Kapitel 56

-Kian, 16. Februar, 54 nach Gründung-


Für einen kurzen Moment zögere ich, ein Moment, der uns den Mission hätte kosten können. Und auch wenn es nur eine kleine Mission mit einem noch kleineren Gewinn war, so war es doch etwas. Das letzte Mal war gefühlt eine Ewigkeit her. Es war so viel passiert in dieser kurzen Zeit und doch nichts. Aber egal, was passiert war, ich musste mich auf das Hier und Jetzt konzentrieren.

,,Dritter Stock, rechte Tür", weise ich Ethan an, der mir nur zunickt. Wir sind heute nur zu zweit, da wir in Privatwohnungen einbrechen, wäre es zu riskant, mit mehr Leuten aufzutauchen. Außerdem haben wir schon als Soldaten zusammengearbeitet und kennen uns daher besser als andere Rebellen. Ich habe Zugang zu den Dienstplänen und weiß daher, dass die Wohnung gerade leer ist. Ethan wiederum weiß besser als ich, wie man Wohnungstüren so öffnet, dass man nicht merkt, dass eingebrochen wurde. Denn das sollte das Ziel sein, dass niemand etwas merkt. Das Essen soll für uns einigermaßen leicht zugänglich bleiben. Deshalb nehmen wir nie viel mit, das macht die Sache natürlich komplizierter.

,,Ich halte Wache", sagt Ethan unnötigerweise, denn er ist immer derjenige, der aufpasst, dass kein ungebetener Besuch auftaucht. Ich nicke ihm zu und trete durch die Tür, die er mir mit ein paar geübten Handgriffen geöffnet hat. Ich schaue mich nicht lange um, denn alle Wohnungen sind ziemlich gleich aufgebaut. Links das Schlafzimmer mit Bad, rechts das Wohnzimmer und geradeaus die Küche. Auch in dieser Wohnung ist es nicht anders. Alles wie immer. Alles bis auf die Bewegung, die mich aus dem Konzept bringt.

,,Stephan?", fragt eine dünne, junge Stimme. Sie sieht nicht gerade glücklich aus, aber als sie mich sieht, wäre sie mit diesem Stephan wohl glücklicher. Fieberhaft überlege ich, was ich tun soll, aber es ist offensichtlich, dass ich nicht hier bin, weil ich hier sein sollte. Dafür habe ich zu überrascht ausgesehen. Ängstlich drückt sie sich an die Wand und schaut mich flehend an. Mir ist schon klar, dass sie Angst vor mir hat und ich deshalb einfach gehen könnte. Ich bräuchte ihr nur zu drohen und sie würde ihren Mund halten. Aber irgendwie kommt es mir falsch vor, sie wirkt eher wie jemand, den ich beschützen muss. Vor allem, weil sie überhaupt nicht in diese Wohnung gehört. Ich sehe sie mir genauer an. Sie ist jung, sehr jung. Viel zu jung, um genau zu sein. Ihr hellbraunes Haar hängt in einem lockeren Zopf und ihre Augen sind verquollen. Im ersten Moment tut sie mir leid, sie ist bestimmt aus den falschen Gründen hier.

,,Ich tue dir nichts, versprochen", flüstere ich. Sie mustert mich misstrauisch von oben bis unten und zieht ihr Hemd enger um den Körper, als könne sie sich so vor mir schützen. Ich lächle leicht, in der Hoffnung, sie davon überzeugen zu können, dass ich ihr nichts tun werde, aber das scheint sie nur noch mehr zu ängstigen. Also versuche ich mit ihr zu reden: ,,Du erinnerst mich sehr an eine Frau, die ich kenne, aus welcher Zone kommst du?", frage ich angestrengt freundlich. Doch sie starrt mich nur verständnislos an und antwortet erst recht nicht. ,,Ihr Name ist Linea, sie wüsste sicher, was sie tun müsste, um dir zu beweisen, dass wir nicht zu den Bösen gehören."

Zu meiner Überraschung huscht ein Lächeln über ihr Gesicht, zaghaft und kurz, aber immerhin. Erleichtert lächle ich.

,,Was meinst du mit Zonen", fragt sie schließlich neugierig. Ich schaue sie kurz an, frage mich, warum sie die Zonen nicht kennt, die kennt doch jeder.

,,Seit wann bist du hier?", frage ich mit einem unguten Gefühl. Ich bin mir sicher, dass mir die Antwort nicht gefallen wird.

Sie zuckt mit den Schultern. ,,Schon immer, glaube ich", ich nicke und sehe sie nachdenklich an.

,,Und wer ist der Mann, Stephan?"

,,Mein Papa", sagt sie und schaut zur Seite, auch wenn ich nicht weiß, was genau nicht stimmt, aber offensichtlich stimmt hier etwas nicht. Schon allein deshalb, weil sie eigentlich gar nicht hier sein dürfte.

,,Wie alt bist du?", frage ich leiser und knie mich zu ihr hinunter, doch das lässt sie eher zurückweichen als Vertrauen zu fassen. Sie drückt sich an die Wand und versucht, meinem Blick auszuweichen.

,,Ich bin letzte Woche fünfzehn geworden", sagt sie unruhig und verschränkt die Arme vor der Brust. Auf mich wirkt sie jünger, aber ich kenne auch keine Mädchen in dem Alter. Vielleicht war sie nicht richtig entwickelt oder so.

,,Was dauert denn hier so lange, Clark?", fragt mich ein ziemlich genervter Ethan aus der Ferne, der wahrscheinlich immer noch vor der Tür steht. Ich hatte ihn ganz vergessen. Aber das Mädchen wirkt jetzt noch verängstigter als vorher und ich kann es verstehen. So wie sie aussieht, hat sie noch nie einen anderen Menschen gesehen. Und so wie sie aussieht, wäre es gut, wenn sie wenigstens einen Arzt sehen würde. Ihre Haut ist totenbleich, die blauen Adern schimmern fast unter ihr hervor. Ihre Lippen sind aufgesprungen, ihr Körper wirkt schwach. Ihr Haar ist stumpf und sieht ziemlich kaputt aus, auch wenn ich mich damit wahrscheinlich nicht so gut auskenne, erkenne ich, dass sie sicher irgendeinen Mangel hat.

,,Ich... wir haben hier ein Problem", rufe ich ihm zu und keine Minute später starrt auch er überrascht auf das Mädchen vor uns.

,,Was ist das?", fragt er nachdenklich. Ich schüttle verächtlich den Kopf.

,,Wonach sieht es denn aus?"

,,Ich meinte, warum ist sie hier?", sagt er und sieht sie entschuldigend an.

,,Sie hat gesagt, dass er ihr Vater ist, aber ich ... ich weiß nicht genau, warum sie dann hier ist."

,,Sie kommt mir irgendwie bekannt vor", sagt Ethan nachdenklich und mustert sie genauer. Ich nicke, weil ich weiß, warum sie ihm bekannt vorkommt, aber ich werde es ihm bestimmt nicht sagen. Schon allein, weil ich nicht will, dass er weiß, dass ich darüber nachgedacht habe.

,,Wir müssen sie mitnehmen", sage ich entschlossen, was das Mädchen nur noch mehr erschreckt. Sie beginnt am ganzen Körper zu zittern und lässt sich auf den Boden sinken, die Hände vor das kleine Gesicht geschlagen. Aber ich kann und will sie nicht hier lassen. Vor allem nicht, weil ich das Gefühl hätte, Linea hier zurückzulassen. ,,Ich verspreche dir, wir kümmern uns um dich, du brauchst keine Angst vor uns zu haben. Alles wird gut",  sage ich ihr und versuche so freundlich wie möglich zu klingen. Aber natürlich kommt sie nicht mit.

,,Willst du lieber bei diesem Mann bleiben? Du siehst nicht gesund aus, er behandelt dich bestimmt schlecht, also wenn du ein gutes Leben haben willst, dann komm mit, verdammt. Oder bist du so blöd dein Leben hier zu verschwenden?", sagt Ethan aufbrausend und am liebsten hätte ich ihn dafür geschlagen, aber entgegen meiner Erwartung scheint es zu funktionieren. Sie zögert noch einen Moment, dann nickt sie und tritt vor. Auch wenn es geklappt hat, werfe ich Ethan einen bösen Blick zu, doch er zuckt nur mit den Schultern. Es hätte auch schief gehen können, ich glaube nicht, dass er darüber nachgedacht hat.

,,Willst du etwas mitnehmen?", frage ich sie wieder.

,,Nein, es gibt nichts, was ich mitnehmen will", flüstert sie entschlossen und sieht mich direkt an. Ich zucke zusammen, denn ihr Blick ist dem von Linea so ähnlich, dass ich meinen Blick nicht von ihr wenden kann. Sie legt den Kopf schief und hebt das Kinn. Nachdenklich blicke ich sie an, wenn sie so schnell freiwillig mit zwei fremden Männern mitgeht, muss es hier wirklich schlimm sein. Selbst zwei Fremde können ihr anscheinend weniger antun, als Stephan es getan hat.

,,Dann lass uns gehen, wir müssen vorsichtig sein", sage ich schnell und wende den Blick von ihr ab.

Im Schutz der Dunkelheit ist es relativ einfach, unerkannt zu Joshs Haus zu gelangen. Die wenigen Soldaten, denen wir begegnen, können wir umgehen. Das Mädchen, von dem wir inzwischen erfahren haben, dass es Nathalia heißt, ist zwar verängstigt, aber aus irgendeinem Grund scheint sie uns zu vertrauen. Ich habe keine Ahnung, was wir jetzt überhaupt mit ihr machen sollen, schließlich vertraue ich ihr nicht unbedingt, aber ich kann sie einfach nicht zurücklassen. Niemals.

Ausnahmsweise ist Josh nicht zu Hause, dafür ist Eleonora da. Verwundert schaut sie uns an, doch als sie das verängstigte Kind zwischen uns sieht, lässt sie uns schnell herein und schließt die Tür.

,,Was ist passiert?", fragt sie mich leise, während Nathalia sich über mehrere Brote hermacht. Ich lasse sie nicht aus den Augen, als müsste ich sie noch beschützen, obwohl sie in Sicherheit ist. Die größtmögliche Sicherheit, die es geben kann. Es ist, als stünde ich Lineas jüngerem Ich gegenüber.

,,Wir haben sie gefunden, als wir in die Wohnung eines Soldaten einbrechen wollten."

,,Und was ist mit ihr passiert?", fragt Eleonora eindringlich. Ich senke kurz den Blick, denn genau diese Frage stelle ich mir seit einer Stunde, seit ich sie gefunden habe. Und obwohl ich es nicht weiß, fällt es mir schwer, sie zu beantworten.

,,Ich weiß es nicht", sage ich leise.

,,Sie hat sicher viel durchgemacht", sagt die ältere Frau nachdenklich. Vielleicht muss sie auch an die schlimmen Dinge denken, die ihr widerfahren sind. Ich nicke zögernd, eigentlich will ich es gar nicht wissen. Auch wenn ich es wissen muss.

,,Ja, das hat sie."

,,Du kannst ruhig gehen, vielleicht ist es besser, wenn nicht so viele Leute hier sind".

,,Nein, ich kann nicht", sage ich vehement. Sie schaut mich fragend an.

,,Was ist los?"

,,Nichts, wann kommt denn endlich Benedikt? Oder meinetwegen Jaron?", frage ich mürrisch.

,,Jaron müsste gleich kommen. Ich kenne dich jetzt gut genug, bitte sag mir, was los ist", sagt sie geduldig und lächelt mich aufmunternd an.

,,Es ist nichts", sage ich wieder und stehe etwas zu heftig auf, um den Raum zu verlassen. Aber ich habe nicht vor, nach Hause zu gehen, stattdessen bleibe ich vor der Tür stehen und starre die Wand vor mir an.


Es wird wohl nicht mehr lange dauern, aber es kommt mir wie eine Ewigkeit vor, bis Jaron endlich kommt. Aber er ist in Begleitung. Wie erstarrt schaue ich Linea an, die mich genauso verblüfft ansieht. Ihre Hand schließt sich fester um die ihres Assistenten und ihr Blick weicht von meinem ab. Jaron lässt ihre Hand los und gibt ihr einen flüchtigen Kuss.

,,Ich schaue kurz nach ihr, bleib bitte einen Moment draußen", sagt er, ohne mich auch nur anzusehen, bevor er den Raum betritt und die Tür hinter sich schließt.
Schweigend starren wir uns an, bestimmt zehn Minuten vergehen, bis sie endlich in mein Blickfeld tritt. Sie lächelt angespannt und schaut mich durchdringend an.

,,Können wir nicht einmal mehr reden?", fragt sie traurig. Ich erwidere ihren Blick und nicke langsam. Ich komme mir solangsam dumm vor, immerhin hatten wir nach unserem  Ausflug mal wieder besprochen, dass wir das lassen mussten, das haben wir wieder ein paar Tage lang durchgezogen und sobald wir uns dann wieder sahen war es irgendwie vorbei damit.

,,Natürlich können wir das.", widerspreche ich ihr dennoch.

,,Aber es fühlt sich komisch an", sagt sie leise. Verlegen beißt sie sich auf die Lippe und tritt einen Schritt zurück, als traue sie mir nicht. Was ich an ihrer Stelle auch nicht tun würde.

,,Es muss nicht so sein."Sie hebt den Kopf und lächelt aufrichtig. ,,Ich wünsche es mir jedenfalls."

,,Ich mir auch.", sage ich ehrlich.

,,Dann kriegen wir das schon hin."

,,Du meinst so wie du und Jaron?", frage ich verächtlich, auch wenn es nicht so geplant war. Sie verdreht die Augen und stemmt die Arme in die Hüften.

,,Ich weiß nicht, was dich das angeht."

,,Ich sage es ja nur."

,,Du bist unfair", sagt sie verletzt und ich bereue sofort, was ich gesagt habe. Vielleicht bin ich heute einfach nur gereizt, aber wenn ich ehrlich bin, ist das für mich kein unnormales Verhalten. Aber erst wenn es sie trifft, bereue ich es.

,,Es tut mir leid."

,,Wenn du mich nicht ständig provozieren würdest, müsstest du dich auch nicht entschuldigen", tadelt sie mich, lächelt dann aber doch.

Wir springen förmlich auseinander, obwohl wir gar nicht so nah beieinander standen, als die Tür aufgeht und Jaron herauskommt. Diesmal sieht er mich von oben herab an und lächelt Linea übertrieben verliebt an. Ich hingegen verdrehe nur die Augen und schaue verstohlen in den Raum.

,,Sie möchte, dass du dabei bist", sagt Jaron schließlich in meine Richtung, ohne mich anzusehen. Erstaunt schaue ich ihn an, doch nur Linea sieht mich an. Sie schaut mindestens genauso überrascht wie ich. Ich wende meinen Blick von ihr ab und gehe zögernd ins Zimmer zu Nathalia. Sie sieht immer noch ziemlich erschrocken aus, aber als sie mich sieht, hebt sie den Kopf und lächelt zögerlich. Ich lächle zurück und setze mich ihr gegenüber, lehne mcih allerdings in meinem Stuhl zurück, um ein wenig Distanz einzuhalten.

,,Danke, dass du gekommen bist", sagt sie.

,,Natürlich."

,,Ich meinte nicht nur jetzt", flüstert sie. Mein Herz setzt einen Schlag lang aus. Sie schaut mich so dankbar an, aber ihre Stimme ist so unendlich traurig. Sie hebt den Kopf und schaut mir tief in die Augen. ,,Er hat gesagt, ich werde nicht mehr lange leben, vielleicht werde ich es doch", ohne nachzudenken greife ich nach ihrer Hand, doch sie hält sie fest und schaut mich immer noch dankbar an.

,,Du wirst leben, das verspreche ich dir. Ich werde dafür sorgen."

,,Das kannst du nicht, er wird mich finden", sie wirkt nicht traurig, nur sehr müde. Nicht einfach nur müde, sondern so, als wäre sie des Lebens müde

,,Wir können dich beschützen", widerspreche ich. Sie schnaubt und schüttelt den Kopf.

,,Warum solltet ihr das tun? Und wer seid ihr überhaupt?"

,,Darüber können wir später reden. Jaron möchte dich untersuchen. Nur das, was für dich in Ordnung ist, natürlich."

Sie nickt langsam. ,,Ich weiß, das hat er schon gesagt, aber ich ... ich habe Angst."

,,Ich weiß nicht, was ich tun kann, um dir diese Angst zu nehmen", gebe ich zu.

,,Du hast von diesem Mädchen gesprochen, das vielleicht weiß, was du tun kannst. Ich glaube, Lina hieß sie oder so", flüstert sie. Fieberhaft überlege ich, was genau ich vorhin gesagt habe, ich kann mich nicht einmal daran erinnern, von Linea gesprochen zu haben. Ich spüre Jarons Blick auf mir brennen, aber ich ignoriere ihn. Das war wichtiger als Jaron. Wobei alles wichtiger war als Jaron, zumindest für mich.

,,Du meinst Linea?", fragt Jaron missmutig, doch sie scheint es nicht zu bemerken. Stattdessen hellt sich ihre Miene auf und sie lächelt.

,,Ja. Genau. Wer ist sie?"

Ich sehe auf und blicke in Eleonoras Gesicht, das keine Regung zeigt. Aber in ihren Augen sehe ich die Unruhe, die sie umgibt.

,,Sie ist eine von uns", sage ich schließlich ausweichend, ohne Eleonora aus den Augen zu lassen. Noch ist ihre Fassade intakt, aber sie kann mich nicht täuschen. Ich weiß genau, dass sie in diesem Moment an tausend Dinge denkt. Schnell wende ich meinen Blick von ihr ab und konzentriere mich wieder auf Nathalia.

,,Wer seid ihr?", fragt sie wieder, diesmal eindringlicher.

,,Später", sagen Eleonora und ich gleichzeitig. Obwohl sie mit dieser Antwort nicht zufrieden scheint, nickt sie widerwillig und setzt sich gerade hin.

,,Also, was wird untersucht?", fragt sie. Ihre Hand krampft sich um meine, aber die Angst ist aus ihrem Gesicht verschwunden.

,,Vielleicht fangen wir mit den Augen an?", fragt Jaron vorsichtig. Sie zögert kurz, scheint nachzudenken, dann nickt sie.

,,In Ordnung", meint sie erneut, ohne den Blick von mir zu nehmen.

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