Kapitel 8

Rauch erstarrte. Das waren exakt die Augen aus seinem Traum gewesen! "Papa?", fragte Rauch ängstlich. Was passierte hier? Seine Augen lagen auf Wolke, doch Rauch konnte nicht verstehen, was geschehen war. Wieso stand Wolke nicht auf? Er hörte ein hohes, markerschütterndes Kläffen und Rauch richtete seine Augen auf das große rote Tier, welches gerade die Zähne fletschte und zum Angriff überging. Quelle warf sich erneut auf ihn, es geschah alles wie in Zeitlupe. "Fuchs!", rief Schatten plötzlich, sodass Rauch zusammenzuckte. Das war also ein Fuchs? Er hatte von einem Fuchs geträumt? Ehe er sich versah, preschte sein Vater nach vorne, um seiner Gefährtin zu helfen und seine Jungen zu schützen. Rauch zögerte noch kurz, lief dann aber ebenfalls los. "Rauch, Qualm, zurück!", zischte Quelle, vor Anstrengung keuchend. Rauch war verwirrt. Was war mit Wolke? Wieso durfte er dort liegen bleiben? Schlief er? "A-aber Wolke! er -", antwortete Rauch verzweifelt, doch Schatten unterbrach ihn. "Weg!", knurrte er. Der kleine Graue wich zurück. Qualm war ungewöhnlich still, doch war schleunigst in dem hohen Gras nahe des Flusses verschwunden. Rauch folgte ihr widerwillig. Das Gras wischte an seinen Ohren entlang und kitzelte seine Nase. Doch er traute sich nicht zu niesen.

Als er seine Schwester erreicht hatte, hockte er sich zitternd hin. Angespannt beobachtete er, wie seine Eltern den Fuchs bekämpften. Quelle sah stark zugerichtet aus. Die Flanken der hellen Kätzin waren blutüberströmt, und wenn er ganz genau hinsah, konnte Rauch erkennen, dass ihre Kraft zu schwinden schien. Schatten kämpfte wie der wild gewordener Waschbär, der einmal in ihr Zuhause eindringen wollte. Ein Schauer lief dem kleinen Kater über den Rücken. Er wollte sich gar nicht ausdenken, was alles passieren konnte und wie dieser Kampf ausgehen mochte. Von der Angst gelenkt kniff Rauch nervös die Augen zusammen und alles, was er hörte, war ein Fauchen und Bellen und Kratzen und Schreien. Die Laute waren ohrenbetäubend. Qualm neben ihm wimmerte leise und Rauch sah sie an. Zusammengekauert saß sie dort, mit großen Augen beobachtete sie den Kampf. Rauch rutschte näher an sie heran, um ihr irgendwie Halt zu geben. Du bist nicht allein, schien er ihr damit sagen zu wollen. Erst, als ein lautes Kreischen zu hören war, sah Rauch wieder auf. Zwei weitere Füchse hatten die Sonnenlichtung erreicht und mit Schrecken erkannte Rauch, dass Schatten nun auch stark blutete. Quelle lag am Boden. "Geht", hörte Rauch seine Mutter rufen. "Geh und rette unsere Jungen!" Rauch erstarrte. Wieso sagte sie so etwas? "Mama", wimmerte Qualm leise neben Rauch, und bevor ihr grauer Bruder etwas erwidern konnte, sah er, wie einer der Füchse Quelle am Kopf hochnahm und brutal hin und her schleuderte. Blut spritzte in alle Richtungen und färbte das Gras rot. Das Knacken war über die ganze Lichtung zu hören.

Rauchs Bauch füllte sich mit einer gewaltigen Leere. Seine Augen füllten sich mit Tränen und er bekam gar nicht richtig mit, wie Schatten angelaufen kam, Qualm auf seinen Rücken warf und Rauch behutsam am Nackenfell hochnahm. So schnell er konnte lief der schwarze Kater, verschwand im Wald auf der anderen Seite, weg vom Geschehen, weg von den Füchsen und weg von Wolke und Quelle. Weg von zu Hause und weg von einem Teil ihrer Familie. Nur ganz entfernt hörte er Qualm quengeln. "Wir können sie nicht einfach zurücklassen! Sie werden sterben! Wir müssen ihnen helfen!" Doch Schatten antwortete nicht darauf. Er lief immer weiter, mit tauben Pfoten und gebrochenem Herzen. Schnurstraks lief er durch das Unterholz, vorbei an etlichen Bäumen und Sträuchern und machte erst Halt, als sie aus dem Wald heraus und an einem Feld angekommen waren. Schatten setzte Rauch ab, bevor er zusammenbrach und Qualm von seinem Rücken kullerte. Niemand sagte ein Wort. Nicht einmal Qualm.

Die Nacht brach herein und die ersten Sterne waren am rötlichen Himmel zu sehen. Rauch hatte sich mit seiner Schwester an ihren Vater gekuschelt, um sich gegenseitig zu wärmen, so wie sie es sonst auch immer gemacht hatten. Doch zwei Katzen fehlten. Rauch weinte wieder. Es fühlte sich an, als bohrten sich spitze, scharfe Krallen in sein Herz und ein dicker Stein läge in seinem Hals. Schatten hatte den Schwanz um seine verbliebenen Jungen geschlungen. Ganz fest hielt er sie. Er könnte es nicht ertragen, noch einen der beiden zu verlieren.

"Papa?", fragte Qualm plötzlich leise in die Stille, die nur vom Zirpen der Grillen gestört wurde. Schatten hob nur langsam den Kopf, seine Augen waren trüb vor Kummer. "Was ist, Liebling?", fragte er dennoch sanft. Seine Stimme hörte sich auf eine bestimmte Weise erdrückt an. Qualm sah auf den Boden. "Wir werden sie nie wieder sehen, oder?", sprach sie die Gedanken aus, die Rauch schon befürchtet hatte. Zwar spitzte er die Ohren etwas, ließ sonst aber keine Teilnahme erkennen. Schatten ließ sich Zeit mit der Antwort. Fast schon so lange, dass Rauch dachte, er wäre eingeschlafen.

"Nein. Wir werden sie nicht wieder sehen. Sie sind tot." Diese Worte hallten noch lange in dem Gedächnis von Rauch nach und wieder überkam ihn eine Welle der Trauer. Leise wimmerte er, während sich alles in ihm verkrampfte. Auch Qualm schien es nicht anders zu gehen. Sie sackte plötzlich zusammen, nahe am Körper ihres Vaters, und vergrub die Nase im schwarzen Fell. Schatten leckte den beiden Jungen über den Kopf, erst Qualm und dann Rauch. "Ihr müsst schlafen. Komm her, Rauch", miaute Schatten, seine Stimme klang seltsam hohl. Doch Rauch folgte seinen Worten und legte sich neben seine Schwester. Es dauerte lange, bis er in der ungewohnten Umgebung mit der ungewohnten Kälte eingeschlafen war.

"Rot", weckte ihn eine Stimme aus einem unruhigen Schlaf. "Rot ist die Farbe...", murmelte Schatten weiter. Rauch legte den Kopf schief und Erinnerungen an den Tag kamen wieder. Füchse. Blut. Das war die Nachricht gewesen, welche Schatten beunruhigt hatten. Und sie hatten sich bewahrheitet. Rauch legte seine Pfoten über die Nase, um seine verbliebene Familie nicht zu wecken, weil er weinte. "Rot.. Vor der ihr euch fürchten solltet", murmelte Schatten weiter und zuckte mit den Pfoten, sodass auch Qualm aufwachte. "Zu spät..." Mit verklebten Augen sah sie zu Rauch. Der graue Kater rückte näher an sie heran, um Trost zu spenden. Trost, wo doch keiner war.

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