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12. Oktober, der Tag, an dem Luke „starb"

Ich strich mir die regennassen Strähnen aus dem Gesicht und setzte mein Cap wieder auf, um sie daran zu hindern, erneut in meine Stirn zu fallen. Dann atmete ich tief durch, bevor ich die schwere Tür vor mir öffnete. Ich wusste, es konnte sein, dass es eines der letzten Dinge war, die ich tat.

Vielleicht waren das hier meine letzten Minuten. Ich hatte noch nie wirklich über meinen Tod nachgedacht, aber definitiv hatte ich mir mein Ableben eindeutig anders vorgestellt, nicht frierend mit durchnässter Kleidung und in Erwartung, von Bleikugeln durchlöchert zu werden. Natürlich war es gewissermaßen ein Berufsrisiko, aber dennoch hätte ich es bevorzugt, irgendwann mit achtzig oder neunzig Jahren friedlich einzuschlafen und nicht mehr aufzuwachen.

Ich schloss die Tür nicht ganz, dann drehte ich mich zu meinem Boss um. Er saß hinter einem riesigen, reich verzierten Schreibtisch aus glattgeschliffenem Mahagoniholz, mit seinem Montblanc-Füllfederhalter in der Hand, der mehr kostete, als ich je bei einem der unzähligen Deals verdient hatte.

Wie immer wurde ein Teil seines Gesichts von einer pechschwarzen Maske verdeckt, ich hatte ihn noch nie ohne gesehen, doch es hieß, bevor er jemanden tötet, nimmt er seine Maske ab. Ich erschauderte innerlich, riss mich aber zusammen. Er durfte niemals merken, dass man Angst hatte, denn dann war es sofort vorbei. In diesem Business gab es keine Angsthasen.

„Also, Rodríguez, stimmt es, was ich erfahren habe?" Die Stimme des Bosses klang kratzig und irgendwie ekelhaft, wie die eines Kettenrauchers, meinen Nachnamen spuckte er regelrecht aus. Ich fragte mich, wie er davon erfahren konnte, schließlich war es quasi im Niemandsland passiert und ich hätte den Verlust schnell wieder ersetzt. Er hätte es nie gemerkt. Hätte.

Zögernd nickte ich. „Du sollst es sagen! Ich will es aus deinem Mund hören!", bellte der breitschultrige Mann vor mir mich an und schmiss seinen Montblanc achtlos auf die dunkle Tischplatte, wo er noch ein Stück weiterrollte, bevor er von einem Stapel Papiere gestoppt wurde.

„Ja, es stimmt, Boss", antwortete ich schnell, als ich mir sicher war, dass ich meine Stimme halbwegs im Griff hatte. Dennoch zitterte sie verräterisch und ich hoffte, dass er es nicht gehört hatte. Langsam stand der ganz in schwarz gekleidete Mann auf und kam auf mich zu. Mit einer seiner Pranken, die größer war, als mein Gesicht, packte er mich am Kinn und zwang mich so, in seine Augen zu sehen. Sie waren so dunkelbraun, dass man in dem Licht kaum die Iris von der Pupille unterscheiden konnte und sahen einfach nur furchteinflößend aus.

„Du warst ja manchmal ganz nützlich, Rodríguez. Einer meiner erfolgreichsten und schnellsten Dealer, verlässlich und hast mir viel Geld eingebracht. Aber leider kann ich das, was passiert ist, nicht einfach so hinnehmen." Mein Boss schüttelte den Kopf, als würde es ihn ernsthaft treffen.

„Ich werde Ihnen alles ersetzen und sogar noch mehr, aber lassen Sie mich am Leben!" In Filmen hatte ich die Menschen immer ausgelacht, die so erbärmlich um ihr Leben flehten, wenn sie doch wussten, dass es sinnlos war. Aber nun, wo ich selbst in dieser Situation war, hätte ich alles getan, nur um die Gewissheit zu haben, dass ich mein Leben behalten durfte.

Ein beinahe sanftes Lächeln schlich sich auf die Lippen meines Bosses und er strich mir langsam einen Tropfen, der aus meinen nassen Haaren über meine Schläfe geronnen war, weg. Ich schluckte, als er mir immer näher kam. Seine Augen fixierten mich, mein Herz raste in meiner Brust und das Blut schoss wie Blitze schmerzhaft schnell durch meine Adern.

„Na, na. Wenn in das tun würde, wäre doch all die Autorität dahin, die ich mir seit zwei Jahrzehnten aufgebaut habe. Ganz zu schweigen von dem Respekt vor mir, den alle Mitglieder zweifellos verlieren würden. Nein, das geht leider nicht. Aber gestalten wir das ganze doch etwas lustiger; Ich gebe dir zwei Minuten Vorsprung, nein, vier, weil du noch so jung bist. Danach werde ich dich verfolgen, bis eine Kugel sich tief in dein kleines, schlagendes Herz gebohrt hat. Lauf!"

Und ich rannte. Ich rannte, wie ich noch nie gerannt war, mit dem Überlebenswillen eines zum Tode Verurteilten. Ich wusste, dass das alles nur Part von seinem kranken Spiel war, er war der Jäger, ich der Gejagte. Ich würde sterben, aber davor würde ich dennoch um mein Leben rennen. Es war blanker Überlebenswille, der mich dazu zwang, immer weiter zu rennen, obwohl es keinen Sinn hatte. Mein Atem ging rasselnd, meine Seiten stachen und brachten mich immer wieder zum Stolpern, aber irgendwie kam ich durch das Adrenalin, dass durch meinen Körper rauschte, vorwärts.

Die Sekunden verronnen wie Wachs, ich hatte keinerlei Zeitgefühl mehr, doch sicher waren schon mehr als drei Minuten vergangen und ich irrte immer noch in dem riesigen Gebäude herum. Mit letzter Kraft schleppte ich mich durch den Ausgang, stolperte über das Gelände um das Anwesen herum, doch plötzlich ertönte ein schriller Pfeifton, der über das ganze Gelände hallte und ich wusste, die vier Minuten waren abgelaufen. Mit pfeifendem Atem kämpfte ich mich weiter, und sah zu spät, dass ich direkt in den Lauf einer Waffe rannte.

Abrupt stoppte ich und wollte in eine andere Richtung laufen, auch wenn ich wusste, dass es keinen Sinn hatte. Mein Atem beschleunigte sich abermals, als der Mann vor mir mit einem unheilvollen Klicken seine Waffe entsicherte und direkt auf meine Brust zielte. Was für eine Ironie, dass mein Mörder ausgerechnet ein Typ sein würde, der kaum zwei Jahre älter als ich war. Ich dachte an meine Eltern, meine Cousine, meinen Cousin und hoffte, dass sie alle noch ein langes Leben haben würden. Dann schloss ich die Augen, denn ich wollte nicht sehen, wie die Kugel auf meine Brust zuraste und sich mit Leichtigkeit in mein Herz bohrte.

Ein ohrenbetäubender Knall schallte über das Gelände, doch der Schmerz blieb aus. Vorsichtig öffnete ich meine Augen wieder, der Mann hatte zwischen meine Füße geschossen. Konnte er nicht zielen? Es musste doch jeder der Mitglieder eine Ausbildung absolvieren, soweit ich wusste. Oder er wollte mich quälen, was wahrscheinlicher war.

Stattdessen kam der Typ auf mich zu, kritzelte in Windeseile mit einem schwarzen Stift etwas auf ein Stück Stoff, dass er sich mit einem ratschenden Geräusch von seinem Shirt abriss und drückte es mir in die Hand. „Flieg nach Las Vegas, geh' zu dieser Adresse und verlange nach einem Roy Armstrong. Sag ihm, du bist der Gefallen, den er Iras noch schuldet! Komm auf gar keinen Fall zurück und gib mir dein Handy! Ich bring dich hier raus!" Ich zweifelte an den Worten des Mannes, aber was hatte ich noch zu verlieren?

Er brachte mich tatsächlich aus dem Gelände heraus und an eine Straße, die ich nur entlanggehen brauchte, um zu dem nächsten Flughafen zu kommen. „Der Boss wird nachforschen und meine Flugbuchung sehen", brachte ich meine Bedenken zum Ausdruck.

„Ich kümmere mich darum. Er wird denken, du bist tot. Lass das meine Sache sein und jetzt renn einfach!"

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