Reise nach Israel

Ich blinzelte gegen die Sonne. Sie schien hell und heiß auf mich hinunter und brachte mich zum Schwitzen. Ich schaute meinem eigenen Schatten hinterher, als ich mich auf dem Weg machte. Auf den Weg zur heiligen Stadt, immer in Richtung der Silhouette, die sich am Horizont abzeichnete! Das war mein Ziel und ich war gewillt es zu erreichen!

Die letzten Meter rannte ich auf die Mauern zu. Nach dem kurzen Sprint brannten meine Lungen und ich zog gierig die trockene staubige Luft ein. Bewundernd schaute ich zu den riesigen Mauern empor. Ich musste meinen Kopf in den Nacken legen, um bis nach oben schauen zu können. Ich konnte Zinnen, Schießscharten und Lagerräume entdecken. Nach einer Weile beruhigte sich mein heftig pochendes Herz und ich setzte meinen Weg fort. Ich suchte mir einen Eingang in die Stadt hinein. Was mich da erwartete, raubte mir den Atem: Menschen, die in einem beständigen Strom, die vielen Treppenstufen der Stadt erklommen oder hinabstiegen. Lauter fremde Sprachen drangen an mein Ohr, exotische Gerüche stiegen mir in die Nase und egal, wo man hinschaute, überall gab es etwas zu sehen. Die drückende Hitze war vergessen, im Angesicht der Dinge, die man in dieser Stadt entdecken konnte. Ich begann sofort mit meiner Erkundungstour!

Als erstes durchstreifte ich die Altstadt. Sie war so verwinkelt, dass ich Mühe hatte nicht meine Orientierung zu verlieren. Nach einigen Stunden kam es, wie es kommen musste: Ich hatte mich hoffnungslos verirrt! Ich war zu schüchtern, um jemanden Fremdes anzusprechen. Also machte ich mich tapfer weiter auf die Suche nach einem mir bekannten Ort oder Platz. Nach einer gefühlten Ewigkeit wurde ich fündig: Vor mir erstreckte sich ein riesiger Platz. Auch hier waren viele Menschen unterwegs. Emsig wie Ameisen liefen sie umher. Sie hatten ein klares Ziel vor Augen: die Klagemauer. Dort gab es eine strikte Geschlechtertrennung: Die Männer beteten in dem größeren linken Teil und die Frauen reihten sich rechts ein. Ich gesellte mich zu den Frauen. Aus der Nähe konnte ich die unzähligen kleinen und größeren Gebetszettel erkennen, die sich in den Ritzen der Mauer stapelten. Als ich an der Reihe war und genau vor der Mauer stand, strich ich vorsichtig über das Sandsteingebilde. Ich befühlte die raue Oberfläche und spürte die Kühle des Steines. Sie ließ meine Fingerspitzen kribbeln. Ich spürte: Das hier war ein Heiligtum!

Ein weiteres Heiligtum, welches ich an diesem Tag noch besuchte, war sehr weit oben gelegen: Es war der Ölberg. Mein Spaziergang begann an der Jerichostraße unterhalb des Löwentores. Vorbei an einem Denkmal für 1967 hier gefallene israelische Fallschirmjäger, gelangte ich zum Mariengrab. Ich stieg ehrfürchtig die alte Marmortreppe hinunter. Kühle Luft schlug mir entgegen, als ich immer weiter hinabstieg. Als ich unten ankam, bemerkte ich die zwei Nischen links und rechts von mir zunächst nicht. Aber ein Touristenehepaar machte mich darauf aufmerksam. Ich unterhielt mich mit den zwei älteren Menschen und erfuhr, dass sich in der rechten Nische die Gräber von Anne und Joachim befanden, den Eltern von Maria. Auf der linken Seite ruhte Joseph. Man hatte ihm sogar einen Altar aufgestellt. Ich verweilte einige Minuten dort und sog die Stille in mich ein. Die Touristen und andere Menschen, die mit mir hier unten waren, unterhielten sich im Flüsterton miteinander. Niemand traute sich laut zu sein und dafür war ich sehr dankbar!

Neugierig ging ich weiter. Dann kam ich an das Mariengrab. Ich reckte mich, um über die vielen Köpfe schauen zu können. Um das Heiligtum herum hatte sich eine Menschenmenge versammelt. Ich versuchte mich nach vorne zu drängeln, aber die Menschen standen zu dicht. Ich überlegte, ob ich es noch einmal versuchen sollte. Stattdessen ging ich aber zu einem Ständer mit Kerzen. Gegen eine kleine Spende konnte man sich ein Licht anzünden. Schnell holte ich mein Portemonnaie heraus, steckte die Münze in den dafür vorgesehenen Schlitz und nahm mir eine Kerze. Ich zündete sie an und steckte sie in den weichen Sand. Eine ganze Weile schaute ich ihr beim Brennen zu. Die Zeit verstrich! Irgendwann zwang ich mich zum Weitergehen. Es war schon reichlich spät geworden, wie ich mit Entsetzen feststellen musste. Ich wollte doch noch in den Garten!

Also machte ich mich schleunigst auf den Weg und stieg die vielen Treppenstufen wieder hinauf. Oben angekommen erwartete mich die Sonne, die schon tief am Himmel stand. Die Zeit zerrann mir zwischen den Fingern! Ich trabte zum Garten Gethsemane. Bei den alten Ölbäumen angekommen, beruhigte ich mich etwas. Ich atmete tief ein. Es roch nach Staub, Orangen und Abenteuer. Für mich ging der Tag und damit das Abenteuer langsam zuende. Hier kam ich zur Ruhe! Ich schlenderte gemütlich die Wege entlang und suchte mir einen ruhigen Platz. Ich nahm im Schatten eines sehr alten Baumes platz und lehnte mich an den knorrigen Stamm. Glücklich schloss ich meine Augen und rief mir ins Gedächtnis, was sich vor vielen Jahren hier ereignet hatte. Das Wort Gethsemane stammte aus dem hebräischen Gath-Shamma und bedeutete übersetzt Ölpresse. Das passte sehr gut zu dem Bild, was sich mir bot. Wohin ich auch schaute, überall sah ich Bäume. An einer Stelle bemerkte ich das Giebelmosaik der Kirche der Nationen. Es zeigte Jesus als Vermittler zwischen Himmel und Erde. Die untergehende Sonne schien darauf und ließ das Bild in wunderschönen Farben aufleuchten. Der Goldton stach besonders hervor und ließ alles funkeln. Mein Blick blieb bei den Hirschen hängen, die das Kreuz auf der Giebelspitze flankierten. Es war ein Sinnbild für den Psalm 42,2: „Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir."

Ich schaute mit glitzernden Augen die Fassade an und ließ den Blick zu den goldenen Zwiebeltürmen der Maria-Magdalenen-Kirche schweifen, die man im Hintergrund sah. Dann drehte ich meinen Kopf in Richtung Sonne. Die letzten Strahlen erwärmten mein Gesicht. Der Wind strich mir leise um die Nase und fuhr durch mein Haare. Ich ließ den heutigen Tag Revue passieren und wurde ruhiger und ruhiger....

... als plötzlich ein lärmendes Geräusch die Stille durchschnitt und mich aufschrecken ließ. Es hörte sich wie mein Wecker an, aber das konnte doch nicht sein, oder?

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