuten gelaufen, ohne auf ihren Weg zu achten.
„Oh. Gott sei dank, da ist er ja!", rief sie erleichtert und war dabei kurz stehen geblieben.
Für einen Augenblick hatte sie vergessen, dass sie mit Wina telefonierte und wurde sich dessen erst wieder bewusst, als diese gegen das Heulen den Windes und die Störgeräusche in der Leitung anschrie. „... Wen meinst du?"
Sie hatte sich ganz langsam wieder in Bewegung gesetzt, ging vorsichtig auf ihn zu, aber sie war noch zu weit entfernt als dass er sie bemerkt hätte.
„Thomas!", zischte sie leise, vernahm aber keine Antwort mehr. Mit gerunzelter Stirn schaute sie auf das Display. Die Verbindung musste unterbrochen worden sein... Sie ließ das Telefon wieder in ihre Manteltasche gleiten und ging weiter auf den großen, schlanken Mann zu.
Er schien irgendwie in Gedanken zu sein, sie war ihm so nahe, er hätte das Knirschen ihrer Schritte im Schnee doch hören müssen, aber er blickte nicht auf. Hatte deine Augen starr auf einen Punkt zu seinen Füßen geheftet.
Sie trat direkt vor ihn und als er seinen Kopf hob und sie verwundert anschaute, konnte sie gar nicht anders, als zu lächeln. Sie hatte ihn gefunden, völlig durchnässt und durchgefroren.
Erleichtert seufzte sie seinen Namen.
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