4|Like a thing

„In zwei Stunden beginnt die Versteigerung und sie liegt hier immer noch dreckig und blutig auf dem Boden! Nur Ärger macht dieses Pack! Würde sie mit ihrer ungewöhnlichen Augenfarbe nicht so viel Geld einbringen, läge sie schon längst auf dem Meeresgrund!"
Ein stechender Schmerz breitete sich von ihrem Magen in ihren ganzen Körper aus und ließ sie würgen. Gepeinigt schlug sie die Augen auf.
„In der Tat beeindruckend. Wie flüssiges Gold", murmelte eine ältere Frau in dunklen Gewändern. Saya kannte Tücher, die man um den Kopf schlang, von ihrer Heimat. Sie waren sehr praktisch, da sie die Haare davor bewahrten, in die Stirn zu fallen und schmutzig zu werden. Jedoch bedeckten sie weder den kompletten Hinterkopf, noch das Gesicht, wie bei der Frau vor ihr. Lediglich für die Augen lagen sehr schmale Schlitze frei. Saya konnte nicht umhin, sich ein wenig zu fürchten.
„Mit den dunklen Haaren und der Augenform sieht sie aus wie ein Panther. Hoffen wir, dass sie sich nicht auch so aufführt." Ein spöttisches, nahezu bösartiges Lachen erfüllte den Raum, der Mann schien seinen Satz unglaublich witzig zu finden. Saya konnte beim besten Willen nicht sagen, wieso auch die Frau begann, zu kichern.
Jedoch machten ihr ganz andere Dinge zu schaffen. Der hämmernde Kopfschmerz, ihre vernebelte Sicht und die Tatsache, dass sie sich nur unter größter Anstrengung überhaupt bewegen konnte, setzten ihr zu. Plötzlich fühlte sie sich so hilflos. Dieses Gefühl war ihr neu. Leise schrie Saya auf, als ihr eiskaltes Wasser über den Kopf gekippt wurde. Es brannte an ihrem Kopf und als sie die rötlich gefärbte Flüssigkeit beobachtete, wie sie langsam über den Boden floss und im Abfluss verschwand, wurde ihr klar, dass sie sich verletzt haben musste.
Der Frau schien das jedoch egal zu sein, rücksichtslos riss sie an Sayas verknoteten Haaren und versuchte sie zu entwirren. Jedesmal, wenn sie dabei gegen die Wunde kam, musste Saya einen Schmerzensschrei unterdrücken.
Man zog ihr die nasse Kleidung aus und zwang sie, nachdem sie sich mühsam abgetrocknet hatte, eine Bandage um die Brust zu wickeln, wie auch um ihre Hüfte. Das kleine Stück Stoff verdeckte kaum etwas, es reichte nicht einmal bis zum Anfang der Oberschenkel. Die verschleierte Frau stopfte ihr zwei seltsame Kissen unter die Bandage, nachdem sie Sayas Busen kritisch gemustert hatte.
Als das junge Mädchen an sich herabblickte, sah sie die zahlreichen blauen Flecken, die in allen Farben schillerten. Viele alte Narben, aber auch frische Aufschürfungen zierten ihre Beine wie ein grausames Muster. Die Stelle am Bauch, in die sie mehrmals getreten worden war, schimmerte grün-gelblich und nur zu deutlich in der Form einer Schuhsohle. Schaudernd wandte Saya ihren Blick davon ab. Mit den weichen Kissen sah ihr Busen viel größer aus, als er war und langsam dämmerte ihr, zu welchem Zweck sie benutzt wurden.
Wieder trat die vermummte Frau vor sie und schmierte mit einem schwarzen Stift etwas um ihre Augen, bevor sie eine rosafarbene Paste auf ihre Lippen auftrug. Saya ließ alles über sich ergehen und kein Laut kam über ihre Lippen, als die Frau ihre entwirrten Haare frisierte und dabei mehrmals auf die Wunde drückte.
Dann wurde sie in einen anderen Raum gebracht, in welchem sie wieder auf Aicha und Yaira traf, die beide ebenfalls wie Saya gekleidet waren, jedoch hatten Yairas Stoffe eine gelbliche Färbung, während ihre eigene in einem dunklen Blauton gehalten war.
Saya ließ ihren Blick durch die Kammer schweifen. Es gab so gut wie keine Einrichtungsgegenstände, lediglich eine Kommode aus dunklem Holz neben einer der Türen stand im Raum. Es waren nur Mädchen in dem Zimmer, von denen die meisten am Boden saßen und die Köpfe hängen ließen. Alle sahen nicht besser aus, als sie selbst. Den Oberarm von einem der jüngeren Mädchen - es mochte höchstens acht Jahre alt sein und ihr Stoff war grün - zierte ein langer, tiefer Schnitt, der sich an den Rändern bereits entzündet hatte. Schaudernd wandte Saya den Blick ab, als die Tür aufflog und mit einem lauten Krachen gegen die Wand schmetterte.
„Alle in Grün, Rot und Gelb mitkommen! Der Rest hält sein Maul und wartet!", wurden sie von dem dicken Mann, dessen Aussehen einem Bluthund ähnelte, angebrüllt. Zögerlich erhoben sich die Angesprochenen und folgten dem Mann aus dem Raum hinaus. Auch Yaira erhob sich, wobei sie sichtlich schmerzen hatte. „Irgendwann sehen wir uns wieder!", rief Aicha ihr zu und auch Saya lächelte der Dreizehnjährigen aufmunternd zu, obwohl die Panik ebenfalls in ihr tobte wie ein wildes Tier, das man eingesperrt hatte.
„Jetzt geh oder muss ich dich erst dazu zwingen?!" Schnell reihte sich Yaira hinter den anderen Mädchen ein, dann wurde die dicke Türe wieder geschlossen und abgesperrt. Zurück blieb eine erdrückende Stille, die Saya die Luft zum Atmen nahm. Und sich abzulenken, musterte sie ihre Leidensgenossen.
Neben den zahlreichen Verletzungen, die die Körper aller in diesem Raum schmückten wie Verzierungen, gemalt auf Haut als Papier und Blut, das als Farbe diente, fiel Saya auf, dass die Mädchen offenbar aus verschiedenen Ländern stammten. Die Älteste würde sie auf maximal zwanzig Jahre schätzen, die Jüngste, die bis vorhin im Zimmer war, war vielleicht fünf Jahre alt.

„Blau und Weiß, mitkommen!", bellte derselbe Mann, der vor knappen zwei Stunden Yaira und andere abgeholt hatte. Schwankend erhoben sich Saya und Aicha und liefen hinter anderen Mädchen ihrer Farbgruppe her. Saya zitterte vor Anspannung und Angst, als sie schließlich durch einen langen Gang in einen neuen Raum geführt wurden. Als sie sah, was mit ihnen geschah, weiteten sich ihre Augen erschrocken und sie sich zurück.
Eine Nummer. Mit einem seltsamen Gerät wurden ihnen Nummern unter die Haut an der Innenseite des Handgelenks gestochen. Saya wollte dies nicht. Von diesen sogenannten Tatoos hatte sie bereits gehört. Sie hielten ewig, waren nicht mehr wegzubekommen. Rasch drehte sie sich um und schätzte den Abstand ein, den sie zu der geöffneten Türe hatte.
Drei Mädchen liefen noch durch die Tür, dann kam der Mann und wollte sie schließen. Wie in Zeitlupe nahm es Saya wahr und sprintete los. Plötzlich kamen ihr die maximal vier Meter zur Tür vor, als wären es mehrere Hunderte. Die Türe fiel ins Schloss und Saya bremste kurz davor ab. Sie hatte es nicht geschafft. Sie hatte versagt. Wie so oft, schoss es ihr durch den Kopf.
„Wo wolltest du denn hin, kahba?" Spöttisch lächelte der Mann, wobei er seine fauligen, gelben Zähne entblößte. „Hilal, nimm zuerst die. Wollte flüchten." Grob zerrte der fettleibige Mann sie hinter sich her und schubste sie zu Hilal, welcher die Tatoos stach. Blind vor Panik trat Saya nach dem Mann, der sie hart packte, schrie und wandte sich in seinem Griff, der fest war wie ein Schraubstock.
Das Gerät näherte sich ihrer zarten Haut, unter der ihr Puls heftig klopfte. Die erste Nadel stach unter ihre Haut und dann ging es ganz schnell. Innerhalb weniger Minuten war eine Nummer in ihrer Haut. 271.
Und als Saya wie gelähmt auf die Nummer starrte, realisierte sie endlich das, was sie insgeheim schon ab dem Zeitpunkt gewusst hatte, als sie in die Höhlenkammer gemeinsam mit anderen Straßenkindern gesperrt wurde: Sie war nun kein richtiger Mensch mehr. Ab jetzt war sie eine Nummer, eine von vielen. Und sie würde verkauft werden, wie ein Gegenstand.

A.N.: Meine ersten Fragen in diesem Buch:
Was denkt ihr bis jetzt über die Geschichte?
Habt ihr Erwartungen an sie und wenn, welche?
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