Kapitel 61
-Linea, 13. März, 54 nach Gründung-
Kian sieht aus wie eine wandelnde Leiche, als er endlich den Keller betritt. Natürlich zieht er damit jede Menge Aufmerksamkeit auf sich, doch er scheint es kaum wahrzunehmen. Sein Blick ist beinahe abwesend, nur an seinem zucken in meine Richtung erkenne ich, dass er es überhaupt mitbekommt hier zu sein.
Ich wende mich von Jaron ab, welcher sowieso eher in das Gespräch mit Benedikt versunken ist und laufe auf Kian zu. Er bleibt stehen und sieht mich fragend an. Wir hatten in den letzten Tagen nicht viel gesprochen, genau genommen in den letzten Wochen schon nicht mehr, deshalb kam es mir komisch vor. Doch ein Lächeln stiehlt sich auf sein Gesicht, als er mich sieht.
,,Ist alles in Ordnung bei dir?", frage ich besorgt. Er nickt langsam, sieht dabei aber an mir vorbei. ich folge seinem Blick und verdrehe innerlich die Augen. Nathalia. Ich nicke und beiße mir auf die Lippe. ,,Ich gehe dann mal", flüstere ich, doch er bekommt es nicht mit, sein Blick ist starr auf die junge Frau gerichtet. Erst als ich mich abwende sieht er mich wieder an, doch er sagt nichts und bewegt sich auch nicht weiter. Es ist mir peinlich, dass ich ihn überhaupt gefragt hatte, deshalb setze ich mich einfach schnell auf einen freien Stuhl und starre abwechselnd von Eleonora, welche bereits vorne steht, und meinen Schuhspitzen hin und her. Erst als die Besprechung losgeht schenke ich Eleonora meine volle Aufmerksamkeit. Selbst wenn sie nicht spricht sehe ich nur sie an, da ich keinen der beiden anderen Anführer ansehen will.
,,In zwei Tagen werden wir die Mission starten, wie ihr wisst, schätze ich. Ethan wird bis dahin jeden Abend Training anbieten, ihr könnt es nutzen oder auch nicht, mir egal", meint Kian. Verwundert sehe ich ihn nun doch an, ich bin mir ziemlich sicher, dass es in drei Tagen war, nicht in zwei. Auch die anderen scheinen verwirrt zu sein.
,,Clark, drei Tage", verbessert Eleonora ihn sanft. Er sieht sie ausdruckslos an und nickt.
,,Wie auch immer, dann eben drei", meint er verärgert. Sie runzelt die Stirn, lächelt aber verkniffen. ,,Jedenfalls, wer kommt mit?", auch wenn wir alle von ihm verwirrt sind, immerhin war schon abgeklärt, wer mitkommt, melden wir uns, wobei es sich fast um alle Rebellen handelte, denn es würde die größte Mission werden, die wir jemals geplant hatten. Nicht von dem möglichen Erfolg her, sondern von dem Umfang. Ich fühle mich ein wenig unsicher, immerhin waren sie alle deutlich erfahrener und auch besser geeignet als ich, doch niemand hatte sich beschwert, dass ich mitkam und niemand hatte Einwände gehabt, wobei ich sowieso nur eine kleine Rolle spielen würde. Wogegen ich auch nichts einzuwenden hatte, Hauptsache ich wäre dabei. Nicht einmal Kian hatte sich beschwert. Er sieht mich an, wobei sein Blick eher überrascht ist. Als hätte er nicht gewusst, dass ich mitkommen werde.
,,Na gut, in Ordnung, dann sehen wir uns eben in zwei Tagen. In drei meinte ich", sagt er und beendet seinen Satz, indem er hustet. Er schien wirklich ziemlich krank zu sein, was mich nervös machte, immerhin sollte er spätestens in drei Tagen wieder fit sein und vor allem nicht so verwirrt, wie er es jetzt ist. Auch Eleonora wirkt besorgt, doch das würden sie sicher später erst klären, nicht vor allen anderen. Wobei es ihm sicherlich sobald er wieder klarer war peinlich genug sein würde.
Die restliche Besprechung verläuft ereignislos, was vermutlich daran liegt, dass er im Hintergrund bleibt und schweigt. Seine Arme sind vor der Brust verschränkt, wobei ich glaube, dass er das eher macht um sein leichtes schwanken zu überdecken. Sobald Eleonora die Besprechung beendet springe ich auf, um ihn abzufangen. Doch er bleibt sowieso stehen und sieht mich an, als würde er dasselbe denken. Ich lächle sanft, was er erwidert, wenn er auch dabei aussieht, als hätte er Schmerzen.
Eleonora flüstert ihm etwas zu, woraufhin er nickt, dann verabschiedet sie sich von Tyra und ein paar anderen, bevor sie den Keller verlässt. Ziemlich schnell, normalerweise bleib sie noch etwas, doch sie scheint es eilig zu haben. Tyra hingegen, welche sonst so schnell verschwand mischte sich unter die anderen und redete mit einigen. Heute war irgendwie alles anders als sonst.
Kian bleibt noch kurz stehen, dann läuft er langsam auf mich zu. Ich komme ihm etwas entgegen, da er sonst wahrscheinlich in 10 Minuten noch nicht da war.
,,Was ist los? Bist du krank?", frage ich besorgt, als er vor mir stehen bleibt. Er schüttelt langsam den Kopf, wobei er das Gesicht vor Schmerz verzieht. Ich strecke die Hand aus und lege sie auf seine Stirn. Erschrocken ziehe ich sie zurück und sehe ihn entgeistert an. ,,Du solltest im Bett liegen und schlafen, was machst du hier?"
,,Ich musste kommen", meint er, was ich wiederum verstehen kann.
,,Du bist in drei Tagen nicht wieder fit", gebe ich dennoch zu bedenken. Er zuckt mit den Schultern.
,,Darauf können wir keine Rücksicht nehmen"
,,Kian du bist unkonzentriert", sage ich etwas zu schrill. ,,Du kannst so nicht mitkommen", füge ich etwas leiser hinzu und sehe mich um. Glücklicherweise waren alle so in ihre Gespräche versunken, dass sie es nicht mitbekamen.
,,Sag mir nicht was ich zu tun habe", seufzt er. Ich verdrehe die Augen, weil ich mit so einer Antwort gerechnet hatte.
,,Mache ich nicht", widerspreche ich.
,,Tust du und es nervt mich"
,,Bist du nicht derjenige, der mir andauernd sagt was ich zu tun habe?"
,,Ja, weil ich es eben besser weiß als du", meint er spöttisch und grinst dabei leicht schief, was jedoch eher gequält aussieht. Ich schnaube verächtlich und schüttele den Kopf.
,,Du gehst jetzt sofort und ruhst dich aus"
,,Hab ich nicht gerade eben gesagt....", ich unterbreche ihn, indem ich ihm gegen die Schulter boxe. ,,Ah, verdammt", flucht er auf.
,,Halt den Mund, Idiot", sage ich, so langsam wirklich sauer auf ihn, was er scheinbar auch noch belustigend findet.
,,Mal bin ich ein Arschloch, mal ein Idiot. Du solltest dich langsam entscheiden"
,,Ganz einfach du bist beides"
,,Und was bin ich eher?"
,,Geh mir nicht auf die Nerven", fluche ich auf und schiebe ihn zur Tür, was er erstaunlicherweise sogar mitmacht. Kurz sehe ich mich um, doch Jaron redet weiterhin fleißig mit Benedikt und bemerkt noch nicht mal, dass ich gehe. Vielleicht interessiert es ihn auch nicht mal, denn er hatte mich überhaupt nicht begrüßt. Es macht mich ein wenig traurig, doch ich bin auch zu Stur um ihn darauf anzusprechen. Ich werfe ihm einen langen Blick zu, doch auch diesen bemerkt er nicht. Dann mache ich mich daran, um mich drauf zu konzentrieren Kian irgendwie zurück in seine Wohnung zu schaffen.
Es ist anstrengender als gefühlt jede Schicht im Kinderhaus, doch tatsächlich schaffe ich es mit der letzten Kraft die ich noch aufbringen kann, auch wenn ich danach förmlich tot bin.
,,Was jetzt Boss?"
,,Willst du etwas essen?", frage ich müde, doch er schüttelt den Kopf, er vergisst wohl immer wieder, dass er das nicht tun sollte. ,,Dann gehen wir jetzt duschen, du riechst als hättest du den ganzen Tag trainiert.", er schnaubt verärgert auf, doch er muss sich ja auch nicht ertragen, er wird kaum riechen können.
,,Kann ich morgen machen, wenn ich geschlafen habe"
,,Kian, ich werde so nicht bei dir bleiben, du musst schon auf mich hören"
,,Du willst bleiben?", fragt er überrascht.
,,Natürlich, du kommst alleine nicht zurecht", seufze ich und zeige auf die Badezimmertür. ,,Mach schon"
,,Du musst mitkommen"
,,Warum?", frage ich nervös.
,,Du musst aufpassen, dass ich nicht umfalle", meint er und zwinkert mir zu. Ich lache leise auf und verdrehe die Augen.
,,Dann lass die Tür einen Spalt offen"
,,Nicht schauen"
,,Niemals", sage ich, auch wenn er es nicht ernst meint. ,,Wusstest du eigentlich, dass du krank und betrunken genau gleich bist?", frage ich, wenn auch unglücklich über diesen Fakt.
,,Ich bin nie krank und nie betrunken, normalerweise"
,,Schön, dass ich das alles abbekomme", seufze ich, bin allerdings erleichtert, als er endlich das Badezimmer betritt und versucht sich das Shirt über den Kopf zu ziehen, was er betrunken jedoch besser hinbekommen hatte.
,,Niemand zwingt dich dazu"
,,Hm, ich hoffe einfach darauf, dass du dich dafür revanchierst"
,,Nichts lieber als das", kommt es aus dem Badezimmer, wobei es so ehrlich klingt, dass ich darüber lächeln muss.
,,Gut zu wissen"
,,Wobei dein Arzt wahrscheinlich hilfreicher wäre"
,,Vielleicht"
Wir schweigen, wobei ich immer wieder ins Zimmer hereinblicke, ob er wirklich duscht oder nur herumsteht. Doch er steht tatsächlich irgendwann in der Dusche, das Wasser rinnt ihm über den Kopf und seine restlichen Körperteile. Ich kann den Blick kaum abwenden. Mein innerstes bebt. Ich beiße mir auf die Lippe und zwinge mich dazu wegzusehen, nur um ihn eine Minute später wieder verstohlen anzusehen, er ist selbst in diesem Zustand absolut anziehend. Zu gerne würde ich mich selbst dafür Ohrfeigen, dass ich überhaupt solche Gedanken habe, doch ich kann an nichts anderes denken, außer dass ich alles dafür geben würde ihn zu bekommen.
,,Ich habe gesagt nicht starren, Linea, glaubst du ich bin blind?"
,,Ich...wollte nur sichergehen, dass du noch atmest"
,,Tue ich", ich kann das grinsen in seiner Stimme hören, doch ich ignoriere es, so schlimm konnte es ihm wohl dann doch nicht gehen.
,,Gut."
,,Komm schon rein"
,,Mach dich nicht lächerlich, Kian. Ich mache mir nur Sorgen"
,,Ich mache mir dagegen nur Sorgen, dass du über mich herfällst. Immerhin bin ich quasi vollkommen wehrlos"
,,Kian, nerv mich nicht. Dir geht es meiner Meinung nach schon wieder viel zu gut."
,,Willst du mich etwa leiden sehen?"
,,Gerade schon", ich höre wie er das Wasser abstellt und sehe, wie er sich abtrocknet. Doch als er dann ohne scheu nackt vor mir steht bleibt mir der Mund kurz offen stehen. Mein Herz pumpt mein gesamtes Blut in meinen Kopf. Doch ich kann auch nicht einfach wegsehen.
,,Ich brauche frische Klamotten", erklärt er. Ich sehe ihn an, doch verstehe seine Worte nicht. Es ist, als wäre ich plötzlich gehörlos. ,,Meine Kleidung", flüstert er, etwas zu nahe an mein Ohr und zeigt auf die angesprochenen Kleidungsstücke in meiner Hand. Meine Wangen glühen wie Feuer, als ich sie ihm überreiche und er sie sich vor meinen Augen anzieht, ohne mich dabei aus den Augen zu lassen.
,,Du bist wirklich unfassbar, putz dir jetzt die Zähne", dränge ich, als ich endlich wieder klarer denken kann. Er salutiert und sieht mich dabei noch immer so intensiv an. Ich erwidere seinen Blick grimmig.
,,In Ordnung, Boss"
,,Hm, das gefällt mir"
,,Ich wusste, dass du darauf stehst"
,,Benimm dich", seufze ich und zeige mit dem Kinn aufs Bad, eile dann selbst in die Küche und schenke mir ein Glas Wasser ein. Ich muss dringend abkühlen, weswegen ich mich entscheide mir das Gesicht mich kaltem Wasser zu waschen. Es schmerzt ein wenig, doch der Schmerz ist genau das, was ich gebraucht hatte.
Ich höre ihn nicht kommen, als er von hinten seinen Arm um mich legt zucke ich heftig zusammen. Seine Lippen berühren sanft die empfindliche Haut hinter meinem Ohr. Ich seufze auf und berühre seinen Arm, drehe meinen Kopf und er küsst mich.
,,Kian, du kannst sowas nicht machen"
,,Warum nicht?"
,,Ich kann nicht...du machst mich fertig"
,,Vielleicht könnte das hier ausreichen, vielleicht können wir damit leben. Ich möchte dich einfach nur jeden Tag bei mir haben". Ich drehe mich komplett zu ihm um und sehe ihn überrascht an.
,,Meinst du das ernst?"
,,Natürlich"
,,Du bist krank"
,,Ich bin nicht so krank, dass ich nur Müll rede"
Ich lache erstickt auf. ,,Und was war mit vorhin?"
,,Was soll denn mit vorhin gewesen sein?", fragt er sauer. Ich lächle und streiche ihm über die Wange, welche sich bisschen kühler anfühlte. Vielleicht hoffe ich es auch nur, denn ehrlicherweise war ich besorgt, dass er das alles nur sagte, weil es ihm nicht ganz so gut ging.
,,Da hast du nur Müll geredet", erinnere ich ihn.
,,Jetzt aber nicht mehr", sein Blick ist klarer, als er es vorhin war. Ich schlinge die Arme um ihn und küsse ihn gierig, merke jedoch recht schnell, dass er es nicht tut.
,,Lass uns das vielleicht tun, wenn es sich nicht mehr so anfühlt, als würdest du mir mit einem Messer ins Hirn stechen"
,,In Ordnung", sage ich seufzend.
Erledigt setze ich mich auf sein Bett, in dem er glücklicherweise umgezogen, geduscht und mit geputzten Zähnen liegt. Liebevoll streiche ich ihm durchs Haar und lächle, es hatte sich gelohnt. Und nicht nur, weil es meine Nase mir danken wird. Ich bin mir noch immer nicht ganz sicher, ob er das alles ernst gemeint hatte oder nur so gesagt hatte, doch ich hoffe darauf, dass das alles ernst war. Vorsichtig lege ich mich neben ihn, er schlief schon seit einigen Minuten, genau genommen, seit sein Körper das Bettlaken berührt hatte. Ich rücke näher an ihn heran und lege die Decke über uns beide.
,,Ich will dich nicht anstecken", murmelt er.
,,Dafür wäre es sowieso schon zu spät", flüstere ich und schließe die Augen. Ich bin unglaublich müde und die Hitze, welche er ausstrahlt macht mich nur noch schläfriger.
,,Hm, dann komm her", meint er, was ich mir nicht zweimal sagen lasse, auch wenn ich nicht das Gefühl habe noch näher an ihn heranrutschen zu können. ,,Tut mir leid"
,,Was tut dir leid?"
,,Ich will nicht, dass du krank wirst"
,,Du musst dich sowieso revanchieren"
,,Das werde ich", meint er und schlingt seine Arme um mich.
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